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Dieses Haus stand früher in einem anderen Land

Es ist eines der wenigen noch unrenovierten Häuser in Mitte, das Haus in der Brunnenstraße nahe Rosenthaler Platz. Bald werden auch dort Zugereiste einziehen, die nicht berlinern, und vielleicht das Gefühl haben, eigentlich sei in Berlin-Mitte alles wie zuhause in München, Stuttgart oder Hamburg, nur größer.

Aber in Berlin-Mitte war alles anders, noch in den 90ern. „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“, hat jemand in riesigen Lettern auf das Haus geschrieben. Und oben, in kleinerer Schrift, steht „Menschlicher Wille kann alles versetzen“.

Man sieht links unten ein U-Bahn-Schild, und die Beschriftung „U Rosenthaler Platz“. Das war ein besonderes Haus, ein Haus, das den Eingang zur U-Bahn bot. Der Eingang ist nun verrammelt und wird nicht mehr genutzt.

Viele Male bin ich dort ein- und ausgegangen, roch den schwarzstaubigen Geruch der U-Bahn, marschierte durch Windboen warmer Luftzüge, die von den unterirdischen Gleisen die Treppen hochwehen, wich Betrunkenen und Pennern aus. Die übelriechenden, bettelnden Obdachlosen gibt es noch dort, aber ansonsten hat sich alles verändert auf den Straßen von Mitte.

Wo vor 20 Jahren noch ein Hindernisparcours aus Hundekot die Gehwege säumte, liegt nun nicht mal eine leere Schachtel Zigaretten auf den Steinplatten, die den Berliner Fußweg im Ostteil ausmachen. Die Trinkhallen sind Coffeeshops, Galerien und zahlreichen Näh-Werkstätten gewichen, und mit Knopf im Ohr telefonierende junge Männer tragen Babys in Tragetüchern vor sich her. Und an den Fußgängerampeln warten die Passanten nun, bis es grün wird – das war früher völlig unüblich.

In dem anderen Land, dessen Spuren ich noch sah, als ich 1994 nach Berlin-Mitte zog, lehnten sich die ursprünglichen Einwohner mit einem Kissen unter den Armen über ihre Fensterbank und schauten stundenlang auf die Straße, weil sie ferngucken nicht gewohnt waren, und das für ein normaler Zeitvertreib für sie war. Als Zugereister war mir anfangs sehr unbehaglich dabei, wenn ich durch die Anklamerstraße ging, wo ich wohnte, bis ich herausfand, dass sich dieser Zustand durch freundliches Zunicken bessert.

Also grüßte ich fortan, und da ich der einzige Wessi in der Straße war, nahm man das wohlwollend zur Kenntnis.

Das Haus in der Anklamerstr. 11, Nähe Bernauer Straße, in dem meine 1-Zmmer-Wohnung im Hinterhaus war, ist eines der ersten gewesen, die renoviert wurden, und sieht heute schon wieder etwas schäbig aus: Der einst strahlend weiße Putz ist schmutziggrau, und die Straße selbst ist gesäumt von Autos der mittleren bis gehobenen Preisklasse. Damals, 1994, fuhr hier so gut wie niemand Auto, auch ich nicht, ich nutzte mein Fahrrad, das auf dem holprigen Kopfsteinpflaster der Straße ganz schön durchgerüttelt wurde.

Die Telefonzelle am Eck Anklamer/Brunnenstraße, von der aus ich Freitags abends Telefonate mit der Familie und auch Freunden führte, um mich zu verabreden, steht nicht mehr. Dort reihte man sich geduldig ein, niemand gab dem anderen das Gefühl, sich beim Telefonieren kurz fassen zu müssen, denn alle hatten dasselbe Anliegen, und Zeit dafür mitgebracht. Telefonleitungen gab es damals noch nicht, und das erste Handy, das ich mir 1995 zulegte, schaltete ich wegen der 2 Stunden Akkuzeit (im Standby!) bei einen Minutenpreis von 1,98 DM nur im Notfall ein. In der Uni, wo ich arbeitete, hatten wir E-Mail, und die nutzte ich ebenso rege wie die Möglichkeit, mich dort im Büro anrufen zu lassen – es war also durchaus auszuhalten ohne Telefon im Haus.


1997 zog ich in die Zionskirchstraße 36, direkt gegenüber vom Eingang der Kirche, und wohnte im Hochparterre. Auch dieses Haus war eines der ersten am gesamten Platz (wenn nicht gar das erste), das renoviert wurde, und macht heute einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Die Magie des Platzes ist aber noch vorhanden, wenn auch er recht gediegen wirkt mittlerweile, denn hier tummeln sich ebenso überall Eltern mit Kleinkindern wie im nahegelegenen Park am Weinberg.

„Dieses komplette Viertel stand früher in einer anderen Stadt“, so fühlt sich das für mich an. Die Strukturen sind noch erkennbar, vieles ist im klassischen Sinne „schöner“ gestaltet als früher, aber der Zauber von Berlin-Mitte scheint weitergezogen. Vielleicht wohnt er nun in Kreuzberg oder Neukölln, wo die Touristen und die Neuberliner nicht so dominant sind.

Aber so ist das mit trendigen Gebieten: Auch die Gegend, in der ich jetzt wohne, die voller Baustellen und Umbruch ist, wird irgendwann gutbürgerlich sein, denke ich. Städte wandeln sich, Menschen ziehen weiter, das Leben ist Veränderung. Und sobald der Trend die Masse erreicht hat, ist er naturgemäß schon Vergangenheit.

 

Linktipps innerhalb des Blogs:

Leben auf der Baustelle

Fotos aus den 90ern auf Mama arbeitets Facebookseite

Anklamerstr.-11-Hof-1996

 

Linktipps zum Hintergrund:

Gentrifizierung auf wikipedia

Wikipedia über Jean Remy von Matt, der den Schriftzug auf dem Haus anbringen ließ, und offenbar – Ironie des Schicksals – auf Blogger herabsah. Zumindest damals, 2009.

TAZ vom 26.11.2009 über die Brunnenstr. 10 und die Beschriftung