twitter hashtag #aufschrei gegen sexualisierte Gewalt und Erziehung

Twitter explodiert heute fast vor emotionalen, teils getriggerten Tweets über Sexismus (= von unangenehmen Erinnerungen geflutet und überwältigenden Gefühlen begleitet) wegen des in der Nacht von gestern auf heute aufgebrachten #aufschrei-Mems. Ein Mem ist ein Thema, das durch den #Hashtag gekennzeichnet und auffindbar ist.

Bei den Kindern solle man anfangen, sie so zu erziehen, dass sie als Mädchen sich wehren und als Junge gar nicht erst übergriffig werden, meinen viele. Tun wir mal der Einfachheit halber so, als gäbe es keine sexuellen Übergriffe auf Jungen/Männer, weil sie wesentlich seltener vorkommen und denken das weiter. Wie bringe ich einem Mädchen bei, dass es sich wehren soll, und auch kann? Einige Eltern setzen auf Karate, andere auf grosse Klappe, manche raten zu Pfefferspray, und dann gibt’s noch diejenigen, die meinen, wenn frau sich soundso verhalte, könne doch eigentlich nichts passieren. Diese Ansicht ist recht weit verbreitet in unserer Gesellschaft, und ich denke, da ist tatsächlich ein Punkt, an dem man wirkungsvoll bei der Erziehung ansetzen kann.

Trägt das Opfer Mitschuld an der (sexualisierten) Gewalt?

Auch ich habe mich dabei ertappt, meine Kinder zu fragen, “Warum hat denn der XY dich gehauen?” oder “Was hast du denn getan, dass der XY so wütend wird und dich schubst?”, wenn sie mir von Streitigkeiten und Handgreiflichkeiten im Kindergarten berichteten. Um dann erschrocken innezuhalten. Denn aufgrund meiner eigenen Geschichte weiß ich, dass frau manchmal einfach gar nichts getan hat, um zum Opfer zu werden. Sie war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Und deswegen will ich mir diese Frage abgewöhnen, ich wünsche mir, dass sie aus den Köpfen der Kinder und der Eltern verschwindet, sie beinhaltet die Verteilung der Verantwortung für den Übergriff auf zwei Menschen. Es gehören aber nicht immer zwei dazu, zu streiten. Und schon gar nicht gehören zwei zu sexueller/sexualisierter Gewalt – das leuchtet den Leuten schon eher ein, aber auch nicht allen.

penck twitter hashtag #aufschrei gegen sexualisierte Gewalt und Erziehung

Weltbild von Penck, Kunsthaus Zürich

Der Aufschrei auf twitter bringt sehr viele Beispiele von sexualisierter Gewalt im Alltag hervor, und wie wohl alle Frauen habe auch ich schon sexualisierte Gewalt erfahren. Einige Frauen mögen behaupten, das treffe auf sie nicht zu, sie seien verschont geblieben. Denen antworte ich, dass ich denke, sie haben die Gewalt vielleicht gar nicht als solche interpretiert. Ist Gewalt, die nicht als solche wahrgenommen wird, keine? Oh doch, und es wäre gut, das Bewusstsein dafür zu schärfen. Gewalt hat viele Gesichter. Eines davon ist “Victim Blaming”, also dem Opfer die Schuld in die Schuhe zu schieben. Gerne wird das von den Tätern so getan, vielleicht, weil sie es aus dem Elternhaus nicht anders kennen, vielleicht, weil es so bequem ist und sie so sozialisiert sind.

Die dazugehörigen Sprüche lauten “Du hättest mich nicht provozieren sollen”, “Du siehst einfach so sexy aus, da kann ich nicht anders”, “Das tue ich doch nur, weil ich dich liebe”, “Hättest du *diesunddas* getan, dann wäre das alles nicht passiert”, oder “Du hast es doch nicht anders gewollt”. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und lässt mich frösteln.

Den #aufschrei als Anlass für Veränderung nehmen

Auch Frauen sind da untereinander nicht unbedingt solidarisch. In einem anderen Zusammenhang, aber sehr bezeichnend mag da mein Erlebnis mit einer Kindergarten-Bekanntschaft erscheinen, die mich sprachlos ließ. Einige Monate nach meiner Trennung vom Vater der Kinder sagte mir diese, ebenfalls alleinerziehende Mutter 3er Kinder, die ihren Mann mitsamt Kindern fluchtartig in Griechenland verlassen hatte, “Du hast aber auch selbst Schuld. Du hast deinen Mann viel zu viel allein gelassen”, als ich ihr im Vorbeigehen erzählte, dass ich mit dem Kindsvater nicht mehr zusammenlebe. Dass ich die Trennung herbeigeführt hatte, habe ich nicht richtiggestellt, mir blieb einfach die Spucke weg ob so viel Ignoranz.

Gewalt hat viele Gesichter, und von bösartiger Belästigung über plumpe Dummheit ist alles dabei. Die Spannbreite macht es so schwierig, dagegen anzugehen. Wo hört der Witz und die Anzüglichkeit auf und wo beginnt die Gewalt? Wehret den Anfängen, und das ist eben bei den Kindern. Sagt Ihnen, dass Schreien auch Gewalt ist (das spüren sie ja selbst, sie mögen auch nicht angeschrien werden!), dass manchmal andere ohne Grund hauen und das nicht in Ordnung ist, und dass niemand sie anpöbeln und schikanieren darf. Sagt Ihnen, wenn sie älter werden, dass “Fotze” und “Tussi” abwertende Begriffe sind und nicht cool, und dass “Die muss mal wieder richtig durchgevögelt werden” einer gedanklichen Vergewaltigung gleicht. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

profil @marthadear twitter hashtag #aufschrei gegen sexualisierte Gewalt und Erziehung

Profil von Hashtag-Erfinderin Anne Wizorek, @marthadear am 26.01.2013 um 18:30 Uhr. Das Thema zieht Kreise.

 twitter hashtag #aufschrei gegen sexualisierte Gewalt und Erziehung

Linktipps:

Zusammenfassung der “Süddeutschen Zeitung” zur twitter #aufschrei Entwicklung

Blogpost von “Kleinerdrei”, der die Diskussion anstieß

 

Linktipp innerhalb des Blogs: Populäre Irrtümer – falsch gedacht!

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Mama arbeitet

Bloggerin, Journalistin, Autorin, Übersetzerin und alleinerziehende Mutter von 3en. Print und Online. Spezialisiert auf Kinderbücher, Vereinbarkeit von Familie & Beruf, Familienthemen.

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9 Kommentare

  1. Katharina sagt:

    Dieser Aspekt im zweituntersten Abschnitt, den Du ansprichst, den halte ich für ganz, ganz wichtig.
    Das Zufällige – zur falschen Zeit am falschen Ort – zu akzeptieren fällt vielen Menschen sehr schwer. Denn wenn ich das akzeptiere, akzeptiere ich gleichzeitig, dass ich ebenfalls zum Opfer werden könnte. Indem ich aber das Zufällige zurückweise und dem Opfer Verantwortung an seinem Opferstatus gebe, kann ich mich der Illusion hingeben dass mir das Schreckliche nicht geschehen kann, solange ich mich nur richtig verhalte.

    • Mama arbeitet sagt:

      Liebe Katharina,

      genau – das hat etwas mit der Illusion von Kontrolle über Sitationen zu tun. Und es ist verständlich, dass Menschen sich gerne zurechtlegen, ihnen wäre das nicht passiert, und es müsse ja einen Grund geben. Es macht Angst, zu denken, dass einem selbst auch etwas zustossen kann. So grosse Angst, dass lieber dem Opfer die Schuld mit in die Schuhe geschoben wird.

      • Max sagt:

        Es macht Angst, zu denken, dass einem selbst auch etwas zustossen kann.

        Für mich ist das ein Grundpfeiler der mir bei der Erziehung meines Kindes wichtig ist. Ihm zu vermitteln/vorzuleben wie man mit Problemen (unabhängig von der Ursache) umgeht, sie löst und sich ggf. Hilfe holt wenn man nicht weiter kommt um diese Angst zu verringern und ihr Selbstvertrauen entgegen zu stellen.

  2. tina sagt:

    ich finde, die frage “was hast du denn gemacht, dass xy dich gehauen hat” muss nur umformuliert werden in “was ist denn eigentlich passiert, dass ihr euch nicht verstanden habt”

    so erfährt man mehr über die gesamte situation und kann wirklich drauf eingehen, ohne von vornherein einen schuldigen zu vermuten

    antworten wie “gar nichts” oder “ich weiß es nicht” würde ich dann auch als solches hinnehmen und genau das erklären, was du geschrieben hast: zufällig, zur falschen zeit am falschen ort

    knuddeln nicht vergessen!

  3. Danke für deinen Beitrag. Es tut gut auf vielen Blogs zu lesen, dass wir ähnlich denken und nicht allein sind. Dein Blog ist in vieler Hinsicht eine echte Inspiration und regt mich immer wieder zum Nachdenken an. :)

  4. Cousine Claudia sagt:

    Liebe Chris,

    vielen Dank für diesen Artikel. Als relativ selbstbewußte Person mit einer ebensolchen Tochter habe ich mir über einige Deiner Ausführungen bisher keine Gedanken gemacht. Das wird jetzt anders und die Frage “was hast du denn gemacht, dass xy dich gehauen hat” streiche ich ab sofort aus meinem Repertoire.

    Claudia

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