Autsch. Schimpftirade einer Alleinerziehenden

„Hallo Frau Finke, ich hoffe, es geht Ihnen gut. Entschuldigen Sie bitte die Verzögerung bezüglich des Feedbacks von *Firma*. Dieses hat mich während meines Urlaubs erreicht. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass der Kunde bei dieser Position aufgrund der engen Zusammenarbeit mit dem Team vor Ort keine Homeoffice-Möglichkeit sieht. Gerne melde ich mich bei weiteren spannenden Möglichkeiten und verbleibe mit den besten Grüßen, Headhunterin XY“

Heute erreichte mich diese Absage – nachdem letzte Woche ein Kollege der Headhunterin mir noch sehr zuversichtlich verkündet hatte, er trete jetzt in Kontakt mit „der Kundenseite“, um einen Termin für ein Kennenlernen zu vereinbaren, ich also in die Endauswahl gekommen war. Dass ich nicht jeden Tag pro Strecke mindestens 90 Minuten nach Dings-Dorf fahren kann und möchte, hatte ich bereits beim ersten Telefonat im Januar sehr deutlich gesagt – da klang es noch so, als sei die Firma modern und dies absolut kein Hinderungsgrund. Auch mein Alter war von vorneherein bekannt, und meine Zeugnisse und Arbeitszeugnisse dürften die Augen eines jeden Personalchefs zum Leuchten bringen.

Dass mir nun abesagt wird, und unter so fadenscheinigen Gründen, ärgert mich kolossal. Nicht, weil an diesem Job mein Herz hing. Nein, weil ich einfach gerne zumindest zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden wäre. Denn qualifiziert dafür war ich – perfekt sogar. Wann passt jemand denn schon 100% auf die Stellenausschreibung!?

Mir ist natürlich schon klar, dass die Firma nicht sagen kann „Wir haben Ihren Blog gelesen, und ohgott, die Kinder sind noch so klein, wie wollen Sie das bloß alles schaffen als Alleinerziehende?“

Hätten sie mich doch eingeladen, ich hätte es ihnen erklärt. Dass so manche Frau, die ich kenne, ohne ihren Mann viel besser dran ist als mit ihm. Dass sie vor der Trennung eh die Kinderbetreuung komplett allein organisierte und bezahlte, den Haushalt nebenbei schmiss (evtl. mit Hilfe einer Putzfrau oder eines Au-Pairs), und noch einen teils quengeligen, oft liebesbedürftigen und häufig garstigen Ehepartner ertragen musste, der nicht begeistert war, wenn sie um 21:30 schlafen ging, weil sie müde war.

Woran liegt es, dass Firmen in Deutschland denken, eine verheiratete Frau sei besser durch den Mann unterstützt als eine Alleinerziehende organisiert ist? Ich kenne so viele unglaublich tüchtige Alleinerziehende, die perfekt durchorganisiert sind und flexibler, als es sich jede Firma in ihren kühnsten Träumen vorstellen kann!

Vielleicht ist die Krux, dass die Entscheider Männer sind, die sich zuhause für unentbehrlich halten und meinen, eine Alleinerziehende mit kleinen Kindern sei einfach nicht in der Lage, zuverlässig und kompetent ihre Arbeit zu machen? Ein trauriger Irrtum, auch für die Firmen. Denn wenn das ganze Potential der Alleinerziehenden brachliegt, und es sich zum Teil um bestens ausgebildete Frauen wie mich handelt, die viel motivierter sind als der durchschnittliche Familienvater, dann fehlt Deutschland ein großes Stückchen Innovationskraft.

Fertig mit der Schimpftirade. Diesmal hat es nicht geklappt, und ich werde mich nicht davon entmutigen lassen. Nein. Und ich werde auch nicht aufhören, meine Gedanken und mein Leben hier im Blog öffentlich aufzuschreiben. Danke fürs Zuhören.

Nachtrag: Wenige Tage nach diesem Blogpost wurde ich erneut von derselben Headhunting-Agentur angesprochen, wegen des gleichen Jobs – durch eine andere Mitarbeiterin. Hier weiß also Mitarbeiter B nicht, was Mitarbeiter A tut. Und ich habe die Bestätigung, dass meine Qualifikationen genau richtig waren. Ich verwies die Dame an Mitarbeiterin A.

Linktipp: Kinderbetreuung – meine Liste

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32 Kommentare auf "Autsch. Schimpftirade einer Alleinerziehenden"

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Susi
Gast

Hm. Als ehemalige Chefin wäre ich anhand der harten Fakten vermutlich auch erst einmal skeptisch. Allerdings ist die Neugier doch vorhanden, wie jemand das alles schafft, sollte man meinen? Offensichtlich musst Du für Menschen mit wenig Phantasie (und Hirn, hihi) Deinen Unterlagen noch eine kleine Statistik beifügen, die da aussagt, wie viele Fehltage Du bei wie vielen Krankheitstagen Deiner Kinder beansprucht hast in den letzten Jahren. So wie ich Dich kenne, waren es extrem wenige …
Lieber Gruss, Susi

tina
Gast

Das alte Lied und der Grund für meinen beginn meines Bloggens. Deutschland beklagt Fachkräftemangel. Aber wo sind die deutschen Fachkräfte? Sie hocken in Callcentern, gehen putzen oder hocken daheim weil sie nicht 24/7 verfügbar sein können sondern Kinder in die Welt gesetzt haben. Um die sie sich unverschämterweise auch noch selbst kümmern wollen.

Kopf hoch, Christine, wer uns mit Kindern nicht haben will, hat uns nicht verdient!

Kerstin
Gast

Vorschlag: einige Studien zum Thema sammeln – entsprechenden Blog-Eintrag erstellen und mit einem charmant-provokanten Teaser auf „about me“, „Referenzen“ u.ä. verlinken?

hostmami
Gast

Ich drücke dir die Daumen für das nächste mal. Es ist schon bitter ,das die Unternehmen lieber vorsichtig sind und sich Kompetenzen und Erfahrungen,Können und Wissen dadurch entgehen lassen. Die Idee ne Statistik einzufügen finde ich gut.

Nadja
Gast
In meinem Bekanntenkreis fehlen verheiratete Mamas sehr viel öfter wegen der Kinder als alleinerziehende. Solange Mann der Haptverdiener ist und Frau „nur“ ein bisschen Geld dazuverdient, ist kann sie es sich auch erlauben, weniger zu verdienen und dafür einen Job auszuüben, bei dem es nicht so essentiell ist, dass sie wirklich immer auf der Arbeit erscheint. Sobald Frau Hauptverdienerin ist und die Versorgung und die Freizeitaktivitäten der Kinder mit ihrem Einkommen stehen und fallen, investiert Frau (meiner Erfahrung nach) auch deutlich mehr Zeit und Kraft in die Organisation rund um den Job. Außerdem ist sie viel weniger bereit, ihren Job… Read more »
Dani
Gast
Hallo Nadja, ich finde deine Aussage nicht völlig korrekt, denn Sie bedeutet, dass Mütter, die nicht alleinerziehend sind, kein Engagement im Job zeigen. Das sehe ich nicht so. Meinst du nicht, dass es auch verheiratete Frauen gibt, die das Geld, aus ihrem Job zum Leben benötigen? Oder, dass diese Frauen, nicht auch einen wichtigen Beitrag leisten wollen. Bei dir klingt es so, als ob verheiratete Frauen, eigentlich nur Hausfrauen sein wollen die ein kleines Hobby suchen. Ich denke, dass wenn ein Kind krank ist, jede Mutter das uneingeschränkte Recht haben sollte für ihr Kind da zu sein. Die Arbeitgeber sind… Read more »
Cousine Claudia
Gast

Liebe Chris,

Ich kann Deinen Frust sehr gut verstehen. Ich arbeite selbst aus dem Home Office. Mein Chef hat damals nur inoffiziell zugestimmt und eigentlich nur, weil er eh in USA sitzt und meine Mitarbeiterin bei einer anderen Tochtergesellschaft als ich. Nach drei Jahren hervorragender Teamarbeit ohne Kommunikationsproblemen ist die Struktur zum Glück kein Thema mehr. Aber als role model werden wir von ihm immer noch nicht gesehen.

Dir weiterhin viel Glück bei der Suche! Du hast bisher selbst die schwierigsten Ziele immer irgendwann erreicht, von daher bin zumindest ich sehr zuversichtlich, das es auch diesmal gelingt.

Cousine Claudia

desperateworkingmum
Gast
Liebe Christine, tut mir leid zu lesen, dass du dem selben Unverständnis begegnen musst wie ich. Obwohl ich nicht alleinerziehend bin, habe ich eine Reihe von Bewerbungsgesprächen hinter mir. Und das waren noch die offeneren Arbeitgeber, die mich trotz Kinderhandicaps zum Gespräch eingeladen haben. Weil die Gespräche dasselbe Ergebnis zeigten, sitze ich heute noch bei meiner Firma, die mich vor einem Jahr degradiert hat. Nach meiner Odyssee von Bewerbungen (nachzulesen unter http://desperateworkingmum.wordpress.com/2011/07/24/auf-der-flucht-1-wie-viel-mama-braucht-das-kind/ und den folgenden Posts dieser Kategorie) weiß ich jetzt, wie selten Flexibiltät und Homeoffice sind. Die Anwesenheitskultur wird von den (meist männlichen) Arbeitnehmern ohne Betreuungsverpflichtungen hochgehalten, weil sie… Read more »
Männermeinung
Gast
– Aus der Not eine Tugend machen – Erst einmal große Anerkennung für diesen Blog, seine Initiatorin und die interessanten Beiträge. Natürlich weiß ich es als Nicht-Alleinerziehender (und Überhaupt-Nicht-Erziehender) und Nicht-Frau nicht besser, möchte aber als Außenstehender Folgendes bemerken. Alleinerziehende erklären Ihre Not hier zur Tugend. Sie müssen schaffen, was in der Zweielternfamilie zusammen bewältigt wird. Zumindest müssen Sie aber „nur“ das Kind versorgen, weil es keinen Mann gibt, den andere Frauen mitbetreuen müssen. Bei der Vielzahl Alleinerziehender sind strukturelle Ursachen unübersehbar. Es sind nicht nur die bösen Ex-(Ehe-)Männer/Frauen. Sie halten Ihr Haushaltslebensideal selbst hoch. 1. Kein Mann würde mit… Read more »
Susi
Gast

“Besser kein Mann/Vater als ein schlechter”
Die Männermeinung sollte das nicht als Wunsch nach mehr Alleinerziehenden verstehen. Bis jemand so etwas schreibt, brauchts viel. Also erst mal nachdenken vor dem bloggen, bitte.

Es gibt übrigens für Arbeitgeber noch eine Steigerung der Aversion gegenüber Arbeitnehmern, die alleine für eine Familie zuständig sein müssen. Verwitwete Menschen schreiben allen Ernstes lieber „Alleinerziehend“ in ihren Status, weil der Tod des Lebenspartners heute noch wie eine ansteckende Krankheit daher kommt. Armselige Welt.

tina
Gast
Wenn Kinder mitbekommen warum sich Eltern trennen, kann und sollte man durchaus auch dazu stehen dass es ohne den Papa besser ist. Die gesamte Männerwelt zu verteufeln, bewirkt natürlich nichts gutes in den Seelen der Kinder. Bei den Söhnen, dass sie sich selbst als minderwertig ansehen. Bei den Töchtern prägt das die Einstellung zum anderen Geschlecht. Was Christine sich wünscht, ist meiner Meinung nach ein Umdenken der Arbeitgeber. Nicht jede Trennung wird durch jüngere Liebhaberinnen oder aus anderen Eitelkeiten heraus verursacht. Viele Macherinnen haben es einfach satt, mehrere kleine und ein großes Kind durch denn Alltag zu führen. Die Qualifikationen… Read more »
hostmami
Gast

Liebe Christine! Ich bewundere deine Diplomatie!!!!! Ich fand diesen männlichen Blogger mit Meinung… nun mir fehlen die Worte.
Deine Antwort auf seinen Beitrag hat mich zum Lachen gebracht. Eine Frau mit Feingefühl, Diplomatie und Mut. Da kann Mann und Meinung noch was lernen.

daniela treybig
Gast
Hallo und guten Morgen…ich bin eher aus Versehen auf deinen Blog gestossen, weil ich derzeit ebenfalls den Spagath zwischen Familienmanagerin (tolles Wortgedöns) und Job versuche. Ich bezeichne mich selbst gern als verheiratete Alleinerziehende, denn mein mir Anvertrauter arbeitet in der Pflege rollende Woche /Schicht und so bin ich eben leider -im neuen Jargon – zeitlich unflexibel und schlecht vermittelbar… die Idee mit einer Arbeit von zu Hause aus stößt ebenso auf Unverständnis bei potentiellen Arbeitgebern wie bei dir, auch die seltsamen Spiele: A sagt zu B , was C fehlinterpretiert und es von D an dich übermitteln lässt sind mir… Read more »
Frau Kreis
Gast
Christine, ich lese mich so langsam durch dein Blog und kann nur unterschreiben, was du derzeit erlebst. Ich habe jahrelang eine tolle Position in einer tollen Firma gehabt, dann kam Kind 1, und schon in der Schwangerschaft wurde mir explizit erklärt, ich könne ja nun mit Kind weder reisen noch 24 Stunden erreichbar sein (O-Ton meines damaligen Chefs: „Und die H., also meine Frau, die genießt es ja auch, mit den Kindern zu Hause zu sein!“ Ich durfte nach dem Mutterschutz nicht in meine Position zurück, wurde von Team zu Team geschoben und musste mich irgendwie wieder hocharbeiten (bei einer… Read more »
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