Atypical auf Netflix – Yay or nay?

Zwei Staffeln mit je 10 Folgen über Sam, den Autisten, und seine Familie habe ich jetzt gesehen. Was sage ich als Mutter einer Autistin dazu?

Autisten und ihre Angehörigen, jedenfalls diejenigen, denen ich auf twitter folge und mit denen ich im Austausch stehe, hassen diese Serie. Sie schade Autisten, weil sie wieder nur Klischees zementiere, anstatt ein realistisches Bild zu zeichnen, lese ich. Und dass sich die Autisten gerade von „Rain Man“ erholt hätten, weil das kaum noch jemand kenne, und nun komme DAS.

Ich gehöre ja nicht zu denjenigen, die meinen, Serien müssten das echte Leben abbilden, und da kein Autist ist wie der Andere, und selbst eine Doku über ein beliebiges Thema (z.B. Alleinerziehende oder Gewalt gegen Frauen) nie alle Betroffenen glücklich macht, stehe ich auf der Seite derer, die sagen: Besser eine Diskussion mittels einer einigermaßen zutreffenden Abbildung anstoßen als gar nicht über das Thema reden.

Von daher auch dieser Text. Ich habe Atypical gesehen, und ich will berichten, wie ich das als Angehörige fand – denn meine jüngste Tochter ist Autistin. Da meine Tochter eine Asperger Diagnose hat, während Sam, der Protagonist, frühkindlichen Autismus, kann ich nicht beurteilen, wie zutreffend Autismus in Atypical dargestellt ist. Ich nehme aber an, dass selbst wenn Sam eine Samantha wäre und Asperger Autistin, sie in großen Teilen von dem abweichen würde, was ich mit meiner Tochter erlebe. Das stört mich nicht. Denn trotz der unterschiedlichen Diagnosen sehe ich in Atypical doch den Versuch, die Nöte von Autisten einem breiten Publikum zu vermitteln.

Atypical Autismus

Zum Beispiel, wenn Sams neue Lederjacke juckt und klappert. Die Jacke, die er nur trägt, um dazuzugehören bei den Klassenkameraden, obwohl er sich eigentlich im Delfin-T-Shirt viel wohler fühlt. Und wie das zu einer Überlastung führt, obwohl er so sehr versucht, sich zusammenzureißen.
Oder, wie fürchterlich Sam es findet, wenn er berührt wird, und wie wichtig es ihm ist, dass er immer dasselbe Essen bekommt und die Dinge so ablaufen, wie er es gewohnt ist.

Natürlich ist vieles überzeichnet, und es mag sein, dass sich bei einigen Zuschauern nun das Bild festsetzt, alle Autisten seien so hochbegabt wie Sam, und hätten mit doch relativ geringen Schwierigkeiten zu kämpfen – das sage ich ganz bewusst, denn ich weiß von Familien mit autistischen Kindern, wo viel mehr Probleme auftauchen, als diese Serie auch nur anreißt.

Ich finde die Darstellung des Autisten in Atypical relativ oberflächlich, aber trotzdem sehenswert. Und dass uns Sams Stimme aus dem Off anhand seines Steckenpferds, den Pinguinen, erklärt, wie sich Pinguine wann verhalten, und dann die jeweiligen Szenen aus dem Plot der Serie dazu passen, ist schön gemacht.

Weglaufen, Verstecken oder Angreifen, das tun Tiere in der Wildnis, und das ist auch typisches Verhalten von Menschen bei Gefahr. Bei Autisten kann es häufig im Overload beobachtet werden. Das zu verstehen, und auch die immense Reizüberflutung, die unser „normales“ Leben für Autisten darstellt, finde ich wertvoll. Noch wertvoller aber, und der Grund, warum ich mich überhaupt als Nicht-Autistin traue, über diese Serie zu schreiben, ist dass sie zeigt, was ein autistisches Familienmitglied für familiensystemische Auswirkungen hat.

Wir sehen es an Sams kleiner Schwester, Casey, die 16 Jahre alt ist. Obwohl sie jünger ist, hat sie die Funktion der Begleitperson von Sam in der Schule, und wenn er wegläuft oder irgendetwas mit ihm ist, dann lässt sie alles stehen und liegen – auch, wenn sie gerade im Vorstellungsgespräch fürs College ist.

Sams Mutter Elsa hat kein eigenes Leben mehr seit der Diagnose, sie besucht Selbsthilfegruppen für Angehörige, managt Sams Alltag, ist immer für ihn da und hat sich komplett auf ihn eingestellt. Das wiederum ist eine Belastung für die Ehe, und sie entfremdet sich von Sams Vater Doug. Für Doug war es so schlimm, einen behinderten Sohn zu haben, dass er sich kurz nach der Diagnose, als Sam 4 Jahre alt war, für 8 Monate komplett von seiner Familie zurückgezogen hat.

Wir lernen in Atypical etwas über Scham, den Umgang mit Behinderungen, und auch über Mobbing. Darüber, dass die Eltern und die ganze Familie teils ausgeschlossen werden, dass andere Eltern meinen, Sam sei schlechter Umgang für ihr eigenes Kind. Das ist etwas, was mir persönlich auch schon begegnet ist, und was sehr schmerzt, neben der Ablehnung der Gleichaltrigen, bei denen meine Tochter und auch Sam durchaus sozialen Anschluss suchen.

Atypical, um zum Ende zu kommen, habe ich gerne gesehen. Auch wenn es mir oft wehgetan hat. Aber ich freue mich auf die dritte Staffel, die wohl im Herbst 2019 kommen wird.

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6 Kommentatoren
AnitaChristine FinkeHestingStefanieStefi Wassermann Letzte Kommentartoren
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sunny
Gast
sunny

Hallo Christine,

wieso hast Du denn den Kommentar von Mela gelöscht? Auf Twitter hast Du doch gefordert hier zu kommentieren. Und wieso löscht Du Deine eigenen Twitterkommentare, in denen Du gesagt hast, dass Du den Artikel nicht überarbeitest, weil nur Redaktionen das machen aber keine Blogger. Ist löschen nicht sowas wie überarbeiten? Bitte klär mich doch über die Widersprüche auf.

Sunny (AE, 3kids)

Stefi Wassermann
Gast
Stefi Wassermann

Nur ist es in der Serie schon blöd formuliert, weil dieses Verhalten gibt’s ja auch bei „normalen“ bzw „gesunden“ Menschen.

Stefanie
Gast
Stefanie

Vielleicht gefällt Dir „The A Word“? Eine jeweils sechsteilige Serie der BBC in zwei Teilen (2016/ 2017 ).

Hesting
Gast
Hesting

Scheint mir eine für USA-Verhältnisse realistische Serie zu sein.
Aber ich wollte eigentlich nur den Link zum Blog von Elisabeth loswerden – und mußte gerade feststellen, daß er nicht mehr frei zugänglich ist:
http://besonders-gewoehnlich.blogspot.com/