Autismus und Corona: Jüngste liebt das Spazierengehen

Heute konnten wir nur kurz rausgehen, obwohl sie eigentlich Lust gehabt hätte – aber meine autistische Jüngste hat leider eine große Blase an der Ferse.

Das kommt davon, dass sie die vergangenen drei Tage richtig viel mit mir draußen gewesen ist, natürlich im Rahmen des Erlaubten, also Spazierengehen mit Abstandhalten, aber als Autistin kommt ihr die Lage gerade sehr entgegen. 1,5 Meter Mindestabstand sind ideal, und niemandem die Hand geben auch. Dass es draußen viel leiser geworden ist als vorher und ihr nicht mehr gefühlt von allen Seiten Skateboards, joggende Menschen, Fahrräder und andere Überraschungen bedrohlich nahe kommen, macht es für meine autistische Tochter viel leichter, ihr Zimmer zu verlassen.

Es gab Zeiten, da saß sie vorwiegend in ihrem Bett, und ich habe das toleriert, weil es ihr offenbar ein Bedürfnis war, auch wenn ich von meiner Umwelt das Feedback bekam, dass das nicht wirklich optimal sei, und ich mir natürlich auch gewünscht hätte, dass sie die Welt als weniger beängstigend empfindet. Sogar das geliebte Schwimmbad wurde irgendwann schwierig, weil man auch dort angeguckt wird und es jenseits der Selbstvergessenheit im Wasser eben das Land und die Umkleiden gibt, und eigentlich ging auch das nur noch, wenn es ziemlich leer war.

Nun also müssen fast Alle ihre sozialen Aktivitäten herunterfahren und meine Tochter blüht auf. In den vergangenen Monaten schon habe ich verwundert festgestellt, dass der Körper offenbar so etwas wie ein eigenes Bewegungs-Aktivierung-Programm hat, denn sie begann, in ihrem Zimmer sehr viel im Kreis herumzulaufen, zu lauter Musik. Das ging teilweise über Stunden, und es war immer die gleich Musik, vielleicht 5 verschiedene Titel, was ihr großen Spaß zu machen schien.

Autismus Corona
Bild von ElasticComputeFarm auf Pixabay

Die Sache mit dem im Kreis Drehen/Laufen ist eh etwas, was viele Autisten machen, auch das Drehen auf einem Schreibtischdrehstuhl findet sie großartig, und als wir die Diagnostik machten, war eine der immer wieder auftauchenden Fragen, ob das Kind sich gerne um sich selbst drehe – ja, tut sie. Und zwar schon sehr lange, und fast überall, also auch im Supermarkt, wenn die Umgebung irgendwie stressig wird, oder einfach so Zuhause, wenn sie starke Glücksgefühle hat. Drehen nordet irgendwie ein.

Jedenfalls ist meine Jüngste (11) durch dieses ganze im Kreis Laufen zu Musik mittlerweile dermaßen fit, dass mir deutlich vor ihr die Puste ausgeht bzw. die Beine lahm werden, wenn wir zusammen spazierengehen, was überraschenderweise seit neuestem ihr Wunsch ist. Nach einer Stunde denke ich, jetzt wäre eine Bank nicht schlecht, und man könnte mal kurz ausruhen, aber mein Kind sagt, es will gerne noch weitergehen, und ob wir das morgen wieder machen können?

Corona ist fürchterlich, aber dass meine Tochter nun ausnahmsweise mal Draußensein als schön empfindet und die Zeit mit mir dort richtig genießt, macht mich sehr glücklich. Sie hat jetzt schon Sorge, wie es sein wird, wenn das alles vorbei ist, aber ich denke, vielleicht gehen wir dann einfach alleine im Wald spazieren und fahren da halt mit dem Auto hin, und am Ende ist es vielleicht doch so, dass wir auf dem Land wohnen müssen, weil ich sehe, wie gut ihr das tut, wenn ihr Raum nicht nur auf ein Zimmer beschränkt ist. (Ich lese auch in Gruppen von und rund um Autisten auf Facebook, dass wir nicht die einzigen sind, denen es gerade so geht, auch spannend….)

Und nun bestelle ich Sandalen, denn keins der 5 Paar Schuhe, die sie besitzt, wird sie in den nächsten Tagen tragen können, ohne dass es wehtun wird. Die kann sie ja auch mit Socken anziehen, falls es so kalt bleibt wie jetzt – wobei Kälte noch nie das Problem war, sie friert quasi nicht (Temperaturempfinden ist bei vielen Autisten, sagen wir mal, ungewöhnlich), und Socken trägt sie eigentlich auch nie. Sonst hätte sie ja auch nicht gleich Blasen bekommen. Die Blasen werden vergehen – das Spazierengehen bleibt, vielleicht auch nur als Corona-Erinnerung. Aber als eine Gute.

(Auf twitter findet Ihr Bilder von den Spaziergängen unter dem Hashtag #Jüngstespaziergang)

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Rebecca
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Rebecca

Ich hab auch immer Probleme mit Blasen, aber es gibt tolle Blasenpflaster in der Apotheke, die tatsächlich helfen. Man klebt sie drauf und lässt sie dort bis die Blase abgeheilt ist. Und es tut tatsächlich ab diesem Moment nicht mehr weh!! Seitdem habe ich die in fast jeder Tasche.

Florian
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Florian

Ihre Arbeit ist wirklich rührend!

Sonnenfräulein
Gast
Sonnenfräulein

Diese Ruhe, diese Luft !
Wir sitzen bei Sonnenschein auf unserem Balkon mit Blick auf die Stadt und ins Gebirge und trinken Kaffee.
Fahrt zum Garten und das Notwendigste sind erlaubt. Das kann gern so für immer bleiben.
Passierscheine für alle Jobs waren Freitag im Briefkasten. Totenstille auf Arbeit. Endlich ;)
Wir sind zum Glück nicht irgendwo auf der Welt gestrandet.
Irgendwann wird ans warme Meer fahren, wieder erlaubt sein.
Alles Gute für Dich und Deine Jüngste.