Hallo, März! (Und hallo, Rest des Lebens)

Der Februar war anstrengend, wenn auch nicht so anstrengend wie der Februar vor 2 Jahren, als uns eine kinderpsychiatrische Klinik böse auflaufen ließ, und auch nicht so voller Kummer und Hoffnungslosigkeit wie der Februar vor 3 Jahren, als ich schweren Liebeskummer hatte.

Dieser Februar war voller Aufgaben und Weichenstellungen, ich hatte beruflich wichtige Dinge im Kalender (Fahnen lesen für das neue Buch, das im April erscheint, Teilnahme als Expertin an einem Workshop der Bertelsmann Stiftung, zum Thema Kinderarmut), die neben den üblichen Dingen, wie Kolumnen für die Lokalzeitung und meinen Stammkunden sofatutor, und neben der Lokalpolitik und den damit verbundenen Sitzungen unterzubringen waren. Aber auch privat war einiges zu regeln.

Es war ein Monat, der insgesamt viel Kraft gekostet hat, und ich hoffe nun, dass die Kinder und ich davon auch profitieren, dass die Saat aufgeht, und wir in etwas ruhigeres Fahrwasser kommen. Diese Jahre der finanziellen Unsicherheit, der Störmanöver vom Exmann, der seit der Einschulung von Jüngster neu dazu gekommenen Schwierigkeiten, die wie ich ja nun endlich weiß, vom Autismus herrühren, und die aber unser gesamtes Familiensystem einmal komplett durchgeschüttelt haben, haben ihre Spuren bei mir hinterlassen.

Rest des Lebens
JesusLeal auf Pixabay.com

Pflegegrad und Pflegegeld als später Tropfen auf dem heißen Stein

Was mich nicht umbringt, macht mich härter. Das ist okay, denn ich bin erwachsen, und ich trage meine Weichheit wie eine Krone, die ich als Kostbarkeit bewahren konnte. Aber für meine Kinder hätte ich mir gewünscht, dass sie mit mehr Leichtigkeit aufwachsen, und dass sie nicht durch unsere besondere Familienkonstellation noch ein zusätzliches Päckchen zu tragen haben, zu den bereits schweren Päckchen aus der Vergangenheit, als der Vater der Kinder und ich uns trennten.

Ich versuche, mich nicht zu grämen, dass mir durch die um über 2 Jahre verspätete Autismusdiagnose nicht nur viel Geld entgangen ist, das wir dringend gebraucht hätten, sondern auch ein erheblicher Beitrag zu meinem Rentenkonto – denn als pflegende Angehörige ist man sozial einigermaßen abgesichert, je nach Pflegestufe macht sich das deutlich finanziell bemerkbar, und zwar in der Gegenwart und auch später.

Autismus betrifft auch die gesunden Geschwister

Nach vorne gucken, das ist die Devise. Auch wenn ich mich schon frage, wie es meiner Familie ergangen wäre, hätten wir schon vor 2 Jahren passende Hilfen erhalten. Alleine die Schulbegleitung für die Jüngste, die nun mitten im 4. Schuljahr viel zu spät kam, hätte so viel helfen können, wäre sie bereits in Klasse 2 eingesetzt worden, als ich mich um professionelle Hilfe und eine Diagnose bemühte. Nun kam sie zu spät, oder es war die Falsche, oder beides. Wir suchen also erneut.

Und um wie vieles leichter das Leben für die beiden älteren Geschwister gewesen wäre, hätten wir gleich die richtige Diagnose für die Jüngste erhalten, oder wenigstens keinen Druck vom Jugendamt, das mich wie so viele Alleinerziehende erstmal äußerst misstrauisch beäugte? Ich darf gar nicht darüber nachdenken.

Welche Spuren wird all dies bei meinen Kindern hinterlassen? Haben sie jetzt endlich die Chance, sich frei und besser zu entfalten? Ich wünsche es mir so sehr. Die Weichen sind gestellt, ich habe gemeinsam mit den Helfern, die nun, wo es die Diagnose für die Jüngste gibt, auch wirklich helfen, alles getan, was zu tun ist.

Neue Schulen, neue Orte, neue Räume

Ab dem Sommer wird die Jüngste (10) eine andere Schule besuchen, wahrscheinlich, hoffentlich, und zwar eine ganz tolle, hier in der näheren Umgebung. Anträge dafür laufen, und die Schule, Autismusbeauftragter, Familienhelfer und das Jugendamt unterstützen uns dabei. Der Sohn (bald 13) wechselt auch gerade, und zwar nicht nur die Schule, sondern auch das Domizil und den Ort unter der Woche. Er braucht dringend einen Raum, der nicht vom Autismus seiner Schwester dominiert wird. Ebenso die Große (18), die nun jobbt und im Herbst zum Studieren in eine andere Stadt gehen wird – nur weil sie älter ist, heißt das nicht, dass die Familiensituation für sie erträglicher war und ist.

3½ Jahre sind eine lange Zeit im Leben von Kindern, und gerade Geschwister von Kindern mit Behinderung, psychischer Erkrankung oder einfach besonderen Diagnosen haben es sehr schwer, weil sich in den Familien alles um das erkrankte Kind dreht, und sie selbst „vergessen“ werden (Dazu lese ich gerade das neue Buch „Übersehene Geschwister“ von Jana Hauschild, es ist sehr erhellend!). Als Elternteil ist es nicht leicht, allen Kindern gerecht zu werden, als alleinerziehender Elternteil mit mehreren Kindern noch schwerer, aber als Alleinerziehende mit behindertem Kind und Geschwistern ist es fast unmöglich, alle Kinder angemessen mit Liebe, Geld, Zeit und Zuwendung zu versorgen.

Aber meine Kinder haben ja noch ihr ganzes Leben vor sich. Es fängt jetzt auf eine gewisse Art nochmal an, im März 2019. Auch für mich, denn Vieles wird sich ändern. Und das ist gut so. Ich freu mich drauf, und ich hoffe das Beste. Hallo März, und hallo Rest des Lebens!

Jana Hauschild: Übersehene Geschwister. Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter.
Beltz Verlag, Februar 2019. 17,95 €. ISBN 978-3-407-86505-2.

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SuzieMama arbeitethip_mamaAnna im Norden Letzte Kommentartoren
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Anna im Norden
Gast
Anna im Norden

Weisst Du was? Was Deine Kinder n von ihrer Kindheit mitnehmen, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der sich die Mutter den A* aufgerissen hat, um es ihnen recht zu machen. Du warst bis hierher so tapfer und bist ihnen ein Vorbild gewesen. Jeder Mensch versaut seine Kinder zwangsläufig irgendwie, jeder Kindheit fehlt irgendwas, was man den Eltern vorwerfen könnte, irigendwas kommt immer zu kurz. Wenn das, was zu kurz kommt, nicht fehlende gezeigte Zuneigung ist, ist man glaube ich, schon ganz gut unterwegs! Ganz liebe Grüße von einer, die mit drei Kindern, eins davon mit ADHS, schon seit… Weiterlesen »

Suzie
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Suzie

Sehe ich genau so. Zuwenig Aufmerksamkeit vs zuviel Aufmerksamkeit. Zuviel Geschenke, zuwenig Geschenke – Perfektion ist unmöglich. Aber solange man authentisch bleibt & das beste versucht, ist schon viel gewonnen. Und für seine Überzeugung kämpft.

hip_mama
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hip_mama

Alles Liebe und Gute. Mir wird ganz eng im Hals, wenn ich an euch denke. Soviel Mühe, Schweiß und Tränen… ich hätte es dir so gern erspart. Wie schön, dass du so positiv sein kannst. Von Herzen alles Gute – allen Beteiligten! Ach ja: anna im norden schließe ich mich vollinhaltlich an. <3