Wo geht’s denn hier zur Inklusion!? Autismus und Lagerkoller für die ganze Familie

Seit Monaten verlassen meine Kinder kaum das Haus. Außer im Urlaub, aber der ist ja nun vorbei. In die Schule geht hier auch niemand. Es ist zum Haareraufen.

„Wissen Sie, wenn man immer aufeinanderhockt“, sagte der Therapeut neulich, „Dann werden die friedlichsten Leute zu Bestien.“ Es gebe da ein psychologisches Experiment, bei dem Menschen eingesperrt wurden und in die Gruppen „Wächter“ und „Insassen“ eingeteilt wurden, und es seien so beunruhigende Verhaltensweisen festgestellt worden, dass das Experiment abgebrochen werden musste. Es war nicht mein Therapeut, sondern der von einem der Kinder, und wir saßen dort, um Wege aus der Misere zu finden, mal wieder.

Die Schlaufe zwischen Abwarten und Handeln

Denn hier gibt es momentan nur Auswege, die uns allen Angst machen, der Jüngsten am wenigsten, weil die alles so autistisch pragmatisch sieht, und mir wahrscheinlich am meisten, weil ich die Verantwortung alleine trage. Verantwortung ist nicht gleich Schuld, aber es geht schnell, dass man Schuld auf sich lädt, das kann allerdings auch passieren, wenn man etwas nicht unternimmt, was man hätte tun sollen, und so hänge ich in der Schlaufe zwischen Abwarten und Handeln.

Das ist untypisch für mich, ich handle sonst immer, meist sogar zu früh. Jetzt aber habe ich das Gefühl, ich kann es nur falsch machen, und das lähmt mich. Deswegen habe ich auch die Kinderzimmer nicht umgeräumt, wie ich es ursprünglich nach dem Auszug der Großen vor einem Monat vorhatte. Wir leben in einem Provisorium mit einem fast leeren Zimmer, und es erscheint mir passend – nicht, weil die Große so fehlt, sondern weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ich kann das jetzt nicht entscheiden. Ich muss warten.

Autismus und Inklusion
Fanette auf Pixabay.com

Ich muss warten, bis meine Tochter (10) mit Asperger Diagnose endlich wieder in die Schule geht. Seit Februar ist sie unbeschult Zuhause, und das macht uns alle wahnsinnig. Die Regelschule taugte nicht mehr für sie, das war unaushaltbar für sie, trotz Entgegenkommen der Schule, trotz Schulbegleitung, trotz vieler Runder Tische und sehr engagiertem Autismusbeauftragtem. Gespräche mit dem Jugendamt, den freien Trägern, noch mehr Mails, WhatsApps mit der Schulbegleitung, es half alles nichts. Mein Kind sagte irgendwann: „Das macht keinen Sinn, Mama“, und sie hatte Recht. Die Schulbegleitung war nicht die Richtige gewesen, und ich hätte es eigentlich gleich wissen müssen, als sie nach dem Kennenlernen sagte, sie möge diese Frau nicht. Fortan war sie nicht mehr in der Schule.

Recht auf Teilhabe, Inklusion, Beschulung? Hahaha!

Seit 7 Monaten also hockt mein Kind mehr oder weniger Zuhause, dabei will es unbedingt in die Schule. Teilhabe, Inklusion, alles schöne Wörter, sie finden nur in der Praxis, zumindest hier, keine Anwendung. Meinem Kind ist langweilig, es hat sich vor lauter Langeweile selbst Lesen und Schreiben auf 5.-Klässlerniveau beigebracht via Unterhaltungen im Chat mit Internet-Spielfreunden, und es versteht nicht, warum es nicht endlich in die Schule darf. Weil alles seine Zeit dauert, Gutachten erstellt werden müssen, Anträge gestellt, Teambesprechungen abgehalten, Hilfepläne bewilligt werden müssen.

Derweil versauert mein Kind, und ob es jemals wieder fest in die Schule integriert wird, steht in den Sternen. Eine neue Schulbegleitung hätten wir am Montag kennenlernen sollen, die meldete sich aber krank, „Da kann man nix machen!“, meinte Jüngste, die trotzdem enttäuscht war, und ich hoffe, dass es nur bei der Krankmeldung bleibt und derjenige dem freien Träger und dem Jugendamt nicht wieder ganz abspringt, weil das ein mittelprächtig bezahlter Job mit reichlich Stress ist, und es schwer ist, jemanden zu finden.

Und so lange nix passiert, gehen sich mein Sohn, der wegen einer chronischen Krankheit auch seit dem Sommer Zuhause ist, und meine Tochter, auf die Nerven. Sie zanken, sie hassen und sie triezen sich, sie pubertieren vor sich hin. Und vor allem: Sie verlassen beide das Haus nicht. Mich macht das wahnsinnig, denn ich kann das Haus nicht verlassen, ohne WhatsApps zu bekommen, in denen sie sich übereinander beschweren oder von Streit berichten. Und wenn ich Zuhause bin, dann zicken sie sich an.

Ich kann hier nicht weg – und das gemeinsame Sorgerecht macht es nicht leichter

Heute früh war ich soweit, dass ich dachte, ich brauche dringend einen Job außerhalb dieser vier Wände. Oder ein neues Leben. Aber wie soll das gehen, mit einem schwerbehinderten  und einem chronisch kranken Kind? Ich muss auf Abruf zur Schule, wenn meine autistische Tochter wegen Überlastung abgeholt werden muss. Sie braucht Pflege und Betreuung, und in ein spezialisiertes Heim/eine Einrichtung möchte sie nicht, ich kann mir das auch nicht vorstellen für sie.

Ich muss da sein, wenn es brennt, und ich muss vor allem folgenschwere Entscheidungen fällen. Das mache ich seit 10 Jahren alles alleine, und ich bin unendlich müde davon. Dass das bei gemeinsamem Sorgerecht auf dem Papier alles noch eine Runde komplizierter ist, kann man sich denken – für jede verweigerte Unterschrift brauche ich einen Gerichtsbeschluss und die Fürsprache des Jugendamts, das zum Glück voll auf meiner Seite steht und wirklich zu helfen versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten, aber die sind halt begrenzt.

Ach, könnte ich doch wenigstens einen Zusammenbruch hinlegen!

Ein neues Leben gibt es nicht für mich, ich kann nicht aussteigen. Das würde sich auch nicht gut anfühlen. Ich bin niemand, der wegläuft, wenn es schwierig wird. Also harre ich der Dinge und werde handeln, wenn es nötig ist. Trotz allem, trotz der Sorgen um meine alten Eltern, trotz der fehlenden Wärme in meinem Leben, denn der letzte Mann, der mich liebte, ist nun auch schon wieder 4 Jahre her, und ich hab wirklich manchmal keine Ahnung, woher ich die Kraft nehme.

Wahrscheinlich bin ich einfach nicht der Typ für einen Zusammenbruch. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, weiß ich nichtmal. Denn Zähigkeit kann auch manchmal einfach das Leiden verlängern. Und ich bin halt zäh, so wie schon meine Mutter, meine Oma und die Uroma. Zäh und sensibel, eine unbarmherzige Mischung. Nix für Weicheier. Also muss ich da wohl durch.

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Anja Schlüter
Gast
Anja Schlüter

Aber.. Gibt es nicht auch das Recht auf Hausbeschulung?? Hier, in Schleswig-Holstein, hatten wir in der Wohngruppe ein Leukämie – Kind, das wegen Ansteckungsgefahr selten das Zimmer und kaum das Gelände verlassen durfte, niemals ohne Mundschutz!!
Für dieses Kind ist eine vom Jugendamt bestellte Lehrerin ins Haus gekommen, für ein paar Stunden nur, aber sie hatte Unterricht gemacht..
Könnte das evtl eine (Übergangs)Lösung sein??
Lieben Gruß!!

Alu
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Alu

Halte durch!!! Du weißt ja, wenn man denkt es ist das Ende, dann ist es noch nicht das Ende. https://www.grossekoepfe.de/schulkind/nixklusion-schulsuche

Susann
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Susann

Oh man, ich wünsche euch dreien gutes Durchhalten und ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass sich eine akzeptable Lösung findet!

Eva Daberger
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Eva Daberger

Hallo, hinter uns liegen fünf Wochen Schule. Sohn, 9 Jahre, geht in die Grundschule vor Ort. Wir hatten viel Glück:die engagierteste Lehrerin und die beste aller Teilhabeassistenten überhaupt. Doch jetzt sind alle weg, neue Lehrer, die dritte THA wird noch gesucht. Kind war fünf Wochen total überfordert. Und ich mit. Inklusion mit Lehrern, die noch nie was von Autismus gehört haben. Sohn hätte am liebsten Einzelbetreuung in der Klasse. Wie soll das langfristig werden und immer diese Kämpfe. Ich habe auch schon an Umzug gedacht, um ihm und mir eine Privatschule zu ermöglichen. Wir haben allerdings im Nachbarort ein Autismus-Zentrum,… Weiterlesen »

Lizzie
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Lizzie

Ich wünsche dir viel Kraft und dass sich für beide Kinder die Situation bessert!

Natalia
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Natalia

Puh! Das kommt mir alles so sehr bekannt vor, was ich hier bei dir lesen darf. Vielen vielen Dank für dein großes Engagement! Wir haben gerade die absolute Fehldiagnose ADS auf dem Tisch, meinem Sohn (11) ergeht es immer schlechter in der Schule. Die Lehrerin hat keine Ahnung von Autismus und lehnt ihn kategorisch ab. Sie meint, er würde absichtlich (um ihr zu schaden) dem Unterricht nicht folgen und so „langsam“ sein. Er hasst sie und hat Angst vor ihr und den Mitschülern, die ihn permanent mobben. Nun suchen wir eine andere Klinik. Ich hoffe, dass unser Autismus-Zentrum hier in… Weiterlesen »

Nicole
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Nicole

Hallo Natalia, ganz ehrlich: dringend Klasse, oder vielleicht sogar Schule wechseln. Das ist ja nicht zum Aushalten…

Jennifer Sander
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Jennifer Sander

Liebe Christine, ich bin gerade erst auf deinen Blog gestossen…Heute ist wieder einer dieser Tage, wo ich ein bisschen Gesellschaft Gleichgesinnter suche. Meine Tochter ist neun, ihr kleiner Bruder ist sieben. Meine Tochter ist seit einem Jahr offizielle Asperger Autistin…..Eine Arzt und Therapeuten Odyssee durchlaufen wir seitdem sie vier Jahre alt ist. Wir haben sie vor einem halben Jahr in eine freie Waldorfschule umgeschult. Dort geht es ihr sehr gut. Vorher ging Laura auf eine Regelgrundschule. Bei uns hat das auch nicht funktioniert. Die Lehrer hatten kein Problem. Denen ist gar nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Aber Laura kam um vier Uhr… Weiterlesen »

Anja
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Anja

Liebe Christine! Ich kenn die Mischung zwischen Sensibilität und Zähigkeit. Das ist wirklich kräftezehrend. Alles Gute und gönn Dir so viele gute Momente, wie es geben kann. Und es ist vielleicht nicht die Wärme, die Du direkt spüren kannst, aber ich glaube, dass Dich sehr viele Menschen schätzen für Deinen Mut und für Deine Fähigkeit, unbequeme Dinge anzusprechen. Sei gedrückt aus der Ferne. LG

Aus Bremen
Gast
Aus Bremen

Liebe Christine!
Es scheint, du hast bei der Problrmverteiling ein paar Mal zu oft hier geschrien.Manchmal denke ich, wenn ich über manche Schicksale ein Buch schreiben würde, dann würden manche Kritiker bestimmt sagen, da hat sie aber ganz schön dick aufgetragen. Das Leben kann ganz schön ungerecht verteilen. Mir persönlich hilft immer wieder der Blick auf das Ganze. Wenigstens haben wir hier keinen Krieg oder leiden Hunger…vielleicht zu krass, aber es ändert die Sichtweise. Manchmal denke ich auch an andere Frauen, Beziehungen, Menschen und denke, mit der/ denen möchte ich auch nicht tauschen.
Ganz viel Kraft dir auf diesem Weg!

Heidi E.
Gast
Heidi E.

…ich habe den Eindruck, dass Ihr alle mal dringend “weg“ müsst? Der Bub ist chronisch krank aber kann es mentale Ursachen haben? Dem Mädel ist langweilig aber die “richtige“ Schule wird schwierig zu finden sein… Die Mutter steht kurz vor dem Zusammenbruch aber denkt, wenn man geduldig wartet, lassen sich Lösungen finden. Ich frage mich, ob die Kinder dieses Warten unbeschadet überstehen können… Wie wäre es mal mit einem rigorosen Tapetenwechsel – wie z.B. Aufenthalt im Ausland – früher gab es so Projekte in Israel. Oder Du könntest mit den Kindern ein halbes Jahr oder länger wandern – es muss… Weiterlesen »

Franziska
Gast
Franziska

mein Sohn down syndrom und wahrscheinlich leicht autistisch besucht nach langem Abwägen in Zeiten der Inklusion, bewusst die Förderschule
früher als Sonderschule gebrandmarkt.
Dort gibt es für jedes besondere Kind
viel know-how und einfühlsame Begleitung..und ja manchmal bin ich traurig daß er dort in dieser kleinen Welt mit ausschließlich behinderten kindern ist
aber er
muss dort nicht gegen das System kämpfen, das behauptet inklusiv zu sein!

Yolanda
Gast
Yolanda

Ich habe deinen Blog schon vor ein paar Jahren gern gelesen, weil ich als Alleinerziehende mit 3 Kindern so viele Ähnlichkeiten gesehen habe. Jetzt habe ich überraschend und nach ein paar Jahren lesepause gesehen, dass deine Tochter auch Asperger-Autisten ist, wie meine beiden großen Söhne auch ,12 und 9 Jahre alt. Seit 3 Monaten bekommt mein Sohn nach 1 Jahre ohne Beschulung zuhause, einen versuchten Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie, 1 Jahr in einer Gruppe für Kinder mit psychischer Diagnose nun endlich ….ONLINE-UNTERRICHT! Ich schreibe es groß, weil es so eine große Erleichterung ist! Bei uns ging das relativ unkompliziert über… Weiterlesen »