Alte Mutter. Oder junge Frau? Vereinbarkeit, Falten, Gedanken.

Wenn ich 60 bin, wird meine Jüngste 18 Jahre alt sein. Das ist ein Alter, in dem andere über die Frühverrentung nachdenken. Es ist noch 12 Jahre hin.

Beim Kinderkriegen habe ich überhaupt nicht viel nachgedacht, ich habe sie einfach bekommen, als mir der richtige Zeitpunkt und der richtige Mann gekommen schienen. Das war eine reine Bauch- und vielleicht auch biologische Uhr-Sache. Die Idee, einen Plan zu haben beim Kinderkriegen, ist mir fremd. Allerdings war ein Teil der Motivation auch „Ich will wissen, wie sich das anfühlt.“ Vielleicht ist das ein Plan, es kam mir aber nicht so vor, es war ein Bedürfnis. Was wiederum auch Biologie sein könnte.

Weihnachtsselfie 2014
Weihnachtsselfie 2014

Ich war fertig mit dem Studium, summa cum alles, hatte ein Auslandsjahr absolviert, an 3 Universitäten studiert, Berufserfahrung im Lektorat und Unterrichten, und dachte kein bisschen darüber nach, ob ein Kind mein berufliches Fortkommen oder überhaupt nur meine Berufstätigkeit behindern würde. Das erste Mal, dass ich mit dieser neuen Realität konfrontiert wurde, war auf dem Arbeitsamt in Hamburg, als ich direkt nach dem Abschluss der Journalistenschule mit dem 6 Wochen alten Baby zur „Beraterin“ ging, die mir sagte, ich wolle doch sicher sowieso zuhause bleiben, und von einer Arbeitslosmeldung absehen.

Mein „Nein, ich will arbeiten!“ quittierte diese Sachbearbeiterin mit ungläubigem Augenbrauenheben und dem finster vorgetragenen Satz „Dann muss Ihr Mann unterschreiben, dass er sich ums Kind kümmert!“ Diese meine Planung war offenbar nicht vorgesehen. Ich verwirklichte sie trotzdem und ging wieder Vollzeit in eine Redaktion, als mein Kind 3 Monate und 3 Tage alt war. Und ich fand es gut so.

Die drei Kinder kamen mit gebührendem Abstand: Die Große (heute 14), als ich 34 Jahre alt war und damit offiziell schon kurz vor spätgebärend. Der Sohn, nun 8 Jahre alt, nistete sich erst mit kurz vor 40 ein. Und weitere 2 Jahre später, ganz und gar überraschend, war die Jüngste (heute 5) unterwegs.

Dass Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen mit 41 noch schwanger werden, ist ausgesprochen unwahrscheinlich, das wusste ich als Familienjournalistin. Die zwei rosa Linien auf dem Schwangerschaftstest bewiesen mir dann, dass die Ausnahme die Regel bestätigt. Ich rief zuerst „Scheiße!“ und freute mich dann unbändig. In dem wirklich familienfreundlichen Unternehmen, einem norwegisch-schweizerischem Kinderbuchverlag, für den ich arbeitete, wurde diese „Hiobsbotschaft“ sehr gut aufgenommen – aber sicher auch, weil ich einfach weiterarbeitete, als sei ich nicht schwanger, und kurz nach der Geburt wieder aus dem Home Office nach dem Rechten sah.

Als der Sohn ein Baby war, habe ich beim Mann im Geschäft mitgearbeitet, der mageren Finanzen halber als mithelfende Familienangehörige“, also unbezahlt, und nebenbei frei in einer Sprachenschule unterrichtet sowie freiberuflich Artikel für Monatsmagazine geschrieben. In dieser Lebensphase ließen sich Familie und Beruf zwar recht gut vereinbaren, aber fürs Rentenkonto bleibt da nix übrig, weil ich nichts eingezahlt habe, und die Kindererziehungszeiten sehr wenig bringen.

Später, als die Jüngste zur Welt kam, habe ich mich getrennt – und musste von Gesetz wegen bei der Scheidung meine spärlichen Rentenpunkte auch noch mit dem Mann teilen, der als Selbstständiger gar nicht vorgesorgt hatte. „Das war der Zuschnitt der Ehe“, sagt dann der Familienrichter, und als Frau bleibt dir dann die Hälfte von nix, was auch schon egal ist, denn ob ich 450 € Rente erhalte oder 280 €, macht keinen Unterschied, es wird so oder so auf Sozialhilfe und Altersarmut hinauslaufen, und damit bin ich leider ganz typisch für die deutsche Frau und Mutter.

Nun bin ich alt, noch ein gutes Jahr, bis ich 50 werde. Na gut, 1,5 Jahre. Aber trotzdem ist das eine Zahl in greifbarer Nähe. Meine Haare sind schon lange grau, die Ringe unter meinen Augen verschwinden auch nach ausgiebigem Ausschlafen nicht mehr. Und meine Kinder, besonders das Jüngste, sind jung. Sie halten mich auf Trab, es gibt immer Dinge zu tun, Essen zu kochen, Fragen zu beantworten, Tränen zu trocknen und Pläne zu schmieden.

Andere Frauen aus meinem Geburtsjahrgang (1966) sind längst Großmutter, so meine Nachbarin aus dem Haus in der Altstadt von Konstanz, in dem ich bis 2009 lebte. Ingrids Enkelkind ist etwa so alt wie meine Jüngste und besuchte den gleichen Kindergarten. Jedes Mal, wenn ich die beiden Kinder, meine Jüngste und Ingrids Enkelin, gemeinsam in der Kita sah, schoss mir durch den Kopf, wie unglaublich alt ich bin. Und wie unglaublich jung ich bin, dass ich unter all den 30-Jährigen ein und aus gehe, sie duze, am Leben dieser Generation teilnehme, anstatt mit den 60-Jährigen über Altersleiden zu jammern. Denen wäre ich rein rechnerisch ja viel näher, aber ich habe überhaupt keine Anknüpfungspunkte mit ihnen, und das nicht aus böser Absicht, sondern weil unsere Lebenswelten so weit auseinander sind.

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Das ist eine eigenartige Zeit. Für den Berufsmarkt bin ich zu alt, aber absurderweise gelten meine zu jungen Kinder dort ebenfalls als Einstellungshindernis. Ich fühle mich alt und jung, ich bin noch fruchtbar, aber ich weiß, ich bin es nicht mehr lange. Der Wunsch nach einem weiteren Baby flackert manchmal auf, aber ich weiß, es wäre Wahnsinn, ihn zu verwirklichen, und mit wem auch – abgesehen von den medizinischen Erwägungen. Ich sehe die Falten um meinen Mund, ich sehe die Lachfältchen um die Augen, ich sehe die Haut welk werden. Das ist in Ordnung, es muss so sein. Aber es muss mir nicht gefallen.

An guten Tagen sehe ich aus wie 40, das ist angenehm, aber hauptsächlich, weil ich dann zuversichtlich bin, 100 Jahre alt zu werden. So wie die Uroma mütterlicherseits, die mit 104 Jahren erst verstarb – und das war in den 80ern. Aber die Kinder erwarten das auch von mir. Ich MUSS alt werden, ich darf nicht rauchen oder ansonsten fahrlässig mit meinem Körper umgehen, ich habe für sie da zu sein.

Ich hätt’s nie glauben können, noch bis ich 30 Jahre alt war, oder länger, dass man irgendwann genug gelebt und gesehen hat. Der Gedanke allerdings, ewig zu leben, wäre viel schlimmer als der, im Nichts zu verschwinden, was meine Überzeugung ist. Ich habe nicht vor, demnächst zu sterben, und ich bin auch nicht lebensmüde. Ich bin nur mittelalt oder mitteljung. Nicht Fisch nicht Fleisch. Es fühlt sich an, als ob mein Aggregatzustand jeden Tag wechselt, teilweise stündlich. Das ist komisch, fast wie in der Pubertät. Aber vielleicht muss das so.

Linktipp: Susanne Ackstaller alias Texterellas Text über die Wechseljahre und das Altwerden

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Ilse Maria Lechner
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Ilse Maria Lechner

Toller Artikel! Ich bin 46 und meine Kinder sind schon fast erwachsen. Was meine Gefühle zum Alter betrifft, geht es mir ähnlich. Ich fühle mich an guten Tagen wie 37. Die Argumente der Arbeitgeber kenne ich auch alle. Daher bin ich selbstständig. Die gesellschaftliche Veränderung muss von uns Frauen ausgehen. Wir beweisen täglich, was möglich ist. Auch wenn es vorher keiner glaubt.
Alles Liebe
Ilse

Simone
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Simone

Ach Christine …… :-D …… ein wundervoller Text! Ich fühle mich auch ab und an zwischen den Welten! Ich bin auf den Elternabenden in KiGa & Schule auch eine der Ältesten (bin ich die Älteste? *grübel* Habe ich noch nie drüber nachgedacht!) und habe ab und an das Gefühl das es die Wangenhaut so sehr in die Tiefe zieht, so dass sie bald wie ein nasser Sack über der Kinnhaut hängt. Ich entwickel so langsam dieses Merkel-Dreieck am Kinn! *heul* Und dann kommen die Tage, da bin ich mit der Jüngsten alleine unterwegs und fühle mich wie ende 20 mit… Weiterlesen »

ehrlichgesagt
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ehrlichgesagt

Ein grossartiger und sehr mutiger Text! Lustig, über die Wechseljahre habe ich auch gerade geschrieben. Das ist auch so ein Tabu-Wort, das niemand in den Mund nehmen will, habe ich das Gefühl.

Und weisst du, das tolle ist ja, dass du auch mit 70 noch schreiben kannst! ;-)
Lieben Gruss <3

ehrlichgesagt
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ehrlichgesagt

Okay, danke Christine. Ich habe immer Sorge, dass das aufdringlich wirken könnte.
http://ehrlichgesagt.net/2014/12/730/

Sabishii
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Sabishii

WOW! Toll geschrieben!!!

hierundanderswo
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hierundanderswo

Verleser des Abends: Weihnachts-Elfe.
Toller Text, ich wurde mit 40 Mutter des zweiten (und letzten, jetzt 6 Jahre alt) und bisher waren die nach der Stillzeit rapide grau nachwachsenden Haare mein einziges Problem damit. Dagegen ist ja gottseidank ein Kraut bzw. ein Pülverchen gewachsen.
Aber die Omas in meinem Alter, die jungen anderen Eltenr und die ambivalenten Gefühle, die kenne ich auch.

Evelyn
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Evelyn

Schön! Und irgendwie passend für diese Zeit zwischen den Jahren. Ich sehe Vieles neuerdings genauso. Dann denke ich mir: es wird im Leben nie langweilig, immer gibt es eine neue interessante Perspektive.

Micha
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Micha

Da geht es mir ganz ähnlich. Wenn es bei zwei Kindern geblieben wäre, würden in zwei Jahren keine Kinder mehr im Haus leben und (das hatte ich mir ganz naiv immer so vorgestellt) ich könnte mich endlich auf die berufliche Entfaltung stürzen. Da aber nach Kind 1 und 2 noch Kind 3 und 4 kamen verschiebt sich das alles um 17 Jahre. Unser Jüngster macht dann (vielleicht) 2031 sein Abitur, dann bin ich 59. Ach ja, die älteste Mutter in der Spielgruppe bin ich auch und man hat mich auch schon gefragt, ob das mein Enkelkind ist. Tatsächlich habe ich… Weiterlesen »

Karolin
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Karolin

Ein großes Kompliment und Dankeschön für diesen tollen Text. Auch ich mache mir diesbezüglich immer mehr Gedanken. Hab vielen Dank, dass ich an den deinen teilhaben durfte.

Mama notes Blog
Gast
Mama notes Blog

Danke Dir für diesen tollen, ehrlichen und gänzlich unaufgeregten Text. <3 Wie es der Zufall so will, habe ich genau an dem Tag, als Du es auf Facebook postetest, auch über meine Alter in Relation zu meinen jungen Kindern nachgedacht. Und wie ich nunmal so beschaffen bin, in gänzlich aufgeregter Weise. Vermutlich ist es ein Zeichen meines hohen Alters, denn ich vergesse immer, wie alt ich bin und erstaune bis erschrecke mich, wenn ich nachrechne. (Ich bin 42, meine Kinder sind 5 und 3.) Ich bin eine alte Mutter, aber als ich mit 36 schwanger wurde, fühlte ich mich so… Weiterlesen »

Rona
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Rona

Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Es ist noch nicht so lange her, dass ich Deinen Blog entdeckt habe und ich fühle mich hier schon sehr heimisch. Vieles kann ich unterstreichen und unterschreiben mit eigenen Erfahrungen. Ich werde dieses Jahr 45, bin alleinerziehend, selbständig und habe zwei Jungs von 5 und bald 11. Das mit dem Alter ist schon manchmal schwierig, besonders in der Vorstellung einer nicht mehr so fernen Zukunft, wo frau dann im Omma-Alter pubertierende Jungs um sich hat. Umgekehrt hält es mich aber fit und bewusst. Schön, wie Du schreibst, dass wir ja selbst entscheiden, wann wir… Weiterlesen »

Tamara
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Tamara

Daaaaaanke für diesen tollen Text..bin mit 45 nochmal schwanger geworden und mein Kleiner wird mich auch mindestens bis zur Rente auf Trab halten. Meine großen Mädels sind 19, 12 und 9. Der Kleine jetzt 5 Monate :)

Kirsten
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Kirsten

Liebe Christine, du bist ein Tausendsassa! Wenn mein Artikel in Sachen „später“ Mutterschaft erschienen ist, schicke ich dir mal den Link. Freue mich dann (oder überhaupt), von dir zu lesen! Bunte Grüße von Ki

Anna Momber-Heers
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Anna Momber-Heers

Liebe Christine,

beim jährlichen Adventstreffen mit Jugebdfreundinnen habe ich vor zwei Jahren gelernt, dass es taktisch klug ist sich mit diesen viel jüngeren Eltern gut zu befreunden, denn wir werden irgendwann weniger an der Zahl werden. ?
Und dieses Jahr habe ich ein zauberhaftes Wort für unser Alter kennen gelernt. Wir sind zwischenalt!
Weder wirklich schon alt, noch sind wir noch jung. Wir sind zwischenalt.
Und einige von uns müssen für ihre Kinder möglichst lange zwischenalt bleiben. Das Gefühl kenne ich gut und habe ich mir fest vorgenommen.
Alles Liebe aus Hamburg, Anna

Mutter von Zweien mit Mann, der wenig da ist
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Mutter von Zweien mit Mann, der wenig da ist

Jetzt muss ich ja doch lachen. Mit Mitte 50 ist man doch nicht alt! ;-) Kinder halten jung. Jedenfalls, wenn man den Kontakt zu ihnen nicht verliert. Mein ältestes Kind (22) hat mir gerade Snapchat installiert und mich geaddet. Jetzt bin ich auf dem Laufenden, wenn er unterwegs ist. Die Freunde meiner Kinder kommen zu uns nach Hause, sitzen in meiner Küche, kochen, quatschen, lachen, lassen mich teilhaben. Das hält jung. Meine Freundin hat 3 Kinder, das jüngste ist noch in der Schule und sie ist auch 53. Ist heute alles kein Problem mehr. Wir sind keine „alten“ Mütter, sondern… Weiterlesen »