Arbeiten rockt!

Ich solle doch nicht so ehrgeizig sein, mir nicht so viel vornehmen, meine Leistungsbereitschaft bis hin zur Selbstausbeutung ginge zu weit, schrieb mir ein Kommentator unter die Satire „#Antibewerbung“. Das ist so ähnlich, wie einem Leistungssportler zu sagen, er solle es nicht übertreiben und mal schön langsam machen.

Ich will nicht mit halber Kraft arbeiten. Es macht mich nämlich glücklich, ganz in meinem Tun aufzugehen. Wenn ich arbeite, vergesse ich alles rund um mich herum, ich denke nicht an meinen Konstostand, ich vergesse jeglichen Liebeskummer, falls ich welchen habe, ich weiß nicht mehr, wie alt ich bin und auch nicht, ob ich schon einmal verheiratet war oder Kinder habe. Das ist dann wohl ein Flow. Eventuell auch eine Sucht, aber davon gibt’s ja wirklich schlimmere, denke ich mir.

Kreidetafel Flow

 

Wenn ich tun kann, worin ich richtig gut bin, bin ich glücklich. Und wenn mir das am Ende auch noch Anerkennung in Form von Geld beschert, dann umso besser. Manchmal, das weiß ich wohl, muss man auch Sachen tun, in denen man (noch?) nicht so gut ist, um Neues zu lernen. Auch das macht mir Spaß, siehe Stadtratsamt oder Podiumsdiskussionen. Fernsehkameras machen mir keine Angst, die scheinen mich zu mögen, ebenso wie Fotojournalisten. Dahinter sitzen aber auch Leute, die ihre Arbeit mit Leidenschaft machen, vielleicht spüren die besonders gut, was sie von mir einfangen können und wollen. Im Juli bin ich wahrscheinlich wieder im öffentlich-rechtlichen TV zu sehen, ich sage dann Bescheid – ist schon alles geplant und ich freue mich darauf.

Ob ich irgendwann bei Jauch auf dem Sofa sitzen wolle, schrieb mir ein Politik-Kollege neulich mit leicht zynischem Unterton. Ja, warum auch nicht? Ich probiere das alles aus. Und erzähle dort, was die Leute hören wollen oder lieber nicht hören würden, was ich für meine Wahrheit halte. Auch das ist mittlerweile Teil meiner Arbeit geworden, Öffentlichkeitsarbeit. Für meinen Blog, für die Alleinerziehenden, für Eltern. Es macht mir Spaß. Nicht, weil ich so narzissstisch bin, sondern weil Sachen passieren, sich verkrustete Strukturen bewegen, es dauert lange und tut manchmal weh, aber ich sehe Erfolge für mein Anliegen. Geld gibt’s dafür keins, aber ich werde mit reichlich Feedback, auch indirekt zu mir kommenden Aufträgen und mit Glücksgefühlen belohnt.

Wenn ich länger (über 4 Wochen) nicht arbeiten kann, werde ich grantelig. Das bekommt mir nicht. Ich bin nach jeder Geburt so gerne und so rasch wieder berufstätig gewesen, dass sich manche Mutter wahrscheinlich verwundert die Augen reibt und mich für sonderbar hält. Aber es ist mein Wesen. Ich muss lesen, ich muss schreiben, ich muss Dinge anstoßen – nur so fühle ich mich richtig lebendig. Vielleicht, so habe ich kürzlich überlegt, bin ich weder Journalistin noch Autorin noch Texterin. Sondern Publizistin*, also Meinungsmacherin. Das klingt allerdings so abgehoben. Oder nicht? Was meint Ihr?

Ach, ist eigentlich auch nicht so wichtig. Berufsbezeichnungen sind Schall und Rauch. Ich bin Bloggerin, Mutter und Stadträtin. Bis auf Weiteres. Und wenn ich die Wochenenden durcharbeiten will, weil ein guter Kunde Kinderbuchtexte bestellt, oder weil ein Neukunde mir einen spannenden Auftrag erteilt, dann werde ich das tun, so wie in den vergangenen Wochen auch. Denn irgendwann werde ich kein Wohngeld mehr brauchen, die Kinder aus eigener Kraft ernähren können, und vielleicht bleibt sogar Geld für einen Urlaub übrig. Mag sein, dass die Kinder mir später vorwerfen, immer habe ich gearbeitet. Aber wenigstens weiß ich, dass ich das so gewollt habe. Es ist mein freier Wille. Und DAS macht mich glücklich.

***

Definition Publizist Wikipedia: „Der Publizist ist ein Journalist, Schriftsteller oder Wissenschaftler, der mit eigenen Beiträgen (Publikationen) – beispielsweise Analysen, Kommentaren, Büchern, Aufsätzen, Interviews, Reden oder Aufrufen – an der öffentlichen Meinungsbildung zu aktuellen Themen teilnimmt. Der Publizist kann auch Beiträge von anderen Autoren zu einem bestimmten Thema (oder Projekt) zusammenstellen und diese Sammlung unter einem Titel publizieren.“

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"Schnellstarterin" - 3 Monate nach der Geburt wieder im Beruf?SabrinaMama arbeitetMartinDirk (@Dgerkrath) Letzte Kommentartoren
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goldammer
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goldammer

Ja, kann ich alles so unterschreiben! Ich liebe es arbeiten zu gehen, meinen Kopf anzustrengen, Rätsel auszutüfteln und am Ende Geld dafür zu bekommen. Ich liebe auch die Tätigkeiten, die kein Geld einbringen, die aber eine sichtbare gesellschaftliche Veränderung zur Folge haben. Und ich liebe meine Kinder und will das Beste für sie. Was genau „das Beste“ ist, kann ich nur für mich und erstmal unter Vorbehalt formulieren: Wenn die Kinder erleben, dass ich mich mit Hingabe einer Sache widme, gestehen sie sich dasselbe zu. Wenn die Kinder sehen, dass wir uns aus der Wohngeldmisere herausarbeiten, bekommen sie unser Verantwortungsgefühl… Weiterlesen »

Dirk (@Dgerkrath)
Gast
Dirk (@Dgerkrath)

Hallo Goldammer, die Idee, dass Mütter innerhalb der Alleinverdiener-Ehe ausschließlich zu Hause sind und nur Haushalt und Kinder betreuen, ist so alt überhaupt nicht. Die stammt aus den 50er-Jahren in der Bundesrepublik (West), die Zeit der rückwärts gewandten erzkonservativen Adenauer-Jahre. Dass das ein relativ neues Konzept ist, wir gerne unterschlagen. Denn davor waren Mutter immer berufstätig. In der Agrar-Gesellschaft sowieso, denn man brauchte alle Hände, um die Landwirtschaft zu betreiben, damit alle satt werden. Aber auch in der Zeit der Idustriealisierung: Frauen haben immer mitgearbeitet, weil der Arbeitskräftebedarf hoch war und ein Verdienst damals nicht ausreichte. Von den Kriegszeiten wollen… Weiterlesen »

SilkeAusL
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SilkeAusL

Doch, liebe Christine, ich glaube Publizistin trifft es mittlerweile genau. Und auch nicht abgehoben! Aber wie Du schon sagtest: Berufsbezeichnungen sind Schall und Rauch! DU bist Christine, dafür mag ich Dich und auch für Deine Tweets, Blogs und vor allem Feedbacks (DANKE!!), die mir den Tag bereichern.
LG Silke

Dirk (@Dgerkrath)
Gast
Dirk (@Dgerkrath)

Liebe Silke und auch liebe Christine,
ich möchte Euch ein wenig widersprechen: ich glaube eben nicht, dass Berufsbezeichnungen Schall und Rauch sind.
Die Bezeichnung „PublizistIn“ ist doch rechtlich nicht geschützt, oder ? Muss man eine ganz spezifische Ausbildung dafür haben? Ich denke nicht.
Ich möchte ein bißchen davor warnen, sich Bezeichnungen zu geben, die sich jeder geben kann,
da wird nicht unbedingt die eigene Qualifikation deutlich.
Viele Grüße
Dirk

Kerstin
Gast
Kerstin

Ohne Arbeit werde ich ungeduldig, unausgeglichen, nervös. Leider irgendwann auch übellaunig und fatal depressiv. Mir fehlt dann einfach der Ausgleich zur Familie und mehr noch: meine liebste Beschäftigung. Ich verstehe es total. IchMUSS arbeiten und das auch mit ganzem Herzen. So wie ich meine Kinder von ganzem Herzen liebe und auch wahnsinnig gerne meine Freizeit mit ihnen verbringe.

Eva
Gast
Eva

Ein schöner Text, aber *Achtung Klugscheißermodus* noch schöner wäre die begriffliche Unterscheidung zwischen Arbeit und Erwerbsarbeit. Viele, viele Frauen (ja, v.a. Frauen!) leisten unzählige Stunden unbezahlter Arbeit innerhalb der Familie. Ich selbst arbeite auch, leider nur sehr wenige Stunden bezahlt und meiner Ausbildung entsprechend, die restliche Zeit eben unbezahlt und zuhause. Vielleicht merkt man an meinem Kommentar, dass das Thema bei mir einen Nerv trifft. Ich musste diesen Kommentar trotzdem loswerden, wünsche mir einfach einen reflektierteren Umgang mit dem Begriff Arbeit, damit ich solche Fragen wie „Arbeitest Du, oder bist Du mit den Kindern zuhause?“ nicht mehr beantworten muss. Ansonsten:… Weiterlesen »

Martin
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Martin

Halte Dinge wie Arbeiten als Selbstaufopferung und Arbeiten um zu vergessen ziemlich bedenklich und das verstärkt sich bei jeder weiteren Zeile, die ich lese! Der Wert einer Frau bemisst sich bei uns Männern schon lange nicht mehr nach übertriebener Leistung und überzogenem Egoismus sondern nach der gelungenen Balance um das jeweils angepeilte Lebensziel zu erreichen und auch die sich selbst gesuchte Verantwortung zu erfüllen. Wir wollen aufgeklärte, realistische Frauen, die mit sich zufrieden sind, sich um Ihre Gesundheit kümmern und die gleichen Dinge im täglichen Leben bewältigen wie wir Männer. Biologisch bedingt gibt es sicherlich mal Perioden, bei denen sich… Weiterlesen »

Sabrina
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Sabrina

Das soll jetzt nicht abwertend klingen aber der Mensch ist nun mal ein Arbeitstier. Er ist dafür gemacht Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen und seine Pflichten zu erfüllen. Und dabei gibt es in meinen Augen 3 Arten von Menschen. Die erste Gruppe kann viel stemmen und hat dann immer noch Kraft übrig. Die 2. Gruppe will viel stemmen und schafft es nicht und die 3. Gruppe will kaum was übernehmen. Jeder sollte halt genau wissen zu welcher Gruppe er gehört und sich da einordnen. So ist jeder dann mit dem was er macht zufrieden und man übernimmt sich halt… Weiterlesen »

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"Schnellstarterin" - 3 Monate nach der Geburt wieder im Beruf?

[…] froh um meine gute Ausbildung, das Studium, die Auslandserfahrung, die Dinge, die ich lernen konnte. Lernen ist toll. Und arbeiten auch, jedenfalls, wenn man etwas tun kann, das man liebt. Als Schnellstarterin habe ich mich nie gesehen. Ich finde den Begriff an dieser Stelle albern […]