Alleinerziehend – steuerlich betrachtet. (Gastbeitrag)

Tina vom „WerdenundSein Blog“ ist Steuerfachangestellte, Bilanzbuchhalterin und Mutter zweier kleiner Kinder, die 2009 und 2011 geboren wurden.

Sie engagiert sich ebenso wie ich bei „Familie 2.0„. Auf twitter findet Ihr sie unter Ti Na.

Alleinerziehend. Das betrifft mich nicht.

Dennoch habe ich mir vor kurzem Gedanken darüber gemacht, wie es – rein finanziell – wäre, alleinerziehend zu sein. Und ich kann sagen: das hat keinen Spaß gemacht. Mangels ausreichender Kinderbetreuung komme ich auf maximal 25 Stunden, die ich arbeiten und somit auch verdienen kann. Natürlich kann man daran etwas ändern. Ob man das will, ist eine andere Frage. Ob ich dann noch diese Entscheidungsfreiheit habe? Darüber will ich gar nicht nachdenken. Nein, das Thema macht keinen Spaß und am allerliebsten möchte ich jetzt meinen Laptop zuklappen und mich der Illusion hingeben, dass bei mir ja alles in Ordnung ist. Denn ich kann mich ja einfach anstrengen, dann passiert mir das schon nicht. So einfach ist das dann doch nicht. Was ist, wenn dem anderen etwas passiert?

Tina

Ich beleuchte das Thema einmal steuerlich. Das kann ich und nüchtern genug ist es auch.

„Alleinerziehende Mütter oder Väter haben höhere finanzielle Belastungen zu tragen.“ So hat es das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend richtig erkannt. Was hinter diesem kleinen Satz steckt, kann man als „nicht Betroffene“ nur erahnen. Fakt ist jedoch: mehr als 90% der Alleinerziehenden sind Frauen und viele Väter kommen ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nach. Es bleibt also nicht beim alleine Erziehen, sondern auch beim alleine Zahlen.

Das Familienministerium schreibt:

Im Rahmen einer nachhaltigen Familienpolitik sind bereits wichtige Schritte erfolgt, um die materiellen Leistungen für Alleinerziehende und ihre Kinder zu verbessern. Die Erhöhung und frühere Staffelung des Kindergeldes, die Einführung des Elterngeldes und die Leistungen für Bildung und Teilhabe auch für Kinderzuschlag- und Wohngeldbezieher sowie der weiterentwickelte Kinderzuschlag kommen wesentlich auch Alleinerziehenden zugute. Gemeinsam mit einer Erhöhung des Wohngelds werden mehr Familien unabhängig von Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld und Sozialhilfe sein.

Hm. Kindergeld, Elterngeld, Wohngeld: alles Leistungen, die nicht nur Alleinerziehenden zufließen. Gibt es Leistungen extra für Alleinerziehende? Da wird man bei der Einkommensteuer fündig. Es gibt einen Entlastungsbetrag für Alleinerziehende in Höhe von 1.308 Euro. Nicht pro Kind. Pro Alleinerziehende/m. Und pro Jahr. Dieser Entlastungsbetrag wird bereits in der Steuerklasse II (die alle Alleinerziehenden beantragen können) innerhalb der monatlichen Lohnabrechnung berücksichtigt oder bei selbstständigen Alleinerziehenden im Rahmen der Steuererklärung.

Voraussetzungen, um Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende zu beanspruchen:

  • zum Haushalt des alleinstehenden Steuerpflichtigen muss mindestens ein Kind gehören.
  • für dieses Kind muss ihm Kindergeld oder der Kinderfreibetrag/der Betreuungsfreibetrag zustehen.
  • der Alleinstehende darf die Voraussetzung für das Splittingverfahren nicht erfüllen
  • es darf keine Haushaltsgemeinschaft mit einer anderen volljährigen Person bestehen, außer Kinder (unter bestimmten Voraussetzungen).

1.308 Euro klingt zunächst recht viel, was dies genau bedeutet und vor allem, was es genau unterm Strich ausmacht, zeigen die folgenden Beispiele.

Entlastungsbetrag bei Steuerklasse II

Beispiel 1: Simone K. lebt mit ihren beiden Kindern Sven 8 und Wiebke 4 in Köln. Vor 3 Jahren hat sie sich von ihrem Mann getrennt und lebt seitdem alleine. Sie arbeitet als Steuerfachangestellte 25 Stunden in einer kleinen Kanzlei und verdient dabei 1500 Euro brutto. Mit Steuerklasse II sieht ihre Lohnberechnung wie folgt aus:

Grundlohn brutto 1.500,00 €
Lohnsteuer–        72,75 €
Solidaritätszuschlag
Kirchensteuer–          1,40 €
Krankenversicherung–      123,00 €
Pflegeversicherung–        15,38 €
Rentenversicherung–      141,75 €
Arbeitslosenversicherung–        22,50 €–      376,78 €
Netto 1.123,22 €

Zum Vergleich die Lohnabrechnung einer unverheirateten in Partnerschaft lebenden Mutter mit Steuerklasse I:

Grundlohn brutto 1.500,00 €
Lohnsteuer–        98,75 €
Solidaritätszuschlag
Kirchensteuer–          3,11 €
Krankenversicherung–      123,00 €
Pflegeversicherung–        15,38 €
Rentenversicherung–      141,75 €
Arbeitslosenversicherung–        22,50 €–      404,49 €
Netto 1.095,51 €

Die alleinerziehende Simone hat somit 27,71 Euro im Monat mehr in der Tasche. Der Entlastungsbetrag in Höhe von 1.308 Euro macht für sie aufs Jahr gerechnet 332,52 Euro aus.

Der Entlastungsbetrag bei Selbstständigen

Beispiel 2: Carola. ist als freie Journalistin selbstständig. Ihre Einnahmen abzüglich Ausgaben ergeben einen Gewinn in Höhe von 13.200 Euro. Die Steuerberechnung ergibt, dass Carola ohne den Entlastungsbetrag 377 Euro Einkommensteuer im Monat zahlen müsste. Sie hat gegenüber einer unverheirateten Mutter 223 Euro mehr im Jahr.

Finde ich das gerecht? Ausreichend? Reißt es das raus? Darf man das überhaupt so vergleichen: Unverheiratete Mutter in Partnerschaft mit einer alleinerziehenden Mutter? Muss der Staat überhaupt alles auffangen? Schließlich gibt es auch noch Kindergeld und Wohngeld. Und das Elterngeld. Was hat es mit dem Elterngeld und dem Kinderfreibetrag auf sich? Hat der andere Elternteil auch Vergünstigungen, obwohl er die Kinder nicht in seinem Haushalt hat?

Elterngeld und Kinderfreibetrag

Grundsätzliches:

Kindergeld und die Freibeträge nach §32 Abs. 6 ESTG (Kinderfreibetrag/Betreuungsfreibetrag) stellen einen gewissen Einkommensbetrag – das Existenzminimums eines Kindes – steuerlich frei. Das bedeutet, in Höhe dieses Betrages wird das Einkommen nicht versteuert. Damit soll eine Art Ausgleich oder Entschädigung gegenüber Nicht-Eltern geschaffen werden. Die Voraussetzungen bei unter 18-jährigen Kindern sind ganz einfach: sie werden grundsätzlich steuerlich berücksichtigt.

Im laufenden Kalenderjahr wird den Eltern Kindergeld monatlich ausgezahlt. Mit der Steuererklärung wird durch das Finanzamt überprüft, ob das Kindergeld oder die genannten Freibeträge günstiger sind. Kindergeld oder die Freibeträge können nur alternativ in Anspruch genommen werden. Entweder – oder.

Höhe der Freibeträge

Der Kinderfreibetrag beträgt pro „steuerliches“ Kind 2.184 Euro und der Betreuungsfreibetrag 1.320 Euro. Diese Freibeträge stehen jedem einzelnen Steuerpflichtigen zu und verdoppelt sich bei verheirateten Eltern auf 4.368 Euro und 2.640 Euro.

Damit zahlt der einzelne Elternteil für 3.504 Euro des Brutto-Jahreseinkommens keine Steuern. Für Eltern, die ihre Steuererklärung gemeinsam abgeben, bleiben 7.008 Euro unversteuert.

Vergleichsberechnung – Günstigerprüfung

Mit der Steuererklärung wird für jedes Kind einzeln geprüft, ob das Kindergeld oder die Freibeträge günstiger sind. Anhand unseres Beispieles schaut das so aus:

Einkommen 9.036,00 €
Kinderfreibetrag Kind 1 2.184,00 €
Betreuungsfreibetrag Kind 1 1.320,00 € 3.504,00 €
zu versteuerndes Einkommen 5.532,00 €
Einkommensteuer, wenn Freibeträge angewandt werden –   €
Steuer, wenn Freibeträge nicht angewendet werden 154,00 €
Steuerersparnis 154,00 €
erhaltenes Kindergeld (12×184 Euro, davon hälftige Anrechnung) 1.104,00 €

Das erhaltene Kindergeld ist für die selbstständige Carola die günstigere Lösung. Kinderfreibetrag und Betreuungsfreibetrag finden keinen Ansatz.

Nehmen wir an, Carola hätte ein Einkommen von 40.980 Euro. Dann sähe die Berechnung wie folgt aus:

Einkommen 40.980,00 €
Kinderfreibetrag Kind 1 2.184,00 €
Betreuungsfreibetrag Kind 1 1.320,00 € 3.504,00 €
zu versteuerndes Einkommen 37.476,00 €
Einkommensteuer, wenn Freibeträge angewandt werden 8.110,00 €
Steuer, wenn Freibeträge nicht angewendet werden 9.363,00 €
Steuerersparnis 1.253,00 €
erhaltenes Kindergeld (12×184 Euro, davon hälftige Anrechnung) 1.104,00 €
Differenz zugunsten Kinderfreibeträge 149,00 €

Wer sich nun fragt, warum diese Vergleichsrechnung überhaupt lohnenswert erscheint: liegt das Einkommen bei etwa 100.000 Euro, so ist der Kinderfreibetrag für 1 Kind schon um 368 Euro günstiger. Je höher also das Einkommen, desto günstiger der Kinder-/Betreuungsfreibetrag. Ein wenig ketzerisch könnte man nun fragen, warum das Existenzminimum eines Kindes bei besser Verdienenden höher angesetzt wird?

Dieselbe Günstigerprüfung findet auch beim anderen Elternteil statt. Das heißt in Carolas Fall: der Vater hat dieselben steuerlichen Vergünstigungen wie Carola. Ist das gerecht? Ich denke ja. Wenn er Unterhalt zahlt. Denn dann hat er ebenfalls Aufwendungen und ich denke, damit stehen ihm dieselben steuerlichen Subventionen zu wie Carola. Aber was, wenn er seinen Unterhaltspflichten nicht nachkommt?

Wenn der andere Elternteil keinen Unterhalt zahlt…

… dann kann unter bestimmten Voraussetzungen beantragt werden, dass der Kinderfreibetrag und der Betreuungsfreibetrag des anderen Elternteils auf ihn selbst übertragen werden. Wenn der Vater seinen Unterhaltspflichten nicht zu mindestens 75% nachkommt, dann kann ohne Zustimmung des Vaters der volle Kinderfreibetrag und Betreuungsfreibetrag übertragen werden.

In der Praxis geschieht dies sicher selten, denn die wenigsten Alleinerziehenden werden sich auf dem Gehaltsniveau befinden, wo der Kinderfreibetrag günstiger ist und somit dem anderen Elternteil „weggenommen“ werden könnte.

So kann es theoretisch passieren, dass bei ihr das Kindergeld günstiger ist und bei ihm die Kinderfreibeträge greifen. Auch wenn er keinen Unterhalt zahlt. Denn steuerlich werden Kinder unter 18 generell berücksichtigt. Eine Überprüfung, ob tatsächlich Kosten entstanden sind, erfolgt nicht. Das macht viele Alleinerziehende wütend. Und ich kann es verstehen.

Linktipp: Was müssen berufstätige Mütter steuerlich beachten? auf dem „Mama im Job“ Blog

Linktipp zu Tinas Blog: Das Ehegattensplitting – eine Geschichte voller Missverständnisse

Screenshot Werden und Sein Blog von Tina
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Manuela
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Manuela

Und wieder wird mir klar wie schön doch das Leben als Ausländer in der Schweiz war. Keine Steuererklärung, nur sehr niedrige Quellensteuer und für Zuschüsse – etwa Kita und KK – gibt man nur seinen Lohnzettel ab und die Ämter zahlen dann schon anteilig ausgerechnet aus. Dazu noch obligatorische und vom Arbeitgeber freiwillige Kinderzulagen. Am Ende des Monats bekommt man vom Arbeitgeber einfach einen Betrag überwiesen und bis auf die Krankenkasse muss man nix weiter bezahlen, sondern kann mit dem jeweiligen Betrag fest rechnen. Und Ende des Jahres gibt es vom Arbeitgeber einfach eine Lohnaufstellung, auf der alle Zusatzleistungen direkt… Weiterlesen »

Johanna
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Johanna

Ich beziehe mich auf deine 140 Sekunden und die finde ich hier nicht im Blog und daher unter diesem Artikel. Du sagst du darfst mit 3 Kindern bis zu 50 Tage im Jahr daheim bleiben. Aus der Front der Festanstellungen muss ich dich da korrigieren. Solange deinde Kinder krank sind und der Arzt die Betreuung für notwendig hält, darfst du im Notfall das ganze Jahr daheim bleiben. Das endet üblicherweise, wenn die Kinder 12 Jahre alt werden. Du beziehst dich mit den 50 Tagen vermutlich auf die maximal bezahlten Kinderkrankentage von der Krankenkasse. Das zahlt aber die Krankenkasse abhängig vom… Weiterlesen »

Johanna
Gast
Johanna

Ok. Einfacher. Du hast nur 40 Tage, dein grosses Kind ist über 12. Jeder Mann mit zwei Kind ist das selbe Risiko, wenn seine Frau wieder einsetzt. Urlaub hat jeder, Krankheit trifft hoffentlich niemand. Mit Kindern ist man sehr kalkulierbar, man braucht schlicht die Kohle. Kita und Schule sind teuer, so man kein Sozialfall.

Johanna
Gast
Johanna

Arbeite in der IT, in einem sehr jungem Team. Mir fallen nur sehr wenige Drückeberger ein. Warum sollten sie sich der Verantwortung entziehen wollen? Kein Scherz, die große Mehrheit kümmert sich. Hier kenne ich aber auch alleinerziehende Väter umd auch getrennte und dennoch sorgende Väter. Berlin ist aber auch nicht Konstanz. Es sind ja auch nicht alle Kinder mehr als 20 Tage im Jahr krank. Mir kommt zwar jeder kranke Tag wie Jahre vor, aber es ist doch überschaubar.

Matthias
Gast
Matthias

Super Artikel !
Wenn es euch nicht gebe, würde ich euch erfinden !

mara
Gast
mara

Danke für diesen Beitrag. Ich bin Alleinerziehend mit zwei Kindern und selbstständig. Und mein Jahresgewinn liegt so bei 10000 bis 12000. Ohne Zuschüsse (Alg 2, Bildung Teilhabe, Betreuungsgeld Hort v Jugendamt) würden wir nicht über die Runden kommen. Das Paradoxe ist, dass trotzdem jährlich Einkommenssteuer fällig wird!!! Der nächste Schritt wäre sich zu organisieren und Veränderungen anzustreben… Bloß wie das noch in die knappe Zeit packen?! :-)(

vika
Gast
vika

der artikel ist zwar schon älter aber ich hab ne info bez. kinderfreibetrag voll beantragen, wenn der uterhaltspflichtiger nicht mind. 75% des unterhaltes zahlt: lt. sachbearbeiterin beim FA in meiner provinzstadt in BaWü „sie bekommen UVG, das jugendamt holt es sich vom unterhaltspflichtigen schon zurück, somit steht diesem auch der hälftige kinderfreibetrag“ und liess nicht mehr mit sich diskutieren.