Grenzgängerin oder: Schweiz, du hast es besser!

Auf meinem leeren Schreibtisch lag ein Geschenk, als ich den ersten Arbeitstag in meinem damals neuen Job antrat: Ein Wörterbuch Schweizerdeutsch-Deutsch. Als in Hamburg geborene Alemannin habe ich das Glück, die Schweizer (na gut, bei den Bernern wird’s etwas schwierig) sehr gut zu verstehen. Aber dieses kleine Nachschlagewerk war mir trotzdem sehr nützlich.

Wer kann zum Beispiel schon ahnen, dass „uhueregeil“ ein gesteigertes klasse ist? Oder dass „Lämpe“ Streit bedeutet? Viele Dinge sind im 46 Seiten dünnen Wörtberbuch jedoch nicht aufgeführt, die habe ich im Laufe der Zeit selbst herausgefunden. So sind „Vögeli“ Rouladen, und zwar mit Servela-Wurst gefüllt. Und „zmörgele“ heißt frühstücken.

Aber die wirklich wichtigen Dinge lernt man eh nicht aus dem Wörterbuch: den Umgang miteinander und die Denkweise der Schweizer. Da ich die erste „Düütschi“ war in meiner ehemaligen Firma im tiefen Aargau, wurde ich zuerst mit gewisser Vorsicht genossen. Was sich allerdings bald gab, als die Mitarbeiter erstens merkten, dass ich sie verstehe und zweitens weder hochnäsig noch humorlos bin (das ist leider das Bild, das meine Landsleute oft abgeben gegenüber Schweizern).

Schon bei der Begrüßung lauert das erste Fettnäpfchen: Eine Person grüßt man mit „Grüezi“, mehrere mit „Grüezi mitenand“. Und bloß nicht zu schnell das Wort ergreifen, die Schweizer lieben ihre Pause, besonders am Telefon. Anfangs wirkte das auf mich lahm, später höflich. Was erklärt, warum wir Deutschen als so unhöflich rüberkommen.

Was die berufstätige Mutter betrifft, so gibt es sie eigentlich in der Schweiz nicht. Jedenfalls nicht, wenn ihre Kinder noch unter 10 sind. Denn den Kindergarten im deutschen Sinne kennt man nicht (oder privat, dann unbezahlbar), und der sogenannte „Kinski“ ist eine Art Vorschule ab 5 Jahren, die die „Chind“ von etwa 9-12 Uhr besuchen. Ohne Mittagessen, Kernzeit und Nachmittagsbetreuung, versteht sich. Kommen die Kinder dann in die Schule, ändert sich für die Frau, die arbeiten möchte auch nicht viel – höchstens stundenweise vormittags kann sie aus dem Haus.

Nicht viel einfacher macht die Sache, dass es in der Schweiz mitnichten 20 Tage erlaubte Fehlzeit pro Kind und Jahr gibt (ich bleibe jetzt mal bei den Alleinerziehenden, so wäre das in Deutschland. Für Nicht-Alleinerziehende 10 Tage pro Kind und Jahr). Nein, 2 Tage, egal wie viele Kinder und ob allein oder nicht, soviel steht als erlaubte Fehlzeit bei kranken Kindern oft im Arbeitsvertrag. So auch in meinem. Was darüber hinaus an Krankheitsfehltagen anfällt, ist Privatvergnügen, also Urlaub. Bei 20-25 Tagen Urlaub pro Kalenderjahr kann man sich ausrechnen, dass bei so mancher Frau nicht viel Zeit für Ferien übrig bleibt am Jahresende.

Wundersamerweise hatte ich trotzdem immer noch ein Plus auf dem Ferienkonto, wenn es an den Übertrag fürs kommende Jahr ging. Wahrscheinlich wollte ich etwas für Krankheitstage der Kinder in petto haben… Oder aber für Krankheit des Au-Pairs/der Kinderfrau, denn daran muss die in der Schweiz als Grenzgängerin arbeitende Mama ja auch denken. Selbst krank geworden bin ich übrigens so gut wie nie in den vergangenen vier Jahren, dazu hatte ich keine Zeit!

Nach diesen Ausführungen kann ich nun endlich zum Punkt kommen. Die Schweiz hat es besser, weil dort eine Frau noch eingestellt werden kann, selbst wenn sie Kinder hat und alleinerziehend ist. Denn dort kann man diese Frau auch wieder feuern, falls sie den Erwartungen nicht entspricht. Sogar, wenn sie schwanger ist. All die schönen Gesetze in Deutschland schaden den Frauen mehr als dass sie ihnen nützen in Sachen Gleichstellung im Beruf.

Ach, und übrigens: Der Sommerurlaub, über den ich in meinem ersten Blogeintrag schrieb, war mein erster Urlaub seit 4 Jahren. Kaum zu glauben, aber wahr. Denn Kindergarteneingewöhnung, Au-Pair Eingewöhnung und anderer administrativer Kram verbrauchen auch reichlich Urlaubstage. Und trotzdem: in der Schweiz zu arbeiten war toll. Würde ich jederzeit gerne wieder machen. Auch wegen des guten Essens. Aber vor allem wegen der netten Schweizer!

2
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
2 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
MamaOTRMama arbeitet Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
MamaOTR
Gast
MamaOTR

super Artikel! Ein Punkt stimmt allerdings nicht: In der Schwangerschaft kann einer Frau in der Schweiz nicht gekündigt werden. :)