Speakerin werden – meine Tipps

Du bekommst Herzflattern und Bauchgrummeln beim Gedanken, vor einer größeren Gruppe Menschen zu sprechen? Du hasst es, exponiert zu sein? Macht nix, das geht mir auch so. Vielleicht wärst du trotzdem eine gute Speakerin.

Wir brauchen viel mehr Frauen, die sich zu Wort melden, denn Männer tun das die ganze Zeit, auch wenn sie gar nicht so viel zu sagen haben und dies ausgesprochen langatmig tun (Sie sind, das ist wissenschaftlich erwiesen, mit weniger Selbstzweifeln gesegnet).

Ich war keinesfalls dazu prädestiniert, vor Hunderten von Menschen live oder vor Millionen im TV zu sprechen, und es kostet mich auch immer noch Überwindung, im Gemeinderat etwas zu sagen. Trotzdem kann ich das. Und ich kann es offenbar gut, wenn ich den Rückmeldungen glaube und auch selbstkritisch anschaue, wie ich wirke (Ulkigerweise je größer das Publikum, desto besser).

Niemand hätte gedacht, dass die kleine Christine, die im Unterricht nie etwas sagte, irgendwann Menschen zu Standing Ovations bringen würde. Ich zuletzt. Wie konnte das also passieren? Und was bedeutet das für dich?

Speakerin
Jarmoluk auf Pixabay.com

Diese Voraussetzungen solltest du mitbringen, um Speakerin zu sein

  • Begeisterungsfähigkeit und das Gespür für Schwingungen im Raum
  • Du kannst gut formulieren, auch unter Stress (Schlagfertigkeit ist extrem hilfreich)
  • Du hast den Wunsch, etwas zu verändern, Menschen zum Umdenken zu bringen, oder sie zu bewegen
  • Du kennst dich fachlich aus in deinem Themenbereich
  • Grundsätzlich magst du Menschen und interessierst dich dafür, was sie bewegt
  • Es ist dir nicht egal, wie Menschen auf dich reagieren
  • Du kannst mit deiner Stimme arbeiten (Ich hab Phonetik studiert, das hilft)

Förderer: Menschen, die an dich glauben

Vor meinem ersten öffentlichen Auftritt als Speakerin 2016 musste mich Sven Trautwein, der die Bloggerkonferenz #denkst in Nürnberg zusammen mit Susanne Hausdorf veranstaltet, wochenlang per Facebook-Direktnachricht beknien, ob ich das mache.

Ich hatte anfangs einfach zu viel Angst, um zuzusagen. Aber Sven hat immer wieder nachgefragt und mir das Gefühl gegeben, ich sei dort ein wertvoller Beitrag, und so habe ich mich irgendwann hinreißen lassen, zu sagen ich komme und rede – um das wochenlang zu bereuen, weil ich nun Angst hatte. Das Ende vom Lied war, dass ich im April 2016 vor über 100 Leuten stand und mich verfluchte. Bis ich den ersten Satz gesagt hatte, und es liebte. Ich war plötzlich zu einer Speakerin geworden. Es war toll. Ich war elektrisiert und baff. Niemals hätte ich das gedacht! (Video der Veranstaltung hier, im Blog)

Damals war ich 49. Denke also niemals, du bist zu alt, um Speakerin zu werden.

Inzwischen haben mich viele verschiedene Menschen als Speakerin und auch für TV angefragt, zuletzt die Fraktion der Grünen in Bayern, wo ich am vergangenen Wochenende vor über 400 Menschen sprach.

Ich habe gelernt zu vertrauen, dass sie wissen, warum sie gerade mich fragen.

Keine Angst vor der Angst

  • Ich habe jedes Mal Angst, wenn ich öffentliche Auftritte habe. Die Angst ist hier aber mein Freund. Sie macht mich wachsam, sie fördert meine Konzentration, und eigentlich ist es ja auch nur Aufregung. Gegen ein bisschen Aufregung ist ja eigentlich nix zu sagen, oder?
  • In dem Moment, wo die Kameras angehen oder mein Auftritt beginnt, verschwindet die Aufregung. Ich bin völlig klar und 100% da. Das ist ein tolles Gefühl, und es ist Glückssache, ob das so ist. Niemand kann dir sagen, ob das bei dir auch so ist. Du musst es ausprobieren.
  • Haltung ist die halbe Miete. Jedes Mal, wenn ich auftrete, überlege ich vorher genau, was ich transportieren möchte. Was ist mir wichtig? Wofür stehe ich? Wenn ich das weiß, kann mich nicht viel aus dem Takt bringen.
  • Sehr wichtig: Atmen, langsam sprechen, Mensch bleiben – ich spüre mich gut, wenn ich öffentlich auftrete. Ich spüre aber auch ganz viel aus dem Raum. Wenn ich das beides zusammenbringe, habe ich die Leute abgeholt. Das ist dann ein bisschen „magic“.

Bereite dich vor, aber lasse Luft für Spontanes

Vorbereitung ist gut, weil sie dir Sicherheit gibt. Aber bleib flexibel. Als Speakerin ist es wie im echten Leben: Du kannst Pläne machen, aber das Leben kommt dazwischen. Wenn du es schaffst, nicht starr an irgendwelchen Plänen zu hängen, sondern auch noch zu gucken, wofür gerade Luft ist, kannst du eventuell richtig punkten.

Ich mache mir, je nach Auftritt, entweder ein Redemanuskript oder nur Stichpunkte, die ich je nach Gelegenheit auch auswendig lerne (für TV zum Beispiel). Aber wenn mein Bauch mir sagt, die Leute langweilen sich, oder hier ist eine Lücke für ein besonderes Statement, dann springe ich da rein. Das Adrenalin hilft dabei.

Just Do It

  • Frei nach der Empfehlung von Teresa Bücker sage ich immer zu, wenn ich als Speakerin oder für öffentliche Auftritte angefragt werde. Ich überlege kurz, was schlimmstenfalls passieren kann, wenn ich es versaue, und sage dann zu. Bevor ich zu lange nachdenke, was alles schiefgehen kann.
  • Wenn ich dann zugesagt habe, kann ich ja schlecht einen Rückzieher machen. Also bereite ich mich vor, ich frame das Ganze – stelle mir also vor, wo ich stehe, wie sich das anfühlt, und sehe das ganze Szenario vor mir – und dann schreibe ich spontan auf, was ich sagen will. Spontan heißt, dass ich das nicht geplant machen kann. Ich warte, bis der richtige Moment kommt, ein Flow. Und dann nehme ich das, was im Flow entsteht, und glaube daran, dass es gut sein wird.
  • Dann muss ich nur noch hinfahren, vor dem Auftritt atmen, zappeln, leiden, und mir einen Tritt in den Allerwertesten geben. Und wenn ich erstmal dran bin und rede, ist alles gut.

Hinterher: Analysiere deinen Auftritt

Wenn ich im TV oder auf Video bin, habe ich hinterher immer Hemmungen, mir das anzuschauen, da geht es mir so wie einigen Schauspielern. Aber ich mache das trotzdem, damit ich daraus lerne. Und manchmal ist das sehr lehrreich, wenn zum Beispiel ein Auftritt, von dem ich dachte, er sei völlig in die Hose gegangen, immer noch respektabel bis ziemlich gut ist.

Mein eigener, perfektionistischer Anspruch und das gefühlte Desaster sind nicht immer das, was bei Auftritt rüberkommt. Andererseits sind Auftritte, bei denen ich mich gut fühlte, immer auch toll auf Video anzusehen. Das beruhigt, je öfter man als Speakerin aufgetreten ist, und gibt Selbstvertrauen.

Am Ende ist es wie mit allem: Es ist auch eine Frage der Übung. Talent gehört sicherlich dazu, aber je öfter du auftrittst, um du sicherer wirst du. Mir macht das inzwischen jedenfalls richtig Spaß. Und es ist schön, zu merken, dass man besser wird.

Übermorgen, am 12. Mai, spreche ich zum Abschluss der Familiendemo gegen Kinderarmut am Brandenburger Tor. 5 Minuten nur, aber ich werde mächtig Angst haben vorher. Das muss so. :)

Mehr Infos zu Christine Finke als Speakerin hier im Blog

Trag dich bei Speakerinnen.org ein, der Datenbank für Speakerinnen. Ich bin dort auch eingetragen. Damit niemand mehr sagen kann, er findet keine Frauen, die reden wollen.

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SvenAnnaMama arbeitetdasnufJulia S. Letzte Kommentartoren
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Julia S.
Gast
Julia S.

Hallo Frau Finke, vielen Dank für Ihre Tipps, die ich so bzw. ähnlich auch anwende. Ich habe meine Angst vor der mündlichen Matheabiturprüfung im Rhetorikclub bei den Toastmastern in den Griff bekommen. So einen Club gibt es meines Wissens in jeder größeren Stadt. Ich habe eine Mentorin an die Seite gestellt bekommen, mein Ziel definiert und dann mit ihr und den anderen Mitgliedern einmal die Woche an meinem Ziel gearbeitet. Dort geht es nicht nur ums Reden schwingen, sondern um alles, was Kommunikation und das eigene Auftreten angeht. Für mich als Schülerin, war das damals perfekt und ich kann mir… Weiterlesen »

dasnuf
Gast
dasnuf

Danke für diesen ermutigenden Text. Ich möchte Dir dennoch sagen: Du hast ein besonderes Talent. Nicht jede/r kann das wie du. Ich war sowas von beeindruckt, als ich oben gelesen und kapiert habe, dass Dein Vortrag auf der denkst Dein erster war. Denn ganz ehrlich, es war einer der besten Vorträge, die ich je gehört habe.
Ich glaube, ich kann auch gute Vorträge halten. Mir mangelt es aber leider total am „spontan“. Dafür ist übrigens podcasten eine gute Übung. D.h. ich bin da besser geworden – aber Christine, Du bist einfach wirklich der Hammer.

Anna
Gast
Anna

Es war schön, Sie am Samstag live gehört zu haben!

Sven
Gast
Sven

Liebe Christine,

wir waren uns sicher, dass das Beknien Sinn macht. Und das macht es!! Wir drücken dir die Daumen für alles, was kommt.