Bloggen: Ja, ich mache mich angreifbar

Gerade dachte ich darüber nach, hier festzuhalten, wie ich mit den Reaktionen der Leser auf meine Texte umgehe. Sie sind nicht alle wohlwollend, auch wenn auf diesem Blog viele mitlesen und kommentieren, die mir Mut zusprechen und empathisch sind.

Und da lese ich den heute früh auf der Süddeutschen Online erschienenen Kommentar von Hannah Beitzer über das, was vom #Aufschrei blieb. Das bringt das Fass zum Überlaufen bzw. mich dazu, mich ein weiteres Mal angreifbar zu machen. Mit Bedacht und absichtlich, frei nach Hannah Beitzer, die den Artikel mit der Bemerkung beendet, dass „die wirklich interessanten Dinge“ dort passieren,

…wo jemand nicht länger so tut, als könnte man Themen, die jeden angehen, lösen, indem man subjektive Empfindungen und persönliche Erfahrungen komplett ausklammert. Und wo jemand auch mal wütend wird. Wer einen #Aufschrei wagt, der macht sich zwar persönlich verletzlich. Doch im Zweifel hilft er damit vielen anderen, die sich das so niemals getraut hätten.

© Rudie - Fotolia.com
© Rudie – Fotolia.com

Wut, das ist für Hannah Beitzer die Quintessenz, finde wieder ihren Weg in die gesellschaftlichen Debatten, nachdem wir jahrelang feststeckten in einer „zähe[n] Konsenssuppe, die spätestens in den Neunziger Jahren über das Thema Gleichberechtigung geschwappt war und es gnädig überdeckte.“ Nun sind Empörung und persönliche Betroffenheit wieder am Zug. Wer diesen Blog gelegentlich liest, wird nicht erstaunt sein, dass ich diese Entwicklung begrüße.

Denn mein Thema ist die Diskriminierung von Alleinerziehenden in allen gesellschaftlichen Bereichen – sei es beruflich, finanziell, sozialgesetzlich, steuerlich oder zwischenmenschlich. Und es wäre bizarr, wenn mich das nicht wütend machte. Manchmal überfällt mich vor der Wut eine große Trauer oder Verbitterung, und ich lege diese Gefühle hier offen.

© Maksim Kabakou - Fotolia.com
© Maksim Kabakou – Fotolia.com

Das macht mich angreifbar, weil ich mit Gesicht und Realnamen schreibe. Dass ich die Situation Alleinerziehender beschreibe, weckt bei einigen sogar Hass. Kürzlich wurde mir vorgeworfen, ich mache meine Kinder zu Content und missbrauche sie somit, um meinen Wunsch nach Aufmerksamkeit zu stillen. „Public Shaming“ sei das, also Bloßstellung in der Öffentlichkeit, die langfristige, schlimme Folgen für die Kinderseelen haben würde.

Nun ist es aber so, dass ich die Seelen meiner Kinder ganz gut selbst kenne und nicht davor zurückscheue, mit Psychologen zu sprechen, wenn ich Hilfe brauche. Und dass ich glaube, dass meine Kinder stolz auf ihre Mutter sind und auch später sein werden, wenn sie vollends verstehen, was ich tue. Dass ich offen berichte, wie anstrengend es sein kann, im Home Office zu arbeiten, während Hort und Kita geschlossen haben, oder wie wenig erholsam ein Urlaub mit zankenden kleinen Kindern ist, sehe ich nicht als Verrat an den Kindern. Und ja, wir haben einen Sozialpass (tolle Sache!) und wir sind arm, aber das ist nichts, wofür man sich schämen müsste.

Meine Sicht der Dinge ist, dass ich Missstände sichtbar und nachfühlbar mache. Ich möchte etwas bewegen, zuerst bei den Lesern und langfristig bei der Politik. Ich begreife mich als Aktivistin für Alleinerziehende, und selbstverständlich spreche nicht für alle Alleinerziehenden – es wäre mehr als töricht, das zu glauben. Aber meine Stimme findet Gehör, und das gibt meinen Versuchen, den Themen der Alleinerziehenden etwas mehr Gewicht zu verschaffen, Sinn.

bluete-tulpe

Meine Kinder wissen sowieso, was ich fühle, denn dank Jesper Juul habe ich verinnerlicht, dass ich authentisch sein darf; ohne die Kinder als kleine Erwachsenen zu überfordern, versteht sich. Mein Fazit nach zweieinhalb Jahren bloggen, dem #Aufschrei und speziell den vergangenen Wochen, in denen die Inhalte meines Blogs und auch ich als Person mal mehr, mal weniger in der Kritik standen, ist dass diejenigen, die am lautesten schreien, am wenigsten wahrhaben wollen, dass eben noch nicht alles in Butter ist, was die Position der alleinerziehenden Mutter betrifft.

Es ist nicht so, dass ich mir nur einfach etwas mehr Mühe bei der Jobsuche geben müsste, dass die Arbeitgeber Alleinerziehende gerne einstellen, dass der Gesetzgeber den getrennt lebenden Vätern* neben Rechten und Steuervorteilen auch Pflichten auferlegt, und dass die Armut unter Alleinerziehenden abnimmt, im Gegenteil. Und so lange das so ist, nehme ich mir die persönliche Freiheit, gelegentlich wütend zu sein in diesem Blog.

Linktipp: Süddeutsche.de „Wut muss sein – Was vom #Aufschrei blieb“

*90/ der Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen, von denen 50% keinen oder nur unregelmäßig Unterhalt für die Kinder erhalten. Deswegen steht oben „Väter.“

13
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
12 Kommentar Themen
1 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
13 Kommentatoren
Stefanie ReifAnneMaraMama arbeitetAnni Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
Ulrike
Gast
Ulrike

Wie sagte meine liebe Freundin Laura am Wochenende zu mir: „Es ist schön, dass wir uns noch empören können; andere haben es offenbar längst verlernt.“ Also: Ich mag es, dass Du Dich noch empören kannst.

Mama notes
Gast
Mama notes

JA! Genauso! Bitte weitermachen! Liebe Grüße :)

Carla lebt
Gast
Carla lebt

Empörung stösst Veränderungen an!

Cati Basmati
Gast
Cati Basmati

Auf jeden Fall weiter empören! Ich habe – ehrlich gesagt – sehr interessiert aufgehorcht als ich las, dass Dir vorgeworfen wird, Deine Kinder zu Content zu machen und somit zu missbrauchen. Das ist mir, ebenso ehrlich gesagt, noch nie aufgefallen, denn es gibt doch keine Beiträge, in denen die Kinder an sich das Thema sind. Sie kommen im Kontext vor, also zum Beispiel als die Akteure im Home Office, wenn die Kita geschlossen ist. Aber der Post würde doch ohne die Kinder gar keinen Sinn machen. Da werden nicht die Kinder zum Content, sondern die Situation und die ist doch… Weiterlesen »

cloudette
Gast
cloudette

Ich habe die Kritik in den letzten Wochen nicht mitgekriegt, möchte dir nur sagen: mach weiter! <3

Musenrössle
Gast
Musenrössle

Jedes Gefühl hat seinen Grund und seinen Sinn.

Es gibt darum auch eigentlich keine guten und schlechten Gefühle, auch wenn wir sie in diese Kategorien aufteilen, sondern es gibt nur gute und schlechte Gründe so zu fühlen.

Und ob wir dann etwas Gutes oder Schlechtes aus unseren Gefühlen machen, das liegt dann an uns.

Ich jedenfalls finde Blogs gut, wo auch mal das Herz auf der Zunge liegt :-).

Clinus
Gast
Clinus

Empörung braucht eine Stimme, manchmal eine laute, manchmal eine leise, je nach Situation. Vom sich-aufs-Maul-setzen ist noch nie eine Veränderung angestossen worden. Es gibt aber allgemein leider immer noch zu viele Menschen, die sich nicht in die Nesseln setzen wollen, nach dem Motto „die anderen machen das schon“. Schweigen, damit man gut da steht und dann nutzniessen, wenn sich etwas getan hat! Ich hasse solche Typen! Unbequem sein heisst doch nicht, dass man als Mensch deswegen extremer, unangenehmer oder blöder ist als diese feige Schweigemeute, sondern es bedeutet, dass man den Mut hat, sich zu melden, damit notwendige Veränderungen auch… Weiterlesen »

Super Mom
Gast
Super Mom

Was es alles für Vollpfosten gibt…. Naja ich bin ja ähnlich exhibitionistisch und Öffentlichkeitsgeil wie du, hihihi. Ich hör mir auch immer wieder besonders charmante Vorwürfe an und denk nur, wenn alle die Klappe halten und zu allem ja und amen sagen, passiert auch nix. Noch schlimmer: Sich heimlich aufregen oder andere nieder machen, aber selbst zu feige sein, laut zu sagen was nervt.

Mach mal schön genauso weiter und wenn alle Kinder bloggender Mütter nen Schaden haben, wird sicher irgendwer nen Verein gründen, wo sich unsere lieben Kleinen dann trösten können, nech?

Liebe Grüße,
Jette

Anni
Gast
Anni

Danke, dass Sie diesen Blog schreiben!

Mara
Gast
Mara

Ich schließe mich an! Weitermachen!

Anne
Gast
Anne

Liebe Frau Bloggerin, ich verfolge Ihren Blog schon so lange und habe schon so oft gut weitergedachte Argumente für den Nahbereich gefunden. Und mir geht es wie Cati Basmati: Nie habe ich den Verdacht gehabt, dass Sie Ihre Kinder missbrauchen könnten. Es ist auch ganz großer Quatsch, denn das würde im Umkehrschluss ja bedeuten, dass alle Mütter- und Väterblogs ihre Kinder missbrauchen, sobald sie sie erwähnen. Oder gelten nur heile-Welt-Geschichten als gesellschaftsfähig? Wenn das so ist, wer missbraucht dann wen? Sind es dann nicht die entsolidarisiert denkenden Gesellschaftsbestandteile, die mit den Schwierigkeiten der anderen nicht behelligt werden wollen? Ich kenne… Weiterlesen »

Stefanie Reif
Gast
Stefanie Reif

Ich finde, es sagt mehr über den Angreifenden als über den Angreifbargemachten aus. Wer sich nicht empören mag, der soll es lassen, wer sich aber nicht empören kann, der sollte es lernen. Und wenn es dazu dient, den Kindern ein Vorbild zu sein.