Glück – mit oder ohne Anke Engelke

Vor 36 Stunden saß ich vor dem Bildschirm und heulte. Das ist sonst nicht unbedingt meine Art, aber die Sendung von Anke Engelke in der ARD zur Themenwoche „Glück“ hat mich völlig kalt erwischt. Ich kannte Anke Engelke eher als Spaßmacherin, am Montag aber nahm sie mich mit auf eine Reise zwischen Philosphie, Neurowissenschaften und Psychologie.

Meistens kann ich abends gar nicht in Ruhe ferngucken, weil die Kinder noch herumwuseln und ständig irgendetwas von mir wollen. Vorgestern war das wundersamerweise anders. Das ist so ein „Ein Mal im Jahr“-Ding bei uns, denn wegen ihrer Trennungsangst kleben die beiden jüngeren Kinder (4 und 7) sehr an mir.

Screenshot ARD Themenwoche Glück
Screenshot ARD Themenwoche Glück

In dieser Sendung war ein krebskrankes Kind, das eigentlich hätte geheilt werden sollen und dem Anke Engelke gegenüber die einzig wahren guten Fragen stellte, als sich nach 3 Monaten herausstellte, dass der Junge sterben würde. Und die Mutter des krebskranken Kindes, die Anke Engelke, stellvertretend für alle Zuschauer, eher trösten zu wollen schien („Maske, Taschentuch!“), als dass sie selbst des Trostes bedurft hätte.

Auch die Dorf-Kommune mit den Menschen, die wissen, für wen sie den Feldsalat ernten und bei denen es egal ist, wer wieviel Geld einbringt, hat mir imponiert. Da würde man eigentlich gerne mal „probeleben“, wenn’s nicht zu vereinnahmend wäre.

Link zur Sendung in der Mediathek der ARD
Chor der Muffeligen Sänger bei Aufführung

Am meisten beeindruckt aber hat mich der „Chor der muffeligen Sänger“, der sich nach der Sendung in den „Chor der glücklichen Sänger“ umbenannte. Speichelproben, Befindlichkeitsfragebogen, und 4 x 12 Versuchspersonen beiden Geschlechts mit und ohne Chorerfahrung hat Frau Engelke zusammen mit einem Glücksforscher beobachtet und begleitet. Und sie waren so sichtbar glücklich am Ende des Films, dass ich den Beweis der Speichelprobe gar nicht mehr gebraucht hätte, um zu wissen, dass Singen – oder sagen wir Gemeinschaft? – glücklich macht. Wusste ich das nicht längst?, dachte ich, während mir die Tränen beim Abspann über die Wangen kullerten. Ja, ich denke, das war verschüttetes Wissen, bei mir wie auch bei dem Chor der Muffeligen.

Wichtig ist, sagte einer der ehemals unglücklichen Sänger, sich mehr Dinge zuzutrauen als es die Erziehung oder Umgebung zulassen, und einfach etwas zu probieren, auch wenn man denkt, das könne man nicht. Besser könnte es auch ein Verhaltenstheraupeut nicht ganz langsam infiltrieren, dachte ich.

Glück ist, das blieb bei mir hängen, die Möglichkeit sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Ich singe nicht, obwohl ich einst im Schulchor war. Aber ich schreibe. Und damit gestalte ich mein Leben, und tatsächlich macht mich das sehr glücklich. Selbst wenn ich weder alleine auf Bloggertreffen reisen kann noch im klassischen Sinne eine Karriere habe. Ich schreibe im Chor der Blogger. Vorgestern Abend habe ich geweint, weil ich mich für die fremden Menschen freute. Und auch, weil ich aus einem nicht mehr selbstbestimmten Leben entkommen bin – so fühlt es sich an. Ja, ich bin glücklich.

Links: Sowas wie Glück. Eine Reise mit Anke Engelke.

Interview mit den Macherinnen der Dokumentation des WDR

Interview mit Glücksforscher Professor Tobias Esch zur Sendung

Johannes Korten über die Sendung in seinem Blog*

Linktipp innerhalb des Blogs: Arm, aber glücklich

* Geschrieben habe ich unabhängig von Johannes Korten, gestern Abend. Konnte aber wegen Serverumzugs nicht publizieren. Zwei Blogger, ein Gedanke. Oder so. ;)

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Michaela Albrecht
Gast
Michaela Albrecht

Ich fand diese Sendung auch sehr schön und freute mich, wie unaufgeregt, normal und einfühlsam Anke Engelke sein kann. Schon länger überlegen mein Mann und ich, ob wir auf den Tempelhof ziehen, wenn die Kinder aus der Schule sind. Ich merke, dass ich ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft habe.
Und nach der Sendung dachten wir beide: wir sollten vielleicht doch wieder in einen Chor eintreten. :)

Tina
Gast
Tina

Liebe Christine, was für ein schöner Beitrag – wenn auch mit ernstem Hintergrund. Ja, Singen macht glücklich, vorallem in Gemeinschaft. Bis vor einem Jahr sang ich in einem Chor mit tollen, sehr lieben Menschen. Leider ist es mir aufgrund meines Umzug in den 40km entfernten Kreis nicht mehr möglich an den Proben teilzunehmen. Aber die Zeit hat mich geprägt und ich denke gerne daran zurück. Singen an sich macht Spaß, aber auch zu erleben, dass man damit Menschen erreichen kann, ganz ähnlich wie beim Bloggen. Und ja, Selbstbestimmung ist dabei sicher ein großer Faktor. Sich diese zu erhalten oder zu… Weiterlesen »

Kiki
Gast
Kiki

Schöner Beitrag, wirklich. Ich hab’s nicht gesehen, aber gemeinsam Musik zu machen ist immer ein Glücksgarant, selbst wenn das Ergebnis nichts taugt.
Glückauf! :)

Lisa Schmitt
Gast
Lisa Schmitt

Ich habe die Sendung zum Teil verfolgt und fand die Zusammenstellung der Beiträge auch sehr gelungen. Besonders berührt haben mich, neben der Erkrankung des Jungen, die vielen verschiedenen Schicksale der Chor-Bewerber und -sänger. In Ansätzen wurde erkennbar, dass viele unserer Mitmenschen alltäglich mit Schicksalsschlägen zu kämpfen haben, die wir nur erahnen können.
Der Ansatz, Gesundheit als Glück zu empfinden, hat sich seit meiner beruflichen Tätigkeit im Akutkrankenhaus stets weiter entwickelt. Achtsam mit dem eigenen Körper, mit dem Leben, umzugehen fördert Glück!

Micha
Gast
Micha

Als Chorsängerin kann ich bestätigen, dass Singen mich sehr glücklich macht! Eine gute Sendung und auch sonst gab es gute Beiträge in der Themenwoche. Geärgert habe ich mich allerdings, dass so oft die Assoziation mit Glücksspiel kam. Wer interessiert sich denn für so was?
LG, Micha

TheSwissMiss
Gast
TheSwissMiss

Liebe Christine Ich habe die Sendung nicht gesehen aber dank deinem Bericht nehme ich doch ein paar Emotionen davon mit. Auch mich berühren solche Dokumentationen immer sehr und ich finde es irgendwie auch erschreckend wie diese schlimmen Schicksale teilweise auch einfach als Publikumsmagnet ausgenutzt werden. Wieviele Menschen schauen sich eine solche Sendung an, sagen „oh ja schlimm“ und gehen wieder zur Tagesordnung über. Ich habe danach immer so einen Drang auch etwas zu helfen, irgendetwas zu tun und fühle mich dann oft auch hilflos deswegen und das macht mich dann genau wie dich sehr traurig und bringt mich zum weinen.… Weiterlesen »

Mara
Gast
Mara

Im Chor der glücklichen Blogger melde ich mich gerne an!