Mutmachparade – mein Beitrag

Johannes Korten hat zur Mutmachparade aufgerufen und Mama Notes veröffentlichte Gedanken, die das ganze weiter spinnen in Richtung Angst versus Mut. Das hat mich angesprochen. Ich teile das Thema für mich, weil ich auf beides reagieren möchte. Es sind Gedankenschnipsel.

Mut versus Angst

Ich bin Bungee gesprungen, aber ich war nicht mutig. Weil ich keine Angst hatte. Es war die reine Neugier, was dieser Sprung mit mir macht, und ich hatte mir gut angesehen, ob die Menschen, die vom Kran auf dem Flughafen Freiburg gesprungen waren, hinterher glücklich oder schockiert aussahen. Ich bin auf den Kran gestiegen und habe mich gewundert, dass ich keine Angst habe. Dann bin ich gesprungen. Das war kein Mut.

kugelspiegelbild-strand

Ich habe Kinder bekommen, aber ich war nicht mutig. Vor den beiden letzten Geburten hatte ich Angst, weil die erste so schlimm war und die zweite noch schlimmer. Aber mutig habe ich mich nie gefühlt, eher finster entschlossen.

Ich habe Angst vor Menschen gehabt und beschlossen, dass ich mich unter sie begeben muss. Das war sehr mutig. Ich war etwa 20. Ich ging alleine in die Disco, ich setzte mich bei fremden Leuten ins Auto und trampte durch die Gegend, ich schlief in fremden Betten und verlor meine Angst.

Ich habe meinen Mann verlassen, nach 11 Jahren, und obwohl unser jüngstes Kind noch ein Baby war. Das war auch nicht mutig, weil ich keinen anderen Weg mehr sah. Mutig war aber, was ich danach tat, nämlich für unsere Sicherheit zu sorgen und von Null auf anzufangen. Ohne mich dafür zu schämen.

Mutmachparade – die Fragen

Bodensee und Konstanz von oben
Bodensee und Konstanz von oben

„Von der Luft, die trägt“, hat Johannes Korten als Untertitel für seine Blogparade gewählt. Sie ist manchmal so dünn, die Luft, kaum noch Luft zum Atmen da, oder sie schlägt einem als eisiger Wind entgegen.

Manchmal ist sie zum Schneiden dick, die Luft. Heute schnürt mir das Leben fast die Luft ab, und vielleicht ist das genau der richtige Moment, um an dieser Blogparade teilzunehmen.

Ich mache das, indem ich die von Johannes gestellten Fragen beantworte, als handle es sich um einen Fragebogen.

Wie sprecht ihr euch selbst Mut zu?

Wenn es mal ganz dicke kommt, dann muss ich mich nur an Phasen oder Situationen in meinem Leben erinnern, in denen ich viel tiefer in der Sch…. steckte. Ich bin 47 und habe schon viel erlebt, auch viel hässliches.

Drei Mal war ich in einer Situation, die ich genauso gut hätte nicht überleben können (ein Schiff im Orkan, ein Autounfall, ein Messer am Hals, rücklings im Würgegriff liegend), und es gab weitere Erlebnisse, die auch hätten schlimmer ausgehen können.

Ich hatte Glück, viel Glück. Und das Leben ist schön.

gewitter-dirty-goldgelb

Dann rufe ich mir in Erinnerung, dass ich bisher jede auch noch so schlimme Lage gemeistert oder zumindest überstanden habe, dass und wo es Hilfe gibt, und sage mir, ähnlich wie eine Mutter ihrem Kind, dass alles in Ordnung kommt. Mit naivem Kinderglauben bin ich nicht ausgestattet, leider auch schon als Kind nicht gewesen, aber ich habe verinnerlicht, dass alles viel leichter geht, wenn man auch das Gute im Schlechten sieht.

Dieses positive Denken ist eine unglaubliche Sache, die macht alles besser. Weil man Chancen sieht, wo Mauern zu stehen scheinen. Und weil positiv gedacht viel mehr Möglichkeiten da sind als negativ gedacht. Es geht einem in Fleisch und Blut über (siehe Bonustext unten).

Wie ermutigt ihr andere?

Vor allem ermutige ich meine Kinder. Ich will, dass sie wissen, dass ich ihnen ganz viel zutraue. Dazu gehört auch, dass ich ihnen zutraue, zu sagen, wenn sie sich etwas nicht zutrauen. Ich möchte also, dass sie den Mut haben, in sich hineinzuhorchen und zu fühlen und überlegen, ob sie sich eine Aufgabe zutrauen und diese anpacken möchten oder nicht.

Ich sage oft: „Versuch’s doch einfach mal, was kann denn dabei schon schiefgehen?“, oder „Wenn du es nicht ausprobierst, bekommst du nie heraus, ob das klappt.“ Meist hat dann das Zaudern der Kinder ein Ende und sie fassen sich ein Herz. Und wenn nicht, dann halt nicht. Es ist okay, sich etwas nicht zu trauen. Ich sehe aber an meinen Kindern, dass sie sehr selbstständig sind verglichen mit vielen Altersgenossen und sich auch gut selbst einschätzen können. Sie sind nicht mutig, sondern klar. Das wiederum macht mir Mut, denn ich scheine irgendetwas richtig zu machen.

re-empowerment-magnet

Neben den Kindern habe ich vielen Frauen Mut gemacht, ihre Männer zu verlassen, wenn sie in einer miserablen und nicht zu reparierenden Beziehung steckten. Ich tat das im Rahmen meines ehrenamtlichen Engagements für einen Frauenverein, der via Internet mit Rat und Tat zur Seite steht. Dabei konnte ich aus meiner eigenen Erfahrung schöpfen und es war sehr schön zu sehen, wie über die Monate und Jahre immer mehr Frauen den Weg in die Freiheit fanden. Es war mir ein Herzensanliegen, das ich seit Anfang des Jahres aber ruhen lasse, weil wir in diesem Frauenverein unterschiedliche Ansichten darüber hatten, wie sehr sich private Ansichten von der öffentlichen Meinung des Vereins unterscheiden dürfen.

Was sind Erlebnisse, in denen ihr euch ein Herz gefasst habt und eigene Grenzen überwunden habt?

Am grenzwertigsten war, immer, mein ganzes Leben lang, den anderen Grenzen zu setzen – NICHT MIR. Ich hatte lange Zeit das Gefühl, irgendwie zu durchlässig zu sein für Einflüsse von außen. Das abzustellen war schwierig, und noch schwieriger war es, als Ehefrau und Mutter ein selbstbestimmter Mensch zu bleiben.

Ich habe also nicht eigene Grenzen überwunden, sondern z.B. meinem Ex-Mann welche zu setzen gelernt. Das war unheimlich schwierig, aber nötig. Weil er mich sonst zertrampelt hätte, ebenso wie eine ehemalige Chefin und Mentorin an der Uni. Es wäre nix mehr von mir übrig geblieben, und als ich das verstanden habe, habe ich mir nicht nur ein Herz gefasst, sondern jeweils im übertragenen Sinne die Beine in die Hand genommen und bin gerannt.

Praktisch sah das so aus, dass ich viele Male und standhaft zwischen Zuckerbrot und Peitsche „Nein, ich will das nicht mehr!“ sagen musste. Grenzüberschreiter sind gut darin, genau das nicht hören zu wollen, und meine beiden Meister der Grenzüberschreitung haben mir das äußerste abverlangt, denn sie fühlten sich alle beide durch mein Nein existenziell bedroht. Es ist nicht übetrieben, wenn ich sage, meine Doktorarbeit zu schreiben war ein Leichtes dagegen.

Christine, ungeschminkt und müde.
Christine, ungeschminkt und müde.

Wie weit seid ihr dabei gegangen und wie ist es euch damit ergangen?

Ich ging einen Schritt nach dem anderen, mit ziemlich wackeligen Beinen. Bei der Trennung von meiner Chefin hatte ich ja wenigstens zuhause einen Schutz- und Ruheraum, obwohl mein Arbeitsvertrag noch lange lief. Anders jedoch bei der Trennung von meinem Mann – wir wohnten noch 6 Monate lang unter einem Dach. Es ging mir unendlich schlecht. Ich musste mich zum Essen zwingen, hatte Schlafstörungen, Panikattacken in der Nacht, Drehschwindelattacken, Albträume, Existenzängste und nebenbei einen anspruchsvollen Vollzeitjob und drei Kinder zu versorgen. Eigentlich lief ich auf Autopilot, ich habe funktioniert. Weil es sein musste und keine Alternative gab. Und weil ich frei nach dem Motto „Etwas besseres als den Tod findest du überall“ operierte. Und es wurde besser. Es war hart, aber ich weiß heute, dass wenn ich nicht körperlich schwer krank werde, ich alles überstehe. Alles.

Bonus Text: Alles wird gut!

Scheinbares Unglück kann Glück werden, wie die Eigenbedarfskündigung meiner damaligen Vermieterin, als ich arbeitslos und alleinerziehend war, und nicht wusste, wo wir wohnen sollen. Denn so kamen wir zu unser wunderbaren Wohnung im sozialen Wohnungsbau, in der wir so viele liebe Nachbarn haben, und in der es so schön ist.

Ganz, ganz oft im Alltag sehe ich überall Chancen, wo Pläne scheitern oder Steine im Weg zu liegen scheinen. Als kürzlich unsere Tiefgarage renoviert wurde und ich 2 Wochen lang mein Auto kaum bewegen konnte, fand ich sehr viel Freude daran, die Kinder zu Fuß von der Kita abzuholen und auf dem Rückweg ein Eis mit ihnen zu kaufen. Ein Mal sind wir auch mit dem Bus gefahren, sogar mit umsteigen. Für die Kinder war das ein tolles Abenteuer, weil wir sonst fast nie Bus fahren. Und mir hat’s auch Spaß gemacht.

Sozialer Wohnungsbau, Konstanz
Sozialer Wohnungsbau, Konstanz

Und als ich mit der Jüngsten (5) am Ostersonntag ins Krankenhaus musste, wo wir 4 Tage in Quarantäne blieben, weil sie an Rotavirus erkrankt war, da sah ich auch das positiv, weil die beiden älteren Geschwister (8 und 13) gerade und erstmalig für eine Woche beim Vater in Norddeutschland waren. Eigentlich hatten wir uns eine schöne Woche machen wollen, die Jüngste und ich. Es kam dann anders. Aber es war gut so, denn zu keinem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 4 Jahren hätte ich Zeit gehabt, mit einem Kind ins Krankenhaus zu gehen. Es war immer meine Sorge, dass genau das passiert und ich nîcht weiß, wohin mit den anderen Kindern. Also war das eigentlich prima gelaufen, so scheußlich wie es war. Besser hätte man das nicht planen können.

Ich muss oft an meine Oma denken, selbst Mutter dreier Kinder, in deren Flur ein Spruch von Tagore hing: „Ich tat meine Pflicht und siehe, das Leben ward Freude.“ Grauenhaft fand ich das als Kind, Teenager und Twen. Aber da hatte ich noch keine Kinder. Und an dem Spruch: „Man weiß nie, wozu das gut ist“, den ich als Kind einfach nur platt fand, ist auch ziemlich viel dran. Als mittelalte Frau und Mutter muss ich sogar sagen, dass das DIE Lebensweisheit ist.

Hatte Oma doch Recht.

Gute Aussichten
Gute Aussichten, Rheinbrücke Richtung Alpen
Gute Aussichten
Gute Aussichten, Reichenau Richtung Schweiz

7
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
5 Kommentar Themen
2 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
6 Kommentatoren
SteffiChristine FinkeChrisberitLiisa Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
Julia
Gast
Julia

Wenn ich deine Beiträge lese, kann ich immer nur laut „Ja, genau“ rufen. Leider sehen viele Menschen diese Art von Positiv-Denken oft als naive Schön-Rederei an. Ich habe mich mit 16 Jahren endlich dem Jugendamt anvertraut nach 8 Jahren Misshandlung durch die heutige Frau meiner Mutter, habe mich mit 17 Jahrem getraut 700km weit weg von meiner Familie zu ziehen und habe jetzt mit 23 Jahren einen sicheren gut bezahlten Job aufgegeben, weil ich das tägliche Mobbing meiner Kollegen nicht mehr ertragen konnte und dann lieber noch mal 3 Jahre die Schulbank für einen höheren Abschluss drücke. Es war und… Weiterlesen »

Liisa
Gast
Liisa

Ich habe Deine persönlichen Gedanken und Beispiele zum Thema Mut gerne gelesen. Anderen Grenzen zu setzen, wenn es Menschen sind, die keine Grenzen kennen wollen bzw. akzeptieren, ist sicherlich eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, die einem das Leben stellen kann, und ich weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Mut einem das abverlangen kann. Alle Achtung, dass Du diesen Mut um Deiner selbst willen aufgebracht hast!

berit
Gast
berit

Ein ganz wunderbarer Artikel, der für mich vor allem die Achtung und den Respekt vor einem Selbst zum Ausdruck bringt. Weiter so!

Chris
Gast
Chris

Wow! Was ein Beitrag. Lang und mit vielem drinnen was ich persönlich gar nicht von dir vermutet hätte. Gut man kennt sich eben nur von Twitter bislang.
Was du alles schon erlebt hast, erleben musstest ist wahrlich nicht ohne Mut und Courage zu meisten gewesen. Chapeau! Ich ziehe meinen Hut den ich mittlerweile tragen muss und sollte wenn die Sonne scheint.

Ganz lieben Gruß und auch dir danke für deine Twittergedanken an mich
Chris

Steffi
Gast
Steffi

Danke für diesen offenen und eindrucksvollen Text, liebe Christine. Du bist einer starke und wirklich wunderbar spannende Frau.
Liebe Grüße,
Steffi