Zeitgeist: Vom Wahn, alles wiegen, messen und zählen zu müssen

Warum müssen wir eigentlich immer alles zählen? Und wer hat uns eingeredet, dass alles optimiert und kontrolliert werden muss? Ich halte diesen Optimierungswahn für keine gute Entwicklung. Schon lange nicht.

Als heute früh Bea Beste einen Text auf twitter teilte, in dem es um die Frage ging, ob es gut oder gar schädlich sei, sich täglich zu wiegen, da habe ich mich kurz an die Zeiten erinnert, als ich dachte, es sei wichtig, was ich wiege. Was natürlich Quatsch ist, denn wichtig ist, wie ich mich fühle.

Wir haben keine Waage, schon lange nicht mehr – sie ist irgendwann kaputtgegangen, und ich habe keine neue gekauft. Sie fehlt mir nicht, kein bisschen, und ich kann nur jedem raten, das Teil auf den Müll zu schmeißen. Wenn meine Kleider zwacken, dann habe ich etwas zugenommen. Wenn sie schlackern, dann sollte ich darauf achten, mehr zu essen. Mehr muss ich nicht wissen, und das gibt mir große Gelassenheit.

Zeitgeist
u11116 auf Pixabay.com

Ich will auch nicht messen, wieviele Schritte ich pro Tag gehe, wie hoch mein Puls und Blutdruck sind (alles normal, wenn ich beim Arzt bin, das reicht mir), und wenn ich schwimme, dann ist mir völlig egal, in welcher Zeit ich meinen Kilometer zurücklege. Wenn es sich währenddessen und hinterher gut anfühlt, dann ist es genau das richtige Tempo.

Exkurs: Deswegen haben sie mich damals auch aus dem Schwimmverein geschmissen, wo ich als Teenager trainierte. Ich konnte zwar schnell schwimmen, sah aber keinen Sinn darin, heftig zu trainieren, um noch schneller zu werden. Es war doch alles gut so, fand ich, nur sahen das die Trainer anders und legten mir den Austritt aus dem Verein nahe. (Ich hatte andere mit meinen komischen Ideen angesteckt, da war schon früh ein gewisses Potential vorhanden.) Schön schwimmen wollte ich, nicht durch die Bahnen hecheln.

Wenn Leute, denen ich auf twitter folge, irgendwelche Runtastic Aktivitäten posten, dann zucke ich immer mit den Schultern. Wen interessiert das? Und warum!?

Mir ist auch egal, wieviele Menschen meinen Blog lesen. Nicht WER, aber wieviele. Google Analytics ist eh nicht mehr sehr aussagekräftig, seitdem es in vielen Fällen das Tracking nicht mehr zulässt, und Zahlen sind Schall und Rauch. Was zählt, ist WEN ich erreiche, und was dann passiert. Wirksamkeit.

Vielleicht schalte ich bald alle Statistiken ab, ich schaue da eh kaum noch rein. Resonanz kommt nicht über nüchterne Zahlen, sondern durch Reaktionen. Durch Anfragen, die ich erhalte, Einladungen, Vernetzung und Kontakte mit Menschen, die ich ohne das Bloggen nie kennengelernt hätte. Wie soll man das messen!?

Nachhaltiges Bloggen, das ist, was mich reizt. Bloggen auf dem eigenen Server, völlig selbstbestimmt, mit meinen Themen, nach meinem Rhythmus. Passt eigentlich ganz gut zu der Christine von damals, die nicht immer schneller schwimmen wollte. Was zählt, bestimme ich selbst. Oder meine Leserinnen. Eigentlich wir zusammen. Danke, dass du mich liest!

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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

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Béa Beste
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Béa Beste

Tolle Betrachtung, liebe Christine, und danke dir sehr für die Antwort auf Mounias Text! Das mit dem Tracking: Ich habe das auch mit so einem Handgelenk-Dings probiert. Also, bei mir ist es so: Ich gehe ins Bett, wenn ich müde bin, wache auf, wenn mein Wecker klingelt und bin tagsüber (nagut, mit viel Kaffee) putzmunter! Das Gadget am Handgelenk bedrängte mich, ich hätte nicht genug geschlafen… und das machte mich schlagartig müde. Nach einer Woche habe ich es weiterverschenkt und das war richtig so.
Liebe Grüße,
Béa

claudia
Gast
claudia

Schöner Text und eine schöne Einstellung. Das Leben kann so viel einfacher sein, wenn man sich auf die wichtigen Dinge konzentriert. Zahlen gehören da gewiss nicht dazu. (Es sei denn man ist Mathematiker und hat wirklich Spaß daran. Mein Mann liebt zum Beispiel Statistiken. Er schreibt sich zum Beispiel eine darüber, wie viele Spiele er im Laufe des Jahres spielt. Er will damit aber nichts optimieren, sondern hat einfach nur Spaß am Führen dieser Statistik. Schaut, ob seine Lieblingsspiele auch zu den am häufigsten gespielten Spielen zählen (selten) Spielt ein Metaspiel, bei dem er versucht ein bestimmtes Muster in der… Weiterlesen »

Dirk Görtz
Gast
Dirk Görtz

Hallo Christine!

„Wie fühlen Sie sich?“
„Ich verstehe die Frage nicht!“

Das ist eine Szene aus „Star Trek- The Next Generation“, die mir dazu sofort einfällt. Lt. Commander Data, der Androide, wird durchgecheckt. Seine kognitiven und logischen Fähigkeiten werden geprüft. Er muss z.B. rechnen und Texte schnell lesen. Das funktioniert auch alles optimal, aber diese Frage kann er nicht beantworten.

So geht es Individuen ganzen Gesellschaften. Alles ist ökonomisiert und quantifizierbar. Aber welchen Sinn das alles ergeben soll, ist niemandem mehr klar.

Danke für den Post.
VG

Thorsten
Gast
Thorsten

Man muss das mit dem Schrittmesser ja nicht so eng sehen. Ich schaue ca. einmal die Woche drauf. Und wenn es dann in der vergangene Woche sehr wenig Schritte waren, versuche ich, in dee aktuellen Woche etwas mehr Bewegung in den Alltag einzubauen.

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Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 302 - Thema Messen und Zählen -

[…] Wir könnten messen, wie viele Menschen diesen Wirtschaftsteil lesen, wir könnten auch messen, wie viele den folgenden Link anklicken. Und Christine Finke, die den verlinken Text geschrieben hat, könnte wiederum messen, ob da viele oder wenig Leserinnen von der GLS Bank rüberkommen. Wir können das alles aber auch einfach lassen: “Warum müssen wir eigentlich immer alles zählen? Und wer hat uns eingeredet, dass alles optimiert u…” […]