Papa fragt: “Warum tust du dir das an, Christine?”

Weil ich das öfter mal gefragt werde. Und weil ich mich freue, dass mein Vater Anteil nimmt:

Wer mir auf twitter folgt, weiß, dass mein Vater meinen Blog regelmäßig liest, und dass er auch aufmerksam verfolgt, was ich auf twitter schreibe. Und wenn ihn etwas beschäftigt, dann ruft er mich an, ziemlich zuverlässig um halb 11 (Papa, heute warst du später, fällt mir gerade auf! Es war viertel vor 12!), um seine Gedanken mit mir zu teilen.

Schlammschlachten auf meinem Blog

Heute holte Papa kurz Luft und sagte dann in seinem bedächtigen Tonfall, den er immer nutzt, wenn er weiß, dass mich ein Thema pieksen könnte, dass er sich Sorgen mache, weil er die Kommentare unter dem Text übers Wechselmodell gelesen habe. Das sind wirklich viele Kommentare, und sie sind teils sehr lang. Mein Vater, der dieses Jahr 77 Jahre alt wurde, hat sich also die ganze Schlammschlacht inklusive Anfeindungen angeschaut, und er war entsetzt. Das ist wahrscheinlich eine Art Kulturschock, wenn man nicht so viel und so polarisierend wie ich im Internet unterwegs ist.

Bloggen
Skeeze auf Pixabay.com

Ob mich das nicht störe oder aufrege, wollte mein Vater dann wissen. Und ich sagte, nein, eigentlich nicht – es störe mich nicht persönlich, da ich das Ganze eher auf Meta-Ebene sehe, und dass sich da halt verbitterte Menschen zum Kommentieren verabreden, die sich aber am Ende selbst diskreditieren, und dass mir nun noch klarer als vor dem Text sei, dass man solchen Menschen doch unmöglich Kinder im Wechselmodell überlassen könne.

Sich einsetzen, auch wenn man nicht selbst betroffen ist?

Mein Vater dachte kurz nach. “Hm, ja. Aber warum tust du dir das an, Christine? Du bist doch von dem Thema gar nicht betroffen?” Und dann habe ich es ihm erklärt. Denn auch vom Unterhaltsvorschuss war ich nicht betroffen. Weder wollte mein Exmann jemals das Wechselmodell, noch hat er sich vor den Zahlungen gedrückt (was wahrscheinlich auch damit zu tun hat, dass ich einen Unterhaltstitel erwirkt habe).

Ich muss nicht selbst betroffen sein, um mich zu engagieren. Es reicht völlig aus, wenn ich Unrecht sehe, und denke, das muss benannt und im besten Falle geändert werden. Und auch die scheinbar nur gehässigen, am Thema oft vorbeigehenden, und frauenfeindlichen Kommentare unter einem Text wie diesem (“Frauen sind nutzlos”, “Frauen bereichern sich am Unterhalt”, “Sie haben doch Kontakte zur AfD!”) sind wertvoll, weil sie etwas aufzeigen. Dafür gebe ich tatsächlich gerne Serverplatz aus, denn am Ende bin ich es, die jeden einzelnen Kommentar sponsort, there is no free lunch, schon gar nicht im Internet.

10 Jahre Social Media machen ein dickes Fell

“Es ist auf Meta-Ebene aufschlussreich, zu sehen, was da gesellschaftlich passiert und wie argumentiert wird”, antwortete ich meinem Papa. “Und mach dir keine Sorgen, was diese Leute schreiben, prallt an mir ab. Das  regt mich nicht auf. Es ist für mich eher eine interessante Ablenkung.””Achso”, sagte mein Vater dann beruhigt, weil er weiß, dass ich sowieso die Wahrheit sage. “Das könnte ich nicht. Aber dann ist ja gut.”

Ich habe darüber noch nachgedacht, nachdem wir aufgelegt haben. Mit Können hat das vielleicht gar nicht so viel zu tun. Diese Fähigkeit, solche Dinge auszuhalten, ist das Ergebnis von mittlerweile 10 Jahren intensiver Social Media Arbeit, in der ich Frauenforen moderierte, ein Elternforum für einen Buchverlag aufbaute, über kontroverse Themen bloggte, und unter anderem als Bloggerin versuchte, die Bundesjugendspiele zu reformieren/abzuschaffen. Das macht wohl einfach ein dickes Fell. Finde ich ganz gut so.

Und hoffentlich nützt es der Sache, der ich mich verschrieben habe – eine Lobby für Alleinerziehende zu schaffen, die in der breiten Öffentlichkeit und der Politik gehört wird. Deswegen tue ich mir das an.

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10 Kommentare auf "Papa fragt: “Warum tust du dir das an, Christine?”"

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Anonyma
Gast
Liebe Christine, ich habe mich auch schon oft gefragt, ob es nicht riskant ist, die volle Adresse in einem polarisierenden Blog preiszugeben, angesichts der Hetze, die auf dem bekannten Hater-Blog gegen Sie betrieben wird. Dort las ich neulich einen Kommentar, in dem der Schreiber fröhlich-frei mitteilte, dass er sich mal den Balkon anschauen wolle, wenn er das nächste mal in Konstanz sei … da wurde es mir angst und bange. Denn der Blogger und seine Nachtreter lesen hier täglich mit, obwohl sie sich rühmen, Sie mit Verachtung zu strafen. Zum Teil bewegen diese Herren sich unter demselben Namen hier wie… Read more »
Wölfchens Mama
Gast
Lieber Papa von Christine, manchmal stelle ich mir die gleiche Frage. Immer dann, wenn ich Kommentare lese, die meine Pulsfrequenz steigen lassen, denke ich mir, ich hätte schon lange hingeworfen. Wenn es nicht um sachliche Auseinandersetzung, sondern nur um persönliche Angriffe geht. Und frage mich auch, wie man das aushalten kann. So dick könnte mein Fell vermutlich nie werden. Aber gerade deshalb bin ich froh, dass Ihre Tochter diese Dinge sagt, auch laut, denn an den Kommentaren sieht man, dass sie gehört wird, auch von denen, die es nicht hören wollen. Und das bewegt etwas, wenn auch sehr, sehr langsam.… Read more »
Daniela
Gast
Liebe Christine, nun verfolge ich schon länger Ihren Blog und möchte Ihnen heute einen Kommentar da lassen. “Man muss nicht selbst betroffen sein, um sich zu engagieren”, dieser Aspekt spricht mir so sehr aus der Seele. Ich bin nun nicht mehr alleinerziehend und trotzdem möchte ich mich dafür einsetzen, dass sich an der Benachteiligung etwas ändert. Und diese Benachteiligung trifft auch wie in meinem Fall Unverheiratete, die in Schieflagen geraten und bei denen es bei dem einen Amt dem Jobcenter dann vollkommen egal ist, ob ein Trauschein vorliegt oder nicht, wenn es um das Anrechnen von Einkünften geht, beim anderen… Read more »
Billy
Gast

… hilfreich finde ich deine Arbeit schon, nicht hilfreich ist deine Zensur, die is gleich wie bei Dino, der jede Frau rauskickt. Wenn der der Topf ist, bist du der Deckel.

Warum tust du dir das an: weil es Leben ist, das Blut kommt in Wallung.

Ich hatte dir ja schon empfohlen mal 6 Monate nach Thailand zu fliegen und deinen Horizont zu erweitern. Aber hilft ja nix, du fliegst nicht hin und ich flieg jetzt raus. ;-)

Trotzdem einen schönen Tag noch. Lese gern mit.

Sonnenfräulein
Gast

Guter Vater, freu ich mich für Dich.
Wirklich von ganzem Herzen.
Kannst Du froh sein.

Was die “Schlammschlachten” angeht.
Kannste getrost vergessen.
Alles nur Buchstaben.

Leider seh ich einsatzbedingt mitunter die eine oder andere reale Massenschlägerei vor Ort.

Auch da war kein Schlamm dabei.
Unsere Innenstädte sind hier einfach zu gut ausgebaut. :)

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