Warum ich keine Werbung im Blog habe? Darum!

Wenn mir ein größerer Vermarkter mailt und Interesse daran bekundet, den Blog unter seine Fittiche zu nehmen, dann ist das ein dickes Kompliment, falls wir mal davon ausgehen, dass es dem Vermarkter nicht aktuell sehr schlecht geht, was gleich mein zweiter, böser Hintergedanke war, als ich vor ein paar Tagen die Anfrage las.

Eine Millisekunde lang stellte ich mir vor, dass ich auf das Angebot eingehen würde und meinen Blog mit Werbung weiterlaufen lassen würde – aber weder tauchte ein prall gefülltes Konto vor meinem inneren Auge auf noch fand ich meinen Blog besonders attraktiv damit. Ich tat, was ich immer tue, wenn jemand nach Kooperation oder Werbung fragt: Ich schrieb „Danke, nein.“

Von unseriösen Linktauschangeboten oder „Wir liefern Ihnen hochwertigen Content, wenn Sie verlinken“-Mails reden wir hier nicht, die lösche ich quasi ungelesen. Viele von meinen Bloggerkolleginnen haben Werbung auf dem Blog, es ist auch normal, Kooperationen und Verlosungen zu machen. Aber ich mag nicht. Warum?

© apinan Fotolia
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1) Weil es Kunst ist (oder eine Spielwiese)

Hier tobe ich mich aus. Ich kann machen, was ich will, solange es nicht gegen die Rechte anderer verstößt. Wenn ich Gedichte veröffentlichen möchte, die mir gefallen, dann tue ich das. Ich kann Datenbankfotos komische Untertitel geben, ohne dass ich einen Anruf oder Mails von jemandem bekomme, der meint, er müsse mich darauf hinweisen, dass so etwas eventuell nicht gut ankommt, weil auch derbe Sprüche dabei sind. Das ist mir nämlich egal, in meinem Blog probiere ich hemmungslos aus, wie meine Leser reagieren, wenn ich eine Idee umsetze. Und es ist immer noch jedes Mal spannend, zu sehen, was nach dem Klick auf „Veröffentlichen“ passiert.

2) Aus Angst vor Selbstzensur

Vorauseilender Gehorsam in einem Blog, und sei dies ein unterbewusster Vorgang, ist tödlich für die Authentizität, glaube ich. An regelmäßige Geldeingänge gewöhnt man sich schnell, und um diese nicht versiegen zu lassen, würde ich vielleicht den einen oder anderen Text oder manche Formulierung, gar nicht erst schreiben, wäre der Blog mit Werbekooperationen versehen. Ich weiß das aus meiner Zeit als Printredakteurin, aber auch aus der Online-Redakteurs-Berufstätigkeit – ganze Redaktionen und Medienhäuser ticken so. Leider. Denn eigentlich sollte es nicht so sein.

3) Weil ich mich sicherer fühle, was Abmahnungen angeht

Klar, ich habe ein ordnungsgemäßes Impressum, benutze den korrekten Text um auf den Einsatz von Google Analytics im Blog aufmerksam zu machen, und halte mich an geltendes Recht, auch was die Nutzung von Bildern aus Fotodatenbanken betrifft. Aber ein Restrisiko bleibt. Oder nennen wir es „Restunsicherheit“. Die Regeln ändern sich, die findigen Anwaltskanzleien sind nicht zu unterschätzen.

Ich will nicht nervös werden, wenn ich in der Blogstatistik sehe, dass RAE Dingenskirch & Partner die Seite besucht haben. In diesem Fall denke ich nämlich an die alleinerziehende Rechtsanwaltsgehilfin oder Kanzlei-Chefin, die meine Seite liest, und nicht an einen Hai im Anzug, der nach Angriffspunkten sucht. Es ist mir lieber so. Hintergrund dessen ist, dass eine nicht-kommerzielle Seite von einer Privatperson, falls eine Abmahnung vor Gericht Bestand hat, zu weitaus geringeren Summen verurteilt wird als Seiten, die Geld verdienen. Und obwohl ich den Rechtsschutz des DJV genieße, möchte ich lieber gar nicht erst in die Situation kommen, diesen in Anspruch nehmen zu müssen.

4) Augrund meiner beruflichen Erfahrungen

Aus meiner langjährigen Erfahrung als Online-Redakteurin weiß ich, wie wenig Geld beim Contentproduzenten hängenbleibt, wenn er versucht, sich über Werbung zu finanzieren. Seien es Affiliateships wie zanox, bei denen man selbst auswählt, welche Banner man wo platziert (das funktionierte recht gut, allerdings tritt ein gewisser Gewöhnungseffekt der User ein, man müsste also die Partner öfter wechseln), seien es Vermarktungskooperationen, die die komplette Seite betreuen (wer gut verhandelt, behält 60% vom Kuchen, normal wäre 40%), oder sei es Selbstvermarktung (schwierig für Laien, die Konditionen gut abzuschätzen). Advertorials bringen relativ viel Geld, aber so etwas will ich nicht auf der Seite haben. Und für 100-300 € im Monat möchte ich es nicht riskieren, meinen Blog zu verschandeln.

5) Wegen der Optik

Möchte ich, dass mein Blog aussieht wie eine professionelle Seite? Nein. Es ist ein privater, persönlicher Blog. Auch wenn ich finde, dass z.B. Mamamiez das sehr gut gelöst hat, weil die von ihr gefundene Lösung gut zu ihrem Stil passt, wäre das nicht meins. Es steht mir auch nicht zu, über andere Blogs zu richten. Ob einem etwas gefällt oder nicht ist subjektiv. Und mir gefällt’s besser ohne Werbung. Damit steche ich eher aus der Masse heraus als wenn ich dem Blog ein Allerweltsgesicht mit Standardbannern gäbe. Nee, das kann ich mir gar nicht vorstellen.

6) Das Finanzamt wäre mit drin

Und das will doch wirklich keiner. Natürlich sind Einkünfte zu versteuern, auch solche aus der Vermarktung von Blogs. So lange ich nicht davon leben kann, siehe Wunschkonzert, würde mir das die Freude am privaten Schreiben nachhaltig verderben.

Wunschkonzert

Etwas anderes wäre es, würde sich z.B. das Familienministerium, die Bertelsmann-Stiftung oder eine andere honorige Institution wie das Fraunhofer Institut dazu entschließen, ausgewählte Blogs im Rahmen eines sozialen Engagements zu sponsorn. Das stünde ihnen sogar gut zu Gesicht und täte fürs Renommee gerade des Familienministeriums sicher mehr als große Plakatwände oder Anzeigenserien in Print-Veröffentlichungen. Aber unter 500 € im Monat dürfte die Summe nicht liegen, und das ganze ohne inhaltliche Beeinflussung (bis auf einen Rahmenvertrag, in dem steht, dass der Blog sich an den Pressekodex und das Grundgesetz hält oder so). Da würde ich nicht nein sagen, denke ich. Allerdings lieber bei 1.000 € im Monat.

Und wenn einer der Gründe 1-6 wegfiele? Bzw. welcher der Gründe müsste wegfallen, damit ich es mir anders überlege?

So funktioniere ich nicht. Es ist das Gesamtpaket. Ich stelle mir doch auch keine Imbissbude in einen Garten, den ich liebevoll über Jahre angelegt habe, nur weil jemand meint, das sei eine gute Idee (und weil er damit Geld verdienen will), und weil das viele andere Gartenbesitzer gut finden. Ebensowenig ändere ich meinen Geschmack, das als allerletztes. Und die Angst vor Selbstzensur ist nicht nur tiefsitzend, sondern auch berechtigt. Abmahnungen brauche ich eigentlich nicht zu fürchten, weil ich gesetzeskonform handele, das ist also die geringste Sorge (falls mir hier jemand eine rundum-Sorglos-Versicherung schenken will). Und Kunst zu machen ist anmaßend, aber mein Wunsch.

Für Geld schreiben kann ich woanders. Ich find’s schöner ohne Werbung, ohne Kooperationen, nur mit mir. Das kostet jeden Monat Geld, anstatt welches einzubringen. Schön blöd, könnte man meinen. Aber genau SO macht es mir Spaß. Darum.

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Sascha
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Sascha

Guter Standpunkt. Und was den RA oben angeht – der mahnt gerade Blogger ab.

Susi
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Susi

Ich erachte alle Punkte, die du nennst, ebenfalls als wichtig. Aber ich finde nicht unbedingt, dass sie „werbehinderlich“ sind. Ich schreibe so, wie es mir passt und gefällt: Wer mit mir arbeiten will, prima, wer nicht, auch gut. :-) Naja, und dass man Einkommen versteuern muss, ist doch immer so?! Es bleibt ja immer noch was übrig. Wer professionell bloggt und davon lebt – der begibt sich natürlich in eine ganz andere Abhängigkeit. Aber sonst?! Ich fühle mich nicht gedrängt, zu nix. Und hübsch finde ich mein Blog auch immer noch. :-D ABER: Das muss jeder für sich entscheiden. Keine… Weiterlesen »

Elli
Gast
Elli

Es war mir von Anfang an klar, dass Du auf Zack bist. :-)
Ich denke auch, auf ein privates Blog gehört keine Werbung. Unabhängig und authentisch bleiben. Deine Fans werden es Dir danken.

Sandra
Gast
Sandra

Ich finde es wirklich toll, dass Du keine Werbung schaltest. Ich habe mittlerweile aufgehört die Blogs mit Dauerwerbesendung zu lesen und beschränke mich auf ein paar ausgewählte Blogs, die wenig und sinnvoll bzw. gar nicht werben.

Katja
Gast
Katja

Ich finde es gut, dass du deine Unabhängigkeit wahren willst. Aber wieso willst du ausgerechnet für das Familienministerium eine Ausnahme machen ? Ich bin alleinerziehend und selbstständig tätig seit 2004, d. h. dank des Alibi- Entlastungsvertrag von ca. 20 € pro Monat realer Steuerersparnis zahle ich seit 10 Jahren beinahe Steuern wie ein Single. Ich habe zwar bloß ein Kind, aber dass der Vater keinen Cent bezahlt wird bei der Steuer ebenfalls nicht berücksichtigt. Steuer kommt von steuern…..alleinerziehende Mütter sind hierzulande nicht Hätschelkinder, sondern Packesel der Nation.

Eva
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Eva

Ich finde es beeindruckend, dass Dein Blog Werbungs-frei ist! Und irgendwie passt das so 100% zu dem, wie Du so rueberkommst, authentisch, echt, ungefiltert, clever und sehr lesenswert. Ich finde es auch interessant, Deine Gruende dafuer zu lesen, jetzt ist mir einiges klarer :)

peter
Gast
peter

Wie sieht es denn mit flattr aus? Also der Möglichkeit das die Lesenden freiwillig etwas bezahlen können?

schweigen.ist.silber
Gast
schweigen.ist.silber

Feine Sache. Sauber auf den Punkt gebracht. Genau so sehe ich das auch.

Ludwig
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Ludwig

Das Anliegen „Herr im eigenen Hause“ zu sein, was letztlich viele der genannten Punkte (Inhalte, Unabhängigkeit, Sicherheit und Optik) zusammenbringt, ist für mich vollkommen nachvollziehbar. Ich persönlich würde nur Werbung zulassen, mit der ich mich identifiziere (z.B. dass ich die Produkte mag und ihre Beschaffungsmethodik billige) UND die optisch reinpasst. Aber das ist Theorie, da ich keinen eigenen Blog besitze. Interessant finde ich die Öffnung hin zum Familienministerium – gerade vor dem Hintergrund, dass es genau die Themen dieser Seite betreffen würde, und eine finanzielle Abhängigkeit geradezu provoziert (im Gegensatz vom 100,- €-Zubrot, von dem man sich einmalig Weihnachtsgeschenke ansparen… Weiterlesen »

be flash
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be flash

Interessanter Blog. Bin durch die BJS hier gelandet…
VG

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