Wie ich blogge – Prozessbeschreibung

Zuerst ist da ein Gefühl:

Ich bin eher Kopfmensch und tue mich ein bisschen schwer damit, eigene Gefühle zu benennen (viel leichter fällt es mir schon, die anderer nachzuempfinden), und deswegen ist das Bloggen für mich eine heilsame Herausforderung. Beim Bloggen gehe ich planlos vor, rein spontan, vom Lust- oder auch Frustprinzip angetrieben, nicht auf Zielgruppen achtend, sondern nur auf dieses kleine feine oder auch vehemente Gefühl in meinem Bauch.

Einen Namen für das Gefühl finden: die Überschrift

Das Gefühl benennen – meistens komme ich darauf, welches Gefühl mich übermannt hat, wenn ich überlege, was die Entstehung des Gefühls ausgelöst hat. Manchmal, speziell bei Wut und Frust, ist es auch andersherum, da kann ich das Gefühl zuerst identifizieren und denke dann darüber nach, warum die Wut mich so überfällt.

© simonalvinge - Fotolia.com
© simonalvinge – Fotolia.com

In allen anderen Fällen durchsiebe ich meine aktuellen Handlungen und lege eine Art Abgleichsschablone mit ähnlichen Gefühlen aus der Vergangenheit darüber, und wenn ich das tue, habe ich auf einmal mehrere Ebenen, und sehe Bilder zu dem Gefühl. Nach, oder genauer gesagt, mit den Bildern, kommen Worte. Überschriften sozusagen, andere würden es Arbeitstitel nennen. Heute hatte ich Lust, mit Euch auf Meta-Ebene zu kommunzieren und Blog-Neulingen einen Eindruck zu geben, wie man ans Bloggen herangehen kann.

Ein konkretes Bild für den Blogpost auswählen

Wenn ich das Gefühl festgenagelt habe (das ist gelegentlich wie der Versuch Götterspeise an die Wand zu nageln!) und mein Thema kenne, bebildere ich meist meinen Blogpost in WordPress, bevor ich auch nur einen einzigen Satz geschrieben habe. Die Überschrift schreibe ich aber schon hin, damit schon etwas dasteht, sonst könnte mich mitten im Prozess der Elan verlassen. Das habe ich bei den Print-Monatsmagazinen gelernt, und obwohl es mich erst unpraktisch dünkte, einen Artikel in mit Dummytext gefüllte Textboxen zu schreiben, die von bereits feststehenden Bildern garniert sind, so halte ich das heute doch für einen sehr guten kreativen Prozess.

Weil ich über mein Leben blogge, spaziere ich also mit meiner Kamera durch meine Wohnung oder die Umgebung und entscheide mit der Überschrift im Kopf, welcher Ausschnitt aus meiner Realität abgebildet werden soll. Ich muss eigentlich nie lange suchen, und gehe nur anders vor (zuerst Text, dann Bebilderung), wenn ich Lust auf Experimente habe oder wie beim Thema Elternabend über Dinge berichte, die außerhalb meines Hauses stattfinden – wobei auch da ein Foto eines Schulranzens oder Federmäppchens gut gewirkt hätte. Aber ich habe kürzlich einen Fotolia-Account eröffnet, und setze den ein, wenn mir meine Fotos zu stümperhaft vorkommen.

abgenutzte-tastatur
Abgewetzte Tastatur (Schweiz) – ohne ß, Umlaute, @, !? und mehr an ungewöhnlichen Orten

Just do it – einfach losschreiben

Sind die Bilder bearbeitet und eingefügt, gibt’s kein Halten mehr. Schreibblockaden kenne ich – zum Glück! – nicht, und weil ich schnell und im 10-Finger-System tippen kann, klackern nun meine Gedanken mit Schmackes auf die Tastatur (einige Buchstaben sind schon abgerieben, weil ich so schwungvoll in die Tasten haue). Ich denke dabei nicht nach, sondern lasse es fließen. Flow im wahrsten Sinne des Wortes, und das ist wie ein Urlaub. Der angenehme Nebeneffekt ist, dass das Gefühl kanalisiert wird und einen Platz in der Welt findet, was die später meist eintreffenden Kommentare weiter verstärken.

Publizieren ohne Angst vor Peinlichkeit

veröffentlichen-screenshotWenn ich geschrieben habe, schaue ich den Text noch ein paar Mal in der Vorschau auf Rechtschreibfehler und Layout hin an, baue die Links und den VG Wort Zählpixel ein,und dann drücke ich den „Veröffentlichen“ Knopf.

Lange warten und taktieren, wann die beste Tageszeit oder der beste Wochentag dafür ist, mag ich nicht. Was ich schreibe, geht raus, und ich halte mich auch nicht mit dem Gedanken auf, ob jemand, den ich kenne, meine Offenbarungen grenzwertig, peinlich oder in anderer Form daneben findet.

Die einzige Ausnahme ist ein Text gewesen, in dem ich einen sehr persönlichen Nachruf auf einen Ex-Freund schrieb – da wollte ich sicher sein, dass ich niemanden verletze, der noch lebt, und ich habe eine Nacht über den Text geschlafen. Und natürlich achte ich die Privatspähre meiner Kinder, das geht aber auch ohne Nachdenken.

Nach dem Publizieren mit den Augen der Öffentlichkeit lesen

Wenn ich veröffentlicht habe, hat der Text für mich seinen Aggregatzustand verändert. Er ist nun nicht mehr meiner, sondern draußen, auf der Bühne, und so betrachte ich meinen Artikel mit den Augen eines Lesers im Browser. Dabei entfaltet er für mich oft noch andere Facetten, je nachdem, mit wessen Augen ich meinen Text lese – am Interessantesten ist es für mich, das mit den Augen eines Fremden zu tun, denn dann lerne ich etwas über mich.

Den neuen Blogpost verbreiten

Jetzt ist es Zeit, die Welt wissen zu lassen, dass hier im Blog etwas Neues steht. Ich poste auf twitter, Facebook (3-fach: in der Gruppe bloggende Eltern, auf der Facebook-Seite Mama arbeitet, und teile das als Privatperson), google+ und Xing – in dieser Reihenfolge.

Ergänzung und Bereicherung durch Kommentare

Dann sitze ich gespannt vor dem Bildschirm und sehe die ersten Kommentare eintreffen. Schön sind auch Retweets und Favoriten auf twitter, und meist bekomme ich ebenfalls Resonanz auf Facebook in Form von Kommentaren dort und „Gefällt mir“s.

Gar nicht selten wird in den Kommentaren etwas aufgegriffen, das mir zwar am Rande einfiel, ich aber nicht in den Kerntext einfließen ließ. Das freut mich dann besonders, weil die Interaktivität meinen Artikel bereichert, und ich pflege auch Kommentare zu beantworten (nicht jedoch beim Nachdenken über die Elternabend-Problematik. Aus Gründen, wie man auf twitter sagen würde. Zu Deutsch: der Feind liest mit).

Fertig. So blogge ich. Und zum Beweis, wie spontan diese Bloggerei ist, verrate ich euch noch, dass ich eigentlich das gestern frisch ausgelesene Buch von Peggy Wandel vorstellen und empfehlen wollte. Das mache ich dann im Laufe der Woche, schätze ich. :)

LIntkipps innerhalb des Blogs:

Wie öffentlich darf ein privater Blog sein?

Was mich motiviert

Alleinerziehend mit 3 Kindern, Buchautorin und Kolumnistin, seit 2014 auch Stadträtin in Konstanz. Bloggt hier seit 2011.
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Achtung, Mama!
Achtung, Mama!
18. März 2013 14:12

Tolle Beschreibung! Ich finde es sehr interessant, wie unterschiedlich Schreibprozesse verlaufen können. Darüber wollte ich sogar mal promovieren :-) Eigentlich schreit das nach einer Blogparade!

Achtung, Mama!
Achtung, Mama!
19. März 2013 08:52

Nee, leider kenn ich Blogparaden bisher nur als Teilnehmerin! Vielleicht machen wir irgendwann mal eine zusammen :-) Meine Schreibprozesse sind sehr unterschiedlich. Die Ideen kommen mir in den unmöglichsten Situationen und ich achte darauf, sie immer sofort irgendwo zu notieren, zum Beispiel in meiner Memo-App. Ich ärgere wie verrückt, wenn ich mich daran erinnere, eine Idee gehabt zu haben, aber keine Ahnung mehr habe, worum es ging. Wenn ich dann merke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt zum schreiben, dann kommt es sehr auf die Situation und das Thema an, wie ich weiter vorgehe. Manchmal schreibe ich einfach drauf los und… Weiterlesen »

cloudette
cloudette
19. März 2013 20:57

Ich finde das ja auch sehr spannend, wie das bei anderen läuft!!!! Seltener Blick hinter die Kulissen! Schreiben ist bei mir oft Chaos, das ich langsam in eine Form bringe. Wie ein Puzzle mit unterschiedlich vielen Teilen. Manchmal flutscht es, dann fügen sie sich schnell zusammen, manchmal ist das alles zäh wie der Beginn eines 2000-Teile-Puzzles. Wo fange ich an, wo mache ich weiter … Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das früher geschafft habe: ohne PC, mit Schreibmaschine, wo alles von vorne herein geplant sein musste. Heute wäre das für mich der Horror. Ich brauche Platz zum hin-… Weiterlesen »

Lapideus
Lapideus
19. März 2013 21:23

Hallo Christine!

Danke für diese ausführliche Beschreibung! Ich war ein wenig erstaunt, denn dein Prozess ist 180° zu meinem gedreht. Überschrift und Bild sind immer das Letzte, das ich mir überlege bzw. /wähle.

Beim Zeitpunkt der Veröffentlichung versuche ich einen regelmäßigen Termin einzuhalten. Bei allem, was mir sonst so um die Ohren fliegt (Familie, Job, etc.) brauch ich das auch als Haltegriff. Sonst verödet mein Blog am Ende noch.

Liebe Grüße,
Bruno/Lapideus

Mara
Mara
20. März 2013 20:33

bei mir ging die schreiberei (auf allen ebenen) los, nachdem ich endlich meine inneren zensoren ausgetrickst habe, meist mit dem satz: du kannst das später immer noch ändern … dann geht es meistens doch und wenn es stockt, lasse ich den text einige tagelang oder sogar wochenlang liegen. beim veröffentlichen schaue ich möglichst nicht darauf, ob ich kriterienkonform schreibe, nehme aber gerne verbesserungen auf, zum beispiel zwischenüberschriften bei längeren texten. ehrlich gesagt, finde ich perfekt gestaltete blogs ein bisschen unheimlich, denn ich schätze ja gerade das persönliche, das individuelle, das nicht ganz perfekte, das bisschen schiefe, den charakter, der dahinter… Weiterlesen »

Ildiko
Ildiko
24. März 2013 12:03

Ich bin gestern durch eine Empfehlung von einem anderen Blog auf deinen hier gestossen. Ich find es total interessant, wie unterschiedlich Menschen doch vorgehen. Spontan oder strukturiert, jeder muss eben seine eigene Methode finden und es ist toll, wenn man die von anderen kennenlernt. Eine Blogparade hierüber find ich übrigens auch super, einfach weil man viele inspierierende Methoden dann auf einem Haufen hat.
Ich bin schon ganz gespannt, deine anderen Posts zu lesen.
Gruß aus dem Norden