Wie öffentlich darf ein privater Blog sein?

Oder: wie privat darf ein öffentlicher Blog sein? Die Frage stellt sich mir aus beiden Perspektiven. Es ist nicht unbedingt der rechtliche Aspekt der mich beschäftigt, da es mir fernliegt, jemanden, Firmen oder Institutionen mit meiner Häme zu überziehen.

Meine Rechte auf die Vertextung meines Alltags hören da auf, wo die von anderen anfangen – so ziehe ich die Grenze. Deswegen kommt in diesem Blog der Vater der Kinder so gut wie nicht vor, obwohl es ihn natürlich gibt. Es wäre unfair den Kindern gegenüber, denn der Mann ist ihr Vater (und auch ein Mensch mit Rechten), und alles, was ich über ihn schreiben könnte, hätte in irgendeiner Form auch wiederum mit den Kindern zu tun. Das fällt also aus.

Trotzdem bin ich hier sehr offen. Es gibt auch hie und da ein Kinderfoto, auf denen ein kleines Gesicht zu sehen ist. Ich erzähle aus unserem Leben, aufrichtig und schonungslos, und lebe damit, dass potentielle Arbeitgeber erfahren, wie es in mir aussieht. Das ist vielleicht nicht klug, zumindest nicht strategisch klug, aber so ist es für mich richtig. Wie ich darauf komme? Eine kluge und scharfsinnige Freundin wies mich gestern darauf hin, wie ich nach außen wirken könnte, und alles, was sie mir sagte, hatte Hand und Fuß. Und dann machte sie mir ein paar Vorschläge, wie ich besser „rüberkommen“ könnte.

Nur bin ich tatsächlich Überzeugungstäterin: ich schreibe, um mich auszudrücken. Wenn das sonst noch jemand lesen möchte, und gar kommentiert, ist das wunderbar. Grundsätzlich aber kreise ich hier in der Tat um mich, meine Gedanken, mein Leben, meine Kinder. „Dann soll sie halt Tagebuch schreiben!“, könnte man nun entgegnen. Das ist aber nicht dasselbe. Ich will es nicht privat halten, ich will öffentlich sein. Auch, um etwas anzuecken, weil Reibung Energie erzeugt, in der Gesellschaft und bei mir. Die Themen im Blog bewegen mich und ich möchte bewegt werden, nicht glatt und gefällig sein.

Viele gute Blogs sind komplett anonym, und das aus sehr verständlichen Gründen. Ich lese zum Beispiel unheimlich gerne die desperate working mom, mag frischebrise und die Mittelmaßmama (und viele mehr!). Nur wenige weibliche Blogger halten ihr Gesicht und ihren Namen hin, wenn es um Geschichten aus dem Leben geht – besonders schätze ich da Tinas-Tag von Tina Barheine und mutterseelenalleinerziehend von Maike von Wegen. Jede von uns weiß, dass ALLE da draußen, vom Arbeitsamt über den Ex-Mann bis hin zu den Nachbarn und Eltern von Kindern, mit denen der Nachwuchs spielt, tieferen Einblick in das Seelenleben bekommen als das normalerweise gesellschaftlich üblich ist. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, spürt an Formulierungen die Stimmung, und damit macht sich die Bloggerin verletzlich. Sie polarisiert.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Und verstehe, dass ich eventuell einen Preis dafür zahlen muss. Aber so ist dieser Blog für mich sinnvoll.

Versteht mich jemand?

Nachtrag: Bloggerin Tina Barheine hat meine Gedanken weitergesponnen: Ich blogge, also bin ich. Post vom 20.4.2012.

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tina
Gast
tina

Hallo Christine,
danke für die Erwähnung meines Blogs.
Dass ich dich verstehe, muss ich dir wohl nicht mehr sagen.
Und ich gebe dir in allen Punkten Recht.
Es ist gewagt, öffentlich offen zu schreiben.
Das Amt könnte mitlesen, der Ex wäre vielleicht angepisst und die liebe Verwandtschaft wahrscheinlich empört. Allerdings wird in diesem Land so viel geschimpft und gezetert, dass es Zeit wird, auch Schimpftiraden eine ordentliche und niveauvolle Form zu geben. Und dazu sind Blogs einfach wie geschaffen und vielen gelingt es auch wrklich richtig gut.
Du und dein Blog – das macht Sinn, sehr viel Sinn sogar!

LG Tina

Mattes
Gast
Mattes

Also ich verstehe Dich vollkommen. Die Überlegungen hatte ich auch von Zeit zu Zeit. Gerade weil ich ja auch Bilder von unserem Sohn hochlade und teils Einblick in meine Gedankenwelt gebe. Aber wie Du schon schreibst, anders ergibt mein Blog für mich auch keinen Sinn.

Mattes
Gast
Mattes

Nichts zu danken. Dafür ist ja ein Blog da, ohne Kommentare ist das irgendwie langweilig. Erst die Möglichkeit zum Austausch bringt ja den Spass an einem Blog. :D

Michael
Gast
Michael

tja volle Zustimmung hast Du. Ich glaube mehr zu dem Thema braucht man ja auch nicht mehr sagen…

DesperateWorkingMum
Gast
DesperateWorkingMum

Liebe Christine,
vielen Dank für die Erwähnung in deinem Post!
Ich teile deine Meinung und bewundere deine Offenheit. Mein Blog entstand aus der Unzufriedenheit mit meiner beruflichen Situation, für die nun mal gewisse handelnde Personen mitverantwortlich sind. Weil diese in den Posts nicht immer gut wegkommen, musste ich die Anonymität wählen.
Ein weiterer Grund sind meine Kinder, deren Wunsch ich respektieren musste. Ohne diese beiden Themen bliebe in meinem Blog nicht viel zu berichten übrig, daher bin ich DesperateWorkingMum (der Titel wurde übrigens von meiner kreativen Tochter erdacht).
Mach weiter so!

Frische Brise
Gast
Frische Brise

Dankeschön! ✿

Ich verstehe Dich, ja.
Ohne meine Kinder wäre ich vielleicht nicht ganz so anonym unterwegs. Und je mehr Leser ich bekommen habe, desto mehr habe ich mich zurückgehalten. Bei einigen Tausend Lesern am Tag wird man automatisch vorsichtiger.
Und manchmal wäre ich gerne NOCH anonymer, dann könnte ich vielleicht auch etwas über die liebe Verwandtschaft, den Ex, den Job, über Politik und andere heiße Eisen schreiben.
Jeder neue Eintrag ist immer wieder ein Abwägen.

Viele Grüße!

hostmami
Gast
hostmami

Hallo Christine! Ich kann Deine Bedenken,Überlegungen sehr gut nachvollziehen. Auch ich frage mich stets ob diese Einträge ok sind,also meine. So schreibe ich ja im Moment lang und breit über die Mutter Kind Kur.Obwohl ich nur positives zu berichten habe,fühlt es sich durchaus manchmal grenzwertig an.

Cousine Claudia
Gast
Cousine Claudia

Hallo Christine,

als Verwandte finde ich die Offenheit natürlich großartig. Meine Cousine schreibt in ihrem unvergleichlich prägnanten Stil über die Dinge ihres Alltages und ich bin immer dabei. Besser geht’s nicht. Die grundsätzlichen Überlegungen hierzu kann ich natürlich nachvollziehen. Mir persönlich wäre das zu viel Öffentlichkeit. Sonst hätte ich damals vielleicht den von dir angeregten Blog zu Geburt und Stillzeit in der Liliput Lounge gemacht;-)

Weiter so!

Claudia

Katinka
Gast
Katinka

Ich persönlich habe für mich auch den eher öffentlichen Weg gewählt. Zwar führe ich den Blog nicht unter meinen richtigen Vornamen, aber im laufe der Jahre habe ich glaube ich schon mehrfach meinen Namen und andere Details erwähnt. Allerdings denke ich auch, dass man darauf achten sollte andere Personen nicht einfach offen zu legen. Namentlich erwähnt werden bei mir nur Leute die dafür vorher ihre Zustimmung gegeben haben oder die eben direkt mit mir verwandt sind (wobei meine Eltern + Schwester nicht namentlich erwähnt werden – aber eben als „Meine Mutter“ etc). Aber ich kann jeden verstehen der sich eher… Weiterlesen »

Mama arbeitet
Gast
Mama arbeitet

Hallo Kati,

ich habe mich eben bei dir ein bisschen reingelesen und will dir Respekt aussprechen dafür, dass du „halböffentlich“ unterwegs bist. Beim Thema Psychotherapie und Medikamenteneinnahme bist du damit sicher Vorreiterin!

Wenn ich mir deinen Blog anschaue, ist das allerdings auch einer ohne Impressum mit sehr allgemein gehaltenem Profil, auch wenn du teils in den Texten echte Angaben machst, aus denen der interessierte Leser auf dich schließen kann. Rein formal bist du also auch anonym :).

Katinka
Gast
Katinka

Mhm, jetzt wo du es sagst, hast du eigentlich recht. Ich war mir selbst gar nicht bewusst das der Blog formal gesehen tatsächlich anonym ist. Ich muss aber auch zugeben das ich mir über ein Impressum noch nie Gedanken gemacht habe, auch wenn mir der Sinn eines Impressum natürlich klar ist, habe ich nie einen Sinn dafür in einen privaten Blog gesehen. Das zeigt wohl das ich mir bis jetzt noch gar keine so direkten Gedanken zum Thema öffentlich / Anonym gemacht habe. Wahrscheinlich interpretiere ich anonym sein auch leicht anders, da ich nun mit Chatrooms und Foren groß geworden… Weiterlesen »

Kerstin
Gast
Kerstin

Liebe Christine, ich selber würde nach gewichteten/-m Kosten und Nutzen unter-/entscheiden (anonym/ nicht anonym; Inhalte), zzgl. nach gewichteten Zielen; – zumal diese bei Dir teilw. im Konflikt zueinander stehen: Selbst-Vermarktung (@ potentielle Arbeitgeber) vs. Authentizität. Wäre ich potentieller Arbeitgeber wäre ich – v.a. anlässlich Personalauswahl – ein großer Fan von web2.0! („Grauzone der Legalität? Mir doch egal. Außerdem soll mir das erstmal einer nachweisen, so.“) Sich in Bewerbung, ggf. Persönlichkeitstest und Interview optimal zu präsentieren ist sehr viel einfacher, als kontinuierlich self-marketing Inhalte zu produzieren, die sich ja nicht als solche lesen dürfen. Da liefert so ein Blog schnell diejenigen… Weiterlesen »

aupairfamilienrw
Gast
aupairfamilienrw

Sehr spannende Frage. Ich habe mich bewußt entschieden anonym zu bloggen, zum einen weil ich es schwierig finde heute zu entscheiden welche Informationen in 1-3-10 Jahren über mich im Netz stehen sollen. Es betrifft ja nicht nur mich sondern auch mein ganzes Umfeld. Im Bezug auf die Arbeit möchte ich nicht, dass meine Schüler, Kollegen und Chefs so viele private Informationen bekommen. Denn Informationen über das Privatleben gerade bei berufstätigen Müttern werden leider oft negativ genutzt :( . Zum Anderen mach mich gerade die Anonymität frei über Themen und Gedanken zu bloggen die ich aus guten Grund meinem Au-Pair, meinem… Weiterlesen »

Ecki
Gast
Ecki

Guten Tag, auch wenn dieser Eintrag schon eine Weile her ist. Ich habe ihn gefunden und freue mich das es mir nicht alleine so geht. Ich habe 8 Jahre lang unter derEcki.de gebloggt und das war auch gut so. Dann hatte ich irgendwann die Schnauze voll und habe mich ein Jahr lang zurückgezogen. Jetzt ist mir aber etwas passiert, was mir soviel Kraft zum schreiben gibt, das ich wieder blogge. Und genau da machte ich mir meine Gedanken wieviel kann und darf ich von mir schreiben. Ich suchte nach Lösungen und fand via Google diesen Eintrag! Ja ich will alles… Weiterlesen »

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