„Nur mit Mama UND Papa!“ Ein Pixibuch, das Fragen aufwirft

Ich verstehe dieses Buch nicht. Es liegt nicht an der Sprache, denn getextet ist es schön von Corinna Fuchs, und schon gar nicht an den Bildern, die Dorothea Tust beigesteuert hat.

„Nur mit Mama UND Papa!“, mit Ausrufezeichen und groß geschriebenem „und“, ist eine Pixibuch Sonderausgabe im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerk e.V., gefördert vom Familienministerium. Es kostet einen Euro plus Versand, und da ich mich grundsätzlich für Kinderbücher und Trennung interessiere, war ich natürlich sehr gespannt auf dieses Minibuch. Es kommt ja bekanntlich nicht auf die Größe an.

Kinderrechte ins Grundgesetz via Pixibuch?

Es fällt nicht leicht, festzumachen, was mich daran stört – irgendwie fühlte ich mich beim Lesen gegängelt. Ein bisschen so, als lese ich ein belehrendes Kinderbuch über Zahnhygiene. Aber vielleicht ist das auch Absicht, denn auf der letzten Umschlagsseite wird Begleitmaterial für die Kita angeboten und auf einen Kinderrrechtekoffer im Download verwiesen, und dass das kleine Büchlein vom Familienministerium gefördert wurde, passt da gut ins Bild. Wir wissen ja, dass die Kinderrechte ein Thema sind und ins Grundgesetz sollen (Was ich prinzipiell begrüße).

Nur mit Mama und Papa

Die Geschichte ist schnell erzählt: Majas Eltern sind frisch getrennt, Maja ist traurig, und sie wohnt jetzt ein paar Tage bei Mama und ein paar Tage bei Papa. Die Eltern streiten sich, und als ein Kitafest ansteht, soll Maja entscheiden, welcher der beiden Elternteile teilnimmt. Am Ende ist alles gut, weil eine Erzieherin vermittelt hat, und Maja ist froh.

Nur mit Mama und Papa – aber wer entscheidet was?

Aber so ganz klar ist es dann eben doch nicht, was da passiert: Warum will oder darf nur ein Elternteil an dem Kitafest teilnehmen? Und steht die Mutter am Ende als Zaubererin auf dem Fest, damit der Vater sie nicht erkennt, oder hätte sie genauso gut Kuchen verkaufen können? Ich hab’s wirklich nicht kapiert.

Also habe ich die Geschichte meiner Großen (17) gezeigt und meiner Kleinen (9) vorgelesen. Meine Jüngste kommentierte nur „interessant“, was sowas wie „Hä!? Damit kann ich nicht viel anfangen“ bedeutet, und die Große sah Aspekte, die ich völlig anders interpretiert hatte. Während ich dachte, die Kita habe entschieden, dass nur ein Elternteil beim Fest dabei sein dürfe (Was ich in der Praxis absolut nicht so kenne), las die Große heraus, dass die Mutter nicht mit dem Vater zusammen auf demselben Fest sein wolle. Auch warum beide Eltern zum Abholen in die Kita kommen, und ob das nur ein dummer Zufall ist, habe ich trotz Grübelns nicht verstanden.

Was mich aber am meisten irritierte, ist dass ein wirklich zentraler Punkt völlig untergeht: Als es darum geht, welcher Elternteil auf das Fest geht, sagt die Mutter: “ Am besten entscheidest du, wer zum Fest mitkommen soll, Maja.“ Und genau hier wäre die Gelegenheit gewesen, etwas entscheidendes zu erklären: Dass nämlich NICHT die Kinder entscheiden sollen. Das ist Erwachsenensache. Genausowenig wie kleine Kinder entscheiden sollen, wo sie leben, falls das Wechselmodell oder ein Wohnsitzwechsel zur Diskussion steht. Kleine Kinder sind überfordert mit so einer Entscheidung, sie sind immer loyal beiden Eltern gegenüber.

Und zuletzt die Frage: Wer soll das lesen?

Warum mag ich also dieses Buch nicht? Irgendwie ist das alles zu dick aufgetragen, zu gewollt, zu viel Zeigefinger. Es ist sehr viel Diversity auf einmal drin, und das wirkt arg konstruiert: Maja sitzt im Rollstuhl und lebt offenbar im Wechselmodell. Und die Botschaft, die Eltern sollen sich mal eben zusammenreißen, und mit ein bisschen Mogelei und Hilfe von Außen kommt man schon klar, ist mir auch nicht sehr sympathisch.

Kinderrechte verstehe ich anders. Aber eins will ich noch sagen, nachdem ich doch ziemlich hart mit dem Buch ins Gericht gegangen bin: Es ist wahrscheinlich gut gemeint. Und vielleicht hilft es ja irgendjemandem. Ich weiß nur nicht, wem. Und ich weiß auch nicht, wer das kaufen soll, wer es verschenken soll, und was es überhaupt soll. Vielleicht ist es einfach dazu gedacht, irgendwo in Beratungsstellen auszuliegen, meinte meine Große. Ja, da kann ich es mir vorstellen. Aber nur da.

 

Corinna Fuchs (Text) und Dorothea Tust (Bilder). Nur mit Mama UND Papa!, Carlsen Verlag 2017. Pixibuch Sonderproduktion für das Deutsche Kinderhilfswerk e.V., Artikelnr. 60752-01, zu bestellen direkt beim DKHW.

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6 Kommentare auf "„Nur mit Mama UND Papa!“ Ein Pixibuch, das Fragen aufwirft"

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SilkeAusL
Gast
Hallo Christine, ich habe das Pixi zwar nicht gelesen, aber aus dem Titel gleich verstanden, dass es darum geht, dass sie BEIDE Elternteile auf dem Fest haben möchte. Vielleicht hilft es ja wirklich, „etwas zerstrittene“ Eltern sich zusammenzureißen und dem Kind zuliebe beide auf das Fest zu gehen. Unamgebracht ist es echt (wie es im Netz auch schon mehrfach angeprangert wurde) für Kinder mit Eltern, die sich gar hassen. Da gibt es kein UND! Was sollen diese Kinder über das Buch denken? Wie sollen die Mütter/Väter es ihnen erklären? „Es gibt Mütter und Väter, die verstehen sich noch so einigermaßen,… Read more »
Sonnenfräulein
Gast
Aus Kindersicht wünscht man sich dass Vati und Mutti glücklich sind und am besten miteinander. Wenn ich als Kind meinen Vati oder meine Grosseltern besucht habe und fröhlich vom Besuch wiederkehrte, erwartete ich als Kind auch eine gutgelaunte Mutti. Alles andere hätte mich nur irritiert. Gilt für jedes Elternteil. Da wo keine Liebe Ist, kann auch die Bundesrepublik nichts mit Grundgesetz, Modellen und bemühten Büchern gestalten oder einen liebevollen Umgang erzwingen. Es ist auch nicht hilfreich, zerstrittene Eltern zu beschämen und Familien, wo ein Elternteil fehlt, zu stigmatisieren oder gar noch zu behaupten, sie seien keine Familie, weil ein Elternteil… Read more »
Judith
Gast
Ich vermute (ohne das Buch zu kennen), dass es von den Kinderrechten her gedacht ist – denn ein Kind hat tatsächlich das Recht auf Vater UND Mutter. Das ist für viele Trennungseltern (mich eingeschlossen) nicht immer zu realisieren und trotzdem ist es vielleicht manchmal nicht verkehrt es im Hinterkopf zu haben. Denn eigentlich sollten die Kinderrechte unsere Elternentscheidungen leiten. Davon sind wir in der Realität leider häufig weit entfernt. Und es ist auch nicht möglich, wenn nicht beide Eltern in gewisser Weise an einem Strang ziehen. Dennoch hat sich die Bundesregierung mit Unterzeichnung der Kinderrechtskonvention dazu verpflichtet die Kinderrechte umzusetzen,… Read more »
henri
Gast

Das Buch taugt doch gut als Rorschachtest:
„..las die Große heraus, dass die Mutter nicht mit dem Vater zusammen auf demselben Fest sein wolle. “
Ihre Grosse hat es gechekt, dass es ihre Mutter war, die ihr ihren Vater entfremdet hat.
Währendem Sie, in Ihrer Vorstellung, die Verantwortung dafür auf irgendeine anonyme Kitaleitung schieben (Gesetze, Polizei, Rahmenbedingungen). Sie selbst trifft natürlich keine Schuld, gell. Phöses Buch, du !