Dem Kind eine Ohrfeige geben – geht gar nicht. Aber passiert.

Als ich schwanger war, war ich fest davon überzeugt, dass ich meine Kinder niemals schlagen würde. Schließlich hatte ich zuhause, wie alle meiner Freundinnen in den 70ern, hinreichend Klapse und Ohrfeigen bekommen. Die ich nicht schlimm fand, verglichen mit dem Teppichklopfer, den andere Eltern herausholten, um ihre Kinder zu strafen. Es war damals einfach so.

Die Zeiten ändern sich, hauen ist doof, und das Recht auf gewaltfreie Erziehung mittlerweile im Grundgesetz verankert. Das finde ich gut. Ich sehe aber auch, dass diese neue Sachlage noch nicht überall angekommen ist. Hier im Wohnblock mit dem sozial geförderten Wohnraum gibt’s mehr als eine Familie, in der Schläge ganz ungeniert als Erziehungsmittel eingesetzt werden. Ich würde mir wünschen, dass den Kindern in der Schule auch beigebracht wird, was ihre Kinderrechte sind und an wen sie sich wenden können, wenn sie Hilfe brauchen. Soweit ich weiß, geschieht das nicht. Drogenprävention, Sexualkunde und Medienerziehung wird in der Schule geleistet – aber Kinderrechte werden nicht vermittelt.

© Stauke - Fotolia.com
© Stauke – Fotolia.com

So wie ich waren wahrscheinlich viele Eltern davon überzeugt, ihre Kinder nie zu schlagen. Und genau so wie ich waren sie wahrscheinlich fürchterlich erschrocken und beschämt, als ihnen doch “die Hand ausrutschte”, was ein passender und gleichzeitig fürchterlicher Euphemismus für Gewalt gegenüber einer anderen Person ist.

Die Zeit schreibt:

In Deutschland schlägt fast die Hälfte der Eltern ihre Kinder. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage gaben etwa 40 Prozent der Mütter und Väter an, ihre Kinder mit einem Klaps auf den Po zu strafen, 10 Prozent verteilen nach eigenen Angaben Ohrfeigen. Anders als früher schlagen die meisten Mütter oder Väter aber nicht aus Überzeugung zu, sondern aus Hilflosigkeit, so die Studie. Den Großteil der Eltern packe danach ein schlechtes Gewissen.

Gestern schrieb ich einen Text über 10 Mama-Meilensteine, in dem unter anderem auch “die erste Ohrfeige” vorkam. Weil ich viel mit anderen Eltern spreche, habe ich oft gehört, dass fast alle Eltern (ich halte die Zahlen sogar noch für geschönt) mindestens ein Mal eben doch das eigene Kind körperlich angehen, obwohl sie das nicht wollen. Das ist noch nicht unbedingt ein Anlass, eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen, aber trotzdem ein Grund, in sich zu gehen.

Mir ist bei jedem meiner drei Kinder 1 einziges Mal der Geduldsfaden so gerissen, dass ich eben doch zugehauen habe. Ich habe mich sehr geschämt und hinterher mit den Kindern gesprochen, und es ist nicht wieder vorgekommen. Sonderbarerweise kann sich der Sohn (7) überhaupt nicht daran erinnern, dass ich ihn jemals gehauen haben sollte. Ich habe aber eine Begebung in Erinnerung (es hatte mit in die Ecke pinkeln, Home Office, der Trennung vom Mann und einem Baby zu tun, das ich noch versorgen musste), dass das passiert ist. Und bei der großen Tochter wurde ich ein Mal ganz kalt erwischt, als sie mich in die nackte Schulter biss, während wir auf dem Sofa saßen – da war sie 2 Jahre alt. Reflexartig “klatschte ich ihr eine” und war zutiefst erschrocken. Bei der Jüngsten habe ich vor einigen Monaten, als sie sich im Auto während der Fahrt abschnallte und sich partout nicht wieder anschnallen lassen wollte, als ich auf mitten auf dem Fahrradweg auf der Kreuzung an der Seite stand, rot gesehen.

Das war’s. Fertig mit beichten. Was ich nur sonderbar finde, ist dass 40% + 10% (also 50%? Oder 40%, die beides tun?) der Deutschen ihre Kinder “züchtigen” und keiner darüber redet. Es ist ein sehr großes Tabu. Die Leute haben Angst, angezeigt zu werden. Oder Angst um ihr Selbstbild. Sich zu schämen ist besser, als sich gar nicht mit dem Thema zu beschäftigen. Aber alle Eltern, die noch nie die Hand gegen ihr Kind erhoben haben, haben meinen höchsten Respekt. Ich konnte es nicht.

Zeit vom 12. März 2012 Erziehung: Fast die Hälfte der Eltern schlägt ihre Kinder

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34 Kommentare auf "Dem Kind eine Ohrfeige geben – geht gar nicht. Aber passiert."

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Tina
Gast

Liebe Christine,
vielen Dank für deine ehrlichen Worte. Ich gehöre auch zu den Mamas, die Stein und Bein geschworen haben, nie, nie, niemals ihren Kindern einen Klaps zu geben. Und dennoch ist es mir passiert. Und auch ich schäm(t)e mich dafür ganz fürchterlich. Und bin immer noch der Meinung, dass das nicht sein darf. Dennoch, es ist passiert und ich redete mit meiner Großen darüber und ja, vielleicht frage ich sie auch irgendwann einmal, ob sie sich daran erinnern kann.
Liebe Grüße
Tina

Helena
Gast
Meine Erfahrung ist, dass die Eltern, die noch nie geschlagen haben weniger werden. Es ist vielmehr sogar so, dass das Ganze dann gerne bagatellisiert wird in meinem Bekanntenkreis. “Klaps” ist so ein bagatellisierendes Wort. Und oft höre ich, dass das jeweilige Elternteil ja keine andere Wahl gehabt hätte und das Kind nur so endlich aufgehört/zugehört hat. Eine selbstreflektierende Sicht wie hier habe ich leider noch nicht erlebt. Vielmehr wird mir nicht geglaubt wenn ich sage, dass ich meine Kinder noch nie geschlagen habe oder geklapst oder wie auch immer. Dafür rauche ich. Bevor mir komplett alle Sicherungen durchbrennen gehe ich… Read more »
Helena
Gast

PS: Mir ist allerdings in der Anfangszeit bei meinem Mann zweimal die “Hand ausgerutscht”… Das tut mir heute noch leid.

RooWoo
Gast

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Lichtelfe
Gast
Der “Klaps” auf den Po ist mir neulich leider auch passiert. Somit habe ich mich natürlich auch gefragt, was ist denn da in mir vorgegangen? In einem steckt das in unseren Genen drin, somit müssten wir dort erst einmal die Ursache lieben. Denn es wurde einfach über Generationen so vermittelt. Größtenteils war es wirklich echt normal. Unsere Generation hat nun die Große Chance sich zu ändern, es zu realisieren und neu zu kreieren. Die MAtrix sozusagen neu zu schreiben. Dabei hilft es leider nicht, es einfach zu unterdrücken, nein ich darf das nicht und das will ich nicht. Denn dann… Read more »
Tanja
Gast

Ja, auch mir ist es schon passiert…auch ich habe mich bei meinem Sohn entschuldigt. Und ich schäme mich dafür!
Leider komme ich in meinem Umfeld immer wieder mit ” ja uns hat es ja auch nicht geschadet, wir sind gut herausgekommen” in Kontakt. Mein Mann nimmt dann solche Aussagen auf und findet das auch, wenn ja die andern das so sagen. Das führt dann zu Streit zwischen uns Eltern.
Aber das Schlagen ist ganz klar eine Überforderung!

Rosa
Gast
Ich kann mich über diesen Text nur wundern. Ich empfinde ihn ganz klar als Verharmlosung von Gewalt gegen Kindern. Ich bin selbst alleinerziehend und arbeitend und weiß, was Übermüdung, Stress, Lärm und was alles dazu gehört bedeuten. Und ja, ich hatte auch schon mal das Bedürfnis, meinem Kind einfach eine runterzuhauen (was ich jedoch NIE getan habe). Ich finde es menschlich, am Ende seiner Nerven zu sein, nicht mehr weiterzuwissen, verzweifelt und hilflos zu sein. Und ich finde es wichtig, darüber zu reden. Und ich finde es menschlich, Fehler zu machen. Deshalb würde ich diesen Artikel wohl auch anders betrachten,… Read more »
Nora
Gast
Bei uns wurden die Kinderrechte in Klasse drei in der Grundschule ausführlich behandelt. Jedes Kind hat eines der Rechte in einem kleinen Vortrag vorgestellt. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung natürlich auch. Dabei ist aber auch klar geworden, dass “der kleine Klaps” nicht unbedingt das Schlimmste ist, was man einem Kind zufügen kann. Andere Strafen, die nun “ersatzweise” stark im Kommen sind, gehören genauso abgelehnt: Kind im Zimmer einschließen, den ganzen Tag nicht mit dem Kind reden, Kind vor anderen bloßstellen … Kürzlich hat ein Vater in der Bild-Zeitung über die mangelhafte Rechtschreibung seiner Tochter hergezogen. Mit Foto, auf dem der… Read more »
Thomas
Gast

Dass ihnen nicht gegenüber anderen Erwachsenen “die Hand ausrutscht”, kriegen die wenigsten Erwachsenen nicht hin. Na logo, die können sich ja wehren! Im Gegensatz zu Kindern, denen gegenüber auch der schwächlichste Erwachsene noch der Stärkere ist. Man hat Erwachsene nicht zu schlagen. Und Kinder erst recht nicht! Auf gar keinen Fall! “Die Hand ausrutschen” ist in der Tat ein schrecklicher, aber keinesfalls “passender” Eupehmismus für Gewalt gegen Kinder, diese schlimmste Entgleisung menschlichen Verhaltens.

Little B.
Gast
Ich selbst habe von meinen Eltern drei Mal einen “Klaps” bekommen. Als mein Vater zum vierten Mal die Hand hob, war ich etwa 11 Jahre und habe ihm ganz ruhig gesagt: “Wenn Du das machst, gehe ich zum Jugendamt.” Damit war diese Erziehungsmethode ein für alle Mal vom Tisch. Für mein Kind habe ich durchgesetzt, dass er ohne Klapse, Schläge aufwächst. Das war nicht ganz einfach, denn der Vater sieht das anders und hält das für eine legitime Erziehungsmethode – obwohl er sehr schlimme Erfahrungen damit gemacht hat. Dennoch habe ich meinem Kind einmal auf die Finger gehauen. Darüber war… Read more »
jazzy
Gast

Das macht doch wohl kein normaler Mensch! Das Kind wird dadurch traumatisiert!!

Little B.
Gast

Was macht kein normaler Mensch? Wie schön, dass es immer wieder Instanzen gibt, die definieren (dürfen), was normal ist.
Im Affekt zurückhauen ist auch nicht “normal”…

jazzy
Gast

Sorry. Glaube du hast mein Statement nicht verstanden! Jede art der Gewalt ist falsch weil wir nicht wissen was es beim Kind auslösen kann! Denn so wie jeder erwachsene anders ist, so ist es bei Kindern auch!! Es gibt keine gut – oder schlecht zu verarbeitende Gewalt!! Beides sollte nicht vorkommen und wenn doch ist es menschlich aber nicht richtig!
Es ging mir nicht um die Definition ” normal”!
Lg

jazzy
Gast

@ Little B. Wie gesagt mein Statement War kein Vorwurf falls du meine Antwort nicht gelesen hast!
Haben wir das nicht klargestellt? Wir schreiben hier keine Vorwürfe gegen andere auf sondern tauschen uns aus – nicht mehr und nicht weniger!!
Keiner hier urteilt… also fühle dich auch nicht verurteilt keiner hier hat etwas derartiges gesagt!!!
Lg

Lorelai
Gast

@Goldammer: Das würde ich mir gerne zu Herzen nehmen aber bei uns gibt es kaum Nachtisch, also fehlt mir das “Druckmittel” dann doch… weil wenn ich einfach aufstehe und vom Tisch gehe, ist das den Kindern Wurst!

jazzy
Gast

Hallo,
heute ist es mir auch zum allerersten mal passiert – mir ist die Hand ausgerutscht! Ich habe mich fürchterlich geschämt und tue es immer noch! Es war eher ein Reflex ; er hat mich mit einen Spielzeug” geschlagen” -sagen wir mal so- und ich habe reflexartig zurück gehauen. Habe mich gleich bei ihm entschuldigt und ihn umarmt! Schlimm find ich es immer noch es darf nicht vorkommen !

Dennis
Gast
Hallo zusammen, ich habe mir das ebenfalls ganz fest vorgenommen hauen nicht als Erziehungsmethode zu nutzen. Das habe ich bisher auch geschafft (2 Kinder, 3 und 6 Jahre alt). Allerdings ist mir durchaus schon die Hand ausgerutscht. Ich fands und finde es nicht gut, versuche im Nachhinein Dinge den Kindern zu erklären und mein Verhalten als falsch darzustellen – gleichzeitig herauszufinden was dazu geführt hat und suche das Gespräch mit anderen Müttern und Vätern. Ich war 2 Jahre Vollzeit daheim und jetzt arbeite ich wieder. Allerdings ist zwischen Hauen als Erziehungsmethode und Hauen aus dem Affekt erstmal ein Riesenunterschied. Ich… Read more »
Bert
Gast
Hallo zusammen, ich möchte Dennis zustimmen. Ich habe selbst 2 Kinder, auch mir ist die Hand schon ausgerutscht, leider. Es ist schwer ruhig zu bleiben. Auf der anderen Seite beobachte ich aber zunehmend immer mehr Kinder, die sich massiv als “Terroristen” aufführen, sei es im Supermarkt, im Restaurant oder am Spielplatz. Wo ist die Toleranzgrenze? Es gibt nach meiner Einschätzung Situationen, die eine sofortige Reaktion erfordern, sonst wird eine “Erziehungs”-Chance verpasst. Diese Eltern haben später extreme Probleme die Erziehung ihrer Kinder wieder in den Griff zu bekommen. Wenn nicht, dann werden aus diesen Kindern genau die Erwachsenen, die glauben, nichts… Read more »
elea
Gast

Ich habe selber als Kind oft eine Backpfeife bekommen. Hinterher War ich wie geschockt darüber und habe geweint.

Christina
Gast
Ich bin selbst ein Opfer extremer häuslicher Gewalt gewesen…ich wurde massiv geschlagen, mit der Faust in die Niere, Ohrfeigen und das schlimmste als mein Vater mit einem Hockeyschläger auf mich einprügelte umd mir die Rippen brach…ich hatte ihm 20 DM geklaut, wofür ich es brauchte weiß ich nicht mehr. Ich lag heulend in meinem Zimmer, ich war 15 und ich erinnere mich das ich kaum Luft kriegte, irgendwann kam meine Mutter in mein Zimmer und sagte zeig mal; als Krankenschwester erkannte Sie das meine Rippen nicht on Ordnung war…sie fuhr mich ins Krankenhaus und ich ich kann mich noch glasklar… Read more »
Anonymus
Gast

Bert, ich geb dir absolut recht. Dein Kommentar trifft die heutige Situation wie die Faust aufs Auge. Alles andere ist absoluter Schwachsinn und geheuchle…

trackback
Gewalt, Flüchtlinge, Sexismus - Filterblase und Realität

[…] und im Freundeskreis ist völlig klar, dass man Kinder nicht schlägt. Anschreien ist auch Gewalt. Und wer, wie ich in einem Blogpost vor 2 Jahren, zugibt, dass „es“ doch 1 Mal passiert i… Zur Erziehungsberatung solle ich, mir Hilfe holen, schrieben mir einige. Du meine Güte, was für […]

KeinVerständnisSorry
Gast
Auch wenn der Text sehr alt ist, brennt mir doch eine Frage sehr auf den Lippen. Nachdem man dem Kind aus “Affekt” (oh ich liebe dieses Wort) eine gescheuert hat oder weil man mit den Nerven am Ende war. Konnte der Großteil der Eltern vernünftig mit ihrem Kind reden. Davor geht das nicht? Also muss es immer erst ein Klaps oder eine Ohrfeige sein? Wenn mein großer der nun 3 ist wieder seine 5 Minuten hat, wird er von mir in sein Zimmer geschickt. Dort meckert er kurz und kommt dann wieder zu mir. Ich habe meine Auszeit und er… Read more »
Emi
Gast

Deine Methoden (Ignoranz, Wegschicken etc) sind aber auch nicht ohne, würde ich nie machen.

Margot
Gast

Liebe Christine,
ich weiß, dass es sich danach schrecklich anfühlt, aber machen Sie sich doch bitte keinen zu großen Kopf darüber. Ich habe in einer Mega-Stress-Situation meinem Sohn, als er 12 war, auch einmal die kurzen bayerischen Lederhosen versohlt. Shit happens, aber ich denke, es ist kein Drama, wenn man danach miteinander darüber spricht.
Liebe Grüße, Maggie

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