Der eigenen Wahrnehmung trauen

Eine Situation. Und irritiert.

Jeden Kindergarten- und Schultag biege ich mit dem Auto an der Ampel 200 Meter vor der Kita rechts ab, seit zwei Jahren. Die Ampelschaltung hat sich seither nicht verändert, ich komme von einer großen Seitenstraße über einen Platz, und wenn ich bei jener Ampel ankomme, springt sie auf grün für Rechtsabbieger. Für diejenigen, die geradeaus fahren wollen, wird sie im gleichen Moment rot, und Fußgänger, die rechts queren könnten, bekommen auch rot.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich heute morgen total irritiert war, als mein Szenario nicht stimmte. Und zwar gleich in zweierlei Hinsicht. Ich bog also wie immer um die Rechtskurve. Aber neben mir fuhr jemand geradeaus weiter. Und aus den Augenwinkeln sah ich, dass die Fußgängerampel grün war. Somit hätte ich keinen grünen Rechtsabbiegerpfeil haben dürfen.

Siedend heiß durchfuhr es mich: War ich etwa bei Rot über die Ampel rechts abgebogen? Das konnte doch nicht sein, ich hatte doch genau gesehen, wie die Ampel für mich grün wurde? Aber es musste doch so sein, denn die Geradeausfahrer hatten offenbar grün und die Fußgänger rechts auch. Das brachte mich total durcheinander.

© Marco2811 - Fotolia.com
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Zum Glück waren meine Kinder im Auto. Ich fragte den Sohn (7), ob ich etwa bei rot über die Ampel gefahren sei (der Sohn ist sehr aufmerksam). „Nein, Mama“, rückte der die Dinge klar, „Das Auto, das geradeaus gefahren ist, hatte rot.“ Hm. Das war natürlich möglich. Aber was war mit der grünen Fußgängerampel? Die hatte der Sohn nicht gesehen. Ich war immer noch irritiert, schloss aber die Möglichkeit, dass an der Ampel eine Änderung programmiert worden ist, nicht aus.

Zweifel an der eigenen Wahrnehmung sitzen tief…

Wie es heute morgen nun wirklich war, weiß ich nicht. Morgen werde ich wieder dort vorbeifahren und vielleicht etwas schlauer sein als heute. Eines aber ist mir aufgegangen: es ist unglaublich schwierig, vom Kind, das seiner eigenen Wahrnehmung nicht traute, zu einem Erwachsenen zu werden, dessen Wahrnehmung nicht leicht zu verunsichern ist.

© mastaka - Fotolia.com
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Es ist ja nicht so, als hätte nicht schon an mir gearbeitet und gelernt. Dass vieles von dem, was ich wahrnehme, absolut zutreffend ist, habe ich mittlerweile verstanden. Speziell im zwischenmenschlichen Bereich habe ich dafür extra sensible Antennen, was manchmal auch lästig ist. Was ich höre und sehe, findet statt. Auch wenn andere mir weismachen wollen, das sei nicht so – sei es, weil sie selbst eine andere Wahrnehmung haben, sei es, weil sie einen guten Grund haben, mir meine Wahrnehmung ausreden zu wollen.

Als Kind habe ich den Spagat zwischen z.B. der Version meines eindeutigen Gefühls einer Missstimmung im Haus, weil meine Eltern sich anschwiegen oder aus dem Weg gingen und der offiziellen Variante „Alles in Ordnung“ nicht hinbekommen. (Meine Eltern sind nun seit 50 Jahren normal glücklich verheiratet, Disclaimer). Es gab ein paar einprägsame Erlebnisse, in denen meine Wahrnehmung oder Erinnerung an Situationen als unwahr einsortiert wurde, was genau das war, würde jetzt zu weit führen. Geblieben ist mir aber aus all den Jahren offenbar eine gewisse Grundunsicherheit, was meine Wahrnehmung betrifft.

Analyisieren, Meta-Ebenen sehen, Position beziehen – alles kein Problem. Aber wenn jemand sagt, das was du da fühlst, ist falsch, dann gerate ich zumindest kurzfristig ins Trudeln. (Gilt ausdrücklich auch für zwischenmenschliche Anziehung.)

… und haben Folgen bis ins Erwachsenenalter

Das war besonders in meiner Ehe fatal. Ich teilte mein Leben mit einem charismatischen, energiegeladenen, hochintelligenten Mann. Der mit großer Überzeugunskraft und vor allem unerschütterlichem Selbstvertrauen ausgestattet war. Und nach und nach lernte ich innerhalb von 11 Jahren, dass nicht nur meine Wahrnehmung unserer Ehe, sondern auch die von meiner Person völlig falsch sei. Denn die Ehe, die war gut, und ich nur etwas zimperlich, langsam und faul.

Irgendwann wachte ich sehr hart auf dem Boden der Tatsachen auf. Die Ehe war nicht gut. Und ich war erschrocken, wie sehr meine Wahrnehmung von der meines Mannes geprägt worden war.

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Welche Lehre ich daraus für meine Kinder ziehe

Deswegen ist eines der wichtigsten Prinzipien in meinem Haus, die Wahrnehmung meiner Kinder zu bestärken. Wenn ein Kind zu mir kommt und sagt, es habe Angst vor irgendetwas, dann sage ich nicht, das könne doch nicht sein, und es solle sich nicht so anstellen. Ich frage stattdessen nach, wie sich die Angst anfühlt und woher sie kommen könnte.

Im Umgang mit der Wahrnehmung von Wut, auch bei den Kindern, habe ich so meine Schwierigkeiten. Aber in allen anderen Bereichen denke ich, dass wir das ganz gut hinbekommen. Bei den Schlafenszeiten und dem Essen gehe ich mit den Kindern bewusst andere Wege, die viel Raum für eigene Wahrnehmung lassen, seit Jahren schon. Und wenn mir eins meiner Kinder erzählt, es fühle sich z.B. einsam, aufgeregt, eingeengt oder schüchtern, dann bemühe ich mich, die Berechtigung auch eines solchen Gefühls zu vermitteln. Ich glaube unerschütterlich an die Geschichten, die meine Kinder mir aus ihrer Welt erzählen und habe das noch nie bereut. Bei zwischenmenschlichen Dingen haben sie noch nie gelogen, und es gibt auch keinen Grund dazu.

Eine Vielfalt von Gefühlen, die der eigenen Wahrnehmung entspringen, bei den Kindern als soliden Grundstein zu legen, das wäre mein Wunsch. Dann fragen sie sich später im Straßenverkehr nicht, ob sie der Geisterfahrer sind oder alle anderen. Denn manchmal können auch alle anderen irren.

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Marc
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Marc

Die Gefühle der Kinder ernst nehmen ist ein schönes Erziehungsprinzip – aber sicher sehr anstrengend. Schnell beschwichtigen geht einfach, und fürs genaue Zuhören braucht man Zeit und Einfühlungsvermögen. Idealerweise sollten Eltern davon ja Berge haben, aber so ganz in Echt wird’s knifflig.
Aber, ja, es ist unsere Aufgabe, unsere Kids zu eigenständigen Lebewesen zu erziehen, und unterdrückte Gefühle sind da nicht hilfreich. Hm. Ich werde drüber nachdenken.

Heike
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Heike

Danke Christine. Kommt mir sehr bekannt vor. Selbstvertrauen, d.h. sich selbst zu vertrauen ist manchmal gar nicht so leicht…

Katharina
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Katharina

Ja, die liebe Wut…. vor allem, wenn sie sich gegen einem selber richtet. Als Erziehungsberechtigte müssen wir manchmal einfach unpopuläre Entscheidungen treffen und auch durchsetzen. Nicht immer kann man ein „Nein“ in ein „Ja“ drehen, manchmal ist „nein“ einfach „nein. Und dann kommt die Wut, das Gebrüll, das volle Programm. DAS auszuhalten ist schwer. Wie viel einfacher wäre es doch, zu sagen „Ruhe jetzt, selber schuld, hättest du nicht, so schlimm ist das doch nicht, jetzt mach nicht so ein Theater….“ oder was so an Sprüchen unserer Eltern aus unserem Mund kommen wollen. Wie unendlich viel schwerer ist es doch,… Weiterlesen »

Michaela Albrecht
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Michaela Albrecht

Oh, wie gut ich das mit der Wahrnehmung kenne! Bis weit ins Erwachsenenleben hinein dachte ich, es gebe sowas wie eine richtige Wahrnehmung – und leider hatte ich sie nie! Immer war ich zu [hier beliebiges Adjektiv einsetzen]. Und es dauerte fast drei Jahrzehnte, bis ich den rettenden Konstruktivismus kennen lernte. Aber ähnlich wie dich kann man mich auch heute noch mit einer „Wahrheit“ überrumpeln, wenn ich nicht aufpasse. Immer noch habe ich tief in mir den Gedanken, von nichts eine Ahnung zu haben. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mir Details nur kurz merken kann. Dass ich meine Arbeit machen… Weiterlesen »

Mama spinnt
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Mama spinnt

Ich habe den Zusammenhang zwischen einem Kind, das seiner Wahrnehmung nicht traut und einem Erwachsenen, der das nicht kann (mit allen Folgen) noch nie gesehen. Das ist sehr interessant und hilft vieles zu verstehen. Meine Eltern haben meine Wahrnehmung immer als falsch dargestellt. Ein Ausspruch, den ich oft gehört habe, war: Du spinnst! [Herzlichen Dank dafür, liebe Eltern!] Ich habe meinen Nick also nicht nur zufällig ;-) Ich finde ganz wichtig, dass man Kindern die Möglichkeit gibt, selbst etwas wahrzunehmen. Und wenn es die Tatsache ist, dass es draussen im Winter ohne Jacke kalt ist. Mit zu vielen Geboten und… Weiterlesen »

Dirk Görtz
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Dirk Görtz

Liebe Christine, hier kann ich Dir leider nur sehr bedingt zustimmen. Das liegt nicht nur an meinen Erfahrungen als Vater, sondern auch an meiner beruflichen Prägung als Eisenbahner im Betrieb und Fachwirt für Bahnbetrieb , wobei ich in erster Linie natürlich die Sicherheit des Eisenbahnbetriebes zu bedenken habe. Deswegen weiß ich: der Mensch ist ein Risikofaktor und seine Wahrnehmung kann gefährlich gestört sein. Nach dem Lesen Deines Textes habe ich mich spontan an ein tragisches Ereignis der Eisenbahngeschichte erinnert gefühlt. Ich meine den schweren Unfall zweier S-Bahnen im Bf Rüsselsheim im Jahre 1990. Hier ist ein S-Bahn-Zug gegen ein Halt… Weiterlesen »

Polly
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Polly

Sry, aber das ist doch genau das was eben zu solchen falschen Wahrnehmungen führt, du hast anscheinend überhaupt kein vertrauen in die Wahrnehmung des Kindes, Nein, ihr MÜSST ständig eingreifen, Dinge sind nicht akzeptabel (wegen des Alters – Altersdiskriminierung?!WTF..).
Hört sich wirklich gruselig an was du hier so erzählst.

Claudia
Gast
Claudia

Liebe Christine,

vielen Dank für Deine Gedanken zu diesem Thema. Meine Tochter (5) formuliert öfter Ängste, die ich nicht einordnen kann und dann auch gern mal mit ein paar beruhigenden Worten wegwische. Hab mir vorgenommen, zukünftig besser nachzufragen.

Viele Grüße

Claudia

Thomas S.
Gast
Thomas S.

Hallo „Mama“,
SEHR interessant. Einiges kann ich wirklich 1:1 auf mich übertragen. Bin auch, trotz liebevollen Umfeldes, mit der Grunderfahrung „Du kannst deiner eigenen Wahrnehmung nicht trauen“ aufgewachsen. Heraus kommt dann ein „Enneagramm-Typ 6“. (Kannst du ja mal googeln, wenn du magst. Mir hat’s geholfen, meine Verhaltensmuster besser zu durchschauen.)
Schön zu lesen, wie du dich Schritt für Schritt von Dingen frei machst, die dich bisher eingeschränkt haben. Alles Gute und Gottes Segen weiterhin dafür!

Ingrid
Gast
Ingrid

Es stimmt. Die Situation mit der roten Ampel kennt so, oder ähnlich wohl jeder. Auch die Sache, dass man sich leicht verunsichern lässt. Mir gefällt, welche Schlüsse Sie daraus für Ihre Kinder ziehen. Dass Sie deshalb das Kind in seiner Wahrnehmung sehr ernst nehmen. Ihre Kinder können sich freuen, dass Sie so eine einfühlsame und achtsame Mutter sind.

Polly
Gast
Polly

Im großen und ganzen traue ich meiner Wahrnehmung sehr, es hat sich in meinem Leben immer wieder bestätigt, dass meine Wahrnehmung richtig ist und / oder war, nur leider habe ich viel zu oft nicht darauf gehört, aber auch daraus lernt man seiner Wahrnehmung wieder zu vertrauen. Ein Vorfall hat mich da aber wirklich erschüttert, es geht um einen Betreuer in einer Ferienfreizeit in der ich auch tätig bin. Ich mochte ihn am Anfang nicht, er war sehr einschüchternd und hatte irgendwas an sich, das mir nicht behagte, keine Ahnung was genau, es ist schon fast 10 Jahre her. Ich… Weiterlesen »