Die Macht des Wortes. Kinder und Schimpfwörter

Wo hört Toleranz auf und fängt Rassismus an? Dürfen Kinder sich als Indianer verkleiden, sind Kinderbücher mit Indianern böse und war es unausweichlich, den Begriff „Neger“ aus Kinderbüchern zu nehmen?

Darüber kann man vortrefflich stundenlang diskutieren, und es gibt Leute, die diese Diskussion mit einer Vehemenz betreiben, die mir nicht nur zutiefst unsympathisch ist, sondern mich auch erschreckt. Wenn intolerante Menschen einem Intoleranz vorwerfen und Toleranz mit der Abschaffung von Meinungsfreiheit hergestellt werden soll, dann grusele ich mich vor der Dummheit da draußen.

Was nicht bedeutet, dass ich aufhöre, eine Meinung zu haben und mich zu äußern. Im Gegenteil, je unsympathischer mir diejenigen werden, die meist anonym mit falschen Avas auf Facebook kommentieren, desto eher fühle ich mich in meiner Meinung bestärkt. Aber darüber haben die Kommentatoren vor lauter Furor wahrscheinlich noch nicht nachgedacht. Ist auch gut eigentlich, denn verständnisvoll und ruhig vorgetragene Argumente sind viel schwieriger von der Hand zu weisen.

 

maze © casaltamoiola - Fotolia
maze © casaltamoiola – Fotolia

 

Ich verlinke nicht zu dem Post auf meiner FB-Seite, um den es hier geht, weil ich keine Zeit und Lust habe, wieder mehrere Stunden mit dem Moderieren von Kommentaren zu verbringen. Aber ich will versuchen, etwas über die Macht der Worte klarzustellen. Und zwar als studierte Sprachwissenschaftlerin, Literaturfreundin und Mutter. Nämlich wie ich damit umgehe, wenn ich meine Kinder dabei erwische, unreflektiert Äußerungen und Abwertungen zu übernehmen.

Ich erlaube mir auch, Nachbarskinder, so sie in meiner Wohnung oder in meinem Auto sitzen, darauf hinzuweisen, dass wer „der ist voll behindert“ über jemanden anderen sagt, sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Und ich stelle an meinen Kindern fest, dass sie Begrifflichkeiten und Vorurteile überdenken und mich angstfrei um Auskunft bitten, wenn ein neues Schimpfwort auf dem Schulhof auftaucht, weil es sie tatsächlich interessiert, was dieses Wort bedeutet. Das finde ich gut.

Mama, was heißt eigentlich Hurensohn?

fragte der Sohn kürzlich. „Das bedeutet, dass jemand eine Prostituierte als Mutter hat. Du weißt, was das ist?“

„Jaaaa, ungefähr“, druckste der Sohn.

„Das ist eine Frau, die für Geld Sex mit Männern hat, manche machen das freiwillig, manche nicht. Man nennt sie auch Nutte, was auch ein Schimpfwort sein soll. “

„Ja, das kenne ich auch!“, freute sich der Sohn.

„Jedenfalls, Hurensohn bedeutet einfach nur, dass eine Frau, die für Geld mit Männern Sex hatte oder hat, einen Sohn hat. Und da ist ja überhaupt nix Schlimmes dran. Finde ich jedenfalls. Denn natürlich haben solche Frauen auch Kinder, einige jedenfalls. Und dann das Kind so zu beschimpfen, weil die Mutter einen bestimmten Beruf hat, ist ja nicht so schlau. Da könnte man auch Du Müllmannsohn! rufen, oder?“

„Ah“, nickte der Sohn und fand die Idee, jemanden „Du Müllmannsohn“ zu nennen, absurd. Thema erledigt.

Mama, was ist voll schwul?

lautete eine andere Frage, auch durch den Sohn. (Der ist gerade in dem Alter, 3. Klasse der Grundschule.)

„Das heißt nix anderes, als dass ein Mann einen Mann liebt. Manche sagen auch Schwuchtel, das soll dann noch gemeiner sein. So wie unsere ehemaligen Nachbarinnen, weißt du noch, die geheiratet haben? Die sind lesbisch. Ich kann daran nix Schlimmes sehen. Ist doch egal, wen man liebt, Hauptsache man hat sich lieb, oder?“

„Dann ist das ja gar kein Schimpfwort“, folgerte der Sohn.

„Naja, nur, wenn man auf Schwule oder Lesben herabblickt. Oder einfach gar nicht weiß, was das Wort bedeutet. Ich wette, ganz viele Kinder sagen das einfach, ohne zu wissen, was es heißt. Ich würde jedenfalls niemanden so beschimpfen wollen.“

Das fand der Sohn dann auch, kopfschüttelnd über jene, die auf dem Schulhof solche Ausdrücke benutzen.

Der ist voll behindert!

meinte ein Nachbarskind, das sich über einen Klassenkameraden aufregte.

„Wie meinst du das, behindert? Der sitzt doch nicht im Rollstuhl oder ist schwer krank wie unser Nachbar Markus*, der die schlimme Nervenkrankheit hat? Der Papa von Justus*, du weißt schon?“

„Öh. Nee, das meine ich nicht“, stutzte der Nachbarsjunge.

„Meinst du, der ist doof? Oder gemein? Oder dumm? Dann sag´das doch. Es ist nämlich sonst gemein gegenüber den echten Behinderten, so wie eben den Papa von Justus*, wenn du sie mit den Doofen wie deinen Klassenkameraden in einen Topf schmeißt.“

„Hm. Stimmt.“ Thema erledigt. Der Nachbarsjunge sagt das jetzt nicht mehr in meinem Beisein.

Mama, was ist eine Fotze?

Auch das kam auch schon als Frage. „Nun, das ist ein anderes Wort für Scheide. Du sagst damit eigentlich Du Scheide zu jemandem.“

Woraufhin der Sohn ungläubig guckte und einen Lachanfall bekam. Ich bin ziemlich sicher, dass er diesen Ausdruck nicht benutzen wird.

© michaklootwijk fotolia
© michaklootwijk fotolia

Noch ein Wort zum Schluss:

Ich wünschte, mehr Eltern würden ihre Kinder dazu ermuntern, Wörter zu hinterfragen – dann verlieren nämlich die Worte an Explosivität, man redet über Inhalte und den Umgang miteinander, anstatt sich an Worthülsen aufzuhalten.

Nicht das Wort ist böse, sondern die Gesinnung und die Dummheit dahinter. Wörter verändern ihre Bedeutung, das ist normal. Und ich versuche, die Wahrnehmung der Kinder dafür zu schärfen, was sie sagen. Auch das verändert die Bedeutung der Wörter, in ihrem kleinen Kosmos. Es ist ein Anfang.

Autorin, Texterin und alleinerziehende Mutter von 3en. Spezialisiert auf Kinderbücher, Vereinbarkeit Familie/Beruf, Alleinerziehende. Seit 2014 auch Stadträtin in Konstanz.

65 KOMMENTARE

  1. bin ganz deiner meinung. bin nur gespalten, was man mit sexualisierten schimpfwörtern machen soll, denn das finde ich, muss ich meinen kindern nicht ungefragt aufdrücken. solange sie also nicht wissen, wie sex geht, geht nüchterne erklärung nicht.

    • Du könntest die Prostituierte vielleicht damit umschreiben, dass sie zu jemanden zärtlich ist und Dinge macht, die eigentlich sonst eher Verliebte miteinander tun, und dafür Geld bekommt. Das entspricht zwar nicht ganz der hunderprozentigen Wahrheit, aber wenn das Kind noch so klein ist, dass du dir mit dem Begriff Sex schwer tust, wäre das eine Idee.

      • von zu klein kann keine rede sein – die grossen sind 9 und 6. ich finde, solange sie nicht danach fragen, wollen sie es nicht genau wissen. aber so in lau haben wirs auch schon erklärt, also mit gern haben und knutschen etc. aber eben, bei fick dich wirds schwierig…

        • Naja ich find es generell gut, wenn Kinder früh über alles mögliche bzgl. Sexualität aufgeklärt werden. Schließlich dient es ja auch der Prävention von sexuellen Übergriffen. Hab ein gratis eBook zu „Wie sag ich’s meinem Kind? Sex & Porno“ geschrieben (gibts auf http://www.krachbumm.com) und auch ein paar passende Aufklärungsbücher vorgestellt.

          Abgesehen davon, kann ich mir kaum vorstellen, dass deine großen noch nie solche Begriffe außerhalb der Familie gehört haben. Vl fragen sie auch nicht, weil sie das Gefühl haben es ist unpassend sowas zu fragen.

    • Dann erklär ihnen das gleich mit. Es zeugt von großer Unreife, den Kindern das eigene Schamgefühl aufzudrücken, weil man selbst ein Problem mit Sexualität hat. Und das hast du wenn es für dich ein Problem ist, deinen Kindern gegenüber damit offen umzugehen. Es ist egal, ob du deinem Kind Kochen oder Sex erklärst. Wenn du Ihnen das vorenthältst, lernen sie von denen, wo sie die Antworten bekommen die sie suchen und das hast du dann auch nicht anders verdient.

  2. Ich finde es toll, dass deine Kinder angstfrei zu dir kommen, wenn sie ein Wort nicht verstehen, selbst wenn sie wissen, dass es ein „böses“ Wort ist. Wäre für mich als Kind unvorstellbar gewesen!

    Es ist furchtbar schwer, sich Worte wieder abzugewöhnen, die man schon lange benutzt. Wie man sieht, ist es viel erfolgreicher, sofort zu intervenieren.

    Mich erinnert das gerade an mein Grundschulpraktikum, als ich mithörte, wie ein Zweitklässler einem anderen zurief: „Ich ficke deine Oma!“ (Ja, er sagte wirklich „Oma“…) Ich stand daneben, aber er hatte mich einfach nicht wahrgenommen. „Warum sagst du sowas? Das ist aber nicht schön,“ wies ich ihn recht milde zurecht, aber er erschrak furchtbar und versank vor Scham fast im Boden. Mehr habe ich dann nicht mehr gesagt, weil ich fand, das sei Strafe genug. Und vielleicht war der Schock ja auch ganz heilsam…

    Und zum Thema „politisch korrekte Beleidigungen“: Auf einem Geburtstag bezeichnete das Geburtstagskind mal irgendwas als „gehirnamputiert“, woraufhin seine Mutter etwas austickte. „Sag sowas nicht! Das sind sehr arme Menschen!“ Und ich konnte mich vor Lachen kaum halten, weil ich schon mit meinen damals 11 Jahren wusste, dass es sowas wie „gehirnamputiert“ nicht gibt, ergo auch keine lebenden Betroffenen, mit denen man Mitleid haben sollte. Aus PC-Aspekten ist der Begriff also recht unproblematisch ^^

    PS: Du weißt, dass in den Kreisen, bei denen du angeeckt bist, Alternativen wie „dumm“ als furchtbar ableistisch gelten? ;)

    • Danke für deinen Kommentar, Robin! Den Begriff „ableistisch“ musste ich erstmal googeln. Für alle, die sich auch fragen, was das ist:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Ableism

      „Aus ableistischer Weltsicht ist Behinderung ein Fehler, ein Irrtum oder ein Mangel, anstatt einer einfachen Folge der menschlichen Vielfalt.“
      Hm. Bin ich jetzt schlauer über die Kreise, die mir gestern den Mini-Shitstorm bescherten? Du meinst, ich sollte das Wort „dumm“ vermeiden, also aus deren Sicht?

      • Aus deren Sicht mit Sicherheit, wie auch doof, lahm, blöd, Idiot etc. Aus meiner Sicht nicht. Durch solche Diskussionen kommt ja erst wieder das Bewusstsein zurück, dass „Idiot“ mal was mit geistiger Behinderung zu tun hatte, obwohl hier ein vollständiger Sprachwandel vonstatten gegangen ist. Heute würde kein Psychologe mehr von „Idiotie“ sprechen, also sehe ich nicht, weshalb man auf das Wort verzichten sollte.

    • Nur gelegentlich, Katharina – wenn mir auf twitter ein Link von den Autoren begegnet. Haben die einen guten Text, der zu diesem Thema passt? Wahrscheinlich schon?

      • Also zu der ganzen Kleine-Hexe-Diskussion haben sie einiges geschrieben, was ich sehr überzeugend fand (sie haben mich jedenfalls zum Umdenken gebracht). Zur „Blackfacing“-Frage war erst neulich ein guter Artikel drin, der die verschiedenen Aspekte beleuchtete (auch, aber nicht nur sprachlich, denn Sprache existiert ja immer in einem kulturellen Zusammenhang und nie in einem Bedeutungs-Vakuum)

        • Da kann ich fachlich übereinstimmen – ziehe aber doch andere Schlussfolgerungen, um nur bei der Veränderung von Texten zu bleiben. Ich will auch Shakespeare nicht verändert sehen, den lese ich im Original. Was natürlich nicht jeder kann, aber das ist nur ein Extrembeispiel. Denn die meisten Texte, die wir lesen, sind aus den letzten 100 Jahren und nicht 450 Jahre alt.

          • Bei Shakespeare (oder auch den in diesem Zusammenhang viel zitierten Gebrüdern Grimm) existieren moderne Adaptationen neben den Originalen. Auch gibt es Nacherzählungen für Kinder von den Nibelungen oder der Arthus-Sage – zum Glück auch für Erwachsene.
            Meine 1970er Jahre Ausgabe der Kleinen Hexe würde ich meinem Kurzen nicht mehr zum selber Lesen geben, schlicht weil er es mit dem Wörterbuch lesen oder mich ständig nach Wörtern fragen müsste und dadurch gar nicht mehr in den fiktiven Traum käme. Da geht es ja nicht nur um die beiden Kapitel mit der Fastnacht, sondern die ganze Sprache wurde modernisiert und der heutigen Zeit angepasst. Und irgendwie wäre es doch eigenartig, wenn bei der Überarbeitung alle überholten Wörter rausgefallen wären, und nur das „Negerlein“ stehen geblieben wäre.

          • Ja, ich weiß, Katharina – aber diese modernen Adaptionen finde ich ganz fürchterlich. Das ist es ja.

          • Das meine ich doch auch! Im Idealfall gäbe es zwei Ausgaben, auch von der Kleinen Hexe und Co, zur Wahl. So wie es auch bei Shakespeare und anderen ist. Die einen wollen quasi als mündliche Glosse erklären und mit dem Kind das lesen, die anderen sind froh, wenn überhaupt gelesen wird. Aber deswegen die Originalausgaben zu verdammen, das kann es doch nicht sein?

          • Thienemann hat so weit ich weiss nie ausgeschlossen, dass es neben der „Kinderausgabe“ auch mal eine originale Werksausgabe geben soll. Von „verdammen“ kann also keine Rede sein. Oder meinst Du jetzt die Leute, die alle alten Bücher am liebsten verbrannt sähen?

          • Ich kann bis zu einem gewissen Grad verstehen, warum alte Kinderbücher dahingehend überarbeitet werden sollten, denn anders als bei Shakespeare leidet der literarische Wert an Anpassungen nicht sehr, da er schlicht sowieso nicht so wahnsinnig hoch ist.

            Was ich jedoch als fast fertig studierte Historikerin unsäglich finde ist dieser Zwang, bestimmte Bezeichnungen auch im historischen Kontext zu verdammen. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht untragbar. Für meine Examensarbeit habe ich amerikanische Quellen aus den Fünfzigern bearbeitet, die eben den an sich wertfreien Begriff „negro“ nutzten. Das könnte ich in der Übersetzung niemals mit „Schwarzer“ wiedergeben – weil in den Fünfzigern kein Afroamerikaner von sich selbst als „schwarz“ gesprochen hätte.

            Zum Wissen über historische Alterität gehört auch sowas. Alles andere ist eine Verfälschung der Quellen.

          • Natürlich, Robin. Wenn Du nach der historischen Authentizität fragst, müsste man aber noch weiter gehen. Und sich beispielsweise fragen, ob die Einmischung der Kirche in die Geschichtensammlung der Gebrüder Grimm kurz nach der Erstveröffentlichung denn historisch authentisch war oder nicht. Denn wir kriegen ja auch bei der sog. „Urfassung“ nur eine zensierte Version zu Gesicht. Was wäre denn nun authentisch?

          • Meine Antwort: möglichst nahe am Original. Wobei auch diese natürlich überarbeitet wurden, bis sie zur Veröffentlichung kamen. Und auch heute gibt es sowas wie die 4., überarbeitete Auflage. Da geht’s aber meist um Sachbücher. Zensur durch die katholische Kirche bringt meinen Blutdruck genauso in Wallung, sei es damals oder heute.

          • Das hingegen kann ich gut verstehen. Ist auch ganz was anderes als wenn der Autor/Verlag im Namen der Verständlichkeit für die Zielgruppe etwas ändert. Letzteres ist für mich einer der höchsten Ansprüche, den ich an Autoren stelle.
            Auch die hohe Kunst, einen Text so lange zu überarbeiten, bis die /intendierte/ Aussage beim Publikum ankommt ist für mich wichtiger, als die Beibehaltung der ursprünglichen Wortwahl. Inhalt über Form, sozusagen.

          • @Katharina: Um ehrlich zu sein verstehe ich deinen Kommentar nicht. Er impliziert, ich hätte in irgendeiner Weise solche Vorgehen wie das der Kirche verteidigt.
            Ob das nun eine Sache der historischen Authentizität ist, ist eine gute Frage. Zur Zeit der Veröffentlichung wohl nicht so sehr, da es sich um die erste Verschriftlichung handelt, aber beide Versionen (die von der Kirche zensierte und das Grimm’sche Original) heutzutage zu vergleichen wäre in vielerlei Hinsicht historisch interessant und relevant.

          • Nein, Robin, ich impliziere nichts anderes, als dass ich Dir bei Deiner Aussage Recht gegeben habe.
            Nur ist – meiner Meinung nach – bereits sehr schwierig zu definieren, was genau Authentizität ist. Die Erstfassung des Autors? Die lektorierte Version? Die verlegte Version? Die von staatlicher oder kirchlicher Zensur akzeptierte Version?
            Wie auch immer: Die Frage ist für mich in Bezug auf die Bücher, die ich meinem Kind zu lesen geben will, schlichtweg irrelevant. Ich will Kinderbücher, die es selber lesen kann und in der Geschichte versinken kann. Ohne Fussnoten und Erklärungsbedarf. Wenn ein Buch das nicht bieten kann, dann kaufe ich es ihm nicht.

          • Dann ist es wieder eine Frage des Marktes. Ich weiß wohl, dass es so ist, tue mich aber immer noch schwer damit. Die Masse gibt den Weg vor. Positiv ausgedrückt wäre es eine Lektorats-Demokratie.

  3. Ich kann deinen Artikel gut nachvollziehen, aber auch die Diskussion, die du ausgelöst hast. Wie du mit deinen Kindern diese Begriffe besprichst, finde ich toll, beim Hurensohn bin ich aber noch ein bisschen wankelmütig.

    Einerseits kannst du dem Wort so seine „Kraft“ nehmen, andererseits finde ich es nicht unwesentlich, dass diese Beleidigungen eigentlich sehr oft über das Weibliche gehen. Und das ist zumindest bei drei deiner vier Beispiele so. Fotze reiht sich da genauso ein wie „voll schwul“ (weil nicht cool genug, nicht männlich genug ergo normal, also weiblich konnotiert). Und der Hurensohn ist da ähnlich wie „ich f*cke deine Mutter/oder Oma“ wie in Robins Kommentar. Die Beleidigung läuft über die Diskreditierung der eigentlich „heiligen“ Mutter. Ob die nun wirklich Prostituierte ist oder nicht, ist ziemlich egal, solange sie einfach mal als Schlampe beschimpft werden kann.

    Das allerdings mit einem Grundschüler zu diskutieren, halte ich für etwas überzogen, aber ich frage mich, ob es trotzdem eine kindgerechte Auflösung davon gibt.

    Auf wikipedia gibt es zumindest sogar einen Eintrag zu „maternal insult“ und auch den Verweis, dass diese immer auf Provokation zur Gewaltausübung abzielen. In meinem Milf-Artikel hab ich ja mal drüber geschrieben.

  4. Liebe Christine,
    Danke, Danke, Danke für diesen Blog-Post. Er spricht mir so aus der Seele.

    Wir versuchen unsere Kinder auch in der gleichen Weise offen und ehrlich zu erziehen und lieben es zu sehen, wie offen und unbekümmert sie an solche Themen herangehen, die sich dann gemeinsam mit Ihnen immer klären und besprechen lassen.

    Oftmals bekommen wir aus unserem Umfeld dann ein Kopfschütteln zurück – z.B. wenn die Scheide bei uns eben genau so benannt wird und nicht „Mumu“ und ich denn Kindern in verständlicher Art und Weise auch die von ihnen gestellten Fragen zu diesem und anderen Themen beantworte.

    Bei uns zu Hause werden keine Schimpfwörter verwendet (ok fast nicht) – und das nicht, weil wir sie verbieten, sondern weil unsere Kinder die Bedeutung kennen und/oder hinterfragen!

  5. Jetzt kannte ich die ganze Diskussion gar nicht (Karneval fliegt an mir vorbei!). Habs kurz überflogen, den Blogartikel gelesen, deine FB-Kommentare gecheckt und…

    Sage danke für diesen Artikel hier.

    Ich finde es wunderbar, mit meinen Kindern über das, was es in der Welt so gibt, zu diskutieren. Da gehören Schimpfwörter (und Indianer-Kostüme) dazu. Es gibt so viele Baustellen im Familienalltag. Sensibel mit rassistischen Äußerungen umgehen – ja. Peinlich genau auf jedes winzige Detail achten? Zumindest bei mir nicht.

    Ich gehe aber davon aus (wie du, wenn ich das richtig lese), dass du deinen Kindern das Vertrauen entgegen bringst, dass sie (weiterhin) so sensibel auf ihre Umwelt reagieren – und hinterfragen, beleuchten und selber entscheiden.

  6. Liebe Christine,
    wunderbar, wie Du das machst – und es bestätigt meine eigene Erfahrung – Schimpfworte, egal von wem, kühl analysieren, übersetzen, erklären ( bei Kindern, die ja oft gar nicht wissen, was sie da nach Hause bringen), keine Schimpfkanonaden oder Entrüstung, bei Erwachsenen bevorzuge ich die augendeckelklappernde Frage – Ach, wie meinen Sie das, können Sie mir das näher erklären???
    Die verdampfen sofort.
    Schönstes Beispiel – im Russischen gibt es eine unglaubliche Masse an Mütter – und Frauenflüchen – Frauen sind dort ziemlich niederstehende Wesen, was ein Sprichwort bestätigt:
    (mal auf deutsch)
    Das Huhn ist kein Vogel und eine Frau ist kein Mensch.
    Ich also, dieser Sprache absolut mächtig( was das Auditorium nicht wußte), höre von einem Teilnehmer eines Sprachkurses diesen russischen Satz.
    Sage zu ihm – ah, Sie sind also ein Mensch (der checkte gar nicht, daß ich ihn verstanden hatte) – klar, sagt der, ich bin ein Mann.
    Aha, sagte ich, kommen Sie doch bitte mal zu mir (mucksmäuschenstille Zuhörerschaft) – so, sag ich, jetzt machen Sie mal die Hose auf, weisen mir Ihre Männlichkeit vor,daß ich nachschauen kann, was für ein toller Mann Sie sind !
    Und ob Sie meinen Ansprüchen an die sogenannte Menschheit genügen…
    Na, das war ein Buhei !! Die russischen Mädels sind fast geplatzt.
    Der Knabe war purpurn – aha, sag ich, nix zum Vorzeigen.
    Setzen!
    So geht es auch, nur ein kleiner Spaß !!!
    Erst ernsthaft, bei Kindern, dann lächerlich, bei Erwachsenen, hat eigentlich immer gut funktioniert.
    Eine Frage, der Kleine meiner Nachbarin, 3 Jahre alt, Kindergarten, auf dem Arm seiner Mutter, strahlendes Lächeln, sagt zu ihr – na, du alte Schlampe!
    Ich bin fast rückwärtig auf den Rasen gefallen.
    Der hatte natürlich überhaupt keine Ahnung, was er da redet und auch kein Verständnis einer möglichen Analyse – was tut man/frau dann ???
    Geschehen 1986 in Leipzig.
    Ich denke, man sagt garnix -oder?
    ?????
    Liebe Grüße
    Bea

    • Das hört sich eher an, als ob der Dreijähirge das mal aufgeschnappt hat und dachte, das sei ein liebes Wort oder etwas wie „Na du Dreikäsehoch“ nur für Erwachsene. Oder jemand hat sich einen Spaß gemacht, so wie wir damals mit den amerikanischen Austauschstudenten, denen wir beibrachten „Du hast schöne Brüste“ heißt „Wie geht es dir?“ :D Herrlich.

  7. „Du Scheide!“ Ich hab mich grade köstlich amüsiert.. Der Lachanfall des Tages!! Herrlich, ich hätte wahrscheinlich mit Deinem Sohn zusammen Tränen gelacht.
    Gruß, Anja

  8. Ich bezieh mich jetzt mal auf den letzten Kommentar von Robin – gibt da nur keinen Antwortenlink für mich.

    Ich kann das mit der historischen Alterität gut nachvollziehen. In einer Lehrveranstaltung über postkoloniale deutsche Literatur mussten wir eben solche lesen. Mein Auftrag war „Der Neger Jupiter raubt Europa“ von Claire Goll aus den 1920ern. Auch dort wurde das N-Wort schon als problematisch diskutiert und es ist wichtig, um die Kritik im Buch überhaupt zu verstehen, den Begriff an dieser Stelle zu verwenden. Auch bei den anderen Büchern aus dieser LV wird dies deutlich – aber das hängt auch an der weiteren Haltung, wie die Menschen in den Kolonien beschrieben wurden. – Diese Bücher werden allerdings nicht neu aufgelegt und immer wieder von neuem rezipiert – und wenn, nur in ihrem historischen Kontext.

    Populäre Kinderbücher finde ich, sind da ein gänzlich anderes Kapitel. Die alten gedruckten Bücher bleiben ohnehin erhalten. Das heißt aber nicht, dass es keine neuere Version geben darf. Sprache verändert sich doch andauernd. Nur weil die IsländerInnen sich gegen jedwede Sprachverschiebung wehren und jedes neue Wert prüfen, so dass sie noch heute die alten Edda-Sagen ohne Probleme lesen können, müssen wir nicht anfangen, uns plötzlich an einzelnen Wörtern, die noch dazu für viele Menschen die hier leben diskriminierend sind, festzukrallen.
    Konsequenterweise müssten wir uns sonst auch jeglichem Anglizismus verwehren oder jede Neuauflage von einem Buch verbieten, die aktualisiert wird. Wissen und Sprache ändern sich. Haltungen auch. Ich würde es ebenfalls als eine Zumutung empfinden, meiner Schwester ein Buch vor zu lesen, in dem sie als Krüppel bezeichnet wird, nur weil andere Menschen, die keine Diskriminierungserfahrungen dieser Art machen meinen, sie könnten das ihren Kindern eh so einfach erklären, wie das gemeint ist. Ja schön für sie. Aber was ist mit denen, die es betrifft?

    Ich finde alte Lexika und Gesundheitsbücher total spannend, weil ich viel darin ablesen kann, wie Geschlecht vor wenigen Jahrzehnten gedacht wurde. Ich würde sie nicht zensieren wollen – aber sie werden ja auch nicht in dieser Form neu aufgelegt – UND: Sie werden vor allem von Erwachsenen rezipiert, die sich ihr Weltbild ohnehin schon in großen Teilen zurecht gelegt haben. Kinder lernen noch viel intensiver und saugen alles auf. Sie basteln sich ihre Sicht der Welt erst zusammen. Was ist da unsere Botschaft an die, die diskriminiert werden? „Ja, der Mehrheit ist egal, dass du mit diesem Begriff in deinem Alltag gehänselt wirst, dass er dich und zahlreiche andere verletzt, aber das brauchst du dir doch alles nicht so zu Herzen nehmen?“

    • Vielen Dank für diesen Kommentar. Meiner Ansicht nach der erste reflektierte und nicht völlig naive Beitrag, der auch mal über den eigenen Horizont hinaus blickt ohne gleich zu beleidigen.

      • Was mir vor allem auffällt: Die Indianer und die Schwarzen scheinen eine Riesenlobby zu haben, aber die Huren verteidigt keiner. Falsche Filterblase?

        • Das Thema Sexarbeit gibt es noch keine klare PC-Meinung – hab ich das Gefühl. Sowohl viele die in Richtung Schwarzer argumentieren und andere die in Richtung pro selbst bestimmter Sexarbeit argumentieren.

          Aber das mit dem Hurensohn hängt ja weniger am Berufsstand, als an Heilige/Hure und eben, wie ich schon weiter oben geschrieben habe an besonders tiefgehenden Beleidigungen über die „heilige/reine“ Mutter, die quasi auf deren Ehre abzielen und somit auch auf den Abkömmling. So richtig fiese Beschimpfungen für Männer gibt’s ja sonst keine, wenn sie nicht irgendwie mit Weiblichkeit oder Homosexualität in Verbindung gebracht werden.
          Insofern ist da Prostitution als solche glaub ich eher wurscht, als ob es da eine Lobby für den Begriff bräuchte.

        • Die als „Indianer“ in einen Topf geworfenen unterschiedlichen Volksstämme Amerikas, die gewaltsam ihres Landes beraubt, die über den Tisch gezogen und die abgeschlachtet wurden und die „Schwarzen“, die bis heute an den Folgen der damaligen bis heutigen Versklavung und der Kolonialisierung leiden, sollten einen viel größeren Support von uns Weißen erhalten, denn nur durch das niederträchtige, herrenhafte Verhalten unserer Vorfahren wurde diese Schieflage erst möglich. Unter anderem auch Dein geringschätziger, ignoranter und herabschauender Kommentar ist Zeichen genug, dass die eigene Schuld an diesem Missstand nicht gesehen wird und sich an dieser Schieflage auch nichts ändern soll.

    • „Populäre Kinderbücher finde ich, sind da ein gänzlich anderes Kapitel. Die alten gedruckten Bücher bleiben ohnehin erhalten. Das heißt aber nicht, dass es keine neuere Version geben darf.“

      Hm, das hat ja auch hier keiner gefordert. Wenn ich sage, dass ich die Bemühungen „bis zu einen gewissen Grad“ nachvollziehen kann, dann meine ich damit natürlich das N-Wort, aber es gibt noch andere Maßnahmen, die im Geiste der Political Correctness verbrochen werden und das unterstütze ich nicht.
      Die unten von dir verlinkte Dame ist dafür ein gutes Beispiel.

      „Nur weil die IsländerInnen sich gegen jedwede Sprachverschiebung wehren…“

      Historisch gesehen hat sich das Isländische bis heute wegen ihrer isolierten Lage kaum verändert, nicht, weil sich die Isländer gegen den Sprachwandel bzw. Fremdwörter wehren. Das sind Maßnahmen aus der jüngeren Zeit, u.a. ja auch in Frankreich zu beobachten.

  9. Ich möchte jetzt hier noch mal was loswerden, ohne als intolerant oder verbohrt zu gelten, aber mir hat das Lesen vieler Kommentare hier richtig weh getan. So nah wie möglich am Original – meinetwegen für Erwachsene, aber wenn ich meiner Tochter eine Astrid-Lindgren-Geschichte vorlese, in der 50mal das Wort Negersklave vorkommt: das will ich nicht.
    Und ich will ihr auch nicht erklären müssen, dass es mal eine Zeit gab, in der Menschen, die die gleiche Hautfarbe haben wie ihre beste Freundin, nichts wert waren und wie Gegenstände weggeworfen, ausgenutzt und misshandelt werden konnten. Das ist zwar ein wichtiger Teil der Geschichte aber für ihre beste Freundin bedeutet es, in eine Sonderrolle gedrängt zu werden, jedesmal, wenn in der Kita diese Bücher unverändert vorgelesen werden. Das ist genauso schmerzhaft, wie als einziges Mädchen in eine Kita nur mit Jungs zu gehen und dort in einigen Büchern jedesmal statt dem Wort ‚Frau‘ so etwas wie ‚Schlampe‘ oder ‚Fotze‘ zu lesen. Das ist nicht okay. Und egal, wieviel man erklärt, es tut den Menschen weh, die auch einfach mal nur Menschen sein wollen. Zeiten verändern sich. Wenn solche Bücher nicht überarbeitet werden, wird es dazu führen, dass sie nicht mehr gelesen werden.
    Und ganz wichtig finde ich bei dieser Diskussion, dass man sie mit den Familien führt, die von den abwertenden Begriffen betroffen sind, sonst klingt das alles sehr selbstgerecht. Das ist, wie wenn unter einem Artikel über die Hebammenmisere nur Männer kommentieren, die sich mit diesem Thema, und was das für die Betroffenen bedeutet, nur am Rande beschäftigt haben.
    Political Correctness mag erstmal anstrengend sein, aber langfristig bringt sie uns weiter, daran glaube ich fest, weil sie den Menschen hilft, Stereotype abzuschütteln und ihnen nicht immer wieder ausgesetzt zu sein, wo sie wirklich weh tun. Mit Selbstzensur hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Eher mit Menschenwürde.

    Etwas wütender klingt das so:
    http://maedchenmannschaft.net/hamsterrad-der-ignoranz-wenn-weisse-mit-sich-selber-ueber-rassismus-reden/

    • Hallo Maike,

      das unterscheidet uns – ich WILL nämlich mit meinen Kindern darüber reden, dass es mal soundso war (Verfolgung, Sklaverei, Diskriminierung, Abwertung von Frauen), weil ich glaube, dass nur dadurch verhindert wird, dass das wieder bzw. weiterhin passiert.

      Mir ging’s bei diesem Text hauptsächlich um den bewussten Umgang mit Worten, generell. Die Diskussion uferte dann schnell aus, was zu erwarten war. Trotzdem will ich sie gerne führen.

      • Hallo Christine,
        das will ich auch! Das kam in meinem Kommentar vielleicht nicht so gut zum Ausdruck: Ich will auf jeden Fall mit meinen Kindern darüber reden. Aber nicht jedesmal, wenn ich die ‚Kinder aus der Krachmacherstraße‘ in die Hand nehme und es bei der Geschichte ja gar nicht um die Geschichte der Sklaverei geht, sondern das Wort nur ständig im Raum steht.
        In der überarbeiteten Fassung heißt es da übrigens. ‚Lotta ist ein kleiner Sklave‘, da wird also nichts getilgt, man muss trotzdem erklären, nur das verletzende Wort fehlt. Ich möchte das einfach nicht ständig vorlesen und aussprechen, auch wenn man es erklärt hat, es bleibt eine Diskriminierung und die wird dann so handlich und geläufig und wozu soll das gut sein?
        Ich habe bei mir einfach gemerkt, dass mir das auch weh tut beim Vorlesen und ich ich dann eher nach anderen Büchern greife. Gar nicht aus Vermeidung von unangenehmen Tatsachen, sondern weil es sich falsch anfühlt. Es ist einfach nicht okay. Und es hat mit den Geschichten ja auch gar nichts zu tun, die bleiben doch. Ich würde, wie gesagt, auch nicht ständig frauenabwertende Worte vorlesen wollen, auch wenn ich jederzeit und ausgiebigst mit meiner Tochter diese Themen erörtere, wann immer es sich ergibt. Aber gerade durch das einfach stehenlassen in Geschichten, die gar nicht diskriminierend gemeint sind, bleibt da so eine Normalität, die ich nicht akzeptieren will. Das ist nicht mehr normal, Neger zu sagen. Und das ist gut so. Ich finde, Katja Grach hat das in ihrem Kommentar sehr gut auf den Punkt gebracht. Wenn man Leute fragt, die von diesen Worten getroffen werden, wie es ihnen (und ihren Kindern damit geht), dann ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit zu sagen: Das lassen wir jetzt einfach mal hinter uns. Auch den Büchern zuliebe, den die bleiben dadurch aktuell.
        Und der bewusste Umgang mit Worten ist doch genau das, oder?

        • Ja, das mag sein – was sich falsch anfühlt, ist vielleicht nicht für jeden anders, aber für Gruppen anders, ich denke da jetzt in Schnittmengen. Und dann hat es im Endeffekt wieder mit Grenzen zu tun. Hm.

    • Ich habe oben ausdrücklich von einer Bewertung im wissenschaftlichen Kontext gesprochen. Diesen Kontext besitzen Kinderbücher (zur Unterhaltung konsumiert) mit Sicherheit nicht, daher gehören Begriffe wie „Negersklave“ selbstverständlich getilgt.
      Wobei ich mich frage, ob ein Text, in dem ein solches Wort auftaucht, für Kleinkinder geeignet ist, selbst wenn man dafür eine politisch korrekte Alternative findet.

  10. Ein toller Artikel, den ich sehr gerne gelesen habe. Ich finde, Du machst das ganz klasse, und ich werde mir eine Scheibe davon abschneiden, wenn es bei uns zuhause so weit ist. Wenn LadyGaga in jüngster Zeit wütend auf ihren kleinen Bruder ist, sagt sie immer wieder mal, dass er dumm ist. Das unterbinde ich auch sofort und erkläre ihr, dass das nicht nett ist, sehr verletzend und erst noch falsch. Und wenn sie dann mit den ersten Schimpfworten aus der Vorschule heimkommt, möchte ich genauso reagieren wie Du. Man muss die Dinge ansprechen, benennen und Unwissenheit nicht im Raum stehen lassen. Danke für den tollen Artikel!

  11. Ich denke auch, dass darüber reden die richtige Herangehensweise ist. Und zwar sowohl über Schimpfwörter als auch über Bücher die ich vorlese. Ich lese ganz bewusst meinen Kindern die kleine Hexe im Original vor. Und bespreche mit ihnen was heute nicht mehr so ist wie in dem Buch. Und welche Wörter wir heute warum nicht mehr sagen. Und meine Kinder haben keine Schwierigkeiten dem Reiz der Geschichte zu erliegen, oder sich in die Welt reinzudenken. Ach ja, meine Kinder sind 4 und 6. Und ich fände es schlimmer, wenn sie nie mit mir über solche Wörter gesprochen hätten und sie dann unreflektiert jemand gegenüber äußern würden, der dadurch verletzt würde, als dass sie vorher schon mal von der Geschichte solcher Wörter gehört haben.

  12. Ich bin verwirrt.

    Einerseits ist doch dein Blog nicht zuletzt auch eine Plattform, auf der du zeigst, wie anstrengend der Alltag mit Kindern ist, wie viel Kraft viele Dinge kosten und dass es wichtig ist, auch einmal den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Andererseits forderst du, dass mit Originalversionen von Büchern mit zweifelhaften Formulierungen sofort in die historisch-kritische Auswertung gegangen wird und Themen wie Sklaverei, Ausbeutung von Frauen, Diskriminierung und Verfolgung dann sofort und erschöpfend besprochen werden.
    Das passt für mich nicht richtig zusammen.

    Ich persönlich möchte mit meinen Kindern einfach ein Buch lesen, wenn wir Lust auf eine Geschichte haben. Ich will nicht jedes Mal in Debatten über die Schlechtigkeit der Welt geraten, weil ich ein Lesevergnügen mit meinen Kindern suche. Ich will und kann diese Kraft eben NICHT jedes Mal aufwenden, diese Worte zu erklären, zu kontextualisieren und Schlüsse zu ziehen. Und ich denke, es geht vielen Eltern so.

    Also bleibt mir dann nur eins: diese Bücher gar nicht mehr mit Kindern lesen. Oder eben Wörter verändern, manchmal vielleicht sogar ganze Handlungsstränge (der kleine Wassermann, zum Beispiel, wird von seinem Vater total verprügelt, nachdem er Quatsch gemacht hat, 25 Schläge, ganz ruhig und offiziell erzählt. Ich will das nicht kurz vor dem Schlafengehen mal debattieren.

    • Das verstehe ich, Maria. Manche Bücher lese ich dann auch gar nicht vor, z.B. Peter und der Wolf oder Mio, mein Mio, weil mir der Inhalt zu drastisch ist. Ich finde nämlich nicht, dass der „Neger“ draußen ist (sprich sich das Konzept verflüchtigt hat), nur weil das Wort ausgemerzt wurde. Es ist unter Sprachwissenschaftlern eine Weile diskutiert worden, ob Sprache das Bewusstsein bestimmt (Chomsky, Whorf), und man kam davon ab, das zu denken. Was ich sagen will, mit dem Text und mit der Art und Weise, wie ich argumentiere:

      Wir bekommen das Problem nicht durch Verbote und Zensur gelöst. Nicht das Wort ist böse.

      Und ich find’s extrem problematisch, dass zu dem ganzen Perfektionswahn, der unter deutschen Eltern sowieso herrscht, nun auch noch ideologische Debatten über Fasnachtskostüme kommen. Da fiel mir die Diskussion um die Kinderbücher von vor 2 Jahren ein, und ich hab’s gedanklich verknüpft. Jetzt dreht sich hier leider alles nur noch um die Ausdrücke in Kinderbüchern anstatt um den abwertenden Gebrauch von Wörtern generell. Ich halte das für eine Stellvertreterdiskussion.

      Es ist halt einfacher, die Abschaffung von Wörtern zu fordern, als sich damit auseinanderzusetzen, wie man Diskriminierung jeglicher Art a) möglichst gering hält (eine Gesellschaft ohne Diskriminierung halte ich für eine Utopie) und b) was die Ursachen sind.

  13. Beim Lesen dieses Beitrags ist mir doch nochmal so richtig mit Wut klargeworden, wo wir als Gesellschaft heute (immer noch) stehen, wenn DAS unsere Schimpfwörter sind. Diese sagen viel aus über das, was hierzulande tatsächlich als schlecht gilt – denn Schimpfwörter fallen normalerweise in ‚ehrlichen‘ Situationen, in denen Masken fallengelassen werden. Ebenso sagt wohl auch die vielbelächelte Werbung viel über die Wünsche unserer Gesellschaft aus, das was als Erstrebenswert angesehen wird. Wenn man sich daraus ein Bild macht, dann viel Spaß…

  14. Danke für den Beitrag und die Debatten unter diesem Beitrag regen echt zum Nachdenken an. Natürlich sollte man mit seinen Kindern immer über Schimpfworte sprechen und selbst so krasse wie Hurensohn erklären. Dennoch müsste ich ehrlicherweise erstmal stutzen wenn mein Kind mich mit, wie oben im Kommentar beschrieben „fick deine Oma…“ ankommt.
    Da kann ich mich ja in den nächsten Jahren schonmal auf was gefasst machen.
    Beste Grüße

  15. Hallo,
    also meine Eltern haben das mit mir früher ganz genauso gemacht, egal mit was ich aus dem Kindergarten kam (Und im Frankfurter Brennpunktviertel Preungesheim/ Bornheim war es nicht wenig!). Ich muss sagen, ich benutzte als Kind so wenig Schimpfworte, dass ich als die ‚Vornehme‘ galt.
    Ich habe für das ganze noch einen anderen Ansatz, und zwar von der anderen Seite: Was, wenn mich jemand beleidigt. Falls mal wer reinlesen mag: http://behindertundgutdabei.chaospla.net/zufriedenheit-als-einstellung-wer-mich-beleidigt-entscheide-ich-immer-noch-selbst-2/
    LG, Kittie

  16. […] In dieser Woche habe ich meine Gedanken zum Schimpfwort “behindert” aufgeschrieben. Christine Finke hat auf ihrem Blog Mama arbeitet auch schon zum Thema gebloggt und ganz wunderbar beschrieben, wie sich viele Redewendungen von selbst erledigen, wenn man sie gemeinsam mit den Kindern mal auseinander nimmt. Die Macht des Wortes. Kinder und Schimpfwörter […]

  17. diese kritisch-informierte dialogische Aufklärung der Kinder find ich super.
    schade nur, dass diese kritische Haltung nicht auch gegenüber Beleidigungen aus dem Bereich des Rassismus eingenommen wird. was steckt dahinter, dass koloniale Fremdbezeichnungen wie „i.“ oder „N.“ nicht konzeptualisiert werden sondern in der Einleitung sogar legitimiert? vielleicht eigene Ignoranz der gewaltvollen Geschichte dieser Wörter gegenüber? sich angegriffen fühlen, verunsichert durch die kritischen anfragen an den eigenen Sprachgebrauch? ich wünschte mehr nachdenken und mehr sich selber informieren bevor Gewalt legitimiert wird.

    • Hallo Annette, du irrst. Ich rede mit meinen Kindern auch über Begriffe wie „Neger“ – bitte etwas weniger Misstrauen.

  18. „dürfen Kinder sich als I. verkleiden, sind Kinderbücher mit I. böse und war es unausweichlich, den Begriff „N. “ aus Kinderbüchern zu nehmen?“
    Ja, Kinder dürfen sich weiter als I. verkleiden. Die frage ist: wer wird damit verletzt? wollen wir menschen weiter verletzen? was wissen wir über die koloniale vernichtung der Bewohner_innen der Amerikas? interessiert es uns? finden wir völkermord eine gute Vorlage für Fasching?
    es ist eine frage der eigenen Haltung zu Kolonialismus und versklavung – des sich selber informieren und positionieren.
    ja, es schmerzt, denn es geht an scheinbar schöne Kindheitserinnerungen.
    nein, wir sind nicht böse, weil wie als Kinder rassistisch sozialisiert wurden.
    ja, wir sind jetzt erwachsen und können dazu lernen.
    nein, wir müssen nicht alle details des Rassismus an unsere Kinder weitergeben.

  19. Da die letzten Einträge nun schon etwas sehr lange her sind, hoffe ich, dass ich auf meinen Kommentar trotzdem noch Antwort bekomme. Mein Sohn geht seit diesem Jahr zur Schule und ich bin mit meiner Weisheit am Ende…

    Keine Frage – er lernt natürlich nun auch immens viele neue Schimpfwörter und zu meinem Erstaunen extrem heftige Kraftausdrücke. Er hinterfragt die Wörter auch und ich erkläre es ihm so gut es geht . Er ist sich auch dessen bewusst, dass sies keine schönen Wörter sind.
    Jedoch fragte er mich letztens, weshalb immer gerade die Kinder die meisten Freunde haben und am coolsten sind, die genau diese Wörter benutzen!
    Er hat ja insofern recht, als dass diese Kinder stark polarisieren. Nun will er nicht ausgeschlossen werden und ahmt entsprechend nach. Er nimmt in bestimmten Situationen sogar in Kauf, Ärger zu bekommen, nur um nicht als „Schlaffi“ zu gelten.
    Wie soll ich mich verhalten?
    Wie kann ich ihm helfen, stark genug zu sein, um sich dem nicht anzuschließen und auf „gute“ Art cool zu sein?

    • Liebe Marita,

      ich würde ihm nicht verbieten, sich auszuprobieren. Es ist ja klar, dass er zu den Klassenkameraden gehören will und insofern erstmal mitmacht. Aber wenn du zuhause das Bewusstsein dafür schärfst, dass es eigentlich nicht okay ist, sowas zu sagen, und was die Bedeutung dieser Worte ist, wird es sich für ihn vielleicht ziemlich schnell komisch anfühlen, diese Schimpfwörter zu benutzen. Als ich Kind war, sagten wir oft gedankenlos „Spasti“ als Beleidigung. Ich hatte gar keine Ahnung, was das wirklich heißt, und wie schlimm diese Behinderung für die Betroffenen ist. Hätte ich das gewusst, wäre mir dieses Wort nicht mehr so leicht über die Lippen gekommen. Will sagen: Ich würde auf Zeit und Empathie setzen.

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