Feste Essenszeiten? Haben wir nicht.

Würde ich in Italien leben, guckte mich wahrscheinlich keiner schief an. Denn morgens nur einen Kaffee oder Tee mit viel Zucker zu trinken (im Stehen!), mittags leicht zu essen, und erst am Abend, und zwar nicht vor 20 Uhr, eine warme Mahlzeit mit Fisch oder Fleisch zu verzehren, ist dort normal. Die in Deutschland weit verbreitete Regel, nach 18 Uhr oder gar 17 Uhr keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen, hielte ein Mittelmeerbewohner wahrscheinlich für einen Aprilscherz.

Wer hier schon länger mitliest, erinnert sich vielleicht, dass wir im Januar eine Mutter-Kind-Kur gemacht haben, die ich ziemlich grauenhaft fand – unter anderem wegen der für mich absurden Essenszeiten. Ein warmes Mittagessen um 11:15 Uhr zu mir zu nehmen, widerspricht total meinem Biorhythmus. Und um 17:15 Abendbrot in Form von dünnen Brotscheiben mit fettarmem Käse zu speisen, ist deprimierend. Zu einem guten Abendessen gehört meiner Meinung nach sowieso ein passender Wein, und dass der mir in der Kur nicht angeboten wurde, hat die Sache nicht besser gemacht…

Allerdings musste ich feststellen, dass viele Mütter den in der Kur diktierten Essensrhythmus als normal und gut empfanden, weil sie ihre Kinder zuhause zu den gleichen Zeiten „abfüttern“. Alleine schon dieses Wort, „abfüttern“, zeigt für mein Empfinden, dass der Nachwuchs wie das Vieh im Stall betrachtet wird, das einfach nur satt werden muss, um zu gedeihen. Ich mag den Begriff überhaupt nicht und benutze ihn aus Prinzip nicht.

Denn für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie erstens lernen, zu essen, worauf sie Appetit haben, und dass sie zweitens möglichst oft dann essen können, wenn sie Hunger haben. Natürlich sind die äußeren Umstände nicht immer so, dass man jederzeit essen kann, aber zu versuchen, auf den eigenen Bauch zu hören, finde ich wesentlich wichtiger als die fixe Idee, Essen müsse zu einer bestimmten Uhrzeit auf dem Tisch stehen.

Ich halte nämlich den Körper für unheimlich klug: Er weiß genau, was er braucht. Manchmal Salziges, mal Käse oder Milch für den Kalziumbedarf, mal Fett, mal mageres Eiweiß, in bestimmten Nahrungsmitteln vorhandene Spurenelemente, etc. Dass man den Teller nicht immer leer essen muss, hat sich in vielen deutschen Wohnzimmern schon herumgesprochen; dass Kinder hingegen feste Essenszeiten bräuchten, ist noch immer Dogma.

In meiner Familie wird dann gegessen, wenn wir Hunger haben. Die jüngeren Kinder frühstücken (noch), die haben morgens ordentlich Hunger. Aber schon die Große macht es wie ich: in der Frühe höchstens ein Heißgetränk, und später wird gesnackt. Mittags werden die beiden Kleineren im Kindergarten verköstigt, das ist stets um 12 Uhr. Aber am Wochenende koche ich genau dann die Nudeln oder Fischstäbchen, wenn meine Kinder verkünden, dass sie nun Hunger hätten – meist gegen 13:30. Abendessen für die Kinder steht zwischen 18 und 20 Uhr auf dem Tisch, und kann auch ein Müsli sein, wenn sie Appetit darauf haben.

Womit der aufmerksame Leser bemerkt, dass ich einen weiteren Tabubruch begehe: Ich verspeise mein Abendessen allein. Die Kinder dürfen, falls sie noch wach sind, von meinem Essen probieren, aber den Löwenanteil esse ich. Mit Genuss und am liebsten, wenn die Kinder schon schlafen. Was nun vielleicht so klingt, als äßen bei mir daheim alle nebeneinander her, einsam und traurig am Esstisch, ist nicht so: Denn oft steckt der Appetit des Einen den Anderen an, und sich einfach als Gesellschaft mit an den Tisch zu setzen, ist auch schön.

Kinder lernen ja bekanntlich durch Nachahmen, und ich hoffe aufrichtig, dass meine Kinder im Leben viel Freude an gutem Essen haben werden, sich keine Gedanken über Kalorien machen, und einfach das essen, worauf sie Lust haben. Es ist meine feste Überzeugung, dass das im Endeffekt der gesündeste Umgang mit Nahrung ist – und ja, das beinhaltet auch Süßigkeiten und Junk Food, denn alles, was verboten ist, oder rationiert wird, ist besonders interessant. Wer Gelüsten nachgibt, wird nicht in Versuchung geraten, irgendwann maßlos zu schlingen, das ist meine Erfahrung.

Das Ergebnis unserer Essgepflogenheiten sind übrigens drei perfekt normalgewichtige, gesunde Kinder und eine idealgewichtige Mama. Das kann so falsch also nicht sein, oder?

P.S.: Die Waage besteigen wir maximal ein Mal im Monat. Und beim Essen berücksichtige ich, soweit der Vorrat es hergibt, die Wünsche meiner Kinder – ich glaube, damit bewege ich mich zur Abwechselung mal im Bereich des Üblichen. :)

 

Linktipps innerhalb des Blogs:

Feste Schlafenzeiten? Nicht bei uns!

Mutter-Kind-Kur: So war’s

Linktipp zu Artikel über Studie aus 2011:

Kinder essen ohne Verbote weniger Ostereier

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lenanimmersatt
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lenanimmersatt

Liebe Christine,
viel Erfolg weiterhin mit dieser Methode! Ich musste (wie man hier nachlesen kann: http://essenfrisstseeleauf.wordpress.com/) nach jahrelangen Diät-Versuchen erst mühselig und langwierig wieder erlernen, auf meinen Körper zu hören und ihm das zu geben, was er in diesem Augenblick braucht. Wie schön, wenn man das seinen Kindern ersparen kann!

lenanimmersatt
Gast
lenanimmersatt

Ja, Namen sind Schall und Rauch und dahinter verbergen sich oft ganz bekannte Charaktere :-)

Wir schaffen euren relaxten (???) Umgang mit Schlafens- und Essenszeiten leider nur im Urlaub, genießen ihn dann aber umso mehr. Insofern hast du aus meiner Sicht immer ein wenig Urlaubsfeeling im Alltag :-)

Susi
Gast
Susi

Hm. Ich stehe halt auf ein typisches Familienabendessen (allerdings nicht um 17.15 Uhr sondern erheblich später!), bei dem alle gemeinsam essen. Durch eine breite Auswahl kann jeder essen, was er mag, aber am Besten daran ist doch das Revue passieren lassen des Tages, erzählen, was passiert ist. Ich finde es schön und möchte das nicht anders haben. Wenn sich dann nach dem Abendessen auf Wunsch der Kinder ein lauter Dog- oder Uno-Abend ergibt – umso besser!

Hanna
Gast
Hanna

Hallo Christine,
ich hab den Text jetzt zweimal gelesen, isst Du wirklich einmal nen Snack mitten am Tag und dann erst wieder am Abend was? Ich interessiere mich als übergwichtige Stressesserin dafür, wie andere Frauen so für Essgewohnheiten haben.
LG, hanna

Nadja
Gast
Nadja

Huhu Christine, diese Art, die Mahlzeiten einzunehmen, ist bei uns am Tag ähnlich. Jeder isst, wann er Hunger hat. Die einen frühstücken vor der Schule ausgiebig, die anderen trinken nur einen Tasse Tee und verschwinden dann. Tagsüber isst jeder (soweit das mit Schule und Arbeit vereinbar ist), wann und was er möchte. Worauf ich allerdings nicht verzichten wollen würde, ist das gemeinsame Abendessen. Mal warm, mal Müsli, mal belegte Brote oder Rührei – wie es halt gerade passt. Aber als Familie und gemeinsam. Mit einer netten Unterhaltung am Tisch. Oft sitzen wir nach dem Essen noch eine halbe oder auch… Weiterlesen »

frauke
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frauke

ich kann dir da nur zustimmen! der körper ist extrem schlau und meldet sich dem entsprechen, wann er was essen will und vor allem was dann genau. man kennt das ja, dass man hin und wieder ganz konkret appetit auf eine sache hat und das braucht der körper dann auch in diesem moment. man sollte es ihm dann auch nicht verweigern, weil sonst genau das eintritt, was man ja nicht will – frustration und damit wird der ungesunden ernährung tür und tor geöffnet. denn versagt man sich zu oft zu vieles, das kommen diese heißhungerattacken und das ist nun wirklich… Weiterlesen »

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