Lieber einen Rant schreiben als Hauen. Jüngste lernt.

Lieber einen Rant schreiben als Hauen. Jüngste lernt.

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Wut
Farmgirlmiriam/Pixabay.com

„Christine, hast du den Brief gesehen, den Jüngste uns geschrieben hat?“
„Nur ungefähr. Aber ich weiß, dass sie einen geschrieben hat. Sie war wütend auf euch.“

Die Nachbarin grinst. Ich mag die Nachbarin, die Nachbarin mag mich, und unsere Kinder spielen oft zusammen. Gestern bekam das Nachbarskind Hausarrest, und meine Jüngste (7) war empört darüber. Bisher artikulierte sie ihre Wut und Ohnmacht oft körperlich oder in bösen Beschimpfungen oder ausdauerndem Geschrei, auch fremden Menschen gegenüber. Sehr lautem Geschrei. Aber gestern war das anders. Gestern verkündete sie, dass sie sowohl den Eltern ihrer Freundin A als auch denen ihres Freundes B schreiben wolle, und sie machte sich unverzüglich ans Werk.

Aus dem Kinderzimmer drangen Buchstabiergeräusche, und ich hörte mein Kind hochkonzentriert Worte in Phoneme zerlegen (so heißen die einzelnen Lauteinheiten), und nach einer Weile stand meine jüngste Tochter mit einem Blatt vor mir, auf dem einige Zeilen beschrieben waren. Sie ist in der ersten Klasse, und die Kinder lernen heute nicht zuerst, ein Wort richtig zu schreiben, sondern es erstmal überhaupt zu schreiben und korrrekt zu hören, und deswegen war es nicht einfach, das von ihr Geschriebene zu entziffern.

Kurz zusammengefasst stand da, dass alle außer dem mit ihr befreundeten Kind blöd seien, und ihre eigene Mama viel netter, weil die nie „haußareßt“ gebe (und das stimmt, das ist hier keine Option). Und dass die anderen Eltern gemein seien. Diese beiden Briefe warf meine Jüngste bei den Nachbarn ein und fragte heute Nachmittag auch noch per Telefon bei den Eltern der Freundin A nach, ob sie den Brief schon gelesen hätten. Sie wollte wirklich etwas bewirken mit diesen Briefen.

Und ich bin so gerührt und glücklich. Weil ich die nettere Mutter bin, aber vor allem weil mein sehr energisches Kind einen Weg gefunden hat, sich auszudrücken, der ohne Hauen und Schreien für sie vielversprechend ist. Sie schreibt! Sie wandelt die Ohnmacht in Buchstaben, und sie erntet Anerkennung dafür. Die Eltern von A werden wahrscheinlich nicht verstehen, was dieser Brief überhaupt sollte. Aber meine Nachbarin aus dem Haus, die mir eben den Brief meiner Jüngsten vorlas, lobte sie ausdrücklich. Und das war eine so großartige Reaktion, ich bin gerade ganz froh. Soll sie schreiben. Das hilft.

5 Kommentare

  1. Wow! Ich habe mich vor 3 Tagen sehr über einen Entschuldigungsbrief gefreut. Etwas, von dem ich von Freundinnen schon gehört hatte, selbst jedoch (von den großen Söhnen) nie bekommen habe. Außer einmal, da kam von Großen eine wunderbare Erklärung an uns Eltern per SMS – er war betrunken :D Mit dem Mittleren stand ich in Krisenzeiten teilweise nur noch per Whatsapp im „Gespräch“, da jedoch intensiv. Dass meine Jüngste ihre Wut in Worte fassen könnte, wäre ein toller nächster Schritt.
    Ich entsorge diese Briefchen und Nachrichten zuverlässig, da sie mir als Kind im Nachhinein immer furchtbar peinlich waren. Wie hältst du das?
    lg

  2. Das ist sooo schön zu lesen! Wenn meine Kinder wütend sind, sind sie erst mal schlecht gelaunt allen und jeden gegenüber. Manchmal schaffen sie es, mir ihre Erlebnisse und Gefühle zu erzählen, das hilft ihnen in ihrer Ohnmacht.
    Ich denke, jüngste hat oft bei Dir beobachtet (#aufschrei, #aufschrei, #Unterhalt, #muttertagswunsch u.v.m), wie Du schreibend Deinen Wut Ausdruck gibst, und dass es Dir gut tut. Da ist es nicht verwunderlich, dass Sie das nachahmt.
    Vielen Dank für dieses Beispiel.

  3. Liebe Christine,

    ich finde Deine Tochter echt klasse! Und Dich auch, welche Sicht der Dinge du hast! Irgendetwas in mir würde wahrscheinlich kurz denken „achje, muss das Kind denn nun diese Briefe bei den Nachbarn einwerfen?“, wenn mein Kind solche Briefe geschrieben hätte (aber ich hätte ihn gelassen). Was muss es für ein tolles Gefühl sein für Dich als Liebhaberin der (geschriebenen) Sprache nun mitzuerleben, dass diese von Deiner Tochter gewählt wird, um ihren Gefühlen Luft zu machen und in Kontakt zu treten? Ich glaube, irgendetwas im mir würde platzen vor Stolz. Spätestens beim Telefonat zum Nachhaken – echt, ein Hoch auf Deine Jüngste!
    Dass sie ein Mittel gefunden hat abseits von Fäusten und Schreien und dass sie sich so nicht nur Luft macht, sondern auch etwas bewirkt bei ihrem Mitmenschen, das ist so wertvoll und von diesem Schritt sind so so viele noch so weit entfernt. Ich freu mich gerade echt mit Dir über Deine Jüngste :)

    Liebe Grüße :)

    • Liebe Frau Taugewas,

      vielen Dank. Ich habe auch kurz zusammengezuckt, als mein Kind jeweils mit den Briefen in der Hand losspazierte und dann bei der einen Familie sogar hinterhertelefonierte, ob das Schreiben auch angekommen sei. Aber dann dachte ich, ach, lass sie doch machen. :)

      Herzliche Grüße zurück,
      Christine

  4. Das ist ja toll! Weißt du, wie sie darauf kam einen Brief zu schreiben?
    Das finde ich wirklich ganz vorbildlich. Ich hoffe deine Kleine bleibt so energisch

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