Versicherungsbetrug? Geht nicht, ich bin Vorbild!

Gestern habe ich ganz schön mit mir gekämpft. Es ging um Fragen der Moral, darum, ob ich meine Kinder zu redlichen Menschen erziehen möchte oder zu solchen, die die Wahrheit dehnen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Und obwohl ich zur Fraktion der ehrlichen Finder gehöre und so gut wie nie flunkere, tat ich mich in diesem speziellen Fall etwas schwer – die Verlockung, eine klitzekleine Korrektur der Wahrheit vorzunehmen, war groß. Und viele Leser schütteln vielleicht den Kopf, und halten mich für naiv, weil das, was ich mir verkniff, als Kavaliersdelikt gilt. Aber ich konnte es nicht tun. Mein Gewissen stand mir im Weg.

Der Reihe nach: vergangenen Donnerstag ließ die große Tochter das Rad an der Schule stehen, weil sie krank wurde. Es war abgeschlossen, aber nicht an einem festen Gegenstand wie einer Laterne. Da am gleichen Tag auch noch die jüngste Tochter erkrankte und beide Kinder mehrere Tage mit hohem Fieber zuhause röchelten, spuckten und litten, konnte ich nicht alleine aus dem Haus, sonst hätte ich das Rad in meinen kleinen Kofferraum gepackt und nach Hause transportiert.

Auf dem Weg zu einem Arzttermin wollte ich gestern bei der Schule vorbeifahren und nach dem Fahrrad sehen. Nur war das dummerweise nicht mehr da. Das kann natürlich vorkommen in einer Stadt wie Konstanz, mit einer der höchsten Fahrradklau-Dichten Deutschlands. Und es ist nicht klug, ein Rad über mehrere Nächte draußen stehen zu lassen, ich weiß.

Nun kommt die Versicherung ins Spiel – denn sowas habe ich natürlich, sogar fürs Kinderfahrrad. Als das Mädchenrad gekauft wurde, ging der Vater mit der Tochter los und so kam es, dass wir mit dem Rad auch eine „Rundum-Versicherung“ der Firma „Wertgarantie“ abschlossen, die Fahrradreparaturen auch bei Vandalismus beinhaltet sowie den Diebstahlschutz. Aaaaber nur, wenn das Rad an einem festen Gegenstand angeschlossen ist. Dann jedoch auch über Nacht.

Tja, das ist nun Pech gewesen – und feste Gegenstände zum Anschließen gibt’s auf dem Schulhof nicht. Schon ein Metallfahrradständer mit 4 Metern Länge, wie er Standard ist, gilt als beweglich.

Die Frage für mich war nun, behaupte ich gegenüber der Versicherung, dass das Rad der Tochter an einer Laterne angeschlossen war? Was, wenn die Versicherung bei der Tochter nachfragt und die für mich/uns lügen muss, weil ich die Wahrheit für 299 € verbiege? Das geht nicht, und ich hab’s der Tochter erklärt: „Das wäre Versicherungsbetrug und ist eine Straftat, auch wenn die meisten Leute vielleicht anders handeln würden“. Davon war mein Kind zwar nicht begeistert, aber sie hat es verstanden.

Die Versuchung war allerdings noch nicht vorbei: Denn bei der Polizei füllte ich ein doppelseitiges Formular für die Anzeige wahrheitsgemäß aus. Und dem Beamten dort, der voller Mitgefühl war, fiel ein, dass das doch ein Fall für meine Hausratversicherung sein könnte. Stimmt – da habe ich Fahrräder extra mit eingeschlossen!

Ein Anruf bei der Schadenshotline der Versicherung führte immerhin dazu, dass der Schaden aufgenommen wurde. Ich schöpfte schon Hoffnung, doch etwas Geld zu sehen. Die wurde jedoch rasch wieder zunichte gemacht, als mich mein freundlicher Sachbearbeiter aus der Zentrale zurückrief und herumdruckste: „Sehen Sie, mir sind da gewissermaßen die Hände gebunden“, sprach er, und dass so, wie ich die Angaben gemacht habe, keine Erstattung möglich sei. In diesem Fall, weil ich nicht beweisen konnte, dass das Rad zwischen 6 und 22 Uhr entwendet worden sei. Tja, so sind die Regeln, es wunderte mich nicht.

Kurz darauf erhielt ich noch einen Anruf von meinem Gebietsbetreuer derselben Versicherung. Ob mein Schadensfall reguliert werde, wollte er wissen. „Nein, weil ich die Wahrheit gesagt habe“, musste er sich anhören. Ich hörte ihn schlucken. Sowas kommt wohl nicht oft vor. „Ja, da hätte man wohl etwas… äh… tricksen müssen“, war sein Kommentar. Ach, liebe Welt, sind denn alle außer mir viel skrupelloser?

Trotzdem: Es war gut so. Die Versicherung bei „Wertgarantie“ ist wegen des Schadensfalls nun storniert, mein Gewissen rein, und ich habe meinen Kindern als Vorbild gedient und erklärt, warum ich so handele. Meine Tochter ist hoffentlich dadurch geprägt, und sie war ganz und gar einverstanden damit, wie ich das gehandhabt habe. Obwohl sie jetzt erstmal kein Fahrrad mehr besitzt und ich auch so schnell kein neues kaufen kann, weil Ebbe auf dem Konto ist. Das nennt man dann wohl Herzensbildung. Und ich hoffe inständig, dass mein Kind dadurch einen Vorteil hat und nicht übervorteilt wird durch andere. Erziehung ist eine ganz schön schwierige Sache.

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Mama arbeitetBeaKatrinMama arbeitetMartina1977 Letzte Kommentartoren
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Nadine
Gast
Nadine

Hach, ich bin beeindruckt.
Meine Mutter hat nie so reagiert, sie hat mir eher immer vermittelt, wie man doch hier und da tricksen kann. Sie hat vor meinen Augen geklaut im Geschäft. Und ich habe all das übernommen und stehe nun öfter an, wenn mein lieber Mann sagt „Das kannst Du doch nicht machen.“ Bisher habe ich gelacht. Aber seitdem wir ein Kind haben, denke ich oft „Er hat recht.“ und merke, wie es mir schwer fällt.

Es ist besser so, wie Du es gemacht hast. Sie wird davon profitieren. Ganz bestimmt.

Lisa
Gast
Lisa

loblich! ich tippe mal, 90% hätten das nicht so gemacht sondern hätten es natürlich an einer Laterne befestigt :-)

Anna Schweden
Gast
Anna Schweden

Wir hatten solche Situationen schon ein paar Mal. Nein mein Kind, das ist nicht richtig..insgeheim dachte ich aber oh man Mutter, Du stellst Dich vielleicht ein bisschen an, alle machen das so? Nein, wir nicht.
Das gute Gewissen hat mich dann zufrieden gestellt. Allerdings hatte ich noch nicht oft das Gefühl es hätte sich irgendwie bezahlbar gemacht… Was ich natürlich nie vor den Kindern äussern würde! ;)
Sende Euch viele Grüsse nach Konstanz und Kopf hoch an Pippilotta!
Anna

Kerstin
Gast
Kerstin

Liebe Christine,

Kosten für ein neues Fahrrad: EUR 299
Zeitaufwand für Kind, das seinem Fahrrad hinterhertrauert: im Rahmen.

Den Kindern kein unzerstörbares Mutter-Kryptonit geben: Unbezahlbar.

Und irgendwann ist VISA Dir auch wieder hold. Ganz sicher.

Herzliche Grüße,
Kerstin

Marc mit Kind
Gast
Marc mit Kind

Die Entscheidung war moralisch absolut richtig. Das Fahrrad ist ersetzbar. Ich habe eins von meinem Vater gelernt: Morgens beim Rasieren muss ich ohne Abscheu in den Spiegel sehen können. Das lässt sich sicher auch irgendwie auf Mädchen übertragen?

Katinka
Gast
Katinka

Ich finde du hast genau das Richtige getan! Meine Mutter hat mir auch eher beigebracht, dass man immer und überall tricksen sollte und ich bin stolz darauf, dass ich so „ehrlich“ geworden bin.

Wenn ich irgendwann mal Kinder habe, dann hoffe ich auch das ich weiterhin auch solchen Versuchungen widerstehen kann, wenn es mal zu einer ähnlichen Situation kommt wie bei dir!

Mattes
Gast
Mattes

Ok, moralisch war das wohl absolut korrekt. Nur wenn man überlegt, dass man die Hausratversicherung im Jahr ca. 100€ oder beliebig mehr kostet und wie lange man da reinzahlt, wieviele Schäden man so gehabt hat, dann ist es doch wirklich mal ’ne Überlegung wert, bestimmte Versicherungen einfach zu sparen und das Geld auf ein Konto zu packen. Ich finde es ein Unding der Versicherung, dass die das so durchziehen. Ich meine klar, die haben ständig mit Versicherungsbetrug zu tun, aber das ist nun mal das Geschäftsrisiko, was sie tragen müssen. Man sollte mal ausrechnen, was die an Geld mit Deinen… Weiterlesen »

Mama arbeitet
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Mama arbeitet

Ach, da kann ich mich bei meiner Hausratversicherung nicht beschweren – die haben die drei Schadensfälle, die ich bisher hatte in 20 Jahren, stets rasch und kulant geregelt (Wasserschaden, Einbruch, Sturmschaden). Es ist halt schwierig, bei solchen Dingen eine Ermessensentscheidung einzubauen, denke ich.

Bloggerin Hausrat
Gast
Bloggerin Hausrat

Wir haben damit sehr viel zu kämpfen :-(

Martina1977
Gast
Martina1977

Da ist die hohe Schule von Ethik und Moral. Respekt!
Vielleicht hätte ein abschreckenderes Schloss geholfen.

Frag doch mal beim Fundbüro nach, vielleicht hat jemand das Rad nur für einen Nachhauseweg gebraucht. So was soll vorkommen…

Katrin
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Katrin

…wenn auch zwei Jahre später, will ich dir doch einen Kommentar da lassen: Ich erinnere mich daran, dass ich mit gerade sechs Jahren mit meiner Mutter Bus gefahren bin und sie vorher meinte, ich solle sagen, ich sei noch fünf. Das sei ja noch gar nicht lange her. Ich erinnere mich an das Gefühl, dass es überhaupt gar nicht richtig ist und ich das nicht tun kann — zu meinem Glück hat meine Mutter das gemerkt, dass ich es wohl nicht überzeugend machen kann, und hat dann davon Abstand genommen. Auch wenn dir eine leichte Verbiegung okay vorgekommen wäre (was… Weiterlesen »

Bea
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Bea

Liebe Christine, Dein Beitrag ist nun wahrlich etwas älter, ich habe ihn erst heute gelesen und – er hinterließ mir ein leichtes Magengrimmen – aktuell ist er natürlich immer. Moralisch gesehen hast Du absolut recht – aber !! Aber – an irgendeiner Stelle der Erziehung der Kinder muß man ihnen vermitteln, wie diese Gesellschaft funktioniert – wie die Wirtschaft, grob gesagt der Kapitalismus, funktioniert. Ein Begriff, den man hier lieber mit sozialer Marktwirtschaft übertüncht. Blödsinn. Also, irgendwann ist es so weit, daß das Kind bemerkt, welche Protzburgen sich Banken und Versicherungen bauen, von wessen Geld – und sich dann vielleicht… Weiterlesen »