Coronaferien und die Isolation als Normalzustand

Eure Coronaferien sind mein Alltag. So lange schon, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, ein intaktes Sozial- und Familienleben zu haben.

Alles ruhig, antworte ich der Freundin aus Berlin, die sich via WhatsApp erkundigt, wie es uns geht. Und dass sich für uns gar nichts ändert. Wir sind eh immer isoliert. Jetzt sind wir es mit anderen gemeinsam, und das zu erleben macht mich gerade Staunen, wie sehr ich mich offenbar an die Isolation gewöhnt habe und wie arg sie denjenigen zu schaffen macht, die nun ihr Leben runterfahren müssen. Für mich ist das normal.

Es ist eigentlich alles wie immer. Ich sitze alleine Zuhause, die Uhr tickt, aus einem der Kinderzimmer höre ich den Sohn (13) in sein Headset abwechselnd brüllen, reden und blödeln, weil er mit seinen Freunden zockt. Aus dem Zimmer der Jüngsten (11) höre ich mal nichts, mal den Lieblingssong der Woche in Endlosschleife, mal unterhält sie sich angeregt mit Freunden über Discord. Manchmal verlassen die Kinder ihre Zimmer, um aufs Klo zu gehen oder zu fragen, was es zu essen gibt. Die Wohnung selbst verlassen sie fast nie und Besuch bekommen wir auch keinen.

Warum wir so isoliert sind? Es ist kompliziert

Unsere Isolation rührt nicht von einer Quarantäne her und auch nicht von Corona. Im Gegenteil, Corona, die Schulschließungen und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sorgen dafür, dass wir uns im Alleinsein weniger alleine fühlen. Vielleicht auch etwas mehr gesehen.

Coronaferien Isolation
Bild von Grégory ROOSE auf Pixabay

Über Jahre schon leben wir zurückgezogen. Anfangs hatte das mit meiner Überlastung als Alleinerziehende mit 3 kleinen Kindern zu tun, ich war einfach zu erschöpft, um jenseits von Sozialkontakten mit den jeweils direkten Nachbarn noch Freundschaften zu pflegen und Netzwerke aufzubauen.

Danach kam die Phase der Armut, in der weder Kino, noch Kneipenbesuch, geschweige denn ein Babysitter fürs Ausgehen finanziell drin gewesen wären, und sogar das ermäßigte Ticket für Sozialpassinhaber im Bus eine überplanmäßige Ausgabe darstellte.

Als das vorbei war, trat der Asperger Autismus unübersehbar in unser Leben und stellte alles auf den Kopf – bis meine Jüngste ihre Diagnose hatte, vergingen drei Jahre, die mich nicht nur viel Kraft kosteten, sondern nach und nach dafür sorgten, dass uns niemand mehr besuchte. Zu ungewöhnlich war das Verhalten meiner Tochter, die zudem noch jedem, der hier in die Türe trat, entgegenschmetterte, dass sie ihn nicht möge und sie es hasse, wenn fremde Menschen (dazu zählen auch unsere Nachbarn in ihren Augen) in unsere Wohnung kommen.

Wir sind allein, hier kommt kaum jemand rein und es geht nur selten jemand raus. Wenn, dann bin ich das, und dass ich das tun kann, habe ich mir hart erkämpft. Ich gehe zu politischen Sitzungen und Veranstaltungen, ich reise manchmal, selten, auf Tagungen, und bin in meiner Familie der Mensch mit den meisten Sozialkontakten jenseits des Internets. Menschen, echte Menschen, fehlen mir seit Jahren.

Lagerkoller, Schulausfall und Isolation sind für mich Alltag

Schulausfall? Kenne ich zur Genüge. Jüngste war im vergangenen Jahr 10 Monate unbeschult, weil es keinen passenden Schulplatz für sie gab, und sie war immer Zuhause. Und auch der Sohn ist wegen einer chronischen Erkrankung in den vergangenen Jahren immer wieder mal wochen- bis monatelang Zuhause gewesen, teils gleichzeitig mit seiner Schwester. Der letzte Tag, an dem alle Kinder in die Schule gingen, muss lang vor dem Abi der Großen gewesen sein, im Herbst 2018.

Jetzt hocken die anderen also auch Zuhause – aber rausgehen ist nicht verboten, freut euch, wenn eure Kinder das tun. Manche machen es nämlich nicht, aufgrund von Krankheitsbildern oder Autismus, und das bleibt vielleicht für immer so, nicht nur für die sogenannten Coronaferien.

Die Uhr tickt, die Katzen leisten mir Gesellschaft, und die Kinder werden gleich fragen, was es zu essen gibt. Gemeinsames Essen fällt hier aus, weil meine autistische Tochter sich nur zu Weihnachten, Geburtstagen und Silvester mit an den Tisch setzt. Und Spazierengehen mit mir, gemeinsame Ausflüge, Museumsbesuche oder ähnliches finden nicht statt, auch Brettspiele möchte niemand mehr machen, seitdem die Große ausgezogen ist.

Durch die Coronaferien rückt meine Normalität näher an die der Welt

Derweil lese ich, dass manche sich grämen, weil ihr Fitnessstudio geschlossen ist. Und andere Sorge haben, wie sie ihre Kinder Zuhause beschäftigen sollen, während die Schule geschlossen ist. Dass sie das Gefühl haben, die Decke fällt ihnen auf den Kopf, und dass die Zeit lang wird. Manche von denen, die ich lese, haben Partner, mit denen sie sich unterhalten können – etwas, worauf ich seit 10 Jahren verzichte, weil es sich schlecht mit 3 kleinen Kindern verträgt, und auch schlecht mit 3 größeren Kindern, von denen eins schwerbehindert ist.

Willkommen in meinem Leben, auch wenn Ihr hoffentlich nur relativ kurz damit umgehen müsst. Und willkommen im Leben vieler Alleinerziehender, vieler Armutsbetroffener, vieler Eltern von behinderten Kindern. Wir freuen uns, wenn Ihr uns seht, auch wenn das hier vorbei ist und hoffentlich viele gesund geblieben sind.

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Heidi E.
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Heidi E.

Nach 11 Jahren als Single-Mom bin ich gerade wieder in Begriff, mir ein paar Freiheiten neu zu erobern, denn mein Lieblingssohn (ich habe nur den einen) hängt nicht mehr ganz so sehr am Rockzipfel der Mama. Aber NOCH bin ich in Übung, am Wochenende daheim zu sein, denn die Großeltern musste ich während Kindergarten- und Grundschulzeiten schon unter der Woche beanspruchen, wegen Berufstätigkeit. Da konnte ich schlecht am Wochenende auch noch sagen “passt mal auf mein Kind auf, ich geh mal “auf die Gass“ ;-). Du hast ja noch das “verschärfte Paket“, da Großeltern nicht i.d. Nähe und externe Betreuung… Weiterlesen »

Joanna
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Joanna

Liebe Christine, auch wenn meine Situation etwas anders ist, geht es mir genauso.Wir sind schon einer Woche in kompletter Isolation. Und irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, es ist genauso wie mein Alltag. Das einzige was wegfällt ist das Umherfahren der Kinder, da diese ja zu Hause sind. Erst jetzt wurde mir klar, wie reduziert mein Sozialleben in den letzten Jahren war. Einen Vorteil hat es nun, es fällt mir nun nicht so schwer keine sozialen Kontakte zu pflegen. Alles Liebe für Dich
Joanna

Nici
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Nici

Immer wieder lese ich Ihre tollen Beiträge. Genau das gleiche habe ich auch gedacht. Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Während Familien jeden Winter Skifahren gehen können, dazu noch Sommerurlaub buchen und auch sonst spontan am Abend Freunde besuchen können. Das alles fällt als alleinerziehende aus. Man lebt von der Hand in den Mund. Ärgert sich dazu über den Exmann der einem ständig Steine in den Weg legt. Nichts ist härter als 2 Kinder alleine groß zu ziehen. Aber etwas sinnvollereres im Leben habe ich wohl noch nie erfahren dürfen. Danke liebe Frau Finke das Sie für uns alle… Weiterlesen »

Edi
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Edi

Liebe Christine, danke für deinen ehrlichen und sehr klaren Text. Ich bin seit der Geburt meiner Tochter in einer sehr ähnlichen Situation und bin zutiefst gerührt von deinen Worten. Ich fühle mich gerade mit dir und deinen Kindern ein Stück weniger alleine. Danke dafür🙏. Nach 6 Jahren tägliches „Training“ so isoliert und alleingelassen von allem und jedem, muss ich auch sagen, es geht und ging nie um einen Virus und Zwangsquarantäne meiner Ansicht nach, sondern es ist bedauerlicherweise eher ein Charaktertest für jeden Einzelnen. Hier entscheidet sich in den nächsten Wochen, ob die deutsche Bevölkerung auch nur irgendetwas verstanden hat… Weiterlesen »

Miriam
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Miriam

Ich kann mich da nur anschließen…ich dachte mir auch so: äh, so ist mein Leben schon lang…kein großer Unterschied, außer, dass es erleichternd ist, dass ich jetzt nicht ausgeschlossen, weil eine der wenigen bin, denen es so geht.

Willina
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Willina

Ich habe keine Zeit für Kommentare. Bin gerade aber sowas von verzweifelt, dass ich Luft brauche. Ich bin mit 3 geliebten Kids alleinerziehend. Meine 14jährige Große ist seit Dezember in stationärer Behandlung wegen Magersucht und nein, es ist überhaupt nicht einfach und ich weiß nicht wirklich wie weiter. Mein 10jähriger ist toll und mein jüngster geht seit 2 Wochen in die Krippe. Nun nicht mehr!!! Es gibt zwei Väter, Unterhalt kommt, der eine meldet sich gar nicht, der andere sucht sich den bequemsten Weg… und ich mir meinen. Es reicht für eine 3-Raumwohnung, wobei ich den Wintergarten zum Schlafzimmer mit… Weiterlesen »

Andrea
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Andrea

Also ich bin alleinerziehend mit drei Kindern und fühle mich sehr glücklich so, wie es ist – auch wenn nicht immer einfach. Natürlich bin auch ich ständig etwas isoliert. Daran habe ich mich aber so gewöhnt, dass es mir nichts ausmacht. Es war nicht immer leicht; vor allem da auch mein Sohn ständig das Sorgenkind ist und war (Asthma, angeborener Herzfehler, ADHS und auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung). Aber ich habe die drei so von Herzen lieb, dass all das irgendwie geht. Außerdem an alle alleinerziehende Mütter da draußen: Es wird jedes Jahr ein wenig einfacher. Mein Sohn war wirklich schwierig;… Weiterlesen »

Chrissie
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Chrissie

Danke. Uns geht’s genauso. Wir leben entspannt weiter und wundern uns vielleicht ein bisschen über das ganze Theater in den Medien wegen des Corona Virus. Natürlich halten wir alle Vorsichtsmassnahmen ein. Aber ja, um stillen lache ich über all jene, die mir immer gesagt haben, dass ich mich nicht so anstellen solle, es gehe mir doch gut, ich habe doch essen auf dem Tisch und die Kinder seien gesund und ich könne froh sein einen Vollzeitjob zu haben. Now they are getting some of their own medicine and can see how they fare…..

Mia
Gast
Mia

Liebe Christine Finke, Vielen Dank für diesen Beitrag. Isolation ist auch mein Alltag seit vielen Jahren. Als die Kanzlerin sagte: Meiden Sie soziale Kontakte- dachte ich: Darin sind wir gut. Ich bin auch alleinerziehend, 6 Kinder (jedoch schon 2 erwachsene Töchter). Mein Sohn, Asperger Autist, war 2012 von einem Tag auf den andern nicht mehr in der Schule, – Schulbegleiterin zur Kur und andere Stressfaktoren. 18 Monate unfreiwilliges Home- Schooling und keiner war in der Lage Lernstoff zu schicken. Als am Montag die Schulen schlossen, wurde möglich, was vorher unmöglich war: Lehrstoff wurde auf Lernplattformen bereitgestellt. Corona macht’s möglich. Auch… Weiterlesen »

Esther
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Esther

Liebe Christine, das liest sich irgendwie sehr traurig. Auch wenn ich in den Kommentaren lese, dass offenbar viele Alleinerziehende so empfinden. Mich persönlich greift an der derzeitigen Situation nicht die Tatsache an, dass man mal ein paar Wochen nicht ins Sportstudio kann oder verreisen, sondern dass zwischenmenschliche Nähe und Sinnlichkeit zwischen den Menschen plötzlich vom Lebenselexier zur Bedrohung geworden ist. Ich habe übrigens selbst eine schwerbehinderte Schwester, die auch autistische Tendenzen hat und weiß schon, wie das ist, wenn gemeinsame Malzeiten und Aktivitäten nur bedingt möglich sind. Ich wünsche Ihnen aber trotzdem von Herzen, dass der Zustand, den Sie da… Weiterlesen »