Den Vater ersetzen geht nicht. Aber Boxauto fahren, das schon!

Als bekennende Stubenhockerin hatte ich ja eigentlich gar nicht auf dieses Volksfest gehen wollen. Aber Jüngste hatte mich so bezaubernd bekniet, und sie hatte Recht: Ich unternehme zu selten etwas mit den Kindern.

Die Ausrede, wir hätten gar kein Geld für sowas, zieht dieses Jahr (zum Glück!) nicht mehr, und so stürzte ich mich mit dem Kind ins Vergnügen. Wir hatten 15 € auszugeben, das war der Inhalt meines Portemonnaies, und ich hatte gehofft, sie würde Karussell fahren wollen und auf dem großen Trampolin springen wollen. Dann noch Zuckerwatte und Dosenwerfen hinterher, weg wäre das Geld.

Ausgerechnet die Boxautos – die hasse ich doch!

Doch dann sah die Jüngste, als wir inmitten der Fahrgeschäfte standen, die glitzernden Autoscooter, die ich als Süddeutsche Boxautos nenne. „Mama, DAS will ich machen!“, rief sie mit glänzenden Augen, gab mir ihre klebrige Hand, und zog mich zum Kassenhäuschen. 2 € pro Chip, na gut, dachte ich, gleichzeitig las ich „Kinder unter 10 nur mit Erwachsenem!“ und verspürte den Impuls, wieder umzudrehen. Aber das ging nicht. Mein Kind wollte unbedingt Boxauto fahren. Also kaufte ich zwei Chips.

Boxauto Rummel

Dazu muss man wissen, dass ich Boxautos schon immer ganz schrecklich fand. Im Kreis zu wummernder Musik herumzufahren, um andere Leute zu rammen, ist so ungefähr das letzte, was ich in meiner Freizeit tun möchte. Zuletzt hatte ich das als Teenager ausprobiert, ich glaube, auch nur ein einziges Mal, und beschlossen, dass ich wirklich lieber alles andere auf dem Rummel fahre, inklusive Achterbahn mit Looping, als nochmal in so ein Autoscooterdings zu steigen. 35 Jahre lang habe ich das durchgehalten.

Nanu? Flirten die etwa mit mir!?

Und nun saß ich also in einem lila Boxauto. Neben mir die vor Glück hibbelnde Jüngste, und auf der Fahrbahn, weil es noch früh am Nachmittag war, lauter Eltern mit Kindern, ein paar wenige Jungs, die vielleicht gerade mal 10 waren. Das Startsignal erklang, das zum Einwerfen des Chips aufforderte. Klönk, rein mit dem Ding, ich würde es schon überleben. Jüngste schnallte sich ohne Aufforderung an, ich übernahm das Steuer und das Geschwindigkeitspedal (ihre Beine wären eh zu kurz gewesen, um das zu bedienen), und los ging’s.

Das Überraschende war: Ich hatte Spaß! Das war lustig! Und das allerlustigste war, dass diese Autoscooter-Arena eine kleine Flirtbühne war. Alleinstehende (oder alleinfahrende) Väter mit Kind rempelten unseren Wagen an und grinsten frech, alle waren am Kichern, das war eine Stimmung wie Kindergeburtstag und Ü-30 Disco in einem. Eine weitere alleinfahrende Mutter mit Tochter wirkte so, als wolle sie am liebsten ganz schnell raus aus dem Fahrgeschäft, ansonsten sah ich nur strahlende Gesichter.

Boxauto fahren ist lustiger als Winterreifenwechsel

Ich bin froh, dass ich mich darauf eingelassen habe. Und wäre ich noch verheiratet gewesen, hätte ich das nie gemacht. Denn Autoscooterfahren, das ist nix für mich, das wusste ich doch schon. Diesen Job hatte ich immer an den Mann delegiert, als wir noch gemeinsam auf den Rummel gingen, als Familie. Ich stelle fest: auch hier fehlt er mir nicht, der Mann an meiner Seite. Im Gegenteil. Vom Winterreifen über den Sperrmüll bis hin zum Grillen alles selbst machen (oder zumindest organisieren) zu müssen, hat nicht nur Nachteile. Gestern, auf dem Rummel, fühlte sich das gut an. Und das tut es immer öfter, je länger ich getrennt bin.

Ja, die Kinder haben einen Vater. Nein, ersetzen kann und will ich ihn nicht. Aber ich kann viel mehr, als ich dachte. Und manchmal macht das sogar Spaß!

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Tina
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Tina

Witzig, genau dieselbe Erfahrung habe ich beim Autoscooter Fahren mit meiner Tochter auch gemacht! Allerdings habe ich Steuer und Gaspedal abgegeben- so ganz den Fahrkünsten meiner Tochter ausgeliefert zu sein, war eine völlig neue Erfahrung… :-)

Sylvia Hubele
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Sylvia Hubele

Es ist seltsam, was für Umwege das Leben so gehen muss, damit Frauen manchmal Dinge machen können, die dann so viel Spaß bereiten – und die sie sonst nicht kennengelernt, oder gemacht hätten. :-) Allerdings muss ich auch ehrlich sagen, dass ich inzwischen froh darüber bin, dass die Lieblingshausziege solche Dinge alleine machen kann. :-)

Anja
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Anja

Oh ja, diese Erfahrungen sind goldwert! Autoscooter bin ich schon immer gerne gefahren, aber mit einem echten Auto quer durch Europa und auf die Fähre nach Elba? Nein, das hatte ich mir bislang auch nicht zugetaut. Und dann? Fehlte er auch mir nicht, der Mann. Denn was ich frpher schon als Beifahrerin stressig fand, das Auf-die-Fähre fahren, das habe ich jet zt halt einfach mal allein gemacht!
Wunderbar, diese Tschakka-Momente!

Irmy
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Irmy

Diese Erfahrung habe ich auch als sehr schöne „Mutprobe“ in Erinnerung, inkl. mit der Fähre auf die Insel Elba sowie „allein mit Kind“ vom hohen Norden bis in den tiefen Süden mit der „Ente“ und all dies ohne Vater. Es waren sehr entspannte, erholsame und auch erlebnisreiche Reisen!
Die “ Botschbahn“ (schweiz.?) und sonstige Messe-Sensationen habe ich aber gerne dem Vater überlassen, soweit dieser verfügbar war.

Kirsten
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Kirsten

Da ich das Entenangeln inzwischen komplett über habe, empfand ich Autoscooter (frau allein mit Kindern kommt in die Jahre) als eine aufregende Abwechselung. Allerdings war hier oben im Norden an diesem grauen Jahrmarktsnachmittag so wenig los, dass ich auch keine besonderen Begegnungen in Erinnerung hätte. Nur diese beiden depperten Jungs, die zu doof waren, ihr Vehikel überhaupt in irgendwie geordneten Bahnen zu lenken, damit es denn auch endlich mal zu einer richtigen Kollision kommt – ja diese beiden Jungs …. erregten das Gemüt meiner Tochter nachhaltig. Bis heute sind wir uns einig: Wir können das besser!

Ralph
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Ralph

Erstaunlich finde ich die Tatsache, daß hier fast ausschließlich weibliche Beiträge zu finden sind. Aber es gibt sie. Alleinerziehende Väter. Ich bin so einer. 4 Kids und einen fulltime Job. Dazu die Verantwortung für ein Haus und last but not least einen Hund. Bevor hier falsche Gedanken entstehen sei klar gestellt, daß die Mama der 4 Kids nur 10km entfernt lebt und nicht im Himmel. Auch diese Spezies der Papas haben massive Probleme und Querschläger im Alltag zu verarbeiten. Woher die Kraft dazu nehmen? Und das als Mann. Mann hat ja immer Power und Kraft. Mann strotzt vor Zuversicht und… Weiterlesen »