Diagnose: Schuljahresendmüdigkeit

Viele von euch haben schon Ferien, einige sogar schon lange. Wir hier in Baden-Württemberg und Bayern sind mal wieder die letzten, die noch zur Schule gehen. Und ich stelle bei mir dieser Tage akute Schuljahresendmüdigkeit fest.

Selten war ich so durch wie dieses Jahr, wo auch noch eine Sommergrippe durch die Familie fegte, die speziell mich richtig lahmglegte. Es war ein anstrengendes Schuljahr für uns alle, und weil fast alles, was meine Kinder betrifft, auch mich betrifft, auch ein herausforderndes Jahr für mich.

Wenn ich so zurückdenke an meine Kindheit und Schulzeit, dann hatten meine Eltern damit eigentlich gar nichts zu tun: Ich ging in die Schule (genauer gesagt radelte ich die 2 km bergab ins Dorf gemeinsam mit meinen Freundinnen, jeden Tag bei jedem Wetter, über Jahre), fiel dort nicht weiter auf, außer, wenn sich ein Lehrer wunderte, wie überraschend gut ich im Schriftlichen war, wenn es um Fremdsprachen ging, und radelte dann wieder nach Hause, diesmal bergauf. Außer ein paar Elternabende zu besuchen, wo meine Eltern stets gemeinsam hingingen, um hinterher mit den befreundeten Eltern noch etwas trinken zu gehen, hatten meine Eltern keine Berührungspunkte mit der Schule. Weder gab es Entwicklungsgespräche, noch half mir jemand bei den Hausaufgaben, das ganze war einfach völlig unspektakulär.

Dass ich viel träumte in der Schule und mich entsetzlich langweilte, hielt ich für normal, weil ich das nie erwähnte. Es gab zwar durchaus Leistungsdruck, aber irgendwie war das halb so wild. Mobbing war kein Thema, Schulängste hatten Kinder meines Wissens damals nicht, und auch Fremdenfeindlichkeit kam in meiner Kinderwelt nicht vor, obwohl nicht alle Kinder im Dorf einen deutschen Hintergrund hatten.

Wir hatten ein lockeres Leben voller Freiheiten am Nachmittag, und die nutzten wir auch ausgiebig, um auf Feldern und Baustellen zu spielen, oder uns im Schwimmbad zu verabreden. Viel mehr an Zerstreuung hatte das Dorf nicht zu bieten.

Schuljahresendmüdigkeit
Alexas_Fotos auf Pixabay.com

Dass das eine ziemlich gute, glückliche und sorgenfreie Kindheit war, merke ich erst jetzt so richtig. Denn weder war ich am Schuljahresende durch, noch meine Eltern. Die am allerwenigsten – meine Eltern kamen mir, ein paar Lebenskrisen mal ausgenommen, immer sehr erholt vor. Das werden meine Kinder ganz sicher von mir nicht sagen. Das viele frühe Aufstehen, die morgendlichen Kämpfe (gab es auch nicht in meiner Kindheit. Wir standen einfach auf, zogen uns an und gingen pünktlich aus dem Haus. Fertig), die zahlreichen Tage mit kranken Kindern im Home Office (meine Mutter war Hausfrau), die Tränen wegen Sorgen in manchen Schulfächern, wegen Lehrern oder Mitschülern, all das haben meine Eltern nie erlebt.

Ich finde das enorm anstrengend. Es ist, als müsste ich nochmal die Schule besuchen, nur in einem viel hässlicheren Level. Aufstehen nicht nur für mich alleine, sondern hoch drei. Gefühle abpuffern, Ängste und Sorgen besprechen, nach Lösungen und Strategien suchen. Und das alles mache ich, wie viele Alleinerziehenden, ganz alleine.* Ich spüre es körperlich auf meinen Schultern, am schmerzenden Rücken, ich merke es an meiner Müdigkeit, an der Kraft, die ich brauche, um mich durch diese letzten Schultage zu schleppen.

Morgen noch einmal aufstehen, dann fällt zumindest dieser Stressfaktor weg. Und was das nächste Schuljahr bringt, werden wir dann sehen. Die Große macht kommendes Jahr Abi, die Jüngste kommt in die 3. Klasse. Und spätestens in 9 Jahren ist der Spuk für mich vorbei. Ich freu mich drauf – viel mehr noch als damals, als ich selbst die Schule verließ. Absurd, oder?

*Wobei: Ich habe mir via Jugendamt einen sehr guten Familienhelfer organisiert. Ein großer Glücksfall. Da ist jetzt wenigstens jemand zum Reden. Es fehlt halt wirklich manchmal ein zweiter Erwachsener. Eine Schulter zum Anlehnen, zumindest, was seine Kompetenzen, seinen Humor und seine Weitsicht betrifft. Aber sich das zu organisieren ist nicht einfach, und es muss auch menschlich passen. Ich werde darüber zu gegebener Zeit mal schreiben.

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15 Kommentare auf "Diagnose: Schuljahresendmüdigkeit"

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Anja
Gast

Danke ! Genau so auch hier …. und im September kommt Kind vier in die Schule, während Kind zwei am Abitur bastelt. Aber jetzt werden wir erst mal die Ferien genießen.

P.S. Und manches war früher doch besser

Anja Kley.
Gast

Ja diese Schuljahresendmüdikeit ist mir wohl bekannt. Seit Jahren sage ich schon, dass ich mich seit ich Mutter bin wieder auf die Schulferien freue.
Ab Übermorgen werde ich es genießen “nur” zur Arbeit zu gehen.
Allerdings kann ich nicht zustimmen, dass es meine Eltern früher leichter hatten, da meine Mutter und manchmal auch mein Vater, trotz Arbeit, meinem Bruder und mir beim Lernen halfen, Elternabende und Schulfeste besuchten. Mittags nach der Schule einfach nur spielen war oft nicht möglich da Hausaufgaben erledigt und auf Klassenarbeiten gelernt werden musste. Da haben meine Kinder heute oft mehr Freizeit.

Juli
Gast
Ja, ich finde das Thema Schule auch extrem anstrengend und habe das selbst so als Kind bzw. Jugendliche nie so erlebt. Heute geht es schon mit der Wahl um die richtige Schule bzw. das richtige Lernkonzept los…. Dann sind die Schulen voll, die Ausstattung oft schlecht und eigentlich wünscht man sich als Elternteil doch nur, dass sein Kind die besten Chancen mit dem roichtigen Lernkonzept hat. Meine große Tochter kommt jetzt in die 8. Klasse, meine kleine Tochter wird eingeschult. Ich muss jetzt als alleinerziehende Mutter kämpfen incl. Eilverfahren vor Gericht, dass die Kleine in die Gemeinschaftsschule der Großen eingeschult… Read more »
Tigerbabe
Gast

War in meiner Kindheit ähnlich. Nur das meine Mutter nicht einen einzigen Elternabend besuchte. Ich glaube, meine Mutter wußte kaum auf welche Schule ich gehe. Über die Helikopter Mütter kann ich nur den Kopf schütteln. Statt Mittagessen bekam ich Geld um mir etwas zu kaufen, kommuniziert habe ich mit meinen Eltern per Zettel, weil wir uns nie sahen. War trotzdem eine geile Zeit.

Frieda
Gast
In meiner Kindheit gab es sehr wohl Mobbing in der Schule, Krisengespräche mit Lehrern, es gab Schulstress, Leistungsdruck und Hilfe bei den Hausaufgaben – meine Eltern waren aus Berufsgründen bisweilen sehr erschöpft und sie hatten es weiß Gott nicht immer leicht mit meinem Bruder und mir. In dieser Hinsicht unterscheiden sich unsere Leben offenbar sehr, aber dem Rest kann ich absolut beipflichten. Ich bin seit Tag 1 alleinerziehend und war das auch durchgehend, ein Papa-Wochenende gab es in guten Jahren zwei, drei Mal, in schlechten Jahren auch gar nicht, ich versorgen meine alten Eltern und bin so ganz nebenbei auch… Read more »
Rike
Gast
Da ich an einer Schule (nicht als Lehrerin) arbeite und ich wegen Ferien (NRW) seit 1,5 Wochen Home Office mache, genieße ich den Luxus das Kind ausschlafen zu lassen und im Gegensatz zu sonst 7.50 sie jetzt 9.30 in die Kita bringe. Wow, das ist entspannend!!! Und wie gut es mir und besonders dem Kind gut tut macht mich ein wenig traurig und besorgt, dass ich ihr diesen Luxus nicht immer bieten kann/konnte. So what! Wir müssen das Beste daraus machen und jetzt die Tage einfach genießen. :-) PS: Ich genieße aber auch wirklich noch die Kita Zeit-vor der Schule… Read more »
e-milka
Gast
Auch östlich der Oder war es ähnlich. Zu den Elternabenden ging nur die Mama, das war damals so üblich, obschon beide berufstätig waren. Sie ging und kam und sagte immer wieder, dass ich schon wieder gelobt worden bin und sie eigentlich wiederum ungewollt im Mittelpunkt stand. :) Feste hatten wir so gut wie keine, ich habe meine Eltern fast emotional erpresst, zur Abi-Zeugnisvergabe zu kommen, sonst scheuten sie die Schule wie der Teufel das Weihwasser. Die Schule war unsere Sache, pflegten sie immer zu sagen, und es gibt so viele Berufe, wo man eigentlich gar kein Studium braucht – Putzfrau,… Read more »
Herta
Gast
Ja, kann ich gut nachempfinden. Das liegt einfach an einem Sammelsurium von Gründen, die es früher so nicht gab: Krude Lehrmethoden zum Beispiel. Meine Eltern haben selbst nur eine geringe Schulbildung, sind wegen des Krieges nur wenige Jahre zur Schule gegangen – wir Kinder haben aber trotzdem Abitur machen können, weil unsere Eltern sich einfach darauf verlassen konnten, dass wir schreibend, rechnend und lesend die Grundschule verließen. Das ist heute nicht mehr so! Wer als Elternteil nicht nachjustiert, erlebt oft das böse Erwachen auf der weiterführenden Schule. Dann spielen Erziehung und fragile Beziehungen natürlich auch eine Rolle. Es wird ja… Read more »
Mamamaj
Gast
Hallo Christine! Ich muss sagen mir geht es genau wie dir was die Schulmüdigkeit angeht und zwar vor jeden Ferien. Ich hab 2 Schulkinder (9 und 7) und seit der Große zur Schule geht bin ich mitten drin in diesem Stress mit Hausaufgaben und Co.. Und auch ich denke immer wieder an meine Kindheit wo Schule zwar ab Gymnasium auch manchmal scheiße war, aber insgesamt auch meine Eltern nicht so einen Fez damit hatten wie wir heute. Und meine Mutter ist neben Elternabenden oder Sprechtagen auch eine Hilfe beim Lernen für Klassenarbeiten gewesen. Aber sie musste nicht jeden Nachmittag bei… Read more »
Christina
Gast

Das Highlight in diesem Schuljahr: die Putzfrau putzt nicht gut genug, wir richten einen zusätzlichen Elterndienst ein. Nachmittags, 14:00 Uhr. Da kann man doch als Mutter. Fast alle haben sich schon eingetragen. Nur zwei Plätze sind noch frei, wenn die wenigen, die verweigern, jetzt vielleicht auch noch…? Meine Hand zuckt zur Tastatur, okay, okay, ich arbeite zwar Vollzeit, pendle täglich knapp zwei Stunden, aber hey, wenn alle außer mir…?
Als ich den freien Platz in der Liste suche, fällt mir auf: zu 25 Kindern 24 Frauennamen. Kein Vater.
Mein Platz bleibt leer….

C.E.
Gast

Liebe Christina,
ein Unding! Wenn die Dienstleistung nicht passt, dann muss die Kommune als Träger neu “ausschreiben”! (Meist sind es irgendwelche Omis, die das als Rentenaufbesserung machen, preiswert sind, aber auch wenig effektiv. Jdf. auf dem Land.)
Kenne das, habe selbst die Dorfgrundschule nachgeputzt. Korrekt ist das aber nicht!

Kirsten
Gast

Ja, “Wir standen einfach auf, zogen uns an und gingen pünktlich aus dem Haus. Fertig”. Hast Du eine Idee, wie das ging? War bei mir ja nicht anders. Und meine Eltern befremdet das auch sehr, dass das mit unseren Kindern so ein Stress ist und natürlich meinen sie, wir machen da sicher irgendwas falsch …

Petra
Gast

Also ich kenne genauso die Neues-Schuljahr-hat-angefangen-Müdigkeit, wenn die Lehrer bis zu den Herbstferien meinen, so viel Stoff, wie nur möglich und so viel HA wir es nur geht den Schülern aufzubrummen. Und ohne meine Hilfe nix mehr geht. Durch die Lateinlexionen im Affentempo. War die 7. Klasse bei mir auch so schlimm??? Im Leben nicht. Ich sehne mich nach den Herbstferien. Dann hat jede Lehrerin der Hauptfächer die erste Arbeit durch und ich kann völlig k.o. auf die Couch sinken. Keine Vokabeln mehr abfragen für 2 Wochen. Kein Dreisatz.