Ein Hauch von Freiheit: Sonntagsausflug ohne Kinder

Gestern war mein Leben ganz kurz ein Road Movie, ein Abenteuer, verheißungsvoll und schön. Gestern. Denn jetzt ist es schon wieder weg, dieses Gefühl von Freiheit, das in mir aufkeimte.

Der Montagmorgen mit den Kindern war anstrengend, einer von den Morgenden, an denen man ganz viel atmet und sich hinterher eigentlich einen Orden dafür umhängen müsste, dass am Ende dann doch noch alles klappte, die einen aber fix und fertig machen. Und das Wetter hier am Bodensee passt dazu: vorhin habe ich kurz die Sonne gesehen, dann zog wieder Nebel auf, erst ganz leichter, diesiger, dann dichterer, und nun ist wieder alles grau und suppig.

Freiheit
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Aber gestern, da war mir leicht ums Herz. Ich fühlte mich frei, zumindest ein bisschen, und das ist mehr, als in den vergangenen 15 Jahren möglich war. Denn eigentlich, und das merke ich immer dann besonders deutlich, wenn es mir mal gelingt, eben doch „auszubrechen“, bin ich gefangen im Alltag mit Kindern, mit Pflichten, erdrückt von Aufgaben und Verantwortung. Es ist ein Druck, den einem auch ein Kindersitter nicht abnehmen kann, und den vielleicht nur Alleinerziehende verstehen. Besser wird es einzig durch wachsende Selbstständigkeit der Kinder.

Das Gefühl, das ich gestern hatte, als ich mich morgens um halb 10 ins Auto setzte und nach Stuttgart fuhr, wo ich zu einer Lesung wollte, kannte ich. Es war das gleiche Gefühl wie damals, als ich mit 16 die Bahn-Netzkarte benutzen durfte, die mein Vater übers Wochenende nach einer Geschäftsreise mit nach Hause gebracht hatte, und die ich nehmen durfte, um nach Frankfurt zu fahren, zur Buchmesse. „Pass gut auf die Fahrkarte auf, die ist 11.800 DM Wert!“, scherzte mein Vater noch am Samtagabend, bevor er ins Bett ging, und mir war tatsächlich etwas bang, ob ich sie nicht doch verlieren würde, ich trug sie deswegen am Körper in einem Brustbeutel unter dem Pulli, als ich damals an jenem Sonntag im Oktober den ersten Zug aus meinem Dorf nahm, um zuerst in die größere Stadt zum Umsteigen zu kommen, und dann von dort aus in den IC nach Frankfurt zu steigen. Ich stand um 5 Uhr auf, radelte im Dunkeln zum gottverlassenen nächsten Bahnhof im Schwarzwald, und stieg in einen menschenleeren Regionalzug, mit wummerndem Herzen und begleitet von Erstaunen darüber, dass ich das wirklich mache.

Und so war das gestern auch. ich sagte den Kindern, ich führe jetzt nach Stuttgart, sie könnten mitkommen oder Zuhause bleiben, und ich sei um 16 Uhr wieder da. Ich schrieb ihnen auf, wie sie mich erreichen konnten, wo ihre große Schwester gerade steckte, wo ich hinfuhr, und erklärte, wen sie im Notfall um Hilfe bitten sollten, falls unvorhergesehene Katastrophen eintreten würden, die sofortige Handlung erforderten. Die Kinder, 7 und 10 Jahre alt, nickten und wandten sich wieder ihrem Spiel zu. „Tschüss Mama, bis später!“, riefen sie mir im normalsten Tonfall der Welt zu, und ich zog die Wohnungstüre hinter mir zu.

Auf der Autobahn konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich würde nahezu selbstbestimmt etwas tun dürfen, was Erwachsene tun. Nämlich mal ein paar Stunden lang nur an sich denken und die Gegenwart Erwachsener genießen. Sogar ganz besondere Erwachsener, solche, die ich schon lange hatte treffen wollen, an einem Ort, den ich schon kannte, weil ich dort selbst kürzlich gelesen habe. Es war wie nach Hause kommen.

Ich mach das jetzt öfters. Es ist so wichtig, nicht nur in Pflichten und Sorge um andere zu ertrinken. Und manchmal eben doch über Jahre undurchführbar, und das hat dann nichts mit Organisation und mangelnder Fähigkeit, die Kinder zu Selbstständigkeit zu erziehen, zu tun. Sondern einfach mit den Umständen. Und wenn der kurze Moment der Freiheit dann vorbei ist, bleibt die Sehnsucht nach ihr, und das tut weh, genau an der Stelle, wo vorher die Freude saß. Genauso wie nach einer Liebe.

Trotzdem: Gestern wurde aus dem „Dann ist das jetzt halt so“ meiner ehemaligen Therapeutin für kurze Zeit ein „Und jetzt ist es gerade anders. Genieße es!“, und wenn ich mir das gute Gefühl, das ich dabei hatte, beim Anblick der grauen Nebelsuppe vor meinem Wohnzimmerfenster in Erinnerung rufe, dann ist das ein Lichtblick. Es war so schön, euch getroffen zu haben, Maximilian, Pia und Annette!

  • Pia Ziefle und Christine Finke
  • Maximilian Buddenbohm und Pia Ziefle
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    Christine Finke, Maximilian Buddenbohm, Pia Ziefle
  • Bodenseenebel

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Frida
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Frida

<3 Wie gut!

Maximilian Buddenbohm
Gast
Maximilian Buddenbohm

Ich hab mich so gefreut, Euch zu sehen!

Katharina
Gast
Katharina

Herr Buddenbohm guckt aber n büschn skeptisch ?
(Aber das ist bestimmt nur die hanseatische Zurückhaltung)

Tolle Sache, so große Kinder.

Tina
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Tina

Prima! Das hört sich toll an!

Wie ich dieses Gefühl von Freiheit vermisse.
….
Es ist mittlerweile oft schon so weit, dass ich bei spontanen „frei Zeiten“ gar nicht mehr so recht weiß, was ich nun mit diesem Geschenk anfangen kann…so sehr habe ich mich schon an meinen Käfig gewöhnt…

Mutterseelesonnig
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Mutterseelesonnig

Tolle Sache, hab mich tierisch gefreut dass Du da warst! Die Lesung des Herrn Buddenbohm hat obendrein Spaß gemacht und nun möchte ich unbedingt noch die Frau Ziefle näher kennen lernen. Ich komme bald nach Konstanz, allerspätestens den kompletten nächsten Sommer!

Mitsue Kono
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Mitsue Kono

Liebe Christine, es rührt mich so! Vielen Dank für deine Zeilen. Ich verstehe – NEIN, ich fühle jedes Wort, das du schreibst, und bin voller Hoffnungen, dass ich in diesem Leben diese Freiheit wieder spüren darf :-)…(etwas Dramatik..) Vielleicht am 9.11., wenn ich in den Flieger nach Zürich steige und nach Konstanz komme. Es ist eine „große Sache“ dieser Druck, auch wenn ich ihm gar nicht soviel Aufmerksamkeit schenken möchte. Dennoch, er ist da, drückt und quetscht die Kraft aus einem raus. Erzeugt Momente, wo ich einfach mal verschwinden möchte. So auf Knopfdruck. Puff und weg bin ich. In einer… Weiterlesen »

Carmen
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Carmen

Das verstehen wohl wirklich vor allem extrem alleinerziehende Mütter, besonders von mehreren Kindern.
Ein Spagat zwischen Frevel und Wonne. „Ich mache jetzt was total harmloses, aber ich kann es mir aus diversen Gründen eigentlich nicht leisten und wenn was passiert und sowiesoüberhaupt!“

Ein höchstes Hoch auf diese tollen Netzfrauen und die Twittermänner und so viel Bewegung! Ich freue mich, dass offenbar viele Dinge ins Rollen kommen.
Wir „leisten“ uns diese Momente einfach. Künftig immer mehr.

Vernetzen und gesellschaftlich vorangehen. Klasse!
Danke allen Beteiligten! Es ist ja auch sehr schön, vom Kinderbettrand … aus alles mitzubekommen dank Social Media.

<3 Immer mehr, mehr davon!

Frida
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Frida

Liebe Christine, mein Kind, von Sekunde 1 an alleinerzogen, ist inzwischen 15 und seit diesem Jahr werden es immer mehr dieser freien Tage, dieser hellen Momente, ganz gleich wie dick die Nebelsuppe draußen sein mag. Es ist immer noch anstrengend, es ist immer noch ganz oft zermürbend, alleine für alles verantwortlich zu sein, weil der Vater nie Verantwortung übernehmen wollte – aber es ist immer öfter auch ganz wundervoll wieder Mensch zu sein und nicht mehr nur arbeitendes Muttertier und bemutterndes Arbeitstier. Ich liebe dieses Kind mehr als alles auf der Welt, ich genieße jeden Entwicklungsschritt und bin dankbar und… Weiterlesen »

Herta
Gast
Herta

Hallo Christine, ich kann dich sehr gut verstehen. Obwohl ich selbst zwei so junge Kinder nicht so lange alleine daheim lassen würde. Ich mache das auch zwischendurch: Mal eben ein Brot kaufen oder zur Post fahren. Da bin ich dann aber nach 30 Minuten wieder da. Einmal war ich einkaufen. Das waren dann 60 Min. Meine Kinder sind 11 und knapp 6. Muss aber jede(r) selbst wissen. Mir wäre es zu riskant. Ich hätte auch keinen Nerv, sämtliche Medien auszuschalten, zu verstecken oder mitzunehmen, damit die Kinder ihre Zeit nicht mit Dauersitzungen am I-Pad oder vor dem Fernseher verbringen. Meine… Weiterlesen »

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Woanders – Mit der Heide, dem Hauptbahnhof, dem Schreiben und anderem |

[…] Ich habe in Stuttgart eine ganze Reihe von Menschen getroffen, die ich online schon länger kenne, aber noch nie gesehen habe. Manchmal stehen etwas längere Geschichten hinter solchen Begegnungen, etwa hier. […]

slowtiger
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slowtiger

Äh. Meine Schwester und ich waren oft Schlüsselkinder, wenn die Eltern beide arbeiteten. Keiner da, wenn wir von der Schule kamen, und wir gingen die 500m zu Fuß, jeden Tag, allein, ab der ersten Klasse. Mit spätestens 10 konnte ich das Mittagessen alleine aufwärmen, Brote schmieren konnten wir sowieso. Mit 6 (und 3) wurden wir abends auch mal alleingelassen, ich wußte, daß ich jederzeit bei den Nachbarn im Mietshaus klingeln konnte.

Ich behaupte, daß Kinder umso selbständiger werden, je selbstverständlicher man sie daran gewöhnt.

frauziefle
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frauziefle

Das Verrückte ist: ich bin überhaupt erst losgefahren, als ich von Christine auf twitter las, dass sie jetzt losfährt. Wenn sie es von Konstanz aus noch schafft, dann ist es von Tübingen aus wohl ein Kinderspiel, mir blieb keine Ausrede mehr. Wobei – Ausrede: auch hier ganz allein mit drei Kindern, seit ein paar Monaten, wir sind noch ganz in der Phase der ersten Male. Das erste Mal abends weggehen (Wahnsinn! Das geht jetzt einfach so! Ohne Blick auf den Dienstplan des Vaters, ohne abstimmen zu müssen, ob er vielleicht nach den Kindern sehen könnte… und nur wer kennt, wie… Weiterlesen »

Herta
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Herta

Hallo, meine Mutter und ihre Schwester mussten auch mit neun Jahren auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen. Würde heute auch keiner mehr machen/erlauben… Früher war es halt einfacher, weil es noch kein digitales Zeitalter gab. Die Kinder mussten was spielen oder lesen, am Nachmittag liefen im Fernsehen keine Pornos, sondern das Testbild. Handys & Co. gab es auch nicht. Insofern waren die Schlüsselkinder von früher eben keinem überbordenden Medienkonsum ausgeliefert so wie heute, wo Eltern das permanent steuern müssen (es aber oft nicht tun, weil zu anstrengend. Sollen die Elfjährigen halt ihre Sachen gucken…). Hier sind die Mütter von Ü-Zehnjährigen froh,… Weiterlesen »

Missionmom
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Missionmom

Hallo Zusammen
Tolle Beiträge auf eurer Seite! Weiter so;-))

Gruss Missionmom