Erinnerungen. Was ist eine schöne Kindheit?

Der Laserdrucker läuft und unser großer Wohnzimmertisch ist voller Papier, Schnipseln und Stiften. Meine Kinder malen eifrig Ausmalbilder an, die ich aus dem Internet herunterlade, und ich hab das wohlige Gefühl von Idylle. Ob das einer dieser Momente ist, an die sie sich später als schön erinnern?

Weil ich alleinerziehend bin, und weil sich die Zeiten gewandelt haben, ist es manchmal schwierig für mich, aus meiner eigenen Kindheit modellhaft nachzumachen, was ich selbst als schön empfand. Ich fand nämlich schön:

  • wenn wir als Familie Samstag abends zusammensaßen und mein Papa bei Hertie in der Delikatessenabteilung Fisch gekauft hatte: Krabben, Heringssalat, Muscheln, Lachs, allerlei Leckereien. Wir guckten dann zusammen „Wetten dass?“ oder ähnlich familientaugliche Unterhaltung, wie es sie in den 70er Jahren eben gab.
  • auf den umliegenden Baustellen des Neubaugebietes nach Herzenslust herumzustromern und verbotene Wege über klapprige Holzbretter in unfertige Neubauten zu finden.
  • ein Lagerfeuer auf dem Feld zu machen und in Alufolie gewickelte Kartoffeln am Stock zu garen, und diese heiß und ungar mit etwas Salz zu verspeisen
  • Familienfeste. Unzählige Menschen, die alle mit mir verwandt waren und uns Kinder Geschichten von früher erzählten. Essen ohne Ende und wachbleiben ohne Limit.
  • Gummitwist. Der einzige Sport, in dem ich richtig gut war. Bis zur 7. Etage, oder wie das hieß, also unter den Achseln, bezwang ich meine größeren Freundinnen.
  • Auf dem Balkon übernachten und in die Sterne gucken.

sofaidylle
Damit etwas als schöne Kindheitserinnerung abgespeichert ist, muss das Erlebnis wohl mehrfach stattfinden – zumindest stimmt das für die von mir aufgezählten Dinge, die ich als glücksseligmachend in Erinnerung habe. Was könnte das für meine Kinder sein? Möchte ich doch so gerne, dass sie auch solche Bilder von reinem Glück in sich tragen…

strandkorb

Ich rate mal. Sind das die schönen Erinnerungen meiner Kinder?

  • Mit Mama in einem Bett schlafen, und auf der eigenen Matratze vor dem Fernseher einschlafen dürfen, wenn Fußball im TV kommt?
  • Bilder aus dem Drucker holen und anmalen?
  • Mit Freunden im Hof Star Wars Lego spielen, und mit Wasserpistolen spritzen?
  • Der Sommerurlaub an der Ostsee, gemeinsam mit den Grosseltern, und verbunden mit den raren Besuchen bei den Verwandten in Norddeutschland, wenn wir zur Ostsee reisen?
  • Ausflüge zum Indoorspielpatz?

Vielleicht ist eine schöne Kindheit auch die Abwesenheit von Dingen oder Umständen, die die schöne Kindheit trüben, aber ganz sicher bin ich mir da nicht. Natürlich kann ich als Mutter, egal ob arm oder reich, dafür sorgen, dass die Bedingungen, unter denen die Kinder aufwachsen, gut sind: Also ein Zuhause bieten, in dem die Kinder ernstgenommen und geliebt werden, in dem Gewalt draußen bleibt, und in dem sie sich geborgen fühlen.

Das alleine schafft aber noch keine schönen Kindheitserinnerungen. Oder andersherum haben ja auch Erwachsene, die keine idealen Voraussetzungen in der Kindheit hatten, schöne Kindheitserinnerungen.

rummel-2012Findet also jeder Mensch etwas Schönes an seiner Kindheit, auch wenn sie gar nicht schön war, von außen betrachtet?

Und kann ich als Mutter überhaupt eine schöne Kindheit schaffen?

P.S: Von keiner meiner schönsten Kindheitserinnerungen gibt es ein Foto. Das ist wahrscheinlich kein Zufall. Es waren eben nicht die „besonderen“ Momente, sondern die kleinen Schätze im Alltag, die toll waren.

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Frische Brise
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Frische Brise

Als Eltern können wir für ein geborgenes Umfeld sorgen. Das macht schon viel aus.

Wenn ich an schöne Momente meiner Kindheit zurückdenke, waren meine Eltern gar nicht so oft dabei. Vielmehr waren da mein Bruder oder Freunde mit denen ich gute Erlebnisse hatte.

Stromern im Wald gehörte definitiv dazu.

Katharina
Gast
Katharina

Hier auch: Draussen Stromern! Und in dern Schulferien wochenlag „Räuber und Polizist“ spielen. Skilager und Pfadfinderlager mit Nächte „durchmachen“.

Ich glaube als Eltern kann man keine schöne Kindheit garantieren. Höchstens die Grundlagen dazu legen, dass sie nicht allzu furchtbar ausfällt. Aber unsere Kinder werden später aus den Erinnerungen das machen, was ihrem eigenen Charakter entspricht (und manchmal werden sogar ihre Erinnerungen voneinander abweichen, wie meine Schwester und ich neulich festgestellt hatten)

Micha
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Micha

Einige deiner schönsten Kindheitserinnerungen habe ich auch so für mich abgespeichert (ja Kartoffelfeuer!). Vielleicht frage ich nachher mal meine Kinder, was für sie so wirklich schön ist und schreibe das dann auch mal auf. Danke für den Tipp!

Nadine
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Nadine

Ich habe gerade gestern wieder ein Haufen Fotos weggeworfen. Weil es Erinnerungen waren an Zeiten, die ich gar nicht unbedingt im Kopf behalten muss. An die schönsten Momente erinnere ich mich bildhaft ganz ohne Foto. Und ja, ich war sogar sehr oft allein in diesen Momenten. Draußen. Im Garten meiner Oma. Und unendlich glücklich.

Peggy
Gast
Peggy

Schöner Beitrag, Christine! Und ja, vermutlich neigen auch Kinder schon dazu, sich vor allem an die schönen Dinge zu erinnern.
Mein großer Sohn (6) sagt immer mal wieder, er wolle auf keinen Fall erwachsen werden. Weil es so schön sei, ein Kind zu sein. Was ihm genau so daran gefällt, ändert sich täglich (z.B. Playmobil spielen, Damm bauen am Bach, etc.) – ich würde es subsumieren unter „Freiheit und Geborgenheit“, je nach Bedarf.

Susanne
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Susanne

Hallo Christine, meine freudigsten Kindheitserinnerungen sind auch nur in meinem Kopf festgehalten. Ich glaube, man kann das als Elternteil auch nicht beeinflussen, was bei Kindern hängen bleibt und erst nach Jahren werden die Kinder, dann evtl junge Teenager oder in älteren Jahren sich an die Zeit zurückerinnern und für sich selbst ausmachen, was denn so schön war. Das einzige was man wohl beeinflussen kann ist ein Grundgefühl der Geborgenheit und Liebe, das man seinen Kindern mitgeben kann.

Astrid
Gast
Astrid

Liebe und Geborgenheit sind ganz wichtig und diese sind die Basis für schöne Kindheitserinnerungen. Woran sich die Kinder später als Erwachsene einmal erinnern, kann man schlecht voraussagen. Es sind Momente und Situationen, die uns als Eltern vielleicht manchmal sogar nicht aufgefallen sind oder denen wir keine große Bedeutung zugemessen haben. Aber wenn sie in Liebe und Geborgenheit eingebettet waren, dann sind es auf jeden Fall schöne Kindheitserinnerungen. Ich habe u.a. einige meiner schönen Kindheitserinnerungen in meinem Blog festgehalten.
LG
Astrid

Olav Schettler
Gast
Olav Schettler

Gestern haben meine siebenjährige Tochter, ihr Freund, dessen Papa und ich einen Ausflug zur Minimakerfaire in die Nachbarstadt Köln gemacht. Sie hatte natürlich zuerst keine Lust, aus ihrem Samstagsmorgentrott gerissen zu werden. Auf dem Rückweg meine sie dann plötzlich, „Das ist wie Urlaub!“ Was lerne ich daraus: Es schadet nichts, Kinder öfter – auch gegen ihren Widerstand – neue Eindrücke zu vermitteln. Spätestens in der Teeny-Zeit wird es dann immer schwieriger, gegen diesen Widerstand anzukommen.