Familienarbeit: Sysiphos war eine Mutter

Ich weiß, dass ich nie fertig sein werde, nicht mal für eine Stunde, solange hier Kinder sind. Das ist seit fast 16 Jahren so, und ich fange an, mich daran zu gewöhnen.

Das Sofa ist voller Krümel, schon länger. Wir legen die Wolldecke drüber, dann sieht man das nicht so. Das Kinderzelt auf der Wolldecke auf dem Sofa ist mit Kuscheltieren und „Picknick“ (Gummibärchen und Minisalamis) gefüllt, Kabel für Kindertablet und Nintendo ragen heraus, ich gucke direkt von meinem Arbeitsplatz auf dieses kuschelige Szenario und weiß genau, dass es hinter meinem Rücken, im Kinderzimmer, noch wesentlich chaotischer aussieht.

schlafzimmer

Da liegt nämlich, wie das fast immer der Fall ist, reichlich Lego auf dem Autoteppich, winzige Loomringe scheinen sich in jeder Ecke des Zimmers zu verstecken, der Mülleimer unter dem Schreibtisch quillt über und vor der Kindergarderobe stapeln sich Jacken, die scheinbar der Schwerkraft anheim fielen. Später wird das Kinderzelt in mein Schlafzimmer umziehen, das damit auch „kinderbelegt“ ist, was unweigerlich Spielsachen und Krümel nach sich zieht.

Aber die Küche ist gerade ordentlich, wenn auch nicht sauber. Richtig sauber ist hier nie etwas, jedenfalls nicht lange. An den Fensterscheiben prangen Tapser von Kinderhänden, die transparenten Trennscheiben im Kühlschrank weisen interessante Muster auf (aktuell von umgekippter Vanillesoße, die notdürfig aufgewischt wurde), und unter meinem Esstisch, der auch mein Schreibtisch ist, liegen immer Krümel.

pausenbrotbox

Warum ich den Wäscheständer noch gelegentlich zusammenlege, um ihn im Gästebad zu verstauen, ist eigentlich unklar. Denn meine Waschmaschine läuft fast täglich. So wie ich auch fast jeden Tag einkaufe, irgendwas fehlt immer, meist Milch und Brot. Oder Gurken und Minisalamis o.ä. für die vielen Brotboxen, die ich morgens packe, und die ich oft genug am Nachmittag unberührt wieder auspacke.

Tausende Male habe ich „Putz mal deine Zähne!“ und „Hast du alle Hausaufgaben gemacht?“ gesagt, Eimer mit Erbrochenem geleert, Windeln gewechselt und kleine Pos abgeputzt. Es war nicht immer schön, wirklich nicht. Aber es war sinnvoll. Nicht unbedingt sinnstiftend. Ganz sicher aber war es nötig, und es gibt viele Arten, seine Zeit sinnloser zu verbringen, als damit, sich um Kinder zu kümmern.

Sysiphos, da bin ich sicher, war eigentlich eine Frau. Bei der mündlichen Überlieferung der antiken Heldensagen ist offenbar ein kleiner Fehler passiert. Aber das macht nichts, denn Mütter (oder seeeehr emanzipierte Väter) wissen sowieso, dass sie gemeint sind.

Frei nach Camus: „Der Kampf gegen Verlotterung und Verwahrlosung von Kindern vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als eine glückliche Frau vorstellen.“

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Antje
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Antje

Ja, es bedarf einer gewissen Stoa. Ich klappe die Wäscheständer zusammen um wenigstens für ein paar Augenblicke einen freieren Blick zu haben. ^^

Mutter von Zweien mit Mann, der wenig da ist
Gast
Mutter von Zweien mit Mann, der wenig da ist

Was in diesem Artikel beschrieben wird, kann sich genauso in einem Familienhaushalt mit Vater abspielen. Glauben Sie, dass es da, wo eine Ehe noch Bestand hat, anders aussieht? Der Kinderaufwand ist der gleiche und es kommt noch weitere Wäsche dazu, Hemden eines Mannes, die gebügelt werden müssen, Socken, Hosen, Jacken, mehr Geschirr, größere Einkäufe. Nintendo und Tablets hatten meine Kinder nicht, lagen also auch nicht rum. Lego, ja, das kann aber durchaus in großen Kisten gelagert und zum Spielen raus geholt werden. In der Regel wird es verbaut, falls nicht, hat das Kind offensichtlich andere Interessen als Legekonstruktionen. Jackenstapel gab… Weiterlesen »

Claudia
Gast
Claudia

Liebe Mutter von zwei, Sie polarisieren nicht, Sie sind einfach nur unglaublich herablassend.

Stefan
Gast
Stefan

Hallo Mutter von Zweien, so einfach ist das mit dem Unterhalt auch wieder nicht. Täglich bekomm ich hier mit (ich bin Sachbearbeiter auf einem Jugendamt im Bereich Beistandschaften/Kindesunterhalt), dass eben der Unterhalt nur selten oder nicht in der richtigen Höhe bezahlt wird. Gerade bei Eltern, die den Unterhalt unter sich ausgemacht haben. Jeder der meint, dass man den Unterhalt auch anhand der Düsseldorfer Tabelle (DüDo) selbst bestimmen und ablesen kann, der liegt da nämlich falsch! Eine Unterhaltsberechnung ist eine sehr komplexe Sache! Es wird nämlich nicht nur das Einkommen des Unterhaltspflichtigen genommen und dann in der jeweiligen Spalte der DüDo… Weiterlesen »

Lernbegleiterin
Gast
Lernbegleiterin

Hallo Mutter von Zweien,
ich habe mich nach diesem erfrischenden Text von Christine über den Alltag mit Kindern auf die netten Kommentare gefreut, die ich hier sehr oft und sehr gern lese. Stattdessen stehe ich vor Ihrem Beitrag, der bald länger ist als der Artikel, wie vor einer Wand.
Ich finde das formal unpassend und inhaltlich anmaßend. Christine ist eine souveräne Gastgeberin, dass Sie das in „ihrem Wohnzimmer“ zulässt.

Janne
Gast
Janne

Hallo Mutter von zweien, Ihre Antwort finde cih persönlich einfach indiskutabel. Ich hatte beie „Lebenskonzepte“: das eine mit einem Mann der nie da war- auch über mehrere Tage und dann „sein Recht “ einforderte, und das andere eben ohne diesen Mann mit zwei sehr kleinen Kindern – 1 und 5 Jahre alt- alleine. Der Vorteil ist: man muss keine Hemden, Socken und Unterwäsche mehr waschen, der Nachteil: man muss sich um alles alleine rund um die Uhr kümmern… und dann nochTeil verdienen, denn der erfolgreiche Exmann ins selbständig und hat eine neue Familie gegründet. Ihre Bemekrung: wenn es zu anstrengend… Weiterlesen »

Isabel
Gast
Isabel

Herrlich!!
Made my day! Grade heute morgen dachte ich unter der Dusche: hey; u das war jetzt alles? Arbeiten, Haushalt, Kinder aufziehen….? So geht’s weiter bis zum Ende?

Aber ehrlich: Es MACHT Sinn kleine Popos abzuwischen u sich an Chaos zu gewöhnen.
Man vergisst es nur hin u wieder.
Danke für die Erinnerung – ich habe sie genau HEUTE gebraucht :-)

Frau Taugewas
Gast
Frau Taugewas

Mensch, Christine, da machst du bestimmt was falsch, wenn die Kinder gefüllte Brotdosen hrim bringen! ;) Nee, Scherz, passiert hier auch und wahrscheinlich in 90% aller Familien. Ich hab ja auch nicht immer gleich viel Hunger.
Dein Text ermuntert! Auch mich. Ich bin verheiratet mit Mann, der von daheim aus studiert und arbeitet. Trotzdem finde ich mich im Text wieder. Wäsche und Popos gibts auch hier ;)
Und den Stein Rolle ich im übertragenden Sinn auch täglich aufs Neue hoch ;)
Liebe Grüße!

Friederike
Gast
Friederike

Das schönste was ich letzten Sommer gehört habe war von einer Bekannten aus meinem Dorf, aus einer ’normalen’Familie:“Jetzt verstehe ich dich erst,wie es ist, Alleinerziehende zu sein.“ Die Bekannte war 4 Wochen zur Kur mit ihrer Tochter.
Jede Mama hat ihr ‚Päckchen‘ zu tragen. Die einen wiegen mehr und die anderen weniger,egal mit welchem Status. Ich mag den Text und kann ihn gut nachvollziehen.

stephanie
Gast
stephanie

Liebe Frau Finke,

der Artikel hat mir so, so gutgetan :-)
Danke, dass ich jetzt nach der Lektüre der Rama-Familien-Blogs (die ich gerne lese und die auch ihre Berechtigung haben) kein schlechtes Gewissen mehr haben muss!
An alleinerziehen oder nicht habe ich dabei gar nicht gedacht ;-) und, ehrlich gesagt, die paar Hemden meines Mannes und mittags für den abends spät heimkommenden Papa etwas mehr zu kochen machen den Bock auch nicht fett.
Ich glaube, das ist ehr so ein Mann-Frau Ding, wir Frauen leisten in der Familie schon unglaublich viel und eben auf sehr, sehr vielen Ebenen gleichzeitig.

Beste Grüße,

stephanie

Louise
Gast
Louise

Bügelstapel gibt es bei uns nicht, der Mann trägt Hemden nur wenn es unbedingt notwendig ist. Die bügelt er dann selber. Das können sogar schon Ehemänner lernen. Wem das zu anstrengend ist, sowas mit Ehemännern zu üben, der muss eben bügeln. Ich arbeite Vollzeit und komme nach meinem ziemlich anstrengenden Job an einer Schule im sozialen Brennpunkt oft nach Hause und die Wohnung ist ziemlich ordentlich, der Kühlschrank ist voll, die Kinder zufrieden und trotzdem ärgere ich mich, dass die Steuererklärung noch nicht angefangen wurde…. Mein Mann ist in Elternzeit und arbeitet nebenbei ein bißchen freiberuflich. Mir hat der Artikel… Weiterlesen »

Martin
Gast
Martin

Die Arbeit im Haushalt habe ich schon sehr früh von meiner Mutter gelernt, deshalb hatte ich nie die „Notwendigkeit“ eine Beziehung einzugehen, bzw. zu vertiefen.
Die Konzentration auf das Wesentliche in allen Lebenslagen hat mir da sehr geholfen;-)