Familiensystem: Ich hätte aufs Bauchgefühl hören sollen

Es war ein schmaler Grat, bei dem wir ganz oft abzustürzen drohten. Und es hat Mut gebraucht, damit offen umzugehen, was Autismus mit unserem Familiensystem macht – zumal ich über lange Zeit nicht wusste, wie mir, wie uns geschieht, und schon gar nicht, dass es einen Namen für das gibt, was bei uns passiert.

Zuerst brauchte ich den Mut, zu sagen, das passt für uns nicht, ich möchte das anders machen, diese vorgefertigte Lösungen aus dem Pädagogik-Handbuch funktionieren für meine Kinder nicht, und das alles ohne die Gewissheit, dass meine Lösungsansätze, um unser Überleben (und um nichts geringeres ging es über lange Strecken) zu sichern, langfristig die richtigen sind. Es braucht auch Mut, darüber zu schreiben, denn manche finden, man sollte es lassen, fast wie beim Mütterkult, du sollst alles grundlegend prima finden, aber das ist es nicht. Manchmal ist es richtig schwierig. So schwierig, dass es dich zu zerreißen droht.

Am Anfang war es noch einfach, da waren wir als Familie unauffällig. Getrennt zwar, und alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, aber immerhin prima Kinder, wie mir die Kinderärtzin und die Erzieher und GrundschullehrerInnen in den zahlreichen Elterngesprächen versicherten. Dann kam eine Zeit, in der nichts mehr normal war, die Welt aus den Fugen geriet, das Verhalten der Kinder auch mich teils ratlos hinterließ, und keine der erprobten Strategien der vielen Fachleute, die ich aufsuchte, Erleichterung oder Hilfe brachte.

Bild von Markus Distelrath auf Pixabay

Bis ich mich besann. Ich hatte doch gewusst, was richtig ist, bis der Normierungswahn von Schule, Klasse und Gesellschaft meine jüngste Tochter so überforderte, dass sie täglich Meltdowns hatte, von denen ich nicht wusste, dass sie welche waren, weil die Diagnose Asperger Autismus in meiner Lebenswelt überhaupt nicht vorkam. Was ihre älteren Geschwister, weil die Familie ein Familiensystem ist, natürlich vollends durcheinanderbrachte und auch vor schwere Herausforderungen stellte, ohne dass irgendjemand etwas dafür konnte, es war einfach so.

Ich hatte gewusst, dass ich die Kinder nicht „erziehen“ muss, sondern mich nach ihren und meinen Bedürfnissen richten muss, damit es uns allen gut geht. Schlafen, wenn sie müde sind, essen, wenn sie Hunger haben. Rückzug und Ruhe, wenn sie Ruhe brauchen.

Manche Kinder, besonders traumatisierte Kinder und autistische Kinder, brauchen mehr Rückzug und Ruhe als andere. Man kann nicht an ihnen ziehen, damit sie sich schneller entwickeln, man kann ihnen nur eine Umgebung bieten, in der sie sich wohl und sicher fühlen. Low Arousal Umgebung, sagt die Mutter von Greta Thunberg in dem Buch, das ich gerade lese, und genau das ist richtig für uns, meine Kinder kommen aus ihren Verstecken und verlassen ihre viel zu kleine Komfortzone in diesen Tagen, die Welt wirkt nicht so bedrohlich wie sonst. Niemand scheint mehr etwas von ihnen zu wollen, alle Anforderungen auf quasi Null. Das wird nicht ewig dauern, auch wenn es Vielen so vorkommt. Aber wenn es vorbei ist, dann werde ich mitnehmen, dass es richtig war, oder richtig gewesen wäre, die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Nicht immer fördern und fordern, einfach lassen. Lass sie wachsen, in ihrem Tempo.

Alles, was nicht mir, aber den Helfern sonderbar vorkam, hatte seine Berechtigung und seinen Grund. Das autistische Kind, das am liebsten zwischen zwei Matratzen und unter ganz vielen Decken schlief – schlimmes Mutterversagen? Nein, der Wunsch nach Druck, so wie ihn therapeutische Gewichtsdecken für Autisten erfüllen. Ein Kind, das nicht mit der Familie am Tisch sitzen will und lieber alleine im Zimmer isst – hat es eine Mutter, das keine Strukturen aufrecht erhalten kann? Nein, es hat eine Mutter, die aktzeptiert, dass dieses Kind keinen Sinn in sozialen Konventionen sieht. Und das war lange, bevor die Diagnose Autismus auch nur im Raum stand. Ein Kind, das lieber nachts wach ist als morgens, und das nicht einschlafen kann? Das geht eigentlich GAR nicht. Aber nachts ist es dunkel, leise und leer. Solange das Kind morgens aufstehen kann und in die Schule geht, so what!? Auch das war, bevor ich wusste, dass viele Autisten einen ungewöhnlichen Schlafryhthmus haben und etliche schwer ins Bett finden.

Ich hab das alles genau richtig gemacht, bis ich mich von Fachleuten verunsichern ließ. Von denen ich Hilfe erhoffte. Nicht alle waren schlecht, aber manche haben anstatt zu helfen nur geschadet. Hätte ich mal mehr auf meinen Bauch gehört. Nur ist das halt nicht so einfach, wenn die Kinder gerade ziemlich schräges Verhalten zeigen, natürlich denkt man da, irgendwas läuft hier doch schief – dass das einfach eine Phase ist, eine Reaktion auf Gegebenheiten von außen, und ich das schon ganz gut mache, darauf bin ich leider nicht gekommen. Wenn es eine Sache gibt, die mir richtig leid tut, dann ist es, dass ich zwischendrin, als es richtig hart war, an meinem Bauchgefühl zweifelte. Weil zertifizierte Experten mir sagten, ich müsse dies und jenes anders machen, und dasunddas ginge nicht, und hey, natürlich habe ich denen geglaubt, wer bin ich denn, das nicht zu tun? Heute weiß ich es besser.

Trotzdem war es wahrscheinlich, und leider, schlau von mir, zum damaligen Zeitpunkt auf die Experten zu hören. Denn sonst wäre ich als unkooperativ und uneinsichtig abgestempelt worden, vom Jugendamt, von der kinderpsychiatrischen Tagesklinik, vom Clearing-Team. Ich musste mitmachen, Offenheit zeigen, guten Willen. War trotzdem Scheiße. Ich wünsche niemandem, dass er sich so zwischen Bauchgefühl und offiziellen Ratschlägen zerreißen muss, wie das damals bei mir der Fall war.

Es wird weiterhin Mut brauchen. Denn auch mit der Diagnose Autismus bleibt es schwierig und wir als Familie ein Sonderfall. Vielleicht gewöhne ich mich besser dran. Wir sind anders. Auch unter den Anderen. Dabei wäre manchmal Dazugehören echt schön. Nicht zuletzt für mich.

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Lilo
Lilo
8. April 2020 08:03

Ich erkenne mich in Teilen in deiner Tochter wieder, auch wenn ich schon 50 bin und keinen diagnostizierten Autismus habe. Aber auch als Kind hätte ich am liebsten alleine gegessen, vor allem Kaugeräusche von anderen haben mich angeekelt und auch das Klappern von Geschirr. Aber das gab’s damals nicht, ich musste mit an den Tisch. Jetzt im Nachhinein glaube ich nicht, dass mir das geschadet hat. Auch ich genieße jetzt die leeren Straßen und das heruntergefahrene Leben. Die Nachbarn allerdings sind immer im Garten, das wiederum stört mich sowohl optisch als auch akustisch. Und so zieht sich das wohl durch… Weiterlesen »

Axelle
Axelle
9. April 2020 22:24

Liebe Frau Finke, ich verstehe Sie vom ganzen Herzen. Ich habe eine ähnliche Odyssee hinter mir mit meinem Ältesten. Von ADHS über Wahrnehmungsstörungen bis zum schlichten „asozialem Verhalten“ habe ich mir alles über meinem Kind anhören müssen. Heute bereue ich nur eins, dass ich nicht auf mein Bauch gehört habe und das Kind in Ruhe gelassen habe statt es von Therapeut zur Erziehungsberatung, Ergotherapeuten usw. geschleppt habe. Im Gegensatz zu Ihnen WOLLTE ich mitmachen weil ich mir Hilfe erhofft habe, die ich nicht bekommen habe. Aber es hat mich stärker gemacht und als Kind 2 sich auch nicht so verhalten… Weiterlesen »

Michaela
Michaela
10. April 2020 22:01

Toll geschrieben und danke für Ihre Offenheit.

marie julius
marie julius
19. April 2020 10:59

Ich erkenne mich absolut wieder. Man ist mit anders entwickelten und anders begabten Kindern immer nur Bittstellerin. Anstatt die Mutter bzw. Eltern als Experten zu behandeln wird man oft wie eine nicht-erziehungsfähige Person behandelt, die sicher etwas falsch gemacht hat. Bei mir war es ein Kind welches sich nicht anpassen wollte, die Sprache gerade erst gelernt hatte, in der Schule aneckte etc pp… alleinerziehend mit 3 Kindern in einer Universitätsstadt, die nach dem little boxes System (Pete Seeger) leben, waren wir absolute Exoten. Eine Grundschullehrerin, die mich behandelte als würde ich das Kind ermutigen sich schlecht zu benehmen. Eine Psychologin,… Weiterlesen »

Steffi
Steffi
22. April 2020 09:18


Liebe Christine,
ich lese deinen Blog seit etwa einem Jahr. Seit mein Ehemann mich im 7. Monat für eine Arbeitskollegin sitzen gelassen hat. Für mich ist eine Welt zusammen gebrochen, meine Tochter ist ein Wunschkind, die Schwangerschaft war geplant. Jetzt bin ich mit allen Anforderungen alleine, fühle mich oft überfordert und hilflos und befinde mich in einem Rechtsstreit wegen Unterhalt.

Mir geben deine Artikel Orientierung und ich bin dir sehr dankbar, dass du deine Erfahrungen so authentisch teilst. Auf eine unaufdringliche aber eindrucksame Art kann ich von deinen Erlebnissen profitieren. So soll Expertise meiner Meinung nach vermittelt werden.
Vielen Dank!

Sabina
Sabina
21. Mai 2020 15:23

Es tut gut Ihre Erfahrungen zu lesen. Ich bin selber Mutter eines frühkindlichen, nonverbalen Autisten und in diesem Dilemma zwischen „Expertenmeinung“ versus Bauchgefühl stecke ich gerade. Da baut sich der Druck dermaßen von aussen auf, dass man sich schon fast ohnmächtig fühlt, wenn man auf die Bedürfnisse seines Kindes achtet…gerade in Bezug auf Eingliederungshilfe, die man sich um Hilfe bittend ins Haus geholt hat und statt Hilfe zu erhalten steht man als Eltern auf dem Prüfstein. Traurig und erschütternd. „Mitmachen müssen, Offenheit zeigen, guten Willen“ signalisieren – eine Gratwanderung. Klinikaufenthalte sind keineswegs besser. Vorherige Absprachen in Bezug auf Sedierung und… Weiterlesen »

Sonneblümsche
Sonneblümsche
1. Juli 2020 18:31

Bei fast jedem Satz hier denke ich: genau wie bei uns! Wir wussten, was unsere Kinder brauchen und konnten es nicht durchsetzen, denn es wurde alles auf mangelnde Erziehungsfähigkeit geschoben. Mehr als einmal mussten wir vor Gericht um unsere Kinder kämpfen. Und es hat nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Kindern, das Vertrauen in diejenigen zerstört, die eigentlich helfen sollten. Mithilfe einer sehr geduldige, verständnisvoll Familie Helferin und einer Sachbearbeiterin vom Jugendamt, die endlich mal wirklich zugehört, hingeschaut und uns vertraut hat, haben wir in den letzten 2 Jahren geschafft, ein wenig Vertrauen wieder zu finden, Fortschritte bei… Weiterlesen »