Gedankenspiel: Wenn wir Alleinerziehenden streiken

Was das kosten würde, da wird einem ganz schwindelig. Aber von vorn. Ich stelle mir vor, was passieren würde, wenn ich sage, „Ich kann nicht mehr! Mir ist das zuviel, ich breche jetzt zusammen.“ Ich würde beim Jugendamt anrufen, und das Amt würde seinem Auftrag nachkommen und prüfen müssen, was nun zu tun ist.

Es würde sich herausstellen, dass beim Vater der Kinder weder Platz für sie ist, noch möchten sie dorthin, noch sind sie erwünscht. Er würde vielleicht das Sorgerecht abgeben, um nicht gezwungen zu werden, sie bei sich aufzunehmen. Dann sieht das Jugendamt vor, Kinder, um die sich keiner kümmern kann, in eine Pflegefamilie, betreutes Wohnen (für ältere Kinder) oder ein Kinderdorf zu geben. Das ist ziemlich teuer fürs Amt, am teuersten ist die Heimunterbringung – bei meinen 3 Kindern kommen wir da schnell auf 10.000 € im Monat. Die Unterbringung in der Pflegefamilie kostet nur 784-945 € im Monat pro Kind, je nach Alter des Kindes, das sind bei meinen drei Kindern 2661 € insgesamt, die zusammenkämen. Ganz schön viel Geld – und die Arbeit der Verwaltung ist noch nicht mit einberechnet, die kommt obendrauf.

Alleinerziehenden Streik
Hafteh7 auf Pixabay.com

Ich selbst würde für 6-8 Wochen in eine Klinik/Reha/Kur gehen, was auch sauteuer ist für die Gesellschaft. Eine einfache Kur von 3 Wochen kostet ja schon 3.000-4.000 €.

Und nun mal groß gedacht – wenn wir das alle machen?

Ich stelle mir vor, 1,6 Millionen Alleinerziehende und eine sicher mindestens genauso große Menge an berufstätigen Müttern, die am Rande des Burn-Outs entlang balancieren, gehen in den Streik, oder sagen wir lieber, streichen die Segel. Weil sie nicht mehr können, weil sie so erschöpft sind, weil sie ein unübersehbares Zeichen an die Politik senden wollen.

Die Jugendämter würden in Nullkommanix kollabieren. Unser System bricht zusammen, weil Millionen von Kindern unversorgt wären. Arbeitgeber geraten ins Schleudern, weil wertvolle Mitarbeiterinnen fehlen.

Aber wir tun das nicht. Wir Mütter gehen auf dem Zahnfleisch, aber wir halten durch. Weil wir unsere Kinder nicht im Stich lassen wollen. Es würde uns und ihnen das Herz brechen. Also versuchen wir, uns noch besser zu organisieren, die eigenen Bedürfnisse noch weiter zurückzustecken, irgendwie klarzukommen. Unsere Kinder merken, wie sehr wir am Limit sind, und entwickeln Symptome, die den Alltag noch schwerer machen. Wir holen Hilfe für die Kinder, haben aber keine Zeit mehr, uns um den eigenen, schon länger schmerzenden Rücken, den Termin zur Zahnprophylaxe oder Sport zu kümmern.

Nach und nach gehen wir langsam vor die Hunde.

Stopp!

Das darf nicht passieren. Weder im „traurigen Einzelfall“, noch im Großenganzen. Also stelle ich mir vor, dass wir tatsächlich ein Zeichen an die Politik setzen, ein noch nie dagewesenes.

Wir stellen Forderungen. Laut und deutlich, sichtbar vor Ort und in den Medien. Wir zeigen, dass wir Viele sind, und dass wir haufenweise Unterstützer haben, auch unter Nicht-Alleinerziehenden. Dass viele Großeltern, Onkel, Tanten, ehemalige Alleinerziehende, Freunde und Kinder von einst Alleinerziehenden genau wissen, wie miserabel es uns geht, und dass all diese Leute Wähler sind.

Ich sehe uns auf der Straße, mit unseren Kindern. Mit allen, die täglich an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheitern, und mit denen, die Kinderarmut nicht länger als unveränderbar hinnehmen wollen. Wir hätten Seifenblasen, Rasseln und Blockflöten, um schaurige Geräusche zu machen, und wir würden vor die Rathäuser unserer Städte ziehen, und dort einen Sitzstreik machen. In jeder Stadt Deutschlands. Das wäre was!

Und dann?

Dann würden die großen Parteien merken, dass wir hier ein Problem haben, das brennt. Und dass Wegschauen keine Option mehr ist. Wir brauchen bessere Bedingungen für Familien, besonders für solche, in denen ein Elternteil alles alleine wuppt. Und zwar schnell.

Sonst, wie gesagt, kann das ein sehr, sehr teures Versäumnis werden. Von den gesundheitlichen Folgekosten ständiger Überlastung und Armut haben wir bisher ja noch gar nicht gesprochen. Deutschland kann sich das nicht leisten. Auch auf der Ebene des sozialen Friedens nicht – die gefühlte Ungerechtigkeit ist eine sehr explosive Sache. Nicht nur in Wahljahren.

P.S., um den ansonsten unvermeidlichen Kommentaren vorzubeugen: Die diversen Hilfen der Jugendämter (Familienhilfe, Erziehungsbeistand, Wohngruppen, pädagogische Tagesgruppen, aufsuchende Hilfen diverser Art) sind mir bekannt. Und wie in der Überschrift steht, es handelt sich um ein Gedankenspiel.

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27 Kommentare auf "Gedankenspiel: Wenn wir Alleinerziehenden streiken"

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Yvonne (Luckyducky)
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Oh ja, eigentlich müssten wir genau das mal tun. Wenn das Wörtchen „eigentlich“ nicht wäre und wir aus schlechtem Gewissen den Kindern, dem Job ggü. einfach seufzend weiter machen. Und täglich grüßt das Hamsterrad. Müde ist ein Dauerzustand u das nicht wegen Schlafmangel! Und dennoch: ab u zu rede ich mir selbst ein, es ist toll was ich/wir schaffen u dann geht’s wieder ein paar Stunden. Tochter hat mir am WE den Mutterverdienstorden gebastelt. DAS ist meine persönliche wichtigste Errungenschaft😂 Danke für deine Texte u deinen Mut laut zu werden. Sag Bescheid, wann ich Rasseln u Plakate vorbereiten soll. Es… Read more »
sandra
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Genau! Gute Idee!Ich bin dabei! Alles Gute, Sandra

Heute mal besser anonym
Gast
Liebe Frau Finke, Danke für Ihre Vision – eine gute Idee wär’s mal in Streik zu treten! Ich glaube, ein Verweis auf die „diversen Hilfen der Jugendämter“ ist dabei auch überflüssig. Seit September versuche ich, allein erziehend mit Kind mit Behinderung, eine Unterstützung vom Jugendamt zu erhalten. Es geht lediglich um eine Beratung bei der Erziehung eines besonderen Kindes, die von der Lebenshilfe angeboten wird. Doch solange frau noch aufrecht steht und ihr Anliegen in ganzen Sätzen formuliert, lassen die einen ganz freundlich und zugewandt auflaufen. Warteschleifen, Antragsverfahren, bitte nehmen sie doch erstmal die Beratung hier da und dort wahr… Read more »
Yvonne
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Eine gute Idee. Handeln statt reden.

Mara
Gast
Ich denke auch sehr oft, dass mal ein eindeutiges Zeichen gesetzt werden muss und dass das nur über große Demonstrationen von Zehntausenden von Müttern und Vätern in vielen deutschen Städten geht. Von daher spricht mir Dein Beitrag wirklich aus der Seele. Das Problem ist ja auch, dass Mütter zeitversetzt ausbrennen. Während die eine ausbrennt, glaubt die andere, es gerade alles zu schaffen und zeigt sich deshalb nicht solidarisch. Man müsste alle Mütter wachrütteln, so nach dem Motto „Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch Du nicht mehr kannst. Deshalb schließe Dich uns jetzt an. Wir können unsere Lebensbedingungen… Read more »
Midia Nuri
Gast
Ja. Sinnvolle Forderungen gibt es mehr als genug. :-) Es muss ja kein Streik sein – das seh ich mit Blick auf meine Kinder auch gar nicht ein, solange es noch anders geht. Verfasst Briefe. Besucht Eure/n Abgeordnete/n mit Kindern und Forderungen im Gepäck im Büro. Irgendsowas halt. :-) Ich schreib mal, was mir so einfällt. – Unterhaltsvorschuss endlich beschließen wie geplant. Wegen 500 Millionen Euro haben die Länder den Zuschuss bis 18 nun… hoffentlich nur „verschoben“. – Vorschuss und Kindergeld auch an Hartz-IV-Empfängerinnen auszahlen – wir haben eine Kinderarmut, die eine Schande für ein Land wie unseres ist. –… Read more »
Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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In den 1970er Jahren warfen die Frauen der Frauenbefreiungsbewegung im Schweizer Bundesparlament aus dem Zuschauerrängen mit gefüllten Windeln nach den Politikern, um für ihre Anliegen zu demonstrieren. Vielleicht wäre das noch eine Option wenn die Herren und Damen nicht zuhören wollen?

RonjaMama
Gast
ein sehr schönes und nur zu wahres Gedankenspiel. Schauen wir mal was die Politiker uns dieses Jahr in der Hinsicht wieder versprechen und dann doch „vergessen“. Ein Kampf für mehr Rechte,mehr Geld ,mehr Nutzen für unsere Zwerge/uns und Gesundheit ist toll,aber wann sollen wir das bitte noch machen? Bei einer KiGa-Zeit bis 14Uhr,einem Job der theoretisch da noch nicht beendet ist ( und abends/nachts nachgeholt werden muss),fehlender Familie im direkten Umfeld,Haushalt,Erziehung,Elternabenden und dann bitte noch Exklusivzeit pro Kind,Amtsstress …. wann sollen wir denn noch kämpfen? Soll ich für die Bezahlung eines Babysitters arbeiten gehen und beim Kampf dann zusammenbrechen? Ja… Read more »
Rona
Gast
Liebe Christine, ich habe genau darüber auch in den letzten Tagen nachgedacht, denn so wie es ist geht es nicht weiter. Mir persönlich geht es ja noch ziemlich gut, weil ich familiär unterstützt werde. Ohne die „Krücke“ Familie, was simples Glück ist, sähe mein Leben und das Leben der Kinder ganz, ganz anders aus. Aber: Es macht mich wütend, wenn ich höre, wie eine Frau, die häusliche Gewalt erlebt und sich befreit hat, sich die Hacken wundlaufen und betteln muss, damit sie Gelder für sich und ihre Kinder bewilligt bekommt. Gleichzeitig muss sie sich mit den ständigen Meinungsänderungen des gewalttätigen… Read more »
Daniela Wendlandt
Gast
Das Gedankenspiel gefällt mir. Und ich wäre für einen Tag Streik! Das wäre ein echter Paukenschlag. Aber man/frau macht immer weiter. Und ich und mein Sohn hatten nie Unterstützung vom Kindsvater (auch keine finanzielle!). Ich habe immer alles allein gestemmt und tue es noch heute. Daher hoffe ich ja auch noch, dass das neue Unterhaltsvorschussgesetz ‚jetzt‘ greift. Dann bekomme ich (mein Sohn wird nächstes Jahr 18 Jahre alt), vielleicht wenigstens noch einen klitzekleinen Teil vom Kuchen ab. Der Antrag ist schon gestellt. Aber was mich sonst schon immer wurmt, dass wir alleinerziehenden Mamas und Papas, die keine Unterstützung erhalten, nicht… Read more »
Anja
Gast
Eine Demo oder vielmehr mehrere im ganzen Land verteilt, damit die Anfahrtswege nicht zu lange sind, weil sich nicht jeder eine Reise nach Berlin leisten kann. Das fände ich klasse. Und alle Demos zur gleichen Zeit. Und mit medialer Aufmerksamkeit. Zeitungen und Fernsehen sind wichtig. Denn der Großteil der Bevölkerung weiß von unseren Problemen gar nichts. Und das oftmals nicht, weil sie nicht interessiert sind, sondern weil sie zuwenig bis nichts davon mitbekommen. Im Gespräch mit Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunden wird mir erst klar, wie wenig unsere Probleme publiziert werden. Von den Nicht-Alleinerziehenden sind die wenigsten in entsprechenden Foren. Der… Read more »
Markus Schmitt
Gast
Hallo Frau Finke, da ich auch alleinerziehend bin, gebe ich heute auch meine Meinung wieder. Streiken käme mir überhaupt nicht in den Sinn. Ich möchte meiner Tochter ein Beispiel sein und denke bestenfalls an asiatische Länder zurück in denen ich oft gearbeitet habe. Das ist das Paradies hier. Vielleicht sollte auch darüber gelegentlich mal kurz nachgedacht werden. Es gibt hier echt wenig Probleme und die Probleme, die es hier gibt sind woanders deutlich schlimmer. Viel schlimmer, vergleichbares gibt es in D praktisch nicht. Da kämpfen die Menschen und schaffen es. Wenn ich einen Durchhänger habe, denke ich nur kurz daran… Read more »
Brit Kellerhoff
Gast

Wir in Deutschland können zu jedem Thema einen Ort auf dieser Erde finden, an dem es schlechter ist.

Sollen wir deshalb aufhören, bestehende Mißstände zu beenden und uns für Gerechtigkeit einzusetzen?

Anja
Gast
Es muss etwas geschehen und ich bin der Meinung, dass wir das können. Raus aus dem Konjunktiv und rein in die Tat. Wir werden streiken! Wir werden unsere Situation noch mehr publik machen! Wir gehen mit unseren Kindern, Freunden, Verwandten auf die Straße, samstags, sonntags….bundesweit. Wenn wir es nicht machen, macht es keiner. Oder wie lange soll noch Jahr für Jahr der Armutsbericht über Kinder Alleinerziehender erscheinen? Wie lange noch sollen Kinder, Mütter und Väter am Limit leben? Sind wir denn ein gesellschaftliches Projekt oder was? Die Regierung weiß um unsere Situation! Warum tut sie nichts? Wir sind das Volk!… Read more »
Nalan Akdogan
Gast

Hallo Fr. Finke,
es ist definitiv eine gute Idee zu streiken. Lassen Sie uns ALLE Alleinerziehende jetzt vor diesen „bes.wichtigen“ Wahlen endlich mal streiken!!!
Es würden sooo viele mitmachen….lassen Sie es uns tun…jetzt!!!
Viele Grüße
Nalan Akdogan

Mare
Gast

Machen. Soll heissen: bin dabei.

Nalan Akdogan
Gast

Alsooo…????
Warum unternehmen wir nichts? An einem Wochenende…ALLE zusammen. Ist es ein Organisationsproblem? Muss eine Demo „mega“ organisiert werden? Freu mich auf Antwort von euch.
Viele Grüße
Nalan Akdogan

Ahmet Aygün
Gast

Liebe Frau Finke,

anstatt sich die Welt der Alleinerziehenden immer um sich selbst dreht sollte man vielleicht mal versuchen an der Ursache anzupacken und nicht an den Auswirkungen!
Wieso soll der Staat für etwas einspringen was jeder selbst in der Hand hat? Einfach mal ganz pragmatisch und nüchtern an die Frage rangehen…
Letzten Endes zahlen doch die Arbeiter Deutschlands für Ihre „Idee“ dem Staat Geld einzusparen – im Umkehrschluss also auch ich.
Das heißt klar ausgedrückt ICH SOLL IHREN KINDERN UNTERHALT ZAHLEN (kann mich nicht erinnern das ich uneheliche Kinder habe ;) ).

Elisabeth Linge
Gast

Herr Arbeiter, wenn Sie sich vom Solidarprinzip verabschieden, sollten wir unsere Kinder anweisen später für Ihre Rente nicht mitzuzahlen? Wir leben in EINER Gesellschaft, schon vergessen?

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