Geld, Geld, Geld. Kinderarmut und die volle Badewanne

Geld, Geld, Geld. Kinderarmut und die volle Badewanne

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Kinderarmut
Angelolucas auf Pixabay.com

Sie sitzt in der Badewanne und fragt, ob sie jetzt nicht doch noch Schaum haben könne. „Klar, kannst du, Jüngste. Lass einfach die Hälfte Wasser raus und füll Neues ein. Hier hast du Schaumbad.“

Meine Jüngste (8) überlegt. „Aber dann ist das doch Geldverschwendung, Mama“, wendet sie ein, obwohl sie sich jetzt, in diesem Moment, nichts sehnlicher wünscht, als mit Schaum baden zu dürfen.

Mein Magen verknotet sich. Nicht viel, nur ein bisschen. Ich denke an die vielen Monate, an die insgesamt etwa 3 Jahre, in denen ich meinen Kindern sagen musste, dass sie nicht immer baden können, wenn sie wollen, weil das zu teuer ist. Weil eine Badewannenfüllung so viel kostet wie ein günstiges Abendessen, wenn man Nudeln mit Soße kocht. Geheizt haben wir in dieser Zeit auch nur das Bad, und wenn die Temperaturen zweistellig unter Null waren, auch das Wohnzimmer.

Oft wusste ich am 20. des Monats nicht mehr, wovon ich für den Rest des Monats Essen kaufen soll. Ich hatte Angst, zum Briefkasten zu gehen, weil dort vielleicht eine Nebenkostenabrechnung lauern würde, denn die ersten beiden Male, als ich welche erhielt, hatte ich mehrere hundert Euro nachzahlen müssen, und auch die Anwaltsbriefe im Rahmen der Scheidung machten mir trotz Prozesskostenhilfe mächtig Bauchweh.

Über lange Zeit sehr wenig Geld zu haben, ist okay, wenn man jung ist. Wenn man drei Kinder großzieht, ist es unerträglich. Weil die Kinder dann nur gebrauchte Kleidung tragen, kein Eis im Schwimmbad kaufen können, weil der Schwimmbadeintritt trotz Sozialpass schon ein Loch in die Haushaltskasss reißt, und weil man ihnen nicht nur das Gefühl einpflanzt, dass kleine Annehmlichkeiten nicht selbstverständlich sind und große schon gar nicht, sondern auch vorlebt, dass es hart ist, dafür zu sorgen, dass Geld ins Haus kommt.

Das tut mir leid. Alles davon. Denn ich sehe, welche Spuren diese Jahre, in denen ich finanziell unter Null war, in den Kinderseelen hinterlassen. Es ist nicht nur das Geld, es ist auch die angespannte Mutter, die immer an ihre Arbeit und Deadlines dachte, und die ihren Kindern wahrscheinlich oft das Gefühl gab, dass sie störten. Vor allem, wenn sie krank wurden und nicht in die Schule konnten. Denn eigentlich wollte ich doch arbeiten, musste ich arbeiten, entspanntes und bezahltes Kranksein gibt es als Freiberuflerin nicht, weder für einen selbst noch für die Kinder. Im Urlaub waren wir seit Jahren nicht mehr, und das liegt nicht nur an den hohen Preisen für Reisen, sondern einfach daran, dass ich durcharbeiten musste.

Und es ist genauso, wie es in all den klugen Studien dazu steht: Meine Kinder spielen, wie viele arme Kinder, weder ein Musikinstrument noch sind sie im Sportverein. Motorisch sind sie wahrscheinlich auch weniger fit, exakt wie das die Studien konstatieren. Im Vergleich mit Zwei-Eltern-Familien mit einem Kind, was ja statistisch immer noch der Durchschnitt ist, schneiden sie hoffnungslos schlecht ab, was Zuwendungszeit und Förderung betrifft. Ich bin halt nur eine/r. Und sie sind drei, um die sich obendrein der Vater leider fast gar nicht kümmert, auch wenn ich das gerne gesehen hätte.

Was mich eigentlich am meisten wurmt, ist dass die ganze schöne Bildung (ich bin ja magna cum laude promoviert), das Auslandsstudium, die Berufserfahrung im Ausland und im Inland, all dies mir gar nix hilft. „Deine Bildung kann dir keiner nehmen!“, hat mein Papa immer gesagt. Und obwohl das stimmt, weiß ich nicht, ob sie mir und den Kindern wirklich etwas nützt. Was bringt es, wenn ich weiß, dass meine Kinder Defizite haben, dass die Umstände schwierig sind, wenn sie am Ende doch benachteiligt bleiben? Oder kommt mir das gerade nur so vor, und ist es am Ende doch gar nicht schlecht, dass sie in der Kindheit nicht auf Rosen gebettet waren? Ach, wenn man das alles wüsste.

Aber vielleicht ist es auch für den Moment egal. Denn Jüngste hat die Hälfte des Wassers aus der Wanne gelassen, sich Schaum gemacht, und badet gerade sehr zufrieden. „Mach das ruhig, ich habe das Geld dafür jetzt“, habe ich ihr versichert. Und sie freut sich, als hätte sie etwas geschenkt bekommen. Mir versetzt es trotzdem einen Stich. Autsch.

 

Linktipps mit weiteren Texten zu Armut von Christine Finke:

„Was Armut mit dir macht“ in diesem Blog aus dem November 2014

„Wir sind arm“ aus dem März 2015, erschienen in der Brigitte MOM Print (Bei „Referenzen, etwas runterscrollen. Ist dann anklickbar)

„Keine Privatsache“ aus dem der Freitag vom 14.07.2016

44 Kommentare

  1. Ja – die Bildung kann einem keiner nehmen. Aber ich wünsche mir immer öfter dumm zu sein – dann würde ich mir über meine ganze Misere als Alleinerziehende vielleicht oft nicht so viele Sorgen und Gedanken machen und hätte vielleicht oftmals ein leichteres Leben!?!?!

  2. Ich kann dich gut verstehen. Geld ist bei uns als Klischeefamilie mit Kind, Vater der sehr gut in Vollzeit verdient und Mutter mit befristeten Teilzeitjobs nicht das Problem. Ich bin vor rund einem Jahr leider schwer erkrankt. Unser Kind hat natürlich mitbekommen, dass viel auf der Kippe stand. Und ich habe mir auch Sorgen gemacht, dass die Unbeschwertheit weg sein könnte. Meine Kindheit war, durch den Tod eines Elternteils und große finanzielle Schwierigkeiten, nicht leicht. Dennoch weiß ich viele Dinge anders zu schätzen und habe so auch Stärke gewonnen. So pathetisch das klingt, wenn Liebe und Zuwendung da ist, gleicht das mehr aus, als ein teures Hobby und ne tolle Reise. Natürlich ist es toll, dass unser Kind sich nicht sorgen muss, wenn ne Hose kaputt geht. Wenn ich aber an meine Kindheit denke, dann sehe ich zwar den Tod meiner Mutter und die immensen Schulden meines Vaters, aber noch mehr den Zusammenhalt meiner Familie.

  3. Ich bin gerade jetzt in dieser Sitation. Alles; was Du beschreibst, trifft auf mich und meine drei Kinder zu. Ich weiß nicht, wovon ich bis Ende des Monats Essen kaufen soll. Musste mein Auto und sämtliche Sachen von Wert verkaufen.
    Es tut mir alles so leid für meine Kinder. Es bricht mir das Herz und ich bin am Ende meiner Kräfte.

  4. Bekamt ihr keine ergänzenden Hilfen zum Lebensunterhalt?Falls ja, hättet ihr so Unterkunftskosten, Betriebskosten, Heizung und Warmwasser nicht „safe“? Und z.B. durch den Status Hilfen zum Lebensunterhalt zu bekommen, die Berechtigung übers Bildungs- und Teilhabepaket für die Kinder Zuschüsse zu Musikschule, Sportverein, Zuschuss zum Mittagessen in KiTa bzw. Schule, Klassenfahrten, etc. zu bekommen?
    Für „Familienferien“ gibt es ja auch extra Zuschüsse von den Wohlfahrtsverbänden. Habt ihr das mal probiert zu nutzen?

    • Doch, wir haben Wohngeld bekommen. Das war auch sehr gut und hilfreich. Aber es ist ein elender Formularzirkus und bringt einen am Ende auf das Niveau von Hartz IV, was besser ist als diese 336 € im Monat, die wir bekamen, nicht zu haben. Ich bin dem Sozialstaat dafür dankbar. Aber es war trotzdem sehr eng. Gerade mit den Nebenkostennachzahlungen. Da tun 500 € auf einen Schlag richtig weh.

      Und ja, auch die Kita wurde bezahlt (wegen Wohngeld) und das Essen in Kita und Hort via Bildungs- und Teilhabepaket. Ich habe alles genutzt, was es gab. Und war gut informiert. Das Problem bei den Ferien war und ist weniger das Geld als das Fehlen von bezahlter Freizeit. Ich beneide jeden im Angestelltenverhältnis, auch weil diese Leute krank werden können. Anders als ich.

  5. Ich glaube nicht das es Kinder stört oder langfristig beeinträchtigt wenn sie arm aufwachsen . Ich selbst bin arm aufgewachsen wir haben oft nicht genug zu essen bekommen Klamotten nur gebraucht usw. . Das einzige was mir daraus geblieben ist , ist ein sehr genauer blick aufs Geld und das es mir niemals so gehen soll. Was natürlich nicht geklappt hat ich war bei beiden Kindern vom ersten Tag an Alleinerziehend. Bis meine Tochter in den Kindergarten kam habe ich von Sozialhilfe gelebt danach hab ich mich mit Putzjobs Babysitten und was man sich sonst noch so vorstellen kann über Wasser gehalten (ohne staatliche Unterstützung) aber für den Sportverein hat das Geld immer gereicht , gut für die Musikschule nicht dafür für die Pfadfinder bei meinem Sohn und bei meiner Tochter fürs Reiten. Oft hab ich auch irgendetwas getauscht oder ich irgendwo mitgeholfen usw . auch haben meine beiden Kinder sehr bald zum arbeiten angefangen um sich etwas leisten zu können . Es hat ihnen nicht geschadet beide haben Abitur, Studieren und bisher haben wir immer nur gehört : sie sind so selbstständig so reflektiert so erwachsen so Fleisig und können richtig mit anpacken. Ja sie sind warscheindlich schneller Erwachsen geworden als gleichartige Kinder aber trotzdem sind sie glücklich aufgewachsen ich hab sie mal gefragt ob sie was vermisst haben als Kinder und da meinten sie nein klar währe es schön gewesen mit mehr Geld aber sie sind und waren glücklich. Ich glaube es hängt auch mit der Einstellung der Mutter zusammmen ich bin der Typ Mensch Arschbacken zusammen und weiter es geht schon . Ich persönlich glaube auch das es einfacher ist wenn man von Anfang an arm und Alleinerziehend ist . Dann gibt es für die Kinder keinen Bruch so nach dem Motto Geld weg, Papa weg, Wohnung weg usw . Ich kann nur allen Müttern sagen das wichtigste was Kinder brauchen ist Liebe, das Gefühl das die Mama immer da ist wenn es brennt und was noch extrem wichtig ist liebe Mütter nur eine halbwegs glückliche Mutter kann sich gut und ausreichend um ihre Kinder kümmern also liebe Mütter kümmert euch auch um euch selbst

    • Da kann ich Alexandra nur zustimmen. Auch in meiner Kindheit war es finanziell eng, vorallem nach dem Tod meines Vaters. Mein Bruder und ich haben Zeitungen ausgetragen um Taschengeld zu haben. Trotzdem haben wir eine gute Ausbildung gemacht, mein Bruder sogar studiert.
      Inzwischen bin ich selbst alleinerziehende Mutter seit der Geburt des Jüngsten vor 10 Jahren und das Geld ist knapp, da der Vater seit 7 Jahren keinen Unterhalt zahlt (davor auch wesentlich weniger als den Mindestunterhalt). Zeitweise lebten wir von Hartz IV, da mein Einkommen nicht ausreichte. Trotzdem waren und sind meine Kinder im Sportverein (Judo/Fussball), schwimmen beim DLRG und beide waren im Blockflötenunterricht vom Musikverein, teilweise finanziert über Bildung und Teilhabe. Mein großer Sohn lernt seit 6 Jahren Gitarre und das kostenlos in einer Gruppe von der Kirche. Und in der Schule gehen beide in die Kletter-AG. Geldmangel ist kein Grund, dass Kinder keine Hobbys ausüben können! Um die Kosten tragen zu können, sparen wir im Gegenzug z. B. am Friseur (den Kindern schneide ich die Haare selbst und ich gehe nur 1x im Jahr), an Kleidern (oft gebraucht), Essen (möglichst abgelaufenes, das reduziert ist) und an weiteren Stellen.
      Seit Januar verdient sich mein Sohn (er wird bald 14) eigenes Geld indem er Prospekte austrägt und ist ganz stolz darauf! Ich denke, dass Kinder, die auf vieles verzichten müssen, dann Dinge mehr zu schätzen wissen.
      Armut hinterlässt vielleicht Spuren, aber nicht unbedingt schlechte.

      • Das stimmt, Anja, und ich bewundere dich dafür, dass deine Kinder so vielseitige Hobbys haben. Bei mir, und bei vielen anderen kommt vielleicht noch erschwerend hinzu, dass es ja nicht nur an Geld, sondern auch an Zeit mangelt. An entspannter Zeit. Ich fühlte mich durch die Selbstständigkeit und die finanzielle Ungewissheit nicht in der Lage, zwei Nachmittage für Karate und Fußball zu opfern, denn irgendwie müssen die Kinder da ja auch hinkommen. Und gerade, wenn sie durch eine Trennung Trennungsängste haben, sind diese Kinder nicht unbedingt diejenigen, die fröhlich alleine Bus fahren oder mit fremden Eltern mitgehen. Das ist ein bisschen die Krux.

      • unter 14 ist Jobben verboten! Kinderarbeit!

        hat mich auch nicht abgehalten (ich sah wesentlich älter aus). Rasen mähen und Gartenpflege, Industriegebäude putzen, Säcke im Akkord, in den Ferien in 12 Stunden Schichten, auf Paletten stapeln (mit 14!), Bretter im Sägewerk sortieren, Nachhilfe geben, später kellnern, Fast-food Kette, Spielhallenaufsicht, Abi, kaufmännische Lehre, Tätigkeit, Studium (mit 3 Nebentätigkeiten gleichzeitig), Tätigkeit – seit über 30 Jahren habe ich keine 2 Wochen am Stück nicht gearbeitet. Ging nicht anders, meine Schwester war zu klein, der Vater weg und Mutter krank.
        Wird man schneller erwachsen? Ja wird man, nur 12 oder 13 Jährige sind eben nicht erwachsen. Es gibt gute Gründe warum Kinder eben Kinder sind und keine Erwachsenen. selbstständig, fleißig und verbittert mit einigen psychischen Problemen.
        Ist meine Ehe übrigens auch dran gescheitert. Das war zwar nicht der einzige Grund aber auch ein Faktor.

        • 1. Kinder ab 13 Jahre dürfen leichte Tätigkeiten wie Zeitungen austragen oder Babysitter machen. Bei meinem Sohn ist alles legal mit Steuer- und Rentennummer. Und er ist nicht der einzige in seiner Klasse. Und die Eltern seines Klassenkameraden sind nicht alleinerziehend.
          2. Weder mein Bruder noch ich haben durch unsere Jobs einen seelischen Schaden davon getragen. Aber die Jobs haben wir auch nur gemacht bis wir in unseren Berufen Geld verdienten und Ferien waren immer drin.

          • https://www.gesetze-im-internet.de/jarbschg/__5.html

            leichte Tätigkeit bis zu zwei Stunden täglich in landwirtschaftlichen Familienbetrieben bis drei Stunden täglich. Ab 13 Jahren stimmt tatsächlich, alles hat man dann doch nicht im Kopf, danke für die Korrektur.

            War das nicht früher mal „ab dem vollendeten 13. Lebensjahr“? – würde mich nicht wundern, wenn sogar der Arbeitsschutz für Kinder aufgeweicht worden ist.

  6. Liebe Christine, ich glaube nicht, dass deine Kinder sich aufgrund deiner finanziellen Engpässe vernachlässigt gefühlt haben – oder fühlen. Es gibt so viel Reichtum jenseits von Schwimmbadaufenthalten und Klavierstunden. Ich glaube, es ist wichtig, ihnen zu vermitteln, wie wichtig Bildung ist – Bildung ist egalisierend. Wer gebildet ist, muss nicht auch noch perfekt schwimmen, singen oder Judo können. Daher hat dein Vater schon Recht – Bildung (gute Schulbildung, Hochschul- oder Berufsabschluss, Interesse an Weiterbildung…) kann einem keiner nehmen. Das muss allerdings die 8-jährige noch gar nicht wissen… Hauptsache, sie erfährt, dass das Leben an sich unglaublich lebenswert ist – auch ohne so Extra-Zutaten wie Schwimmbad, Extra-Schaum oder Extra-Kuscheligwarmeswohnzimmer.

    • Ja, du hast Recht, liebe Landfamilie. Ich sehe nur gerade, dass die finanziellen Sorgen und die Zeitnot mich bestimmt sehr hart werden haben lassen. Und da den Kindern zu zeigen, wie schön das Leben ist, ist ein Kunststück, jedenfalls für mich. Aber ich finde das Leben schön. Das ist ja schonmal ein Anfang. ;)

  7. Tut mir leid aber wenn ich so etwas lese macht mich das echt traurig. Wieso haben Sie 3 Kinder wenn man sichs nicht leisten kann?? Wir habens auch nicht dicke und haben uns genau aus dem grund nur für unser 1 Kind entschieden, weil mein partner und ich nicht wollten dass unsere Kinder wie wir in Armut aufwachsen müssen. So etwas muss man vorher bedenken, das gehört auch zu einer verantwortungsvollen Elternschaft.

    • Ganz einfach, liebe Maja – es war nicht immer so. Als z.B. die Jüngste zur Welt kam, verdienten sowohl mein Mann und ich ziemlich gut. Ich hatte einen super Job in der Schweiz, der mir leider 2011 betriebsbedingt gekündigt wurde. So etwas lässt sich nicht vorhersehen. Ich hoffe, dass euch nichts Ähnliches passiert, denn sichere Jobs gibt es heute eigentlich nur noch in der öffentlichen Verwaltung. Und wenn nur noch Beamte Kinder bekommen, dann sterben wir aus.

  8. Liebe Christine,

    Ich kann nur Mut machen. Ich bin das Kind einer alleinerziehenden mit 5 Kindern. Ich spiele kein Instrument und war auch nie im Dportverein. Ich habe früh gelernt zu verzichten, auf Kleidung, Spielzeug,maber auch aufzulassen und Klassenfahrten. Sicher, manchmal war es hart, zumal wir selbst oft schauen mussten, dass wir was zu essen bekamen, denn meine Mutter war leider Vollzeit berufstätig und eigentlich nie da, genau so wie Brot und Butter. Kurz zusammengefasst war meine Kindheit arm, sehr arm denke ich. Ich habe aber nicht nur gelernt zu verzichten, sondern auch zu organisieren, zu priorisieren, war früh sehr selbständig. Ich habe gelernt mich niemals abhängig zu machen, drüber zu stehen, wenn andere über mich gelacht haben und so schnell kann mich heute nichts erschüttern. Natürlich hinterlässt Kinderarmut Spuren, ebenso wie die Gewissheit, dass der Vater einen nicht haben wollte. Aber diese Spuren kannst du ja nicht mildern, du kannst sie nur nutzen um die Energie daraus auch in etwas positives zu verwandeln, Kraft, Stärke, Selbstbewusstsein – heute bin ich in einigen Momenten beinahe dankbar, dass ich eines harte Schule durchlaufen habe. Aber ich glaube ich bin ein guter Mensch geworden, ehrgeizig, aber dennoch ehrfürchtig, empathisch und hilfsbereit. Ich habe einiges an Spontanität verloren, bin durchorganisiert, wahrscheinlich genau so wie du, aber was wirklich zählt ist die Liebe, die ich meinem Kind entgegen bringe, so wie ich als Kind auch spürte, dass meine Mutter und alle fünf liebte, auch wenn sie nur selten in der Lage war uns das zu zeigen.

  9. Sjuper! Genauso auf diese Art und Weise habe ich meine Jungs groß gezogen und sie haben das selbe reflektiert! Sie stehen fest im Leben und machen mich mega stolz!

  10. Liebe Christine,
    ich finde es ganz wunderbar, wie ehrlich und klar du die Dinge beim Namen nennst. Ich treffe immer wieder alleinerziehende Mütter, die sehr verzweifelt abwehren, was diese Studien herausgefunden haben (die Gesundheit von Kindern Alleinerziehender ist oft schlechter und die Gesundheit der alleinerziehenden Mutter sowieso). Deine Beiträge sind so erholsam zu lesen, weil du ohne Umschweife schreibst, dass es eben so ist. Ganz lieben Dank!
    Dunja

  11. Liebe Christine,

    deine gute (Aus-)Bildung ist mit Sicherheit dir und deinen Kindern zugute gekommen. In Worten und Taten! Wenn ich mir hier mein Umfeld so angucke, so fehlt es heute eher an Eltern, die ihren Kindern Werte und Inhalte vermitteln. Ich bin überzeugt, dass du das besser bei deinen Kindern hinbekommen hast als viele andere Eltern, die zwar in der Lage sind/waren, ihren Kindern teure Markenklamotten zu kaufen, aber ansonsten nichts vermitteln haben – aus Zeitmangel oder Desinteresse. Oder weil sie glauben, sie sind gute Eltern, weil sie dem Kind alles kaufen können/konnten. Darauf kommt es nicht an!
    Die Kinder, die materiell alles haben, sind nicht unbedingt diejenigen, denen es am besten geht. Deine Bildung hat sich zudem davor bewahrt, die Verantwortung für deine Kinder nicht mehr wahrnehmen zu können. Viele arme Kinder haben zusätzlich zu materiellen Schwierigkeiten auch noch eine Mutter, die nichts vermitteln kann und nur mich sich selbst und ihren Problemen beschäftigt ist. Ich habe ja auch dein Buch gelesen – du hast unheimlich viel schaffen und stemmen müssen. Ohne eine bestimmte Welt- und Weitsicht hätte da ganz viel schief gehen können. Sieht man ja bei anderen. Insofern würde ich sagen: Deine Bildung hat euch alle vor Verhältnissen bewahrt, die wohl jeder von uns aus eigener Anschauung kennt.

  12. Liebe Christine,
    danke Dir auch für diesen Beitrag. Wieder einmal aus meiner Seele geschrieben.
    Aber: wenn ich die Kommentare lese, kann ich es nicht fassen, dass es immer noch so ist und wir Alleinerziehende einfach vor die Hunde gehen mit dieser allumfassenden Belastung.
    Wann werden wir endlich von der Politik wahrgenommen?
    Es muss endlich etwas geschehen!
    Herzliche Grüße an Dich und alle Alleinerziehenden!

  13. Liebe Christine, wie gut kann ich dich verstehen. Ich selbst habe 4 Geschwister und bei uns gab es weder Taschengeld noch Urlaube oder anderen Luxus. Als Kind hat es mich nicht gestört. Ich komme aus dem Osten und meine Freunde lebten teilweise ähnlich. Sport und Musik, das war ja sehr gut möglich, bedingt durch das ostdeutsche System. Erst im Studium merkte ich, wie „abgehängt“ ich war. Ich konnte nicht Tennis spielen, nicht Skifahren, war nie in der Bretagne oder Toskana, sprach schlecht Englisch, da ich nie eine Sprachrreise oder Auslandsjahr hatte… endlos könnte ich weiter machen. Ich fühlte mich zwischen den anderen aus gutbürgerlichen Elternhäusern zeitweise einfach nur dämlich. Heute, selbst Mutter, versuche ich meinem Kind beides zu zeigen. Die Sparsamkeit und Bescheidenheit, aber auch wo möglich, sich in der Welt der wohlhabenderen zurechtzufinden. LG Andrea

  14. Ich glaube, dass solche Erfahrungen für Kinder zwar nicht angenehm sind, aber dass sie nicht unbedingt schlecht sein müssen. Mir fiel beim lesen etwas ein, dass zwar ein anderes Thema berührt aber doch irgendwie passt. Meine Kinder sind 8, 6 und 4 Monate. Meine Mutter verstarb bevor ihr erstes Enkelkind geboren wurde, mein Vater als die Großen 5 und 3 Jahre alt waren. Und natürlich haben die Kinder meine Trauer darüber mitgekriegt, bzw. selbst getrauert. Mein Sohn (der Älteste ) kann nur selten über den Tod seines Opas weinen, er spricht nicht gern darüber. Denn er beobachtet mich immer ganz genau, ob ich traurig werde, wenn es um das Thema geht. Er möchte mich nicht weinen sehen. Und das tut mir auch sehr leid, ich hab schon oft gedacht, ich hätte mich vor ihm mehr zusammen reißen müssen, um ihn nicht mit meiner Trauer zu belasten. Aber ich konnte das einfach nicht.
    Was ich sagen möchte, manchmal erleben Kinder und Erwachsene Umstände, die nicht einfach bzw. nicht leicht zu ändern sind. Das formt und verändert sie. Aber ist nicht jeder Mensch geprägt durch die Erfahrungen seines Lebens? Und das können ja nicht immer gute Erfahrungen sein. Aber dennoch kann man etwas daraus lernen, dass im Laufe des Lebens hilfreich sein kann. Ich hoffe Sie wissen was ich meine :)
    Viele Grüße, Mamamaj

  15. Aus meiner eigenen Erfahrung denke ich, dass das Verständnis für die Geldknappheit in den letzten Jahren schon da war und ist. Und es war auch ganz bestimmt nicht verkehrt zu sehen wie man spart und wie es ist, nicht alles zu bekommen.
    Wichtig war allerdings dass du deinen Kindern nie die Verantwortung übergeben hast, dafür zu sorgen das Geld in die Kasse kommt. Das traumatisiert ganz ordentlich!

    • Anni, das ist direkt ein Skandal, dass eine Frau mit Dr. Studium wegen der Kinder keinen passenden Job findet. Der Staat müsste, damit eine Alleinerziehende arbeiten kann, eine Ganztagsbetreuung, auch für die Wochenenden, finanzieren, damit wir dies schaffen. Die Kinderlosen müssen bezahlen. So wäre es richtig. Bin gerade richtig wütend.

  16. Liebe Christine,

    ich bin sonst stumme Mitleserin, doch jetzt juckt es mich in den Fingern.
    Du benennst die finanzielle Knappheit, die ihr über Jahre aushalten musstet, korrekt als Risikofaktor, z.B. für die weitere Entwicklung oder spätere Schwierigkeiten, die im Leben deiner Kinder auftreten könnte. Im Fachsprech reden wir vom „niedrigen sozioökonomischen Status“ (wie das schon klingt…naja.).

    Und jetzt kommt das große ABER: Bei dem, was du auf deinem Blog über dich preisgibst, sehe ich so viel mehr als diesen einen Risikofaktor. Nämlich ganz ganz viele Schutzfaktoren. Du lebst deinen Kindern Resilienz vor, indem du sehr sehr lange sehr stark warst und gegen Missstände vorgegangen bist, euch als Familie immer wieder neu organisiert hast usw usw.
    Deine Bildung führt dazu, dass du überhaupt über verschiedenste Möglichkeiten, sich zu bilden, Bescheid weißt. Das gibst du an deine Kinder weiter. Du weißt, wie studieren, Auslandsaufenthalte etc. funktionieren, dieses Wissen ist so viel wert! Dein Sprachniveau ist sehr hoch, da bringt deine Bildung deinen Kindern direkt etwas – denn sie lernen von dir und schauen sich das ab. Du bist ihr wichtigstes Modell. Diese Liste könnte man um vieles ergänzen, aber ich denke, die Botschaft ist klar.

    Ich habe großes Verständnis für deinen Schmerz über die schwere Zeit, die hinter dir liegt und die Konsequenzen für euch als Familie. Aber der Blick auf die andere Seite lohnt sich auch ;)

    Alles Gute aus Freiburg,
    Elisa

    • Liebe Elisa, vielen Dank. Das Thema Resilienz beschäftigt mich tatsächlich gerade sehr, und zwar im Zusammenhang mit meinen Kindern. Ich hoffe, ich kann ihnen genug mitgeben. Manchmal kommen Leute von außen, die anzweifeln, wie ich das mache. Und dann gerate ich doch ins Strudeln. Denn ich bin jemand, die sehr wohl sieht, was alles nicht so gut klappt. Und suche die Fehler eher bei mir als bei anderen. Es ist schwierig, da eine gute Balance zu finden.

      • Liebe Christine,
        genau dieses Reflektieren über die eigene Vorgehensweise beim Erziehen der Kinder macht eine gute Erziehung aus, finde ich. Es wird nie alles „glatt“ gehen. Man wird immer „Fehler“ machen. Aber wenn man sich darüber Gedanken macht, was könnte man ändern, sich Rat einholt usw. hat man sein möglichst getan. Und damit hast du mehr getan, als so manche andere Eltern.

  17. Liebe Christine,

    ich lese schon eine ganze Weile dein Blog und ich möchte dazu auch gern etwas schreiben.

    Ich finde, dass du intelligente und interessante Texte schreibst, welche mich perrsönlich oft zum Nachdenken anregen. Danke dafür.

    Aber:
    Deine pessmistische Grundhaltung ist so furchtbar erschreckend.
    Und darüber würde ich nachdenken. Ständig dieses Gejammere… das würde ich meinen Kindern nicht antun wollen.
    Und ja, ich kann deinen Schmerz, deine Wut und vielleicht auch deine Verzweiflung nachvollziehen… aber HEY Du hast drei gesunde Kinder, du hast eine Wohnung, du hast Aufträge, sei doch einfach verdammt nochmal glücklich!
    Lieben Gruß

    • Liebe Karoline, ob die Kinder gesund sind, weißt du nicht. Und es steht auch nicht alles hier, was mich beschäftigt. Dies nur in aller Kürze. Trotzdem vielen Dank für den Kommentar und viele Grüße zurück!

  18. Das glaube ich ja jetzt wohl nicht, Karoline!
    Das ist kein Gejammere, das sind die Fakten. Und genau die gehören hier auf den Tisch! Wenn Dir das zuviel Realität ist, dann verschwinde doch in einen Koch- oder Handarbeiten Blog.
    Schnaub!

  19. Hallo Christine,
    ich bin nicht alleinerziehend und ich bin dankbar dafür. Ich lese Deine Artikel aber regelmässig, verstehe, staune und brech zusammen vor Mitleid und….ziehe meinen Hut und bin so froh, dass es Frauen wie Dich gibt. Dankeschön !!!

  20. Ich habe ein Kind und lebe allein. Mein Mann ist weg. Er hatte keine Lust mehr auf mich und die Tochter. Ich bin deshalb in meiner Familie nicht angesehen. Meine Mutter sagt, dass ich nicht gut zu meinem Mann war. Deshalb ist er weg. Ich kenne kein Land, dass mir besser hilf als Deutschland.

    • Hallo Lena, ich hoffe, du glaubst deiner Mutter nicht. Und ja, wir haben einen guten Sozialstaat. Trotzdem kann man noch vieles besser machen.

  21. Sehr guter Artikel. Bin selber bei einer alleinerziehenden Mutter grossgeworden. Und die Situation (Armut, Vater der sich nicht kümmert, psychische Probleme der Mutter) haben mich oft sehr stark belastet. Dass alle Kinder alles so einfach weg stecken, glaube ich deshalb nicht.
    Aber den einen Kommentar hier, dass Kinderlose für die Betreuung der Kinder von Alleinerziehenden bezahlen sollen finde ich gemein und ungerecht. Es gibt viele Kinderlose, die ungewollt keine Kinder haben. Und viele wie ich, wo es in jungen Jahren wegen Teilzeitverträgen, Praktika und Mini-Jobs nie zur Familiengründung gereicht hat…

  22. Jedes Kind geht ja anders mit den Umständen um. Ich habe auch drei allein aufgezogen (die Älteste ist nun schon 27), aber auf jede hat es anders gewirkt. Die Große wollte mehr Taschengeld, was nicht ging, es gab nur die Empfehlung sich einen Job zu suchen. (böse Mama!). Seit sie 15 war hat sie also gejobbt, kann sich in vielen Situationen zurechtfinden, hat eine abgeschlossene Ausbildung, studiert gerade erfolgreich, kann aber Geld nicht zusammenhalten. Die Mittlere ist dafür ein echter Sparfuchs, die Jüngste sehr bescheiden. Wie viel davon ist nun den Umständen geschuldet? Ich komme zwar aus dem Osten, wir waren aber nicht arm. Ich kann trotzdem (oder deswegen?) das Geld nicht gut zusammenhalten, so wie meine Älteste.
    Ich hatte übrigens mal eine Nachbarin, die war „freiwillig“ so sparsam. Eine volle Wanne gab es nie, auch wurde kaum geheizt und das Licht brannte nur in dem Raum, wo man gerade war. Ihre Kinder leben also wie Deine, nur hat sie kein schlechtes Gewissen.
    Auch die eigenen Resilienz gilt es zu stärken.
    LG! Manuela

  23. Liebe Christine,
    ich bin mir ganz sicher, dass man kein schlechtes Gewissen haben braucht, wenn das Kind nicht mehrfach die Badewanne füllen kann, wenn z.b. in Afrika Kinder verhungern…
    Ich sehe einige dieser in viel Luxus aufgewachsenen Kinder, die jetzt selbst für sich sorgen sollten und es, aufgrund dieser Luxus Erfahrungen in ihrer Kindheit nicht schaffen. Vor allem psychisch.
    In so weit könnte das sogar ein Vorteil sein, wenn Kinder lernen, dass man nicht immer alles haben kann, dass Geld nicht alles ist und man auch arbeiten muss um sich was leisten zu können.

    Wo ich persönlich mehr Bauchschmerzen hätte wäre die fehlende Zeit. Die kann man nicht nachholen. Ich fand als Kind meine dauer abwesende Mutter (die vollzeit arbeitete) weit belastender als die Voreile von fehlenden Geldsorgen.
    Ich musste ganz früh z.b. für meine Schwester kochen. Nicht weil kein Geld da war. Sondern weil keiner da war, der kochte. Ausser mir.

    Geh mal in dich und überleg, du bist ja zwischen zwei Polen hin und her gerissen: zu wenig Zeit und zu wenig Geld. Keine Zeit macht Geld. Weniger Geld macht Zeit.
    HarzIV macht Geld + sehr viel Zeit. Bevor die Mutter wegen Born out komplett den Löffel abgibt, ist zeitweise Harz IV, bist die Kinder groß sind ev. klüger.
    Egal was diese Hassprediger sagen.

    Care Arbeit gehört genauso bezahlt wie z.b. ein Job in einer Anwaltskanzlei. Die CAre arbeit ist wesentlich schwerer (daher gehört sie eigetnlich noch besser bebzahlt).

    • Das stimmt – Zeit ist ein wichtiger Faktor. Das Problem mit Hartz IV ist nur, dass Alleinerziehende sich da ja nicht ausruhen können und sollen, sondern in Fortbildungen zweifelhafter Natur gesteckt werden, in irgendwelche Maßnahmen, und, wie die Bertelsmannstudie „Alleinerziehende unter Druck“ schreibt, auch bevorzugt in 1 € Jobs. Damit wäre also nichts gewonnen, außer, dass mein Intellekt auch noch verkümmert. Und das war der Grund, warum ich mich nach dem Auslaufen des ALG 2 für Wohngeldbezug als vorübergehende Hilfe entschieden habe. Da redet mir wenigstens keiner rein, wie ich mein Geld zu verdienen habe. Und sagt meiner 16-Jährigen, dass sie kein Abi machen, sondern lieber eine Lehre soll (Ja, sowas müssen sich Kinder von Alleinerziehenden anhören!).

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