Immer bist Du weg, Mama! (Widersprüchliches aus dem Home Office)

Immer bist Du weg, Mama! (Widersprüchliches aus dem Home Office)

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Home OfficeIch kenne niemanden, der so viel zuhause ist wie ich. Weder hier im 11-Parteien-Mietshaus, noch im Freundeskreis, sogar unter meinen vielen Internetfreunden aus der Filterblase fällt mir auf Anhieb keine/r ein, die weniger das Haus verlässt als ich das tue.

Dass ich so viel zuhause bin, ist nicht ganz freiwillig: Seitdem ich nicht mehr fest angestellt bin, arbeite ich im Home Office, gut 4 Jahre schon. Mir fehlt das Büro, mir fehlen die Menschen darin, mir fehlt auch der Ortswechsel. Ich mag es nicht, dass mein Wohnzimmertisch mein Arbeitsplatz ist, aber wir haben keinen Platz für ein Büro, es ist ja sogar so, dass sich die Jüngste (7) und der Sohn (10) ein Zimmer teilen müssen, weil unsere Wohnung nicht mehr hergibt.

Nun können einem dazu eine Menge Lösungsansätze einfallen (Coworking Space, Umzugsantrag bei der Wohnbaugesellschaft, Arbeitsplatz in mein Schlafzimmer verlegen etc.), aber das ist nicht, was mich gerade beschäftigt. Also lassen wir diese Lösungen mal beiseite. Mein Problem ist ein anderes: Die Kinder haben sich offenbar so sehr daran gewöhnt, dass ich immer zuhause bin, dass sie es als vollkommen unnatürlich und falsch empfinden, wenn ich mal nicht dort sitze, wo ich meistens sitze: am Rechner im Wohnzimmer.

Abends ausgegangen bin ich jahrelang mangels Geld für einen Kindersitter auch nicht, und regelmäßig ohne Kinder gehe ich erst aus dem Haus, seitdem ich Stadträtin in der Kommunalpolitik bin, also seit gut 2 Jahren. Meine Kinder waren „not amused“ darüber, und es hat viel Gemecker gegeben deswegen, aber mittlerweile kann ich das Haus verlassen, ohne tränenreiche Abschiedsszenen hinter mich bringen zu müssen. Es war ein Kampf, sie daran zu gewöhnen, dass ich ohne sie etwas unternehme, nachdem ich 5 Jahre lang fast keinen Schritt ohne sie tun konnte, Trennungsängsten sei Dank.

Vielleicht, das denke ich gerade, sind diese Trennungsängste der Grund, warum meine Kinder, speziell die Jüngste, so oft vorwurfsvoll sagen, ich sei doch nie zuhause. Rein faktisch stimmt das nicht. Aber für sie fühlt sich das offenbar so an.

Seitdem die Kinder größer sind, gehe ich zum Lebensmitteleinkaufen auch oft erst los, wenn sie schon aus der Ganztagsschule wieder zuhause sind, weil es kein Problem mehr ist, sie für 1-2 Stunden alleine zu lassen. Die wertvolle Zeit, in der ich ohne Kinder am Schreibtisch sein kann, nutze ich nun nicht mehr gerne, um den Kühlschrank zu füllen. Und die politischen Sitzungen finden auch meist am späten Nachmittag statt, dauern aber normalerweise nicht länger als bis 20 Uhr, bis auf die Gemeinderatssitzungen, aber das ist auch nur ein Mal im Monat.

Wenn ich an meine Kindheit denke, dann fällt mir auf, wie anders sich das für mich anfühlte. Mein Vater war zwar selten zuhause, unter der Woche kam er oft spät heim, und er war als Geschäftsführer viel in der Welt unterwegs. Aber ich hatte nie das Gefühl, er fehle. Nicht, weil ich ihn nicht liebte – wenn er da war, war es immer schön. Er fehlte einfach nicht, er war nicht Teil meines Alltags. Meine Mutter hingegen, die Hausfrau war, war eigentlich immer anwesend. Ich erinnere mich, wie toll ich es fand, wenn sie für 2 Stunden mit dem Rad ins nächste Dorf fuhr, um einzukaufen. Oder wenn sie den deutschrussischen Aussiedlerkindern in deren Gemeinschaftsräumen ehrenamtlich bei den Hausaufgaben half, oder zu einem Geburtstag in der Nachbarschaft eingeladen war.

Ich war gerne ohne meine Mutter zuhause, und mein Vater fehlte mir nicht. Heute, als dreifache und extrem alleinerziehende Mutter, weiß ich, was für eine luxuriöse Situation das für mich als Kind war. Es herrschte kein Mangel an erwachsenen Bindungspersonen. Ich hatte zwei, die mir zugetan und zugewandt waren. Ich hingegen bin nur eine, und ich bin nicht immer zugewandt, weil ich am Wohnzimmertisch arbeite, und weil ich das als freie Mitarbeiterin tue, es also keine saubere Trennung von Arbeit und Freizeit gibt zwischen mir als Mutter und mir als Familienernährerin.

Und manchmal, fürchte ich, bin ich auch „nicht da“, obwohl ich körperlich anwesend bin, was ich ja auch sein muss, jeden Abend, jede Nacht, jeden Morgen, auch wenn die Kinder ausrasten und ich eben nicht einfach sagen kann, „Übernimm du mal, Liebster, ich gehe eine Runde spazieren.“ Dann beame ich meinen Kopf raus, mehr geht ja nicht, und begebe mich ins Internet. Das ist der Notausgang, und er bewahrt mich oft genug davor, vor lauter Enge zu verzweifeln. Danke, Internet. Und danke, Ihr Menschen im Internet.

2 Kommentare

  1. Ich lebe in einer gänzlich anderen Lebenssituation. Verheiratet, gemeinsam erziehend, Vollzeit außer Haus arbeitend. Meine Kinder schreien auch gerne, wenn ich die Wohnung verlasse, und sei es, um nur mal gerade zur Waschmaschine in den Keller zu gehen. Ich schiebe das gerne darauf, dass ich ja so wenig zu Hause bin und meine armen Kinder deswegen so eine dolle Sehnsucht nach mir haben.

    Aber vielleicht ist das auch nur wieder dieses übliche schlechte Gewissen, was wir Mütter so gut können? Dass wir gerne denken, alles, was in unseren Augen nicht optimal läuft, haben wir und unsere Lebensumstände irgendwie mitverursacht? Aber vielleicht sind manche Dinge einfach so und wir sollten üben, sie gelassener zu nehmen? Frage ich mich gerade so.

    Bei Dir kommt natürlich noch dazu, dass Dich die Gesamtsituation aus vielen, sehr verständlichen Gründen stört – so höre ich das zumindest raus. Die räumliche Enge, das Angebundensein, die Alleinverantwortung, die all das verursacht. Ich kann mir vorstellen, dass man dadurch alles nochmal viel schärfer wahrnimmt, weil auch im Kleinen all das andere, Große, immer mitschwingt. Ich wollte das keinesfalls in Abrede stellen.

  2. Liebe Christine,

    Ich kann mich gut erinnern, wie ich meine Mama vermisste, wenn sie Tage weg war – für ihre Vertretungsstellen an Hochschulen in der ganzen Republik, auf Tagungen oder einfach nur oben am Schreibtisch. Wenn ich schlafen sollte, hörte ich ihr Tippen auf der Tastatur, und es machte mich radend vor Wut, dass sie nicht bei mir saß, Händchen hielt und Rücken streichelte.

    Heute, als erwachsene, gestandene Frau ist sie immer noch mein größtes, bestes Vorbild, ich bin wahnsinnig stolz auf das, was sie geleistet, erreicht und mir vorgelebt=mitgegeben hat. Und kann sie besser nachvollziehen, als Solounternehmerin im Homeoffice.

    Arbeiten und Muttersein – ein schmaler Grat, beidem gerecht zu werden und irgendwie muss man immer Abstriche machen.

    Du leistest so einen wahnsinnig wichtigen Dienst an der Gesellschaft, beruflich und in Deinen Leistungen zu Hause! Rückblickend werden Deine Kinder verstehen und sehr stolz auf Dich sein.

    Und wenn die destruktiven Gedanken des „nicht-genügen“ Dich einholen, nimm ein paar tiefe Atemzüge und schau, was Du schon alles erreicht hast. Auf der privaten wie auf der gesellschaftspolitischen Ebene.

    Danke also auch Dir und: rock on, Schwester!
    Herzensgrüße,
    Isabel

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