Liebesbrief an meine Kinderärztin

Liebe Frau Dingsbums,

ich weiß nicht, wo ich ohne Sie wäre. Das ist nicht übertrieben, Sie haben mir und meinen Kindern schon so oft irgendwas zwischen „das Leben gerettet“ und „entscheidende Weichen gestellt“, dass ich Ihnen auf ewig dankbar sein werde.

Als wir uns kennenlernten, vor 13 Jahren, stattete ich Ihnen einen Kennenlernbesuch mit meiner ältesten Tochter ab, die damals noch ein Einzelkind war. Ich hatte irgendwo gelesen, dass es gut ist, wenn der neue Kinderarzt seine zukünftigen Patienten auch in gesund gesehen hat, also der Erstkontakt nicht mit einem fiebernden, jammernden Kind verläuft, und fand das einleuchtend. Sie auch, und Sie haben mir schon damals, bei diesem ersten Besuch, der eigentlich nur eine pro forma Visite hätte sein sollen, ein Stück weit das Leben gerettet. Weil sie nämlich meinem Kind in den Rachen schauten, riesige Mandeln sahen, und fragten: „Schläft sie gut?“ Diese Frage hatte mir noch nie jemand gestellt. Dabei hatte es vor Ihnen schon mehrere andere Kinderärzte gegeben, zwei in Hamburg, wo das Kind geboren ist, und einen in Konstanz, in dem anderen Stadtteil, in dem wir zuerst wohnten. Zu Ihnen kam ich eigentlich nur umzugshalber, ich hatte mir gedacht, dass es praktisch sei, wenn ich unsere Kinderärztin gut zu Fuß erreichen könne.

Kinderärztin
Paolo Gallo Shutterstock.com

Und dann änderten Sie mein Leben zum Besseren, und zwar innerhalb kürzester Zeit. Meiner Tochter wurden die Polypen heraus operiert und sie schlief zum ersten Mal seit der Geburt durch – zu diesem Zeitpunkt war sie drei Jahre alt. Alle anderen Ärzte vorher hatten gesagt, da müsse ich durch, und nein, Schlaflabor für so kleine Kinder mache man nicht. Sie aber, Frau Doktor Dings, wussten auch ohne Schlaflabor, was zu tun war (natürlich in Zusammenarbeit mit dem HNO, der das Kind gründlich untersuchte).

Auch hinterher haben Sie uns viele Male aufgefangen. Als meine jüngste Tochter mit 2 Jahren eine größere Operation hatte, als sie mit 3 scheinbar überhaupt nicht mehr zu wachsen schien, die sicher über hundert Male, in denen ich überhaupt nicht wusste, ob das aktuelle Krankheitsbild nun ein ernst zu nehmendes Problem oder eine Lappalie ist, Sie waren immer geduldig. Und den Kindern zugewandt.

Sie können impfen, ohne dass man etwas spürt (ich kann das beurteilen, weil Sie mir die Schweinegrippeimpfung damals einfach mitverpasst haben), Sie wissen blitzschnell, wo der Schuh drückt, und sie verurteilen mich als Mutter nicht, wenn ich zu spät zu Ihnen komme, weil ich denke, „Ach das geht schon noch, ich habe noch zu arbeiten“, oder wenn ich zu früh komme, weil ich beim letzten Mal zu spät bei Ihnen mit dem kranken Kind aufgeschlagen bin.

Die unzähligen Male, an denen Sie für mich bei Spezialisten Termine gemacht haben, vom angebrochenen Fuß über geschwollene Handknöchel bis hin zu Neurologen wegen Kopfschmerzen und den ausgefallensten Spezialproblemen, die alle drei Kinder hatten und immer noch haben, kann ich gar nicht aufzählen. Wir mussten dort nie lange warten, und ich war immer beeindruckt, wie gut sie wussten, was meine Kinder jetzt brauchen.

Ich bin so unglaublich froh, zufällig bei Ihnen gelandet zu sein. Und ganz besonders groß war Ihr Verhalten, als ich ziemlich verzagt für ein Vier-Augen Gespräch vor Ihnen saß, weil ich nämlich erklären wollte, warum ich ein Au-Pair und eine befreundete Mutter mit meiner hoch fiebernden Jüngsten zu Ihnen geschickt hatte, während ich selbst in Norwegen auf Geschäftsreise weilte. Ich holte damals tief Luft und erzählte, dass ich schon einige Monate getrennt war, und auch den Grund dafür. Und dass ich eben auf Geschäftsreise hatte fahren müssen (und natürlich fanden Sie es sonderbar, dass ein 1-jähriges Kind ohne Eltern in die Kinderarztpraxis kommt, ohne den Hintergrund zu kennen). Sie nickten verständnisvoll und sagten, „Manchmal ist es besser, wenn der Vater wenig Kontakt hat“, oder so ähnlich. Und behandelten uns seitdem nicht wie Menschen zweiter Klasse, sondern eher wie solche, die besondere Hilfe benötigen.

Ich wünschte, es gäbe überall solche Kinderärztinnen wie Sie. Jede Alleinerziehende, alle Eltern, alle Kinder sollten so eine tolle Ansprechpartnerin haben. Vielen Dank.

Ihre Mama arbeitet

17 KOMMENTARE

  1. Schön wenn das so läuft! Ich habe da bei meinen Töchtern eher gemischte Erlebnisse. Die Krönung war mal die Frage, ob für die Mama eine Krankschreibung für die Beaufsichtigung des kleinen/kranken Bratens benötigt wird…

    Weiter so!

  2. Also wir haben, nach einer langen Serie der Sorte: „Messen, wägen, warten lassen“ nun auch so eine Kinderärztin gefunden. Junior liebt sie heiss und ich hoffe und bete, dass wir noch 12 Jahre mit ihr haben dürfen. Sie ist nicht mehr die jüngste, jedoch voll aufs Kind fokussiert und dafür liebe ICH sie heiss …

  3. Gut, wenn es so ist! Wir haben ganz andere Erfahrungen gemacht: Unser langjähriger Kinderarzt hat meinen Sohn einen zukünfigen Hartz 4- Empfänger genannt, weil er eine Mutter habe, die berufstätig sei und sich ja nicht angemessen um ihre Kinder kümmern könne. Hausaufgabenbetreuungen in der Schule würden dafür sorgen, dass Kinder sich nicht konzentrieren können und Intelligenz verlieren! Jawohl! Ich triebe mein Kind in Hartz4 und hätte nicht mal gemerkt, dass er ein Aufmerksamkeitsproblem hätte! Ich habe ein auffälliges Kind! (komischerweise hat außer diesem Kinderarzt kein anderer dieses Problem bemerkt. Als ich Rücksprache mit Lehrer und Erzieherin hielt, lachten Sie und meinten: „Ihr Kind? Nicht ernsthaft! Wie kommt der darauf?“)
    Ende vom Lied: Wir haben jetzt gar keinen Kinderarzt mehr. Zu diesem Arzt kann ich unsere Kinder nicht mehr bringen und alle anderen Praxen sind überlaufen und nehmen keine Kinder mehr an.

    • Dieser Arzt klingt für mich, als habe er noch immer dieses uralte Rollenbild der 50er im Kopf. Darf ich fragen, ob du aus den alten Bundesländern kommst? Denn von jenen habe ich schon sehr oft eben dieses verstaubte Denken mitbekommen. Bei „uns“ (ich komme aus Thüringen) ist es ganz normal, dass beide Elternteile arbeiten gehen – ganz einfach, weil man es sich finanziell gar nicht leisten kann, dass einer daheim bleibt. Und auch Alleinerziehende gehen i.d.R. arbeiten. Ich bin auch so aufgewachsen und auch wenn ich mir manchmal ein bisschen mehr Freizeit mit Mutti gewünscht hätte, so bin ich ihr heute dankbar, dass sie sich so für mich angestrengt hat. Da war sie trotzdem. Und ich denke, ich bin trotzdem (oder gerade deshalb) ein anständiger und selbständiger Mensch geworden.

  4. Ich wohne in einer Stadt mit über 80000 Einwohnern (und hohen Arbeitslosenzahlen), die nicht genügend Kinderärzte hat. Die vorhandenen Kinderärzte haben alle mehr kleine Patienten als die Krankenkassen eigentlich erlauben (und bezahlen). Deshalb lehnen alle neue Patienten ab. Nur mit einem Neugeborenen oder frisch nach einem Umzug in die Stadt hat man eine Chance bei einem KiA als Patient aufgenommen zu werden.
    Ich wollte jetzt den KiA wechseln, weil dieser uns eine Bescheinigung verwehrte, mit der meine Tochter im Kindergarten Logopädie bekommen könnte* – keine Chance. Bei mehreren hatte ich Termine, aber bevor wir zum Arzt durchgelassen wurden, mussten wir das U-Heft vorzeigen und da dort schon ein Arzt aus dem Ort eingetragen war, wurden wir mit den Worten weggeschickt, dass wir ja schon einen KiA vor Ort hätten.
    Und allen vor Ort ist dieser Mißstand bekannt … Jugendamt, sozialpädagogischer Gesundheitsdienst … alle haben mir bestätigt, dass es nicht genügend Kinderärzte gibt und es unmöglich ist einen anderen KiA zu finden … keiner hatte irgendeine Lösung für uns – außer dass sie alle noch mal mehr Druck auf mich ausübten, wie dringend meine Tochter Logo-Behandlung braucht und wie unverantwortlich ich handle, wenn ich dies nicht ermögliche. Alleinerziehend und in Vollzeitumschulung, ist die Behandlung im Kindergarten leider die einzigste Möglichkeit für meine Tochter – wenn ich sie nach 9h Kindergarten abhole und in eine Logopädiepraxis fahre, ist sie so fertig, dass sie null mitmacht.

  5. Also ich kann mich auch nicht beschweren. Wir sind in einer Gemeinschaftspraxis und es gibt dort keinen der drei Ärzte wo ich sage:“Da bitte nicht hin!“(obwohl der eine doch einen Punkt bei mir verschenkt hat, nachdem er ins U-Heft der Kleinen „Übergewicht“schrieb-weil sie nicht auf der 50er Perzentilen lag…).
    Der Vorteil ist auch:Es ist immer jemand da(ausser,wenn Feierabend ist natürlich).
    Oft passiert alles im Schnelldurchlauf, trotzdem geben sich die Ärzte Mühe, alles zu erklären und Elternfragen zu beantworten, seien sie noch so „blöd“.
    Beneiden tu ich sie nicht, lese ich doch auch den Blog von „Kinderdok“, der oftmals über skurrile Fälle berichtet. Und über solche, wo der Arztbesuch unnötig ist.

    Noch weniger beneide ich den Notdienst. Als meine Große am Montag aus dem Brechen nicht mehr heraus kam, hab ich ihren Vater mit ihr abends um 19:45 (nach Rücksprache mit dem Kinderarzt um kurz vor 18 Uhr)zum Notdienst geschickt. Dort war eine Familie anwesend, deren Jungs dort fit herumtobten. Da frage ich mich: was soll sowas? Wir vermuteten, die Frau war entweder nicht in der Lage, alleine mit den Jungs zu fahren oder nicht Bus und Bahn zu benutzen, da Vati tagsüber das Auto hatte. Es war ja auch kein Wochenende, sodass man nicht am nächsten Tag hätte gehen können. Naja, ich kann das nicht beurteilen, ich bin kein Arzt.

    Mich ärgert es ja schon, wenn ich mit dem Kind zum Arzt muss, obwohl es eigentlich nur ins Bett gehört-weil ich als Betreuungspflegeperson zu Hause bleiben muss. Ich weiß zwar nicht WIE, aber da sollte man dringend etwas dran ändern. Zumal man, wie ich kürzlich erst erfahren habe, als @Papapelz und @buddenbohm das Thema in den Raum warfen, auch noch finanzielle Einbußen dadurch hat.

    Man wird bestraft, wenn man sich um sein krankes Kind kümmert statt es krank in KiTa/Schule zu bringen. Geht’s noch?
    Aber das ist wieder ein anderes Thema.

    Vielleicht hat Deine Ärztin diesen Brief ja gelesen oder auch der ein oder andere Kinderarzt, um sich ein Beispiel dran zu nehmen ;-)

    Gruß Silke

  6. Gerade weil diese Kinderärztin eine ganz besondere und keine x-beliebige ist, stört mich die Anrede „Frau Dingsbums“ sehr.

    • Naja, Frau XY wäre aber auch nicht schöner, oder? Das ist nämlich, was mir alternativ eingefallen wäre. Vorschläge, wie ich das hätte besser machen können? Einen Fake Namen mit Sternchen wollte ich ihr auch nicht geben.

      • Liebe Frau Doktor „Alles wird gut“…

        Ein sehr schöner Brief an die Ärztin. Sie muss ein ganz wunderbarer Mensch sein.
        Ich hoffe trotzdem ihr müsst nicht oft hin.

        Herzlichst Joevlin

  7. Ich habe auch das Glück, eine solche Kinderärztin zu haben. Gleich beim ersten Besuch (zur U3) erzählte ich, dass ich alleinerziehend bin. Ganz selbstverständlich kam die Frage, ob ein Vermerk in die Akte soll, dass Informationen an den KV nicht rausgegeben werden dürfen. Ich weiß nicht, wie oft ich den Satz zu hören bekam: „Sie machen das schon richtig so!“ Der fiel auch, als ich kleinlaut erzählte, dass ich wieder arbeite, weil ich mein Kind zwar abgöttisch liebe aber ich am Rad drehe, wenn ich sonst nichts mache. Da fing sie an zu erzählen, wie sie Arbeit und Kinder unter einen Hut bekommt. Oder auf die Nachfrage wegen den Untersuchungen zur gestörten Mutter-Kind-Beziehung im Zuge der neuen U-Untersuchungen kam als Antwort nur, dass sie sich da bei mir keine Sorgen machen würde.
    Sie nimmt sich auch viel Zeit und erklärt geduldig. Neben der Ärztin sind aber auch die Arzthelferinnen klasse. Die merken sich entweder viel oder führen sehr gut Buch. Es wird jedenfalls auch mal gefragt, wie es den Hunden geht…

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