Mehr Zeit mit der Familie? Bitte nicht!

Andere Eltern vermissen ihre Kinder. Ich wünschte, meine wären mal woanders!

Es klingelt, die Nachbarin steht vor der Tür. „Luis*, kommst du bitte heim? Und Lisa*, du auch?“, ruft sie ins Kinderzimmer, wo Luis und Lisa wie so oft mit meiner Jüngsten spielen. Meine Jüngste geht nämlich nicht gerne zu anderen Leuten. Da sind Väter, vor denen sie Angst hat, denn die sind laut, lauter jedenfalls als ich, ihre Mutter, die sie und ihre beiden älteren Geschwister seit über 8 Jahren komplett alleine großzieht.

Und in anderen Familien herrschen auch andere Regeln, das verunsichert meine Tochter mehr als andere Kinder. Sie findet, alle Mütter sollten so sein wie ich, und ich sei die Beste, was irgendwie schmeichelhaft ist, aber gar nicht dem Bild entspricht, das ich von mir selbst habe.

Familienzeit
Alexas_Fotos auf Pixabay.com

Ich bin eine schlechte Mutter. Ich wünsche mir, dass meine Kinder mal möglichst lange irgendwo anders sind, und ich würde niemals, jedenfalls nicht in dieser Lebenssituation, sagen, was meine Nachbarin als nächstes sagt, nämlich: „Weißt du, Jüngste, ich war bis eben arbeiten, und jetzt möchten Luis‘ Papa und ich gerne Zeit mit unseren Kindern verbringen.“ Weder kann ich irgendwo anders arbeiten als im Home Office, das ich nur gewählt habe, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, noch ist mein Leben so, dass ich mir je wünsche, mehr Zeit mit meinen Kindern zu verbringen.

Und dafür schäme ich mich. Ich sollte die Zeit mit den Kindern genießen, sie vermissen, wenn sie nicht da sind, mich ohne sie unvollständig fühlen. Stattdessen bin ich froh über jede Minute und Stunde, in der sie in der Schule oder, selten genug, doch mal bei Freunden sind.

Das ist, was passiert, wenn Du über Jahre alleine für alles zuständig bist: Fürs Geld verdienen, den Haushalt und die Kinder.

Ich fühle mich schlecht. Ich möchte mich nicht schlecht fühlen, ich weiß, dass ich ganz viel stemme und andere Menschen sich fragen, wie ich das alles schaffe, ich sollte stolz auf mich sein! Aber das ist schwierig, wenn es an so elementaren Dingen fehlt wie etwas Zeit für sich selbst. (Von Geld und Liebe wollen wir an dieser Stelle mal gar nicht reden.)

Niemals hätte ich gedacht, dass der Vater meiner Kinder nach der Trennung finden würde, die Kinder gingen ihn nix mehr an. Dass er sie nicht anruft, nicht besucht, keine Briefe schreibt. Die Zerstörung, die das im Leben der Kinder und auch in meinem anrichtet, ist eigentlich nicht zu kompensieren. Aber hätte ich mich nicht getrennt, wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Ich wäre wahrscheinlich tot, er hätte mich versehentlich vor Wut erstochen oder die Treppe heruntergeschubst. Ich hatte keine Alternative.

So seufze ich also und bin neidisch auf die Nachbarin, die nach der Arbeit ihre Kinder vermisst. Und weil ich sie mag, gönne ich ihr das. Aber trotzdem: Ich schätze, das habe ich vermasselt. Abbiegung verpasst.

Hinterlasse einen Kommentar

17 Kommentare auf "Mehr Zeit mit der Familie? Bitte nicht!"

avatar
neuste älteste beste Bewertung
Maike Buchholz
Gast
Beim Lesen des Textes kommen alte Erinnerungen, gut weggepackt wieder hoch. Genauso ging es mir in den vier Jahre, in denen ich als Alleinerziehende lebte. Großeltern weit weg, neu in einer fremden Kleinstadt, gab es keinen einzigen Tag, an dem ich mal alleine hätte sein können und nichts habe ich mir damals mehr gewünscht, als mal ohne Kind zu sein. Zu der Zeit gab es noch keine Internetplattformen, nicht mal einen virtuellen Austausch. Ich habe mein Leben gehasst, alles gehasst, war an manchen Sonntagen zerfressen vor Neid, wenn ich andere Familien sah, die die Zeit anscheinend gerne miteinander verbrachten. Nie… Read more »
Claire
Gast
Liebe Christine, wer mag das, was du empfindest, schon öffentlich Preis geben? Manchmal möchte ich, wie Du, für mich sein, meinen Gedanken nachhängen und mal runterkommen. Ich arbeite, wie du, im Homeoffice, es ist eigentlich nur ein Laptop mit Bildschirm im Wohn- und gleichzeitig Schlafzimmer einer Dreizimmerwohnung. Ich telefoniere und maile, um neue Aufträge als Freelancerin zu erhalten, ich recherchiere, ich arbeite weiter, generiere neue Kunden – oder auch nicht. Festanstellung? Das war einmal bis vor gar nicht langer Zeit. Aber nun bin ich trotz digitaler Expertise als 50jährige nicht mehr im Focus der HR-Abteilungen. Was solls, wäre doch gelacht?… Read more »
Schnübel
Gast
Darf man sich auch am Gespräch beteiligen, wenn man nicht alleinerziehend ist? Darf man sich dann auch hineinversetzen? Ich habe vier Kinder, bin Vollzeitmutter von Kindern zwischen gerade drei und gerade elf Jahren. Morgen ist Montag und ich freue mich sehr darauf! Die Kinder sind bis ca ein Uhr alle in ihren ‚Einrichtungen‘, ich alleine zu Hause mit meinen vier zu bearbeitenden Wäschekörben, Trockner noch voll Wäsche, Waschmaschine auch. Wenn das alles erledigt ist, mache ich den montaglichen Durchmarsch durch die 200qm Wochenendverwüstung, inklusive Staubsaugen (hey, ich müsste auch mal wieder wischen…),(und natürlich gibt es ja auch den alltäglichen, kleineren… Read more »
Stephi
Gast
Es macht mich sehr traurig zu lesen, dass Sie deshalb ein schlechtes Gewissen haben! Ich stehe dazu, dass ich Zeit ohne meine Kinder genieße, froh bin, wenn sie ausser Haus sind, wenn ich weiß, dass ich machen und tun kann, was ich will (im Rahmen meiner Möglichkeiten zwischen „müssen“ und „wollen“) Wieso sollte man sich das als 24/7 -Verantwortliche auch nicht wünschen?! Jetzt bin ich aber nicht alleinerziehend und habe Oma und Opa in der Nähe! Bitte, machen Sie sich deshalb keine Vorwürfe! Viel mehr glaube ich, dass sehr viele dieser Nachbarinnen auch in diesem Bereich unehrlich sind (zu sich… Read more »
Kleinstadtlöwenmama
Gast

Nein, das hast du nicht „vermasselt“ – wirklich nicht! Ich kenne so viele Mütter, die ähnliche Gefühle haben. Und das Problem ist ja: Selbst wenn sie mal bei Freunden, in der Schule o.ä. sind, bist Du ja trotzdem „verantwortlich“ – also so richtig „abschalten“ kann man dann auch nicht. Ich habe das große Glück, nicht allein-, sondern „getrennt“-erziehend zu sein, so dass ich, wenn die Kinder bei ihrem Vater sind, wirklich loslassen kann. Und nun – wünsche ich Dir einfach Kraft und Durchhaltevermögen, und hoffe, dass Dir im Frühling alles wieder etwas leichter fällt!

Kerstin Karmann
Gast

Es fühle das genau so – und ich habe dafür eine Erklärung: ein Kind alleine zu erziehen, liegt nicht in unserer Natur! Wir sind Rudeltiere. Auch im Rudel gibt es keine Verbindung, die 24/7 gilt. Aber bei uns soll das funktionieren? Mit Freude? Geht nicht.
Also Augen zu und durch. Kind mit gutem Gewissen wegorganisieren und die Zeit genießen. Nur wenn es mir gut geht, geht es meinem Kind auch gut.

Heidi
Gast

Liebe Frau Finke,
nichts haben Sie vermasselt, und ja, ich finde es ganz normal, Zeit für sich haben zu wollen. Die Kinder ständig vermissen, wenn sie nicht da sind und sich unvollständig fühlen ohne sie? Aber natürlich nicht!! Und das heißt nicht noch lange nicht, dass man seine Kinder nicht liebt und nicht für sie da ist.
Danke für Ihren Blog

Joevlin
Gast
Wenn man selbst keine Zeit und Gelegenheit hat sich zu erholen, dann ist das eine ganz normale Reaktion. Niemand hat Dir gesagt oder Dich gefragt ob Du bei Familiengründung für alles verantwortlich sein willst. Ein 24/7 Job geht nun mal an die Substanz, vor allem, wenn keine Änderung in Sicht ist. Und so sehr man seine Kinder liebt und auch alles für sie tun würde, manchmal ist es einfach zuviel und die Kraft fehlt. Nicht für jeden nachvollziehbar, der da sagt: Hol Dir doch einfach Hilfe.. nun ja, es ist ja nicht so, dass man nicht gefragt hat. Aber die… Read more »
mom
Gast

Nein, liebe Christine Finke, das haben SIE beileibe nicht vermasselt, und schon gar nicht allein!
Und es ist so eine verständliche Reaktion, wenn man immer zuständig und verantwortlich und präsent und vor Ort sein muss, dann wird das Bedürfnis nach Pause einfach irgendwann übermächtig.

Mamka
Gast
Hallo Frau Finke, oh nein da braucht man sich nicht schlecht zu fühlen, mir sind solche Gedanken selbst bestens bekannt, ich bin wahrscheinlich das krasse Gegenteil von Ihnen, habe mein Kind viel zu Jung, wie die meisten finden bekommen und hatte aufgrund des alleinerziehend sein, auch nie da Wahl mir auszusuchen, welche Form der Mutterrolle ich eigentlich passend fände. Im Moment habe ich es nochmal mit einer 40Wochenstunden Ausbildung angepackt, mein Kind macht den Übertritt und fängt langsam an zu Pubertieren und die Wohnung versumpft im Chaos, nebenbei wird noch ein Igel Kind dass sonst wohl erfroren wäre aufgepäppelt und… Read more »
Diana
Gast
Tja, was soll ich sagen? Ich bin nicht alleinerziehend, wir haben einen Sohn. Ich bin berufstätig, zwar nur halbtags, aber mein Sohn ist ja auch nur halbtags in der Schule. Und ich habe eigentlich immer nur frei, wenn Schulferien sind und mein Sohn auch frei hat. Letzten Freitag habe ich mir spontan einfach so einen Tag Urlaub genommen (obwohl Urlaubstag schrecklich knapp sind bei all den vielen Ferien), Sohn war also in der Schule, Mann beruflich unterwegs – und ich zumindest für einen halben Tag endlich mal ganz für mich allein zuhause! Du glaubst gar nicht, wie ich das genossen… Read more »
Schnübel
Gast

Sie haben wirklich meinen Kommentar gelöscht? Warum? Vermute ich richtig, dass man nur als alleinerziehende Person überlastet sein darf? Alle anderen leben im Luxus? Ich glaube, so ähnlich gab es hier auch schon mal einen Blog-Artikel. Ach schade, wenn es so wenig Solidarität gibt.

singlemum
Gast

Ich kann diese Gefühle sehr gut verstehen und kenne sie auch nur zu gut. Ich bin seit 10 Jahren alleinerziehend mit zwei Kindern (13;10), seit 8 Jahren berufstätig. Meine Bitte an die Politik und an die Gesellschaft ist, dass der Begriff „Alleinerziehend“ endlich geändert wird. Er steht für mich für Diskrimminierung und Versagen. Ich plädiere stattdessen für „Alleinverantwortlich“ oder „Alleinstverantwortlich“.