Sie werden so schnell groß! (Blödsinn)

Heute mache ich drei Kreuze. Zum allerersten Mal ist die Jüngste (7) alleine von der Schule nach Hause gegangen.

Die Schule ist nicht weit weg, nur etwa 800 Meter, aber es liegt eine Straße dazwischen, die eine sogenannte Vorrangsstraße mit Lastwagen und Durchreiseverkehr ist, und es gibt keinen direkten Weg mit Ampel, nur eine Querung mit Insel, die zu überwinden ist.

Ich finde es gut, dass mein Kind davor Respekt hatte. Aber nun ist sie soweit, sich diesen Weg zuzutrauen, und es hat wunderbar geklappt. Was nicht heißt, dass es jeden Tag problemlos gutgehen wird, wir kennen das alle, es gibt immer mal brenzlige Momente, in denen Kinder den Verkehr nicht richtig einschätzen. Aber heute ist etwas wichtiges passiert, für die Jüngste und für mich: Sie ist wieder ein Stück gewachsen.

straßenschild
ClKerFreeVectorImages auf Pixabay.com

„Sie werden so schnell groß – genießen Sie die Zeit, solange die Kinder klein sind!“, das haben mir gefühlt tausend ältere Damen auf all den Spielplätzen und an all den Supermarktkassen gesagt, an denen ich mich (offenbar mit genervtem Gesichtsausdruck) aufhielt. Denn ich habe die Zeit nicht genossen, in der die Kinder klein waren, jedenfalls nicht durchgehend. Eigentlich ziemlich selten, was sicher daran lag, dass weder meine Ehe einfach war noch das erste Kind pflegeleicht, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.

Dann war ich, als die Kinder 9 Jahre, 3 Jahre und 11 Monate alt waren, auf einmal alleine mit allem, zwar aus freien Stücken, aber keinesfalls aus Lust darauf, alles alleine zu machen. Ich musste ganz ohne Hilfe des Vaters der Kinder zurechtkommen, und das auf Jahre. Weitere 18 Monate danach wurde ich arbeitslos und noch ein Jahr später waren wir von der Wohnungslosigkeit bedroht, weil ich eine Eigenbedarfskündigung erhielt. Nein, das war nicht lustig.

Ich habe ganze Berge von Windeln gewechselt, Pos abgewischt, Tränen getrocknet und Fläschchen gemacht. Ich habe sehr wenig geschlafen, vor allem sehr wenig am Stück, und Schlafmangel war über Jahre mein Begleiter, obwohl ich Schlafen so liebe. Ich bin seit fast 16 Jahren Mutter, und so langsam fällt eine Last von mir ab.

Die Sonne scheint, draußen spielen Kinder im Hof, auch meine Kinder. Und ich muss nicht mehr ständig Angst haben, dass ein Kind mit dem Laufrad auf die Straße fährt und angefahren wird. Dass eins aus Versehen fortläuft, weil der Hof nicht umgrenzt ist, und dass es in fremde Wohnungen geht, von denen ich nichts weiß. Meine Kinder sind nun endlich so groß, dass ich etwas durchatmen kann.

Das Leben ist kurz, das ist mir sehr bewusst. Aber die Kleinkindjahre mit meinen Kindern kamen mir sehr lang vor. Nein, sie werden nicht schnell groß. Das einzige, was schnell geht, ist mein Altern. Ich war doch gerade erst 40? Kurz, bevor ich mit der Jüngsten schwanger wurde? Manchmal ist es ganz schön schwierig, all diese gefühlten Zeitspannen zusammenzukriegen. Ich fürchte, im Grunde läuft es darauf hinaus: Die Kinder werden zu langsam groß und ich zu schnell alt. Fair ist das nicht!

11
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
9 Kommentar Themen
2 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
11 Kommentatoren
BurkhardBirgitfüchsernAlexamom Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
Suzie
Gast
Suzie

Ich genieße auch jedes Jahr mehr, das die Kleine (6) älter wird. Und find es immer besser als das Jahr davor. Wir können jetzt schon über viel mehr reden, viel mehr machen. Ich freue mich, wenn wir in der Küche sitzen werden, sie 16 – ich (nun ja ;-)) & über die Probleme der Welt diskutieren. Oder anderes…

Christiane Birkenheier
Gast
Christiane Birkenheier

Ich genieße die Zeit mit meinen Kleinen sehr (4 und fast 1). Das mag aber auch daran liegen, dass beide sehr pflegeleicht sind?

Mutterseele
Gast
Mutterseele

Ich stand auch mal völlig übernächtig, ungeduscht und dezent verzweifelt im Gemüseladen mit meinem endlich, aber zur Unzeit eingeschlafenen Baby, und eine von genau diesen älteren Damen grinste mich an mit „geniessen Sie die Zeit, sie werden so schnell groß“. Ich wollte sie anschreien „WANN???!?“, aber ich war zu müde. Jetzt sind sie halb groß (9 und 11) und ich bin immer noch müde. Ich gebe mir sehr große Mühe, jede Sekunde mit den Kindern zu genießen, weil es sich anfühlt, als ob die Kindheit angezählt wäre. Es ist ein sehr zwiespältiges Gefühl.

demnächts
Gast
demnächts

Ich kann dich so verstehen. Meine Kinder schlafen bis heute (4, 5 & 1,5) sehr wenig und der Kleine steht immer 5:30 auf (weil er in der Kita so viel schläft). Demnächst bin ich mit beiden allein, aber gefühlt bin ich es jetzt schon. Beide Kinder brauchen so 9 Stunden Schlaf und die nicht mal am Stück. Das hatte ich meiner Kinderärztin gegenüber erwähnt, die völlig erstaunt war, dass ich mich beklage: eine Erwachsener braucht doch auch nur 7h. Was ich denn hätte. Ist halt Pech, dass ich so viel benötige. Ich glaube, viele unterschätzen was das für eine Belastung… Weiterlesen »

Herta
Gast
Herta

Ein guter Artikel! Auch ich bin froh, dass sich mein jüngstes Kind bereits im sechsten Lebensjahr befindet und die Baby- und Kleinkindzeit – trotz sicher vieler schöner Momente – vorbei ist. Zu den Gründen hat Christine ja ausführlich geschrieben – dem ist wohl kaum noch was hinzuzufügen. Da mein ältestes Kind aufgrund einer schweren Behinderung nicht selbstständig und erwachsen werden kann, genieße ich das Großwerden der beiden nachgeborenen, gesunden Geschwister doppelt! Ich habe allerdings selten gehört „Genießen Sie diese Zeit! Sie werden so schnell groß!“, sondern – bezogen auf unser behindertes Kind – eher „Das ist aber auch eine Aufgabe!“… Weiterlesen »

mom
Gast
mom

Es ist so sehr eine Frage der Lebensumstände – mein erstes Kind habe ich alleine großgezogen und hab mir jeden Tag gewünscht, dass die Zeit schneller vorbeigehen soll. Mein zweites Kind – jetzt ein Baby – ziehe ich in sehr gesicherten Umständen groß und genieße wirklich jeden Tag und lebe ohne das Gefühl, ständig irgendwelche existenziellen Krisen abfangen zu müssen. Alleinerziehende haben meinen vollen Respekt, die Leistung soll mal ein hochdotierter Spitzenmanager bringen, die eine alleinerzehende Mama von 3 Kindern erbringt – 7 Tage die Woche, 365 Tage das Jahr, 24 Stunden am Tag. Ohne Pause, mit wenig Support, ohne… Weiterlesen »

Alexa
Gast
Alexa

„Die Kinder werden zu langsam groß und ich zu schnell alt. “ Word!!! Ich bin mit 2 Jungs allein, und auch wenn mich mich jugendlich und aktiv fühle – auf vorher/nachher Fotos ist deutlich zu sehen, wieviel saft und kraft mich Trennung und alleine erziehen gekostet haben. Ich bin auch froh, dass die Jungs schon 6 und 9 sind und begrüße jeden Schritt in die Selbstständigkeit. Gleichzeitig macht es mich traurig, Bilder von ihrer Kleinkindzeit zu sehen – nicht aus Sentimentalität, sondern weil ich keine Erinnerung mehr abrufen kann zu diesen süßen runden Gesichtern. Wie waren die beiden, wie haben… Weiterlesen »

füchsern
Gast
füchsern

Danke Alexa.
Da bin ich gerade – im Survivalmode.
Ich hoffe, es wird wirklich leichter.
Danke

Birgit
Gast
Birgit

Oh ja! Mein Kleinster wird im Juli 7 und geht ab Herbst in die 1. Klasse. Hurra! Kindergartenzeit endlich vorbei. Jetzt gehts hoffentlich mit Riesenschritten in Richtung Selbständigkeit. Dann noch Pupertaet schaffen und den Kids einen kleinen Schubs in Richtung Ausziehen geben….durchhalten….durchhalten…