„Wenn du mich liebst….“ Emotionale Erpressung

„Wenn du mich liebst, dann… [tust du dies und das oder eben jenes nicht].“ Habe ich das als Kind schon gehört? Nein, von Liebe war bei uns zuhause nicht die Rede.

Ich war über 20, als meine Eltern und ich uns „unsere Liebe gestanden“, also dieses Wort in den Mund nahmen, das wir in meiner gesamten Kindheit nicht benutzt hatten, auch nicht in der abgeschwächten Variante namens „Ich hab dich lieb.“ Das tat man einfach nicht damals in den 70ern in meinen Kreisen, selbst wenn sie liebevoll oder schlicht nur nicht lieblos waren.

Warum also bin ich auf diesen Satz reingefallen, und zwar gleich „Galore“, wie der Twitterer es sagen würde, also hoch drei? In meiner letzten Beziehung war ich am Ende völlig ferngesteuert, und das habe ich erst gemerkt, als ich buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stand.

© pati - Fotolia.com
© pati – Fotolia.com

Es fängt mit harmlosen Sachen an. Zuerst macht man den Kartoffelsalat ganz genau so wie die Mutter des Partners ihn immer zubereitet hat. Weil der das sich so wünscht. Dann sagt er diesen scheinbar harmlosen Satz, mit einem charmanten Lächeln, vielleicht gepaart mit Hundeblick: „Wenn du mich liebst, dann….“ Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Wenn du jetzt das tust, was er will, wird er es immer wieder versuchen. Denn emotionale Erpressung und Tatsachenvedrehung funktionieren oft ganz fein. Im Umkehrschluss bedeutet dieser fiese Satz ja, dass du den Mann nicht liebst, wenn du nicht tust, worum er dich so nett bittet. Wobei – bittet er dich denn? Nein, er postuliert! Wenn… dann. Eine Kausalität, die so nicht stimmt.

Wenn du dich selbst liebst, dann nimmt du die Beine in die Hand und rennst, wenn du so einen Menschen triffst oder sogar meinst, ihn zu lieben. Es ist besser so, glaube mir. Denn das charmante Lächeln und der Hundeblick weichen irgendwann einem harten fordernden Blick, der Partner hat sich daran gewöhnt, dass seine Wünsche erfüllt werden, und am Ende hast du öfter Sex als du möchtest, in Spielarten, die dir gar nicht gefallen oder gar total widerstreben, trägst du eine Frisur, die dir gar nicht gefällt, und steckst in Kleidern, die nicht deinem Geschmack entsprechen. Möglicherweise liest du nicht mehr im Bett, weil er das ungemütlich findet, und verreist in Länder, die dich nicht interessieren. Deine Wohnung ist nicht nach deinen, sondern seinen Vorstellungen eingerichtet. Du hast Freunde, die nicht deine sind, und deine eigenen Freunde vernachlässigt, weil er nicht wollte, dass du sie triffst. „Wenn du mich liebst…“ ist eine Falle. Die böseste Falle, die ich kenne. Beware.


Linktipp: Emotionale Erpressung – was tun? von Dr. Dunja Voos im Blog „Medizin im Text“

kartoffelsalat

Alleinerziehend mit 3 Kindern, Buchautorin und Kolumnistin, seit 2014 auch Stadträtin in Konstanz. Bloggt hier seit 2011.
7 Comments
Oldest
Newest Most Voted
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Manuela
Manuela
24. Juli 2013 08:04

Man muss sehr mutig sein, wenn man sein eigenes Leben leben will. Und man wird oft durch schlechte Erfahrungen gezwungen sich zu entscheiden: resignieren oder dagegen halten. Das ist nicht schön, aber es ist eines meiner erklärten Ziele meine Töchtern beizubringen, wann es sich lohnt mutig zu sein. Sie sollen keine Angst vor den Konsequenzen der selbst getroffenen Entscheidungen haben. Zum Glück habe ich offensichtlich meinen unerschütterlichen Trotz weitervererbt. Der erleichtert vieles im Leben. Und den werd ich ihnen auch bestimmt nicht abgewöhnen! Dennoch werden sie in diese Falle tappen, finden aber hoffentlich schnell wieder heraus. Eigentlich ein schöner Post,… Weiterlesen »

Claudia
Claudia
29. Juli 2013 22:16

Hallo Chris,

das hast Du mal wieder treffend beschrieben. Und das Foto ist großartig!
Ich glaube, dass man gerade als eigentlich selbstbewußte Frau erst sehr spät merkt, dass es längst Zeit gewesen wäre, die Beine in die Hand zu nehmen, wie Du schreibst. Man hat doch immer alles im Griff. Ich hab selbst erlebt, was geschickte Manipulation anrichten kann (noch etwas Salat, Schatz? oder so ähnlich). Im nachhin kann ich mich nur wundern, es ist mir sogar peinlich. Und noch mal passieren würde es mir nicht. Da schrillen alle Alarmglocken, und zwar zeitig!

Liebe Grüße

Claudia

DesperateWorkingMum
DesperateWorkingMum
14. August 2013 11:38

Liebe Christine,

mit Erschrecken musste ich feststellen, dass du einen Post über mich geschrieben hast! Obwohl immer stolz auf meine – leider nur vermeintliche – „Unabhängigkeit“, bin ich aus Angst, nicht mehr geliebt zu werden, zur “Noch etwas Salat, Schatz?”-Frau geworden – mit den bekannten Folgen. Ich war als Weichei völlig uninteressant für meinen Mann geworden. Aber vielleicht kann ich wenigstens als schlechtes Beispiel dienen, denn meine 14 jährige Tochter fragt manchmal „Mama, warum hast du dir das gefallen lassen?“ z.B. zur Haustierfrage, die wir nach DWDs Auszug sofort neu geregelt haben.

Liebe Grüße
DWM

Lila
Lila
22. Juli 2014 14:32

Der Satz „Wenn ich mich nur genug anstrenge, wird alles gut“ kommt mir bekannt vor, außerdem habe ich gelernt, dass ich als Kind ein braves Mädchen war. Typischer Satz von ihm: Wenn du so bist, habe ich keine Lust, was mit dir zu machen. Zählt das dazu? Mittlerweile ist meine Antwort: „Wenn du nichts Schönes mit mir machen willst, unternehme ich es mit anderen.“ Das ich auch mal etwas Ungutes sage, soll ja nicht dich verletzen. Oder: „Wer sagt denn, dass du mich immer glücklich machst?“ Das führt zumindest erstmal zu großem Staunen. Und ich mach dann wirklich was für… Weiterlesen »