Let it grow. (Igitt, die Frau hat Haare an den Beinen!)

Die Frau bin ich, und ich wundere mich jeden Tag über meine Beine. Weil Winter ist und ich Strumpfhosen oder Leggins trage, wundere ich mich vornehmlich morgens beim Anziehen und abends beim Ausziehen, denn diese Beine sind mir fremd.

Ich rasiere sie seit ein paar Monaten nicht mehr – anfangs hab ich’s aus Faulheit gelassen, dann aus Neugierde, und mittlerweile, um darüber nachzudenken, warum es mich so irritiert, wie meine Beine mit Haaren aussehen.

Ich habe 35 Jahre lang dafür gesorgt, dass diese Haare maximal als Stoppeln sichtbar waren, auch in den Schwangerschaften, als ich mich kaum über den immer dicker werdenden Bauch zum Rasieren beugen konnte, und in der Babyzeit, als ich vor Schlafmangel kaum geradeaus denken konnte. Zum Rasieren hat’s immer noch gereicht.

Ist es radikal, die Beine nicht mehr zu rasieren?

Das jetzt nicht mehr zu tun, fühlt sich an wie ein radikaler Akt, auch wenn meine Beine und die darauf wachsenden Haare noch gar keinen Anstoß erregt haben, weil sie ja niemand sieht. Erregung öffentlichen Ärgernisses durch üppige Beinbeaarung, dunkle Haare auch noch dazu – wie kann sie nur!? Und auch noch darüber schreiben, als wäre das etwas, worauf eine Frau stolz sein kann?

Bin ich stolz darauf? Nein, eher erstaunt, wie schwer es mir fällt, diese wachsenden Haare auszuhalten. Das ist eigentlich lächerlich. Woran liegt das? Und warum greife ich nicht zum Rasierer und bereite dem Versuch ein Ende?

Beine rasieren

Alleinerziehende und Wohnungsnot
Frisch rasierte Beine, wie sich das für eine Frau gehört. Juni 2018.

Ein Zopf aus Schamhaaren und nach dem Duschen jedes Mal Staunen

Zum einen, weil ich sehen will, wie lang diese Beinbehaarung überhaupt wird. Zuletzt habe ich sie mit 18 gesehen, damals fand ich mich schön, ich machte mir überhaupt keine Gedanken über Körperbehaarung – weder an den Beinen noch sonstwo. Apropos sonstwo: Auch die Schamhaare lasse ich gerade schamlos wachsen. Mittlerweile könnte ich, ich hab’s heute früh in der Dusche ausprobiert, einen Zopf aus ihnen flechten. Das sieht eigentlich ganz nice aus, wann kommt das in Mode? Und gab’s da nichtmal kurz den Hype, sich kleine Perlen in die Intimbehaarung zu knoten vor ein paar Jahren? Ich fand das eigentlich ganz lustig und wäre jetzt bereit dafür.

Zum anderen lasse ich den Rasierer noch im Schrank, weil ich aufhören will, mich über meine eigenen Haare zu erschrecken. Das bin ich, mit meinen Haaren an den Beinen. Kann ich sie vielleicht sogar mögen? Eine Sache, die ich mag, habe ich schon gefunden: Direkt nach dem Duschen, wenn die Beine noch nass sind, fühlen sich die Häärchen ganz toll an. Ja, man spürt sie! Das ist wie ein sanftes Streicheln auf der Haut, es gibt dem Bein mehr Gewicht, irgendwie stehe ich ganz anders da mit Haaren auf den Beinen. Nach dem Abtrocknen gibt sich das, und tagsüber merke ich dann nicht mehr viel von den Haaren.

Es hat sich übrigens unter Strumpfhosen sogar als viel angenehmer herausgestellt, keine Haarstopppeln an den Beinen zu haben, denn die pieksen und können für irritierte Haut sorgen. Auch das ist ein Vorteil des Haare Wachsenlassens.

Im Sommerkleid mit behaarten Beinen?

Beinbehaarung finde ich allerdings bei Männern auch nicht besonders schön, zumindest, wenn sie stark ist. Behaarte männliche Oberkörper oder gar, oh Graus, starke Rückenbehaarung gehören nicht zu den Dingen, die ich attraktiv finde. Und Bärte, nein danke, maximal die 3-Tage Variante bitte! Das ist Lookism, ich weiß. Nur haben Männer die Wahl: Wenn sie ihre Beine nicht rasieren, dann findet niemand etwas dabei.

Wenn ich das als Frau mutwillig unterlasse, dann ist es irgendwas zwischen Aufreger und mutig. Dabei will ich doch nur wissen, wie es sich anfühlt und wie es aussieht, wenn ich den Dingen freien Lauf lasse. Und darüber zu schreiben ist definitiv mutiger, als einfach seine Beinbehaarung still und heimlich wachsen zu lassen.

Wie lange ich das noch tue? Bis ich wieder Röcke tragen kann und es warm wird, so ist der Plan. Denn ich möchte zumindest einen Tag lang mit haarigen Beinen im Sommerkleid herumlaufen, wie so eine richtige Emanze mit Haaren auf den Zähnen. Und bis ich wieder verinnerlicht habe, dass es der Normalzustand wäre, Haare auf den Beinen zu haben, anstatt mit glatten Waden und glänzenden Schienenbeinen durch die Welt zu laufen.

Und bevor ich zum Rasierer greife, mache ich noch ein Foto von meinen dunkel behaarten Beinenmit rot lackierten Fußnägeln in hohen Sandaletten – das verkaufe ich dann meistbietend an eine Fotodatenbank, denn so ein Foto gibt’s nicht. Ha!

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Susann
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Susann

Find ich super! 😆

Janina
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Janina

Ich finds auch toll und cool, dass Du darüber schreibst. Ich hab mir einmal die Haare rasiert und fand es einfach nur bekloppt. Mittlerweile denke ich auch, dass diese Ablehnung von natürlicher Behaarung insbesondere bei Frauen einfach nur frauenfeindlich ist. Die Behaarung ändert sich in der Pubertät, das sind sekundäre Geschlechtsmerkmale und gehören zum Frau-Werden und Frau-Sein dazu. Wer das so extrem ablehnt, hat wohl ein Problem mit dem Frausein? Und als Mann – ein Problem mit den Frauen? Wir sind keine kleinen Mädchen vor der Geschlechtsreife, sondern wir sind Frauen, ganz und gar. Da gehört das eben dazu. Ich… Weiterlesen »

Känguruh
Gast
Känguruh

Ich kann mich auch noch an völlig unrasierte Zeiten /Beine, und das auch im Sommer, erinnern. Krass finde ich, wie das eigene Emfpinden für „schön“ bzw, für das, was in der Öffentlichkeit gezeigt werden kann, mit der Mode mitgeht, als wäre man komplett suggerierbar. Heute ein Sommerkelid mit gänzlich unrasierten Beinen zu tragen, fände ich wirklich mutig, denn zumindest sehr erstaunte Blicke sind dir dann sicher !

Apropos Haare: auch Katzen haben wunderschöne und deine zwei und die von @misscharlez ergeben das perfekte Quartett für eine Vorher-Nachher-Werbestory für Volumen-Shampoo !
LG

Katja
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Katja

😂😂👏 Oh ja, es ist auf jeden Fall mutiger über seine wuchernde Körperbehaarung zu schreiben und die Menschen an dieser Neuentdeckung teilhaben zu lassen. Nun diesen Versuch haben sicher viele Fraun in unserer Gesellschaft schon einmal über einen gewissen Zeitraum gewagt. Doch kaum eine wird es wagen (mich inbegriffen) darüber so detailliert zu schreiben. Aber über deinen Mut, über Dinge zu schreiben und zu sprechen, die sonst jeder gern für sich behält oder zumindest auf einen engen Personenkreis beschränkt kann ich immer wieder nur staunen!!! Ich halte dieses Ding mit den Perlen für ne äußerst interessante Sache, warum nicht mal… Weiterlesen »

Carina
Gast
Carina

Liebe Christine, mich hinterlässt dein „Geständnis “ ein wenig…nunja…sagen wir pikiert zurück. Ich bin 47 Jahre alt, bin verheiratet, habe drei erwachsene Töchter, stehe mitten im Leben und habe mich noch NIE an irgendeiner Körperstelle rasiert. Nun kommt mir das nicht wirklich heldenhaft vor, ich habe ganz einfach damit nie angefangen, mir war bis zu meinem 30. Lebensjahr nicht einmal klar, dass das eigentlich alle Frauen machen. Damals wollte ich mit einer Freundin zum Sport und die sagte ganz plötzlich zu mir, sie könne nicht mit, sie habe sich die Beine nicht rasiert. Ich war ziemlich erstaunt darüber, das war… Weiterlesen »

Birgit Jaklitsch
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Birgit Jaklitsch

Das musste unbedingt einmal thematisiert werden. :D Super geschrieben, ich habe mich gut unterhalten. Ich habe tatsächlich auch schon darüber nachgedacht. Meine Quintessenz: Ich rasiere, wenn ich es möchte und lasse sprießen, wenn ich darauf keine Lust habe.

Lotte
Gast
Lotte

Genau, wichtige Themen die die Welt verändern. Powerfrauen, können einfach alles. Ich finde das extrem Stark und Mutig, ich mach mit und schreie es in die Welt hinaus!!!

Lotte
Gast
Lotte

Danke für die Freischaltung meines Kommentars :-D Das war allerdings als Verarsche gemeint. :-} Zeigt aber deutlich ihre defizitäre geistige Entwicklung in ihrer Seifenblase. Einfach köstlich. Sie haben einen mächtigen Sprung in ihrer Salatschüssel. Der Artikel wäre immerhin was für die BRAVO. Team Dr. Sommer, also was für Spätpupertierende Mädchen :-D

Xyz
Gast
Xyz

Meine Schwester hat dunkle Haare und rasiert die Beine nicht. Sie hat mich besucht und ich hab mich vor meinen Freundinnen deswegen geschämt und dann direkt geschämt, dass ich mich geschämt habe. Und ja – mutig bis gleichgültig das ist sie, meine Schwester

Heidi E.
Gast
Heidi E.

Während man sich vor 25 Jahren sicher wenig Gedanken darüber machte (zumindest nicht in unseren Breitengraden), existiert das Thema in südlicheren Gefilden schon wesentlich länger. Klaro, dass es eine “Modeerscheinung“ ist und sich auch irgendwann wieder ändern mag ABER sie hält sich nun doch schon geraume Zeit…! Ich halte es mit der Beinrasur genau wie Du – im Sommer sicher, im Winter eher gelegentlich. Der Rest der “störenden“ Körperbehaarung wird in Intervallen eliminiert, weil ich das selbst einfach als angenehmer und ästhetischer empfinde… Da spielen natürlich auch partnerschaftliche Meinungen und Vorlieben ein Stück weit mit hinein… Alles kann – nix… Weiterlesen »