Sehnsuchtsort Meer

Über eine Linksammlung von Kiki Thaerigen fand ich den Blogpost Charming Liisas, mit dem sie an einer Blogparade zum Thema Meer teilnimmt. Gestartet hat sie Johannes Korten, und die Blogparade läuft noch bis zum 24. November. Ach, das Meer. Da muss ich mitmachen!

In meinen Adern fließt Seefahrerblut. Die norddeutschen Vorfahren waren Bauern, bei denen der jeweils älteste den Hof übernahm und die anderen männlichen Nachkommen zur See fuhren. Mein Opa väterlicherseits war Kapitän, ebenso mein Onkel und dessen Sohn (den es auf diese Weise nach Neuseeland verschlagen hat, wo er mit Familie lebt). Das Meer hing als Ölbild mit wüsten Wellen in den Wohnzimmern meiner norddeutschen Verwandten und war irgendwie omnipräsent. Dass in meiner Familie Reisekrankheit, also auch Seekrankheit, vererbt wird und die seefahrenden Verwandten jeweils das erste Jahr auf See kotzten, sagt viel über unsere Familie aus. Durchhalten, nicht jammern war da angesagt.

American School - The Glory of the Seas
By American School, 19th century (Christie’s, LotFinder: entry 5598283) [Public domain], via Wikimedia Commons
Das Meer meiner Kindheit war die Ostsee der Kieler Bucht. Später kam die Nordsee dazu, das Meer rund um England, die sanfte Meereslandschaft in Belgien, das schroffe Mittelmeer bei Genua, die sanftere Version dessen an der toskanischen Küste, die vor Lebensfreude schäumende Gegend um Couilloure/Perpignan in Südfrankreich, die warme Plörre vor Tunesien, das eintönige Meer Floridas, die klirrend kalte raue See um Island und Norwegen, der verheißungsvolle Pazifik Californiens sowie der kraftvolle, einschüchternde Atlantik der Costa Verde Portugals.

Detailed big wave
© Zacarias da Mata – Fotolia.com

Es kam für mich nie infrage, freiwillig an einen Ort zu reisen, an dem kein Meer in der Nähe war. Menschen, die die Sommerferien in den Bergen verbringen, waren und sind mir suspekt. Was ist schon Aussicht und klare Luft gegen das Rauschen des Meeres, die Gischt und dieses Gefühl unendlicher Unwichtigkeit? Für Menschen, die ihre Grenzen suchen, ist das Meer ein guter Ort. Weil es zeigt, dass das Streben nach Grenzen auch nur eine Spielart des Aufbegehrens gegen die Endlichkeit des eigenen Seins ist.

Ich habe mich in einen Mann verliebt, der mir am ersten Abend, als ich ihn in einer Bar mitten in Berlin traf, sagte, es sei sein Traum, am Meer zu wohnen. Unsere Hochzeit fand am Meer statt, und dort hatten wir unsere glücklichsten Stunden. Das Meer macht auch diejenigen ruhig, die mit sich selbst und ihren Dämonen kämpfen. Es relativiert Liebeskummer, Wut und Schmerz. Freude und Glück macht es aber nicht kleiner. Vielleicht macht das den Zauber des Meeres aus?

Heute wohne ich am Bodensee, den nur Banausen das „Schwäbische Meer“ nennen. Wie ich hierher kam über den Umweg von Berlin nach Lübeck und Hamburg, das ist eine andere Geschichte. Als ich den See zum ersten Mal sah, im Alter von 16 Jahren, aus Freiburg mit der Schulklasse angewandert kommend, wusste ich, dass ich einen neuen Sehnsuchtsort gefunden hatte. Zwar einen mit Süßwasser und ohne Wellen, aber mit Palmen an der Promenade und so groß, dass man sein anderes Ende bei vielen Wetterlagen nicht sieht. Groß genug, um sich klein zu fühlen.

Linktipp innerhalb des Blogs: 8 Fakten über Norddeutsche

11
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
7 Kommentar Themen
1 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
7 Kommentatoren
FraukeAnneMama arbeitetTheSwissMissClumsy Mama Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
Hannes
Gast
Hannes

Danke für den schönen Beitrag. Und glatt eines meiner liebsten Lieder von Morcheeba verlinkt. Hach.

Madame Mouton
Gast
Madame Mouton

Schön!

Ich kenne die Nordsee am Besten.
Bodensee habe ich einmal besucht und war sehr begeistert. Einen, die ich die Kinder auch sehen lassen möchte.

[nicht-edit Christine: die Kommentatorin spricht eine andere Muttersprache. Da trau ich mich nicht.]

Clumsy Mama
Gast
Clumsy Mama

Wunderschöner Beitrag! Ganz rund und fluffig geschrieben.
„Das Meer macht auch diejenigen ruhig, die mit sich selbst und ihren Dämonen kämpfen. Es relativiert Liebeskummer, Wut und Schmerz. Freude und Glück macht es aber nicht kleiner. Vielleicht macht das den Zauber des Meeres aus?“
Ja <3
Und die Musik <3
Ich fühle mich auch am wohlsten, wenn ich in einer Stadt am Wasser lebe.

TheSwissMiss
Gast
TheSwissMiss

Das hast du sehr schön geschrieben. Obwohl ich in der Schweiz aufgewachsen bin und immer noch hier wohne, hat es mich auch immer ans Meer und nie in die Berge gezogen.

Anne
Gast
Anne

Liebe Christine,
die Liebe zum Meer kann ich als Nordlicht bestens nachvollziehen – gefühlt beginnt Süddeutschland für mich knapp unter Hamburg, denn von dort braucht es zur Nordsee über eine Stunde… Danke für den schönen Artikel, ich lese immer wieder gern im Brigitte Mom-Blog der ersten Stunde.
Darf ich Dich zu meinem Blog-Contest mit kleinem Gewinn einladen? (So ein Billy-Regal braucht man schließlich immer, irgendwie…) Ich würde mich über Deinen Beitrag sehr freuen. Die Ausschreibung findest Du auf http://www.mamatanzt.wordpress.com
Herzlich
Anne

Anne
Gast
Anne

Der Gewinn lässt sich auch in einen platzsparenden Klapptisch investieren, zum Beispiel. :) Einen schönen Abend!

Frauke
Gast
Frauke

Als Nordlicht dass es aus „wirtschaftlichen Gründen“ ins Schwabenland verschlagen hat muss ich sagen der Bodensee ist schön und ruhig aber kein Vergleich zur Nordsee. Das Raue, unberechenbare fehlt einfach beim Bodensee und auch bei der Ostsee. Ich liebe es wenn es total windig und stürmisch ist, wenn man meint man bekommt keine Luft mehr weil es so weht. Da wird man wieder geerdet und bekommt einen klaren Kopf.