Zwischen Karriere und Krabbelgruppe – eine Buchempfehlung mit Exkurs

Dieses Buch hat Tiefgang und ist gleichzeitig kurzweilig – ein Kunststück, das an Idee und Mach-Art liegt, aber auch an der einfühlenden Art und Weise, wie Autorin Peggy Wandel ihre Gespräche mit den Frauen aus aller Welt, die über ihr Leben als berufstätige Frau und Mutter berichten, niedergeschrieben hat.

Es passt prima in die derzeitige gesellschaftliche Strömung, Frauen als arbeitenden Müttern mehr Gehör zu verschaffen – ich habe das Buch bereits kurz nach seinem Erscheinen im vergangenen Herbst gekauft und nach und nach gelesen. Zum häppchenweisen Lesen, z.B. kurz vor dem Einschlafen, wie ich das abends gerne mache, sind die 20 Kapitel bestens geeignete Lektüre. Ich glaube sogar, es wäre gar nicht unbedingt gut, sich die Geschichten der Frauen an einem Nachmittag zuzuführen, denn ich musste und wollte das, was ich aus deren Leben erfuhr, etwas sacken lassen.

Peggy Wandel, fotografiert von Stefanie Heider
Peggy Wandel, fotografiert von Stefanie Heider

Zuest habe ich die Berichte der Frauen gelesen, in deren Heimatländern ich mich ganz gut auskenne: die Schweiz, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Finnland und die USA. Dabei schwankte ich zwischen Mitleid, Bewunderung und auch Niedergeschlagenheit, die aus Neid wuchs – weiß ich doch von meinen Freundinnen in Skandinavien, wie viel fortschrittlicher dort die Gleichstellung der Geschlechter und die Berufstätikgeit der Frau dort gelebt werden.

Beim Lesen heftig genickt habe ich, als ich Rekas Aussage über die Schweiz las:

Denn gerade weil gesetzliche Rahmenbedingungen zum Schutz von Müttern weitgehend fehlen, finden Frauen leichter eine Stelle. Im Gegensatz zu Deutschland wird hier eine Frau eher eingestellt, selbst wenn sie Mutter ist und noch dazu alleinerziehend. (S. 238)

Genau das ist auch mein Fazit nach 4 Jahren als zu 100% (also mit 42-Stunden-Woche) fest angestellter Mitarbeiterin in einem Schweizer Kinderbuchverlag, wo ich bis 2011 einen verantwortungsvollen Job hatte. Ich halte die gut gemeinten deutschen Mutterschutz- und Kündigungsschutzgesetze für einen großen Hemmschuh, speziell für mich als Alleinerziehende.

Grenzgängerausweis Schweiz
Grenzgängerausweis Schweiz

Es ist in der Schweiz nicht so, dass Mütter mit „gelbem Schein“, also Krankschreibung, zuhause bleiben können um kranke Kinder zu pflegen. Dafür ist unbezahlter Urlaub vorgesehen: Ich hatte es gut, bei mir standen sogar 2 ganze Tage pro Jahr im Arbeitsvertrag, die ich mit Lohnfortzahlung wegen kranker Kinder fehlen durfte (unabhängig von der Zahl meiner Kinder).

In Deutschland dürfte ich als alleinerziehende Mutter dreier Kinder 50 Tage fehlen, wenn der Nachwuchs krank ist. Es ist kein Wunder, dass dieses Risiko kaum ein Arbeitgeber eingehen will, selbst wenn der Lohnausfall von der Krankenkasse bezahlt wird. Schwangere Frauen können bei den Eidgenossen wesentlich leichter gekündigt werden als in Deutschland (wo sogar befristete Arbeitsverträge für den Arbeitgeber ein Risiko darstellen), und auch nach der Geburt gibt’s nur für 1-3 Monate Vorrechte beim Kündigungsschutz für Frauen in der Schweiz. So grotesk das klingt, das führt dazu, dass Frauen in der Schweiz leichter Arbeit finden.

Sehr nahe gegangen ist mir der schonungslose Bericht über den Zusammenbruch in Form eines Burn-Outs, den Sanne in den Niederlanden erlebte. Und ein emotionales Sahnehäubchen waren für mich beim Lesen die eingeflochtenen Kennenlerngeschichten, also wie und wo die romantische Begegnung stattgefunden hat, die diese Frauen zu Ehefrauen und später zu Müttern machte. Und die Familie aus Indien, die Einblick in ihr Leben gibt, beeindruckte mich wegen der unglaublich hohen Arbeitsleistung, die Frauen dort erbringen.

Am meisten überrascht hat mich die Situation berufstätiger Mütter in Slowenien – das wäre, auch wegen des guten Wetters, aus der Sicht der berufstätigen Mutter wohl ein gutes Land, um auszuwandern und dort Kinder zu bekommen. Schade nur, dass ich kein Slowenisch spreche. ;)

Fazit: Ein ungewöhnliches, gut zu lesendes, warmherziges und gleichzeitig lehrreiches Buch. Kaufen! Ich hoffe auf eine Fortsetzung, denn die 18 Länder, die in den 20 Beiträgen vorstellt werden, sind ja nur ein Ausschnitt.

Peggy Wandel: Zwischen Karriere und Krabbelgruppe
Peggy Wandel: Zwischen Karriere und Krabbelgruppe

Peggy Wandel. Zwischen Karriere und Krabbelgruppe. Zwanzig berufstätige Mütter aus aller Welt erzählen, wie sie Familie und Job unter einen Hut bekommen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2012.

ISBN 978-3-86265-168-9.  228 Seiten. 9,95 €

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ChristineMama arbeitetKatharinaseptembermorgen Letzte Kommentartoren
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septembermorgen
Gast
septembermorgen

Klasse – eine super Zusammenfassung! Danke.
Ich hoffe, ich darf an dieser Stelle noch mehr Werbug für die Autorin machen? Hier gibt es nämlich ein Interview mit Peggy Wandel und einen kleinen Einblick in ihr Leben und die Entstehung des Buches: http://www.septembermorgen.com/x-fragen-an-mum02-buchvorstellung-zwischen-karriere-und-krabbelgruppe-verlosung/

Viele Grüße
Katja

Katharina
Gast
Katharina

Das Buch liegt auch schon lange auf dem Stapel, Du machst mir grad Lust, es mal anzupacken: „Schwangere Frauen können bei den Eidgenossen genauso gekündigt werden wie alle anderen Arbeitnehmer, und auch nach der Geburt gibt’s keine Vorrechte beim Kündigungsschutz für Frauen in der Schweiz. „ Das stimmt so nicht ganz. Kündigungsschutz besteht rückwirkend auf den ersten Tag der letzten Periode zurück (auch bei Nicht-Wissen) bis 14 Wochen nach Entbindungstermin. Wird einer Frau gekündigt, während sie schwanger ist (wissend oder unwissend) und ist sie mit der Kündigung nicht einverstanden und bereit, ihre Arbeit weiter zu machen, muss der Arbeitgeber auf… Weiterlesen »

Christine
Gast
Christine

Nun-soweit ich weiß, dürfen Väter in D genau gleich viel aufgrund kranker Kinder fehlen wie Frauen, ebenso wie sie Elternzeit und Teilzeit beantragen können und alleinerziehend sein (und man ihnen ggf. nichtmal Monate vorher „ansieht“, dass das passieren könnte…) Diese Regelungen nun also den schlechteren Job- und Karriereaussichten von Frauen zugrunde zu legen ist kein ernstzunehmendes Argument.

Christine
Gast
Christine

Ich BIN weiblich, arbeite und habe einen Mann, der Elternzeit genommen hat/nimmt und seit Geburt des ersten Kindes ebenfalls Teilzeit arbeitet. Wir übernehmen beide Verantwortung und wollen beide Zeit mit unseren Kindern verbringen. Es gibt also durchaus Männer, die es TUN. Vielleicht sollten sich die Frauen zuallererst mal daheim gegenüber dem Vater ihrer Kinder emanzipieren und gleichberechtigen und die Schuld nicht beim Arbeitgeber und Gesetzgeber sondern bei ihren Ehemännern, Söhnen,… suchen. Ich bin sehr froh um die deutschen Gesetze und Regelungen, die uns das ermöglichen. Der explizite („diskriminierende“) Mutterschutz was Kündigung angeht, gilt ja „nur“ während der Schwangerschaft und Mutterschutzzeit… Weiterlesen »