Ich lasse mich nicht führen. Gesellschaftstanz.

Wir waren 15 und tanzten auf der Straße im Dorf. Es gab nicht so viele Zerstreuungsmöglichkeiten: einen Stromkasten, auf dem man sitzen und die Autos beobachten konnte, einen Pferdehof in der Nähe, das Schwimmbad – aber letzteres auch nur im Sommerhalbjahr. Also übten wir Tanzschritte, ganz ohne Musik.

Es kam uns nicht komisch vor, denn niemand guckte. Einige von uns waren schon in der Tanzschule, die extra zu uns aufs Dorf kam, und in Räumen des Gymnasiums Unterricht anbot. Ich war eine von denen, die den etwas jüngeren Freundinnen das Tanzen beibrachte. Die Jungs waren auf dem Bolzplatz oder lungerten am Häuschen der Bushaltestelle herum, die nur 2 Mal am Tag vom Schulbus angefahren wurde.

Weil wir so viele Mädchen waren, ergab es sich ganz natürlich, dass die eine Hälfte der Tanzenden „Mann“ und die andere Hälfte „Frau“ tanzte. Die Schritte, die uns die Tanzschule beigebracht hatte, zu spiegeln, war einfach – und bald erschien es mir selbstverständlich, den Männerpart zu übernehmen. Wir stellten uns hintereinander auf, um voneinander direkt abzugucken, so wie man das heute im Fitness-Studio macht, wenn man Choreografien einübt. Und wir hatten einen Heidenspaß.

Was ich damals nicht ahnte, ist, dass mich dieses „Mann tanzen“ ein für alle Mal versauen würde. Es fühlte sich seitdem total falsch an, den Frauenpart beim Tanzen zu übernehmen. Der Mann hat den rechten Arm fest um die Taille der Frau (korrekt: unter dem Schulterblatt der Frau), und weil die meisten Menschen Rechtshänder sind, kommt es einem zu Recht so vor, als könnte man da etwas lenken. Die Frau aber hält ihren linken Arm auf der Schulter des Mannes, das ist nicht einmal fest, sondern leicht aufgelegt. Sie darf nicht lenken. Sie soll sich führen lassen.

© lassedesignen - Fotolia
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Ich hab’s nie gekonnt. Bis auf 1-2 Ausnahmen, das waren Ausnahmemänner, war Tanzen für mich immer ein Krampf. ICH wollte führen. Oder zumindest mitreden. Die Männer, mit denen ich tanzen konnte, kann ich an den Fingern einer Hand abzählen. Sie wussten, wo ich langwollte. Oder wir sprachen uns ab – ich sagte, lass uns mal diese oder jene Drehung machen, und so war es gut. Mancher folgte mir auch. Und wisst Ihr was? Das geht!

Einen werde ich nie vergessen. Es war in Norwegen, wo ich auf Geschäftsreise war. Kollege A. gefiel mir, und als der versammelte Trupp, der Essen gegangen war, sich gegen Mitternacht in einer Bar mit Musik wiederfand, ging er auf einmal zum Mann am Klavier und wünschte sich „Fly Me To The Moon“ von Frank Sinatra. Dann wurde ich auf die menschenleere Tanzfläche gezogen, wo wir zum großen Erstaunen der Kollegen tanzten, als hätten wir nie etwas anderes getan. Das war wunderbar. Und ein bisschen skandalös :). Kollege A., so mein Eindruck, wusste übrigens selbst nicht, wie ihm geschah. Magic.

Das eigenartige war, dass es sich bei diesem Mann um einen Menschen handelte, der normalerweise ungefähr so zahm tanzte, wie der Mann, den ich geheiratet hatte: Jemand, der die komplette Tanzfläche für asymmetrische Bewegungen braucht, die sich in kein Muster fügen. Mit jenem meinem Ex-Mann habe ich übrigens nie getanzt. Vielleicht hätte mir das etwas sagen sollen.

Nun ja, am besten scheine ich alleine zu tanzen. Oder eben als Mann in einem Frauenduo. Aber momentan tanze ich so selten, dass sich diese Frage gar nicht stellt. Wie kam ich nochmal darauf?

P.S.: Danke, Dirk und Donat. Ich habe euch gut in Erinnerung behalten. Mit euch beiden ging das. Eigentlich ulkig, dass Ihr heute auch 3 Kinder habt. Oder auch nicht.

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Chukk Beslowair
Gast
Chukk Beslowair

Tanzen – komplexes Thema. Anfangs war ich relativ unbeschwert. Nach der Grundschule war es nicht mehr weit her. Ein zwanghafter, wenig einfühlsamer Tanzkurs machte es nicht besser. Dann kam die Frau, welche mich behutsam vom Tanztrauma befreite (doch später mit einem Messer im Herzen zurückliess; aber das ist eine andere Geschichte) Seitdem sehe ich das Tanzen viel entspannter und und offener.

berit
Gast
berit

Herrlich, so geht es mir genauso :D Ich habe das Konzept des Führens nie verstanden .. angeblich soll der Mann ja sanften Druck auf den Rücken/Schulter ausüben, selbst das habe ich nie gemerkt. Wenn ich nicht weiß wo es langgeht, folge ich auch nicht :D

Nadi
Gast
Nadi

wenn Du das nicht spürst, behaupte ich einfach mal, dass er nicht führen kann :-) Es geht übrigens nicht um den Druck auf den Rücken bzw. die Schulter. oder nicht nur. Es geht um Körperspannung. und Gewichtsverlagerung. Wenn der Mann die richtige Körperspannung hat, dann hast Du gar keine andere Wahl als ihm zu folgen. Das geht sogar ohne Hand auf der Schulter, sondern auch, wenn man sich einfach nur bei den Händen fässt. Arme im 90 Grad Winkel und dann Spannung! Wenn er einen Schritt nach vorn macht, und Du entsprechenden Gegendruck in den Armen hast und Dein Körper… Weiterlesen »

Dirk
Gast
Dirk

Liebe Christine, richtig schwieriges Thema, absolut. Aber gerade deshalb: Danke für den Blogbeitrag. Ich gebe zu: auf männlicher Seite stehend hat mich das Thema auch immer bewegt. Ich selber habe wirklich ziemlich spät tanzen, nämlich erst mit meiner jetzigen Ehefrau. Auch ich hatte ernsthafte Probleme mit der Anforderung an einen Mann, die es beim Tanzen gibt. Wir hatten dann wesentlich mehr zusammen gelernt, als was man normalerweise für eine Hochzeit so lernt. Wir konnten (konnten, weil ich mittlerweile viel verlernt habe) wirklich gut zusammen tanzen, weil wir es eben zusammen intensiv geübt haben, bestimmt aber nicht, weil ich so gut… Weiterlesen »

Chukk Beslowair
Gast
Chukk Beslowair

Das widerspricht dem Titel ein bisschen, aber es gibt doch sicher auch Tänze in denen beide PartnerInnen
gleichberechtigt miteinander über das Parkett schweben.
Wahrscheinlich Tänze in Richtung moderner bis modernster Musikgenre wie Fusionjazz etc. …

Das würde meinem Gefühl entgegenkommen. Ich möchte kein (Herr)scher sein.

Nadi
Gast
Nadi

Ich liebe das Tanzen. und ich liebe es, mich von meinem Mann (oder einem anderen Tanzpartner, das das gut kann!) führen zu lassen. Nach einem anstrengendem Tag, an dem ich selbst viele Entscheidungen treffen muss und mein Team führen muss, ist es eine herrliche Entspannung, loszulassen und jemand anderem die Führung zu überlassen. Es ist sooooo schön, einen langsamen Walzer mit geschlossenen Augen zu tanzen und einfach nur zu genießen. Das hat natürlich auch mit sehr viel Vertrauen zu tun. Aber ich vertraue meinem Mann, ich weiß, dass er mich nicht gegen die nächste Säule donnert. Aber wie ich oben… Weiterlesen »