Kreislauf Mensch: vom Glück

Jedes Mal, wenn ich ihn in Konstanz sehe, überlege ich, ob ich zu ihm hingehe und ihn frage, ob er Hans heißt. Und ob er in den frühen 90ern in Freiburg gelebt hat, in einer wilden Wohnwagensiedlung in Littenweiler.

Ich traf ihn nachts gegen halb 2, als ich stadtauswärts mit meinem Auto fuhr. Ich hatte meinen damaligen Freund in der Innenstadt besucht, und nicht zum ersten Mal war dieser im Laufe des Abends von düsteren Gedanken überwältigt worden. Es war auch nicht das erste Mal gewesen, dass er zu viel getrunken hatte und sich pathetisch auf den Balkon im 4. Stock gestellt hatte, um zu verkünden, das habe alles keinen Sinn mehr, er sei nicht gemacht für diese Welt, und er werde dem Unglück nun ein Ende setzen.

Es kam der Punkt, an dem ich erkannte, dass mein Freund entweder von diesem Balkon springen würde oder eben auch nicht, und dass das alles herzlich wenig mit mir zu tun hatte. Dass es mir schadete, ihn zu lieben. Und dass ich gehen musste.

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Es war eine warme und helle Sommernacht. Ich hatte das Gefühl, unglaublich klar im Kopf zu sein, ganz auf mich selbst zurückgeworfen, und es gab nichts mehr, was ich fürchten musste. Als ich den Anhalter mit der Gitarre sah, der am unter Trampern bekannten Punkt an der Schwarzwaldstraße vor der „Automaten-Emma“ den Daumen hob, hielt ich an und beugte mich zur Beifahrertüre, um sie zu öffnen und zu fragen, wo er hin wolle.

„Littenweiler, beim Bahnhof“, sagte der Mann mit norddeutscher Einfärbung und er klang nüchtern. „Da will ich auch hin“, sagte ich, und ließ ihn einsteigen. Ich hatte vergessen, dass ich geweint hatte, und deswegen war ich überrascht, dass der Mann mich fragte, was los sei. Er heiße Hans und habe schon viel gesehen.

Ich erklärte ihm in zwei Sätzen das Schlamassel und er verstand. Er verstand es besser, als jeder Therapeut oder Freund das hätte verstehen können, weil er sich damit auskannte. „Wenn er weiter trinken will, dann bleibt das so. Es hat keinen Zweck. Ich bin seit Jahren trocken und weiß, wovon ich rede.“

Er erzählte von der Familie, die er mal hatte, und wie er alles verloren hatte, um auf der Straße zu leben. Dann waren die 5 Minuten Fahrt vorbei. Zum Abschied, als ich ihn bei den Wohnwagen ablieferte, von denen ich bis dahin nicht einmal gewusst hatte, dass sie dort stehen, nur wenige Meter von meinem Studentenwohnheim, drückte er mir eine Kassette in die Hand. „Hier, ich bin Liedermacher. Die habe ich mal aufgenommen, vielleicht gefällt sie dir.“

Ich wollte ihm Geld geben, aber er lachte mich aus. Schließlich habe ich ihn nach Hause gefahren, da könne er doch kein Geld annehmen. Das sei ein Geschenk.

Dann gingen er und ich unserer Wege.

Die Kassette habe ich danach oft gehört, über Jahre. Meist im Auto, aber auch noch, als ich in Berlin autofrei lebte. Immer dann, wenn ich traurig war und an jenen Freund dachte, den ich hatte zurücklassen müssen. Wir waren zwar nach diesem meinem Weggehen nicht endgültig getrennt, aber wie das bei On- und Off-Beziehungen so ist, irgendwann total zermürbt von der emotionalen Anstrengung. Und eines Tages schafften wir es, uns komplett auseinanderzureißen.

Vor zwei Jahren ist er dann wirklich gestorben, an Krebs. Aber der Hans, der lebt noch. Er läuft im blauweiß gestreiften Shipper-Look ziemlich versifft durch Konstanz und spielt auf seiner Gitarre. Alt sieht er nun aus und sehr verlebt, und auch nicht mehr so, als lebe er abstinent. Ob er noch weiß, dass er damals mein Anhalter war? Nein, das glaube ich nicht. Und deswegen frage ich ihn auch nicht, ob er er ist. Es ist irrelevant. Aber er war im richtigen Moment da und hat mich verstanden. Wie Candy Bukowski gerade erst schrieb: wie vom Leben geschickt, oder von guten Mächten.

Damals wurde mir gegeben, vom Kreislauf Mensch (so der Titel von Candy Bukowskis Blogpost). Und seitdem gebe ich freimütig und ohne Kalkül, was ich zu geben habe, weil jeder etwas zu geben hat, wenn er den richtigen Moment erkennt. Und den Menschen, der genau das braucht, was man selbst abgeben kann. Ich gebe Worte, Taten, Blicke und kleine Gesten. Und ich bekomme auf verschlungenen Wegen sehr viel zurück, von dem ich gar nicht wusste, dass es mich glücklich machen würde. Ich glaube, es ist überhaupt der fatalste Irrtum von allen, dass Menschen glauben zu wissen, was sie glücklich macht. Für ich zumindest ist das Quatsch. Glück stellt sich unverhofft ein. Und vor allem ohne Berechnung.

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Christine FinkeHEBA-GermanySamKatharinapiggeldie Letzte Kommentartoren
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Heike
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Heike

Ja. Sehr schöner Text & sehr schöne Gedanken :-)

Timm v. Borstel
Gast
Timm v. Borstel

Die Sache mit dem Geben. Im Gegenzug für das, was man irgendwann bekommen hat. Ganz unerwartet, ganz unverdient. Von einem Menschen, irgendeinem Wildfremden. Was man dann – irgendwann, eines Tages – an irgend einer Stelle zurück gibt. Wildfremd wieder für den, der es dann nötig hat, es bekommt. Ich denke seit Jahren darüber nach, ob das der tiefere Grund ist, warum wir manchmal an einen Ort oder in eine Aufgabe gestellt werden. Um durch manche Dunkelheit gehen zu müssen. Um erst zu lernen. Und dann zu helfen. Dann währe das sozusagen der „Sinn des Lebens“, nach dem ja alle so… Weiterlesen »

Ehrlichgesagt
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Ehrlichgesagt

Vielen Dank für diesen wunderschönen, stimmungsvollen und lebensklugen Text!

Frl. Null.Zwo
Gast
Frl. Null.Zwo

Schon oft in meinem Kopf herumgespukt, aber so toll in Worte gefasst!
Schön!

Eva
Gast
Eva

Wow, so ein schoener Text am Sonntagabend. Danke :)

piggeldie
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piggeldie

Wunderbarer Text! Danke!

Katharina
Gast
Katharina

Ich bin via Frau Brüllen hier gelandet und bin berührt von deinem Post. Ich wohne seit ’93 in Freiburg und mittlerweile in Littenweiler. Die Automaten-Emma gibt es schon lange nicht mehr…

Sam
Gast
Sam

Wunderschön und gefühlvoll geschrieben♡ Manchmal sind die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. ♡ Vielleicht kann man Hans ja doch noch was Gutes tun?

HEBA-Germany
Gast
HEBA-Germany

Ein wunderschöner Text, der mich beim Lesen sehr berührt hat.
Sehr passend dafür, wie sich das Leben entwickelt.

Beste Grüße,
das HEBA-Germany Team