Lieblingsgedichte zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren, sagte meine Mutter früher immer, dürfe man nicht waschen. Vielleicht kennt Ihr den Ausdruck auch gar nicht – er bezeichnet die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich werde zwischen den Jahren gerne besinnlich, auf unsentimentale Art. Und deswegen gibt’s jetzt etwas, das zum Profil dieses Blogs auf den ersten Blick gar nicht passt. Zu mir aber. Da müsst Ihr jetzt durch.

Ich zeige euch einige meiner Lieblingsgedichte. Sie sind zu schön, um einfach im Keller in meinen alten Tagebüchern zu vergilben – ich habe sie dort vor Jahren, nein Jahrzehnten, eingeklebt und aus diversen Feuilletons ausgeschnitten.

Wie jedes Jahr, wenn das alte Jahr ausklingt und vergilben wird, sind diese Dichterworte für mich Konstanten, die mich begleiten. Fast wie ein Hintergrundrauschen.

rhein-abendhimmel
Rhein bei Konstanz am Bodensee

Dies ist einer der wenigen Blogposts, bei denen ich lange gezaudert habe. Mal sehen, ob’s jemand mag.

Felix Dörmann (1870-1928)

Was ich liebe

Ich liebe die hektischen, schlanken
Narzissen mit blutrotem Mund;
Ich liebe die Qualengedanken,
Die Herzen zerstochen und wund;

Ich liebe die Fahlen und Bleichen,
Die Frauen mit müdem Gesicht,
Aus welchen in flammenden Zeichen,
Verzehrende Sinnenglut spricht;

Ich liebe die schillernden Schlangen,
So schmiegsam und biegsam und kühl:
Ich liebe die klagenden, bangen,
Die Lieder von Todesgefühl:

Ich liebe die herzlosen, grünen
Smaragde vor jedem Gestein;
Ich liebe die gelblichen Dünen
Im bläulichen Mondenschein;

Ich liebe die glutendurchtränkten,
Die Düfte, berauschend und schwer;
Die Wolken, die blitzedurchsengten,
Das graue wutschäumende Meer;

Ich liebe, was niemand erlesen,
Was keinem zu lieben gelang;
Mein eigenes, urinnerstes Wesen
Und alles, was seltsam und krank.

Aus dem Gedichtband Neurotica/Sensationen Erstdruck: Wien 1891/92.

Felix Dörmann auf Wikipedia
Mehr von Dörmann: http://www.deutsche-liebeslyrik.de/dormann.htm

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Aus stillen Fenstern

Wie oft wirst du gesehn
aus stillen Fenstern,
von denen du nichts weißt…
Durch wie viel Menschengeist
magst du gespenstern,
nur so im Gehen…

Christian Morgenstern auf Wikipedia
Quelle: Digitales Christian Morgenstern Archiv
Weitere Liebesgedichte von Morgenstern

 

August Stramm (1874-1915)

Wankelmut

Mein Suchen sucht!
Viel tausend wandeln Ich!
Ich taste Ich
Und fasse Du
Und halte Dich!
Versehne Ich!
Und Du und Du und Du
Viel tausend Du
Und immer Du
Allwege Du
Wirr
Wirren
Wirrer
Immer wirrer
Durch
Die Wirrnis
Du
Dich
Ich!

Quelle: Liebesgedichte. Erstdruck Berlin1915. Verlag Der Sturm.

August Stramm bei Wikipedia
Weitere Liebesgedichte von August Stramm bei zeno.org
Kostenloses E-Book mit 71 Gedichten in der Kindle Edition

 

Ricarda Huch (1864-1947)

Nicht alle Schmerzen

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

Mit freundlicher Genehmigung aus „Gesammelte Werke. Band 5“ von Ricarda Huch. Hrsg. von Wilhelm Emrich 1971, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln.

 

Ulla Hahn (geb. 1946)

Mit Haut und Haar

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre
und tauchte dich in meinen Sommer ein.
Ich leckte dir die Hand und Haut und Haare
und schwor dir ewig mein und dein zu sein.

Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen
mit sanftem Feuer in das dünne Fell.
Da ließ ich von mir ab. Und schnell
begann ich vor mir selbst zurückzuweichen

und meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnern
ein schöner Überrest der nach mir rief.
Da aber war ich schon in deinem Innern
vor mir verborgen. Du verbargst mich tief.

Bis ich ganz in dir aufgegangen war:
da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.

[Großzitat aus: Ulla Hahn, Gesammelte Gedichte, S. 21. Random House November 2013, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 880 Seiten, Format 13,5 x 21,5 cm. ISBN: 978-3-421-04220-0. € 26,99]

Mehr Gedichte von Ulla Hahn in der Leseprobe von Gesammelte Gedichte als pdf

bahnhof-himmelreich
Bahnhof Himmelreich, Höllentalbahn im Schwarzwald

Zum Abschluss zwei Zitate aus Ulla Hahns Vorwort zu ihren gesammelten Gedichten:

„Jedes Gedicht, das ich schreibe, vermindert die Angst und schafft Platz für Mut und Lebensfreude. Solange ich Wörter finde für mein Glück oder Unglück, solange ich aus meinen Erfahrungen Erfindungen machen, Erfahrungen und Erfindungen so verweben kann, dass neue Wirklichkeiten entstehen, geformte Sprache, Gedichte, kann ich nicht aussichtslos unglücklich sein.“ (S. 9)

„Einmal gedruckt, gehören Gedichte nicht mehr dem, der sie schrieb. Sie gehören denen, die sie lesen, die sie brauchen.“ (S. 12)

Das beschreibt recht gut, warum ich diesen Blog begann und mit Ausdauer und nicht nur gleichbleibender, sondern wachsender Freude betreibe. Für mich und für euch. Aber machen wir uns nichts vor – ohne euch wäre das hier nix.

Kommt gut über die restlichen Feiertage und ins neue Jahr!

8
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
7 Kommentar Themen
1 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
7 Kommentatoren
Warum ich keine Werbung im Blog habe? Darum!ehrlichgesagtMama notesMama arbeitetAnna Luz Letzte Kommentartoren
neueste älteste meiste Bewertungen
momatka
Gast
momatka

Liebe Christine, zwischen den Jahren geht es mir auch so. Ich bekomme Lust auf Lyrik und habe dann meist keine zur Hand. Den Rest des Jahres habe ich für Lyrik eigentlich keine Geduld. Ich lese zu fahrig für den Rhythmus von Gedichten. Aber wenn die Tage so kurz sind wie jetzt und die Abende lang, dann… (schnappe ich mir den frisch bestellten Ewigen Brunnen und suche Goethe und Rilke.)
Also, vielen Dank, fürs teilhaben lassen & alles Gute fürs neue Jahr. Liebe Grüße, momatka.

Ewel
Gast
Ewel

Ricarda Huchs Gedicht adoptiere ich sofort: danke dafür! Von ihr kannte ich nur den Briefroman Der letzte Sommer, der sehr lesenswert ist. Gedichte, die man selbst wählt, spiegeln halt die eigene Gemütsverfassung, deshalb verstehe ich dein Zaudern, bin dir aber dankbar, dass du’s trotzdem getan hast. Dir und deiner Familie wünsche ich ein ausgezeichnetes Neues Jahr, Ewel

Michaela. Wi
Gast
Michaela. Wi

beim Lesen der Gedichte ist in meinem Kopf und Herzen etwas passiert, was schwer zu beschreiben ist…. Es ist wie ein schmerzhaftes sich selbst erkennen, und es ist so erstaunlich, dass Andere in wundervollen Worten den eigenen Seelenzustand beschreiben. Und tröstlich, dass es diese Worte gibt, wo sie mir selbst fehlen…
Danke dafür.

Anna Luz
Gast
Anna Luz

Iiich! Iiich mag das! Aber das hast du gewusst, stimmt’s? Danke für diesen Post. <3

Mama notes
Gast
Mama notes

Sehe ich jetzt erst!!! Wunderschön. Ich hatte eigentlich sogar dasselbe vor, fand dann aber im Gewühl der Jahreswende keine Zeit zum Bloggen. Lieben Dank dafür :)

ehrlichgesagt
Gast
ehrlichgesagt

Und wie ich das mag! Das ist so wunderschön, vielen Dank, was für ein Geschenk – auch noch zum Jahreswechsel 2014/ 2015!
Man nennt diese Zeit auch die Rauhnächte und Poesie und Magie liegen so nah beieinander …

Guten Rutsch, liebe Christine!

trackback
Warum ich keine Werbung im Blog habe? Darum!

[…] aus. Ich kann machen, was ich will, solange es nicht gegen die Rechte anderer verstößt. Wenn ich Gedichte veröffentlichen möchte, die mir gefallen, dann tue ich das. Ich kann Datenbankfotos komische Untertitel geben, […]