Selbstbild und Fremdwahrnehmung – Stoff für Diskrepanzen

Ich bin zufrieden mit meinem Aussehen, mit mir im Reinen, wie es eben die Frischebrise auf ihrem Blog beschrieben hat – Narben inklusive (Notkaiserschnitt, verletzter Nerv am Fuß), Lachfalten, Besenreiser an den Beinen (schon seitdem ich 20 bin), einem trotz schmaler Statur nie sportlich flach gewesenem Bauch und meinen dicken, geraden Haaren.

Das war nicht immer so – sonderbarerweise war ich wohl am kritischsten mir selbst und meinem Aussehen gegenüber, als ich eigentlich am schönsten war, so im Alter von 20-25. Ich fand mich dick, ungelenk, hatte Angst, fremde Menschen einfach anzulächeln, war unsicher und sehr verletzlich.

„Zum Glück bleibt man nicht 20“, sagte gestern eine Frau in der Umkleide des Schwimmbads zu mir, und es ist wirklich so: jedes Jahr, das ich älter werde, werde ich sicherer und zufriedener.

Aktuell kursiert ein Videoclip der Firma Dove im Netz, den Nido twitterte, und der auch Frischebrise inspirierte, sich des Themas Selbstwahrnehmung anzunehmen. Ich habe ihn heute früh gesehen und eine Gänsehaut bekommen. Dieses Experiment hätte ich liebend gerne mitgemacht. Wie würde mein Bild meiner selbst wohl aussehen, wenn der Zeichner es nur nach meinen Angaben gestaltet? Und wie, wenn mich jemand beschreibt, der mich wohlwollend-neutral sieht?

Das andere Extrem: zu positive Selbstwahrnehmung

Und gleichzeitig frage ich mich, wie es sich bei Menschen verhält, deren Psyche sich jenseits des Normalen bewegt, zum Beispiel bei einem Menschen mit narzisstischer Störung. Würde ein Narzisst sich als umwerfend gutaussehend beschreiben, während seine Umgebung ihn als mittelmäßig wahrnimmt? Könnte er überhaupt anerkennen, dass das nach seinen Aussagen gezeichnete Bildnis nicht der Realität entspricht, wenn er beide Bilder nebeneinander sieht, dasjenige, das durch die Beschreibung eines Fremden entstanden ist, und das durch seine eigene Wahrnehmung gemalte?

Vielleicht scheinbar zusammenhanglos, aber für mich direkt neben diesen Gedanken steht die Erinnerung an einen Mann, mit dem ich einst lebte, an dem ich sexuell das Interesse verloren hatte. Er führte das daraufhin zurück, dass ich Schwierigkeiten haben müsse, meinen Körper zu akzeptieren. Das machte mich ganz sprachlos, später wütend. Denn seine Worte waren: „Naja, wenn der Po etwas hängt und der ganze Körper nicht mehr so straff ist, dann ist es ja kein Wunder, dass es dir schwerfällt, dich fallenzulassen.“ Sexismus pur, und ein weiterer Grund, das Begehren ganz einzustellen.

Symptomatisch aber für diesen Mann, der nicht im entferntesten daran denken konnte, dass meine Libido etwas mit ihm, konkret seinem Verhalten mir gegenüber, zu tun haben könnte. Und bei genau diesem Mann verwette ich meinen hübschen Arsch drauf, dass er sich viel positiver sieht als der Rest der Welt ihn wahrnimmt. Schon komisch, wie ungleich das Selbstbewusstsein manchmal verteilt ist.

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Frische Brise
Gast
Frische Brise

Danke!

Oh, stimmt, anders herum geht es auch.

Ich will auch nicht nochmal 20 sein ;-)

Carsten
Gast
Carsten

> Schon komisch, wie ungleich das Selbstbewusstsein manchmal verteilt ist.

Das ist nicht komisch, sondern wird bereits in der Erziehung angelegt. Ich bin da kein Experte aber Kinder, denen Eltern vermitteln, das gutes Aussehen wichtig ist (und das findet bei Mädchen auch heute viel stärker statt als bei Jungen – ich beobachte das regelmäßig im Schulumfeld und im Bekanntenkreis), sehen ihr Aussehen später tendenziell viel kritischer.

Frauenzeitschriften unterstützen das dann.

desperateworkingmum
Gast
desperateworkingmum

Meiner (beschränkten) Erfahrung nach verfügen die wenigsten Männer über genug Selbstreflexion, um erlahmendes sexuelles Interesse der Partnerin auf eigene Unzulänglichkeiten zurückzuführen :-)
LG DWM

Xeniana
Gast
Xeniana

Unglaublich ! Ich meine den Spruch mit dem fallenlassen…Das macht mich richtig wütend. Sei froh das du ihn los bist. Wenn ich schon mal beim schreiben bin….dein Artikel über die Jobsuche hat mich sehr berührt .Es ist ehlich und unmittelbar geschrieben,das ich mich dem kaum entziehen konnte.

Uwe
Gast
Uwe

Was sind denn „Besenreiser“? Klingt irgendwie schwäbisch, und obwohl ich aus der Stuttgarter Gegend komme noch nie gehört.

Gleich mal Googeln…

Clarissa
Gast
Clarissa

In diesem Zusammenhang kann ich mir diesen Link hier nicht verkneifen:

Dove Real Beauty Sketches – Men

:)

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