Wir Kinder der Kriegskinder von Anne Ev Ustorf – eine Rezeption

Heimat oder Heimatlosigkeit ist ein Thema für mich – seit Jahren. Gerade lese ich das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne Ev Ustorf, das Maximilian Buddenbohm auf Facebook mit den Worten „Das erklärt dann doch so einiges“ empfahl.

Und dieses Mischmasch aus Nachdenklichkeit gepaart mit diversen echten Umzügen mit Umzugskisten und Fasnachtsumzügen bzw. dem Vermissen selbiger in Berlin, Lübeck oder Hamburg bringt mich dazu, diese Gedanken öffentlich zu teilen.

Der Bogen vom Buch zu meinen Eltern

Anne Ev Ustorf schreibt, die Generation meiner Eltern sei heimatlos und traumatisiert, und ich glaube, das stimmt. Meine Eltern haben ganz sicher schweres Gepäck für ihr Leben mitbekommen durch die Erlebnisse aus dem Krieg. Meine Mutter ist 1938 geboren, mein Vater 1940. Er lebte in Kiel-Wik in einem relativ privilegierten Haushalt, der Vater war Lotsenältermann (=Chef der Kieler Ostseekanal-Lotsen), sie wuchs auf der anderen Seite der Hochbrücke in bescheidenen Verhältnissen auf, in denen man aber seinen Stolz hatte. Nie durfte meine Mutter Besuch nach Hause bringen, weil meine Großeltern sich für ihre 2-Zimmer Wohnung schämten, in der sie zu fünft lebten.

Anne Ev Ustorf im Herder Verlag: Wir Kinder der Kriegskinder
Anne Ev Ustorf im Herder Verlag: Wir Kinder der Kriegskinder

Die Mutter meines Vaters kam aus Lübeck, die Mutter meiner Mutter aus Eckerförde, und dann waren da noch Bauern aus der Haselau westlich von Hamburg seitens der Mutter väterlicherseits und viele wohlhabende Bauern aus Fehmarn vom Vater väterlicherseits. Wirklich sesshaft war man trotz der Bauern eher nicht in der Familie – viele waren Seeleute.

Bombenalarme, Nächte im Bunker und eine mit der jüngsten Schwester hochschwangere Mutter haben meine Mutter geprägt, ebenso wie die „Landverschickung“, die sie nach dem Krieg geduldig über sich ergehen ließ, weil das Mädchen zu dünn war. Mein Vater ist nicht nur jünger, sondern auch weniger „kriegsgeschädigt“, wenn ich Anne Ev Ustorfs Schilderungen folge.

Reste des Kriegs in den Eltern – noch heute

Es ist heute noch so, dass meine Mutter bei Sirenengeräuschen wie z.B. dem Geräusch eines Martinshorns nahezu hysterisch wird. Da ist kein Herankommen mehr, sie ist davon überzeugt, dass gerade ein nahestehender Mensch stirbt. Dummerweise bin ich, seitdem ich Kinder habe, auch für solche Gedanken empfänglich – obwohl ich Mitte der 60er Jahre geboren bin. Das ist ein typisches Beispiel der Übertragung von Ängsten von Generation zu Generation.

Mein Vater ist hingegen eher das Beispiel der rationalisierenden Menschen, den auch Anne Ev Ustorf in ihrem Buch anführt: durchaus liebevoll und anteilnehmend, aber auf jede Art von Problem mit sachlichen Analysen aufwartend. Ustorf sieht den Ursprung dieses Verhaltens noch in der Erziehung der Hitler-Propaganda, nämlich nach den Motto „Gut ist, was stark macht“.

Meine Eltern sind noch auf andere Art heimatlos als andere Kriegskinder: Sie zogen 1968, als ich 18 Monate alt war, von Hamburg nach Freiburg. Damals gab es keine ICEs, und die Autofahrt vom Breisgau nach Kiel, wo die beiden ursprünglich herstammten, war lang. Es war ein Schock, besonders für meine Mutter mit Baby, in einer Stadt zu wohnen, in der die Leute ihren Kieler Akzent belächelten und in der sie das Badische nicht verstand.

Ich als die Dritte Generation – Auswirkungen

Für mich als Baby und Kind bedeutete das, ich hatte doppelt verunsicherte Eltern (die Anne Ev Ustorf zusammen mit einem enormen Sicherheitsdenken als typisch für die Generation der Kriegskinder nennt) – sie waren Fremde. Nicht Fremd wie die Vertriebenen des Krieges, sondern fremd als Zugereiste. Diese Heimatlosigkeit trage ich tief im Herzen – anders als mein Bruder, der im neuen Heimatort meiner Eltern heiratete, Kinder in die Welt setzte, ein Haus baute, dem Fussballverein beitrat, und badisch spricht

Beides, mein Verhalten und auch das meines Bruders, sind typische Verhaltensweisen der 3. Generation, schreibt Ustorf, die übrigens Psychologin und Betroffene ist. Die einen reagieren mit Wurzellosigkeit und Rebellion, die anderen mit betonter Bodenständigkeit.

Mein Bruder ist ein Mathe-Genie, ich die sprachlich Hochbegabte. Meine Großmutter sprach Plattdeutsch, das ich verstehe und imitieren kann, und ich wuchs inmitten von ländlichem Badisch auf. Das führte, offenbar in Kombination mit Genetik, dazu, dass ich europäische Sprachen aufsauge wie ein Schwamm (ich habe mehr als 10 Sprachen gelernt) und das Altenglische zu lieben begann, als ich es im Rahmen des Anglistikstudiums traf. Denn es klang wie eine Mischung aus Platt und Englisch, und ich habe darin promoviert. Das alles wäre wahrscheinlich nicht passiert, wären meine Eltern in Kiel geblieben.

Oft sprachen sie davon, dass sie wieder nach Kiel zurückkehren würden, und so lebte ich als junger Mensch geistig ständig auf gepackten Koffern. Ich gehörte nicht dazu, ich war das Kind, dessen Eltern „feudeln“ anstatt „feucht aufwischen“ sagten, und wir würden eh bald wieder gehen. Es kam dann anders: Nach 25 Jahren in Freiburg stellten meine Eltern fest, dass sie sich doch im Breisgau heimischer fühlten als im ehemaligen Zuhause. Für meinen „Mindset“ zu spät – aber so ist das nun.

Versöhnung mit dem Gestern und Heute

Was ich an meinen Eltern sehr schätze, ist, dass sie im Gegensatz zu vielen im Buch von Ustorf vorgestellten „Fällen“ stets in der Lage und willens waren, sich selbst zu reflektieren. Heute besuchen sie ein Erwachsenenstudium der Uni Freiburg, um sich über die Nazizeit zu informieren, die während ihrer Schulzeit nicht behandelt wurde, und das bewegt etwas in ihnen. Vielleicht schenke ich ihnen das Buch. Aber eigentlich ist es ja für Leute wie mich, die zwischen 1955 und 1975 geboren wurden. Ich kann es sehr empfehlen.

Linktipps:

Heimat = Dichte + Wichte

Text im Blog von Frau Quadratmeter über die Kriegskinder und ihre Enkel

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Lapideus
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Lapideus

Hallo Christine!

Ein sehr berührender und auch interessanter Artikel. Danke!

Liebe Grüße,
Lapideus

Suse
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Suse

Hallo Christine! 1Ich bin zwar erst Ende der siebziger Jahre geboren, aber mit Eltern die `41 und `44 geboren sind, habe ich gerade geglaubt Du würdest mein Leben beschreiben. Meine Mutter mit 4 Monaten aus Ostpreußen über Umwege ins Emsland geflüchtet, mein Vater hat das Kriegsende in Dresden erlebt und ist in den fünfziger Jahren in den Westen gekommen. Gemeinsam sind sie dann Mitte der Siebziger in den Norden Bayerns gezogen (sie verstehen die Eingeborenen“ teilweise heute noch nicht ganz) und nie ganz in der Kultur dort angekommen. Mich hat es so bald als möglich ins Ausland gezogen um fremde… Weiterlesen »

cloudette
Gast
cloudette

Interessantes Thema: Wie sehr beeinflussen uns die Erlebnisse, Ängste, Sorgen unserer Eltern, wie sehr wirken Erfahrungen noch Generationen weiter – und wie oft ist uns das überhaupt bewusst. Ich finde das – auch unabhängig von dem Buch (das ich aber vielleicht auch mal lese, schließlich falle ich noch in die Generation) – sehr spannend, auch vor dem Hintergrund, was ich wiederum an meine Kinder weitergebe und mit welchen Päckchen die zu leben haben. Toll, dass deine Eltern noch einmal studieren!

Jupa
Gast
Jupa

Hallo Christine, interessantes Thema, ich habe erst angefangen, mir Gedanken darüber zu machen als meine eigenen Kinder ins Teenageralter kamen und über das Thema „Heimat“ nachdachten. Es ist spannend zu sehen, wie viele von uns doch von ähnlichen Geschichten der Elterngeneration der späten dreißiger und frühen vierziger Jahre geprägt sind. Der krampfhafte Wunsch meiner Mutter, die Familie trotz Umzug der Kinder in weit entfernte Gebiete (mein Bruder ist bis nach Australien gezogen…) zusammenzuhalten, wird vor dem Hintergrund, dass meine Mutter, mein Großvater und meine Großmutter mehrere Jahre als Vetriebene räumlich getrennt bei unterschiedlichen Verwandten unterkommen mussten, viel besser verständlich. Mein… Weiterlesen »

Alexandra Klöckner
Gast
Alexandra Klöckner

Ein interessanter Blogpost und zugleich schöner Hinweis auf das Buch von Frau Ustorf.
Dieses Thema spricht mich an, weil auch für mich Heimat – oder besser: Herkunft – ein schwieriger Begriff ist. Ich bin ein „(In-)Betweener“ im Sinne von jemand, der zwischen zwei Ländern, (mindestens) zwei Sprachen, mehreren gesellschaftlichen Milieus, etc. lebt. Das bereichert das Leben, ist aber manchmal auch anstrengend, weil man einen anderen Blick auf die Dinge hat, als viele Menschen um einen herum.

Liebe Grüße,

Alexandra

Ti Na W
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Ti Na W

Sag´mal, wie machst du das nur?! Du bloggst, du twitterst, du facebookst, du xingst, du hast nebenbei 3 Kinder, was man so liest, gehst du früh schlafen und ich nehme an, du hast keine Putzfrau, aber es schaut bei dir dennoch einigermaßen gut aus.

Und dann liest du auch noch…..

Uta
Gast
Uta

Eigentlich suche ich zum Thema: „Alleinerziehende Mütter“ Material für ein Kunstprojekt. Nun stoße ich auf diese Seite.
Durch diese bewegenden Kommentare. Ich, Jahrgang 1937, und ein Flüchtlingskind, großgeworden mit einer alleine erziehenden Mutter. Glaube nun, dass meine Geschichte ausreichend ist, für mein Projekt.
Ich bin dankbar, doch auch emotional aufgewühlt, dass wir, und unsere Eltern immer noch ein Thema sind.
Die Verdrängung wird für mich im Moment zur Tragik.

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