Alleinerziehend mit drei Kindern – und zwei Eltern als Pflegefall

Als ich* das Blog „Mama arbeitet“ fand und erstaunliche Parallelen meines Lebens zu dem von Christine feststellte, wurde ich zu einer regelmäßigen und begeisterten Leserin. Endlich mal jemand, der offen sagt, was ich mir nicht traute.

Knackig ausgedrückt, bin ich eine ziemlich blöde Akademikerin, Mitte 30, geschieden, drei Kinder, dazu zwei Pflegefälle, selbständig, alleinverdienend und gefühlt immer wieder am Limit.

Ziemlich blöd, weil ich mich in diese verantwortungsvolle und anstrengende Position habe drängen lassen. Könnte ich nicht wesentlich entspannter leben, wenn bloß die olle Moral mich ließe?

Die Kinder wurden während meines Studiums ehelich geboren, ich war unendlich fleiβig und schloss das Studium sehr anständig ab. Papi hatte damals gerade andere Prioritäten als uns, seine Familie.

© koszivu - Fotolia.com
© koszivu – Fotolia.com

Nahtlos wechselte ich ins Berufsleben, als Selbstständige. Einstellen wollte mich niemand wegen der Kinder. Es war ein wenig anstrengend mit so kleinen Kindern und ohne väterliche Unterstützung ganztags zu arbeiten, aber es war meine Erfüllung und die lokale Kinderbetreuung war einfach spitze! Papi war mit seinen Prioritäten sehr ausgelastet und daher für uns nicht ansprechbar.

Meine Eltern wurden gebrechlicher, ich kehrte zurück an den Heimatort, beschleunigtes Verfahren, weil das erste Kind eingeschult wurde. Papi ist nicht mitgezogen, andere Prioritäten, ihr wisst ja.

Machte nichts, ich war selbständig, kreativ und ziemlich fleiβig und wuppte es auch trotz Halbtagsbetreuung, eine vierköpfige Familie zu ernähren. Papis anderweitige Prioritäten (keine andere Frau!) führten zur Scheidung. Nach wie vor gehört es nicht zu seinen Prioritäten, sich um Unterhalt oder Umgang zu kümmern: Seit der Trennung vor Jahren steckt er in einer langwierigen Fortbildung und kann den Studentenstatus bislang unanfechtbar halten: er ist nicht leistungsfähig! Ich habe alles versucht.

Aus den Eltern respektive Großeltern wurden Pflegefälle, einer davon schwer. Im Handumdrehen konnten die Kinder nicht mehr dort mal einen Nachmittag im Garten verbringen, sondern musste das Haus behindertengerecht umgebaut, die komplette Versorgung sichergestellt und all das Pipapo, welches mit höheren Pflegestufen einhergeht, bewältigt werden. Ehrlich, das war die einzige Zeit in meinem Leben, in der die Kinder unter meinen umfangreichen Aufgaben etwas gelitten haben!

Natürlich unterliegt auch meine Arbeit einer Fluktuation der Kunden. Etwas haarig ist, dass ich schon ewig keine Zeit für Akquise hatte. Das führt natürlich zu einer gewissen Geldknappheit, denn Kinder haben oder Senioren pflegen macht bekanntlich Arbeit, wird als solche aber nicht bezahlt. Den monetären Bedarf von uns Vieren erarbeite ich also nach wie vor allein. (Kindergeld ist fein, der auslaufende Unterhaltsvorschuss war ebenfalls sehr fein, das bisschen Pflegegeld geht für das Drumherum drauf, ist aber natürlich grundsätzlich auch sehr fein.)

Meine Kinder meistern alles schulische fast ganz alleine, trotzdem erwarten die Lehrer täglich den Hilfslehrer „Mutti“ daheim. Das braucht auch bei uns Zeit, drei mal Zeit eben.

Meine Pflegebedürftigen haben auch so ihre Anliegen, die sind mal durch flinke Telefonate behoben, mal aber auch nur durchs Ausjammern bei der Pflegeperson, also mir, und meistens bedarf es aufwendiger Arztbesuche und Therapien, die Zeit brauchen. Meine Zeit, denn es ist unabdingbar, dass ich vieles persönlich begleite.

© Wilm Ihlenfeld - Fotolia.com
© Wilm Ihlenfeld – Fotolia.com

Momentan veratme ich intensiv die Gedanken an den Krankenkassenbeitrag, der ist kaum noch abzuzwacken. Mich arbeitslos melden, um krankenversichert zu bleiben, wäre ein Hohn! Wagt nicht, mir solch einen Vorschlag zu unterbreiten!

Ich habe Stellenanzeigen gewälzt, sehne den Beratungstermin (nur Vermittlung, kein Leistungsbezug!) beim Arbeitsamt herbei, träume von einer versicherungspflichtigen Stelle, um die Krankenkasse zahlen zu können. Und bin Realistin genug zu wissen, dass niemand eine Alleinerziehende einstellt, die auch noch Pflegebedürftige versorgt und die deshalb unplanbar im Schnitt ein, zwei halbe Tage die Woche nicht Inhouse arbeiten kann.

Ich weiß, dass nur Akquise in meinem Job und strammes Voranschreiten uns weiterbringt. Mir hilft die Zuversicht, dass ich es bisher immer geschafft habe, die Klippen zu umschiffen, egal wie schroff sie waren.

Macht euch aber keine Sorgen um meine Grenzen, die habe ich schon kennengelernt. ;-)
Ja, sogar Papi wollten wir irgendwann mal wegen Unterstützung fragen, aber der hatte just in dem Moment andere Prioritäten …

Entschuldigt bitte das Lamento, die Larmoyanz, ich wollte die absurde Situation aber nun endlich publik machen.

Ich weiß, dass es noch mehr Mütter wie mich gibt, die sich aufreiben für ihre Lieben, die dafür seltenst Dank hören, die Ex-Männer mit eigenartigen Prioritäten ihr Trennungs-Ungut nennen, die beide Seiten der Cent-Münze genau kennen. Euch grüße ich herzlichst und sage hiermit einfach: Ihr seid nicht allein! Fühlt euch fest gedrückt, wenn ihr mögt!

Liebe Grüße von einer alleinerziehenden Mama, die arbeitet und pflegt! :-)

Über die Autorin: Alexandra lebt mit ihren drei Kindern mitten zwischen Weißwurstäquator und Nordsee. Mit ihrem Beruf als Texterin und Journalistin würde sie gerne häufiger Menschen mit ihren Worten begeistern und ihnen Glanz in die Augen zaubern.

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22 Kommentare auf "Alleinerziehend mit drei Kindern – und zwei Eltern als Pflegefall"

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Roland
Gast
Ich kann mir ihre Situation lebhaft vorstellen, da ich auch als Einmann Selbständiger arbeite und eine Familie ernähren muss. Auch meine Eltern sind inzwischen gebrechlich. Auch ich hätte gerne als Journalist geschrieben, musste aber erkennen, dass dies ein hart verdientes Brot ist, bei dem man noch zum Lügen gezwungen wird. Jetzt habe ich einen Job, bei dem ich die Wahrheit schreiben muss und das ist gut so. Der Verdienst ist auch wesentlich besser. Ich habe mich nebenberuflich zum technischen Redakteur umgeschult. Eine wesentlich handfestere Arbeit. Gerade als Übersetzerin könnten Sie in diesem Bereich Erfolg haben. Ich wünsche Ihnen alles Gute… Read more »
Alexandra
Gast

Danke, das ist noch ein weiterer Aspekt: Man arbeitet grundsätzlich aus Überzeugung, aber die (finanzielle) Not zwingt einen allzu oft, letztlich das Gegenteil zu veröffentlichen. Au!
Eine Weiterbildung steht im frühen Frühjahr an, ich hoffe, dass dadurch Änderungen/Verbesserungen möglich werden.
Adventsgrüße von Alexandra

Heike
Gast

Puhhhhh…

Birgit Geistbeck
Gast

Danke für diesen Artikel. Ich schwanke zwischen Bewunderung, wie Sie das alles meistern und Entsetzen, dass so etwas in unserem so zivilisierten und reichen Land möglich ist.

Ich finde toll, wie Sie das alles meistern, Alexandra, und wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft und Zuversicht.

janina
Gast

Ja da kann man nur sagen; Respekt für diese Leistung! Ich drücke Ihnen die Daumen, daß Sie noch einen Weg finden in dieser Lage… und Tipps geben, wer soll das schon können? Wenn man sich nicht selbst schonmal in einer ähnlichen Situation befunden hat, ist es wirklich vermessen, noch Ratschläge zu geben. Ich bewundere Sie auf jeden Fall dafür, so stark zu sein und alle Widrigkeiten zu meistern! Zum Umfallen haben Sie vermutlich auch keine Zeit ;)

Liebe Grüße

Alexandra
Gast

Gestern ausgerechnet kam eines zum anderen und das öffentliche Aussprechen der Problematik verschärft das eigene Bewusstsein für die Absurdität der Situation.
Den Tagesausklang tausche ich um! ;-)
Adventsgrüße von Alexandra

Mama notes
Gast
LIebe Alexandra, uff! Das schafft mich allein schon beim Lesen. Ich habe große Bewunderung für das, was Du alles schaffst. Du bist außergewöhnlich stark, das weißt Du sicherlich! Unverständlich, warum es in einem Land wie Deutschland nicht mehr Unterstützung für Frauen wie Dich gibt. Unverständlich erst recht, wie sich ein Vater anscheinend hinter seinem Studium verstecken kann, jahrelang, ohne nennenswerten Unterhalt zu zahlen. Und unbekannterweise mache ich mir so meine Gedanken, wie lange Du das noch durchhalten willst? Hast Du schonmal darüber nachgedacht, was und wie Du weniger tun könntest, um Dich selber zu entlasten? Die Frage ist vielleicht zu… Read more »
Alexandra
Gast

Permanent suche ich nach Optimierung, keine Frage. Es ist zu viel für mich, und wenn ich es geschrieben sehe, wird es noch deutlicher! Unter etlichen Verbesserungsversuchen an allen Parametern steckten aber auch so einige Nieten.
Anekdote: Traf neulich im Wartezimmer eines Zahnarztes, bei dem ich mit den Kindern war, eine ältere Dame, die von der Tochter begleitet wurde. In der Wartezeit gingen beide ihren Kalender durch. Die Tochter, selbst um den Renteneintritt herum, hatte eine straffe Woche mit der Seniorin zu absolvieren (Zahnarzt, Fußpflege, Hausarzt, Internist, Friseur etc.), Helicopter Parenting andersrum! ;-)
Adventsgrüße von Alexandra

Julia Graf
Gast

“Deine göttliche Macht steht in einem angemessenen Verhältnis zur Größe Deiner Probleme”
Dieser Satz fällt mir ein, wenn ich das lese. Alexandra glaubt unerschütterlich daran, dass Sie es schaffen kann und darum schafft Sie es auch.
Was für ein armseliges Dasein führt dagegen der Vater. Man muss direkt Mitleid haben mit ihm.
Das war der esoterische Teil.
Die Juristin in mir sagt:
“Bist Du sicher, dass man den A…nicht drankriegen kann?”

Michaela Albrecht
Gast

Mein lieber Scholli, liebe Alexandra, da hast du dir aber echt ein hartes Leben rausgesucht! #ächz
Hut ab vor so viel Tapferkeit!

Herzliche Grüße
Michaela

Susann
Gast
Meinen großen großen Respekt vor dieser Leistung! Ich habe schon Probleme, den Alltag mit einem Kind und sehr zuverlässigem Partner zu meistern… Und auch wenn dir diese Frage nicht (mehr) hilft, möchte ich sie trotzdem loswerden: Wie kam es dazu? Sowohl du als auch Christine, ihr seid beide intelligente, unabhängige Frauen. Wie kam es dann, dass ihr euch solche Flachpfeifen als Männer geangelt habt? Und dann noch drei Kinder mit ihnen habt? Dass es zum ersten Kind kam, kann ich ja noch nachvollziehen, aber spätestens dann habt ihr doch sicher gemerkt, dass die Unterstützung von männlicher Seite mangelhaft ist. Warum… Read more »
Alexandra
Gast
Liebe Susann, für meinen Fall gilt, dass ich überzeugt war, auch Tiefen durchzustehen. Nach einer durchschnupften Nacht gebe ich nicht klein bei, und mal drei Jahre, die schlecht laufen kann es in einer Familie durchaus geben. So ein “Vorführ-Hecht” (Anlehnung an Christine) sagt ja nicht gerade heraus, dass er sich tatsächlich unkooperativ verhält, wie wir es aus heutiger Sicht beurteilen. Er hat (in meinem Fall) 1001 Ausreden, die etwa hälftig nachvollziehbar sind. Irgendwann allerdings beginnt frau sich zu fragen, wieviel mangelnder Wille wohl in allen Vorkommnissen steckt. Wir waren länger kinderlos verheiratet, da passte alles. Einigkeit in allen Plänen, auch… Read more »
Susann
Gast
Liebe Christine, ich verstehe diese Punkte. So rein rational. Aber wirklich nachvollziehen, auch emotional, kann ich es nicht. Mich umtreibt öfter die Frage, ob ich bei meiner Partnerwahl “sinnvoll” vorgegangen bin. (Das klingt so fürchterlich unromantisch…) Mein Vater war, hm, zwar körperlich anwesend, aber trotz 15 Jahren gemeinsamen Wohnens hatten wir praktisch keine Beziehung zueinander. War nicht so, dass ich ihn gar nicht leiden mochte, er war und ist mir schlicht und ergreifend egal. Das wollte ich für meine Kinder (bis jetzt ist es nur eins) nicht. Und ich wollte, dass zumindest die Basis stimmt. Aber es gibt leider keine… Read more »
Susann
Gast

Liebe Christine,

danke für deine Antworten. Dass du deine Kinder auf keinen Fall bereust, habe ich mir gedacht :) Das ist ein Paradox. Wenn sie noch nicht da sind, kann man sich ja gegen sie entscheiden, denn man kennt sie noch nicht und liebt sie noch nicht. Aber sobald sie da sind, würde man es nie niemals ungeschehen machen.

Ich wünsche euch auf jeden Fall viel Glück und eine schöne Weihnachtszeit!

Viele Grüße,
Susann

Clementine
Gast

Liebe Alexandra, Hut ab vor Ihrer Leistung!
Bezüglich der Krankenkasse: Wenn Sie als freie Journalistin/Texterin für unterschiedliche Auftraggeber arbeiten, was spricht dann gegen eine Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse? Aber wahrscheinlich sind Sie da längst drin oder etwas anderes spricht dagegen. Der Beitrag, den Sie dann trotzdem noch wuppen müssen, ist zugegebenermaßen auch nicht gerade gering.
Viele Grüße
Clementine

Alexandra
Gast
Liebe Clementine, ganz herzlichen Dank für Ihren Hinweis! In der KSK bin ich, ich muss nur ein Stichwort sagen: Mindesteinkommen. Peinlich, aber ich hatte damit zuletzt Schwierigkeiten! Mir bleibt wenig Zeit zu arbeiten, und manchmal fehlt mir auch die Kraft. Dann bin ich eben einfach tagelang schlaff im Bett, auf unsere ganz privaten Kosten. Dann generiere ich eben kein Einkommen, weil ich nicht mehr kann. Den letzten “Burnout” oder Überlastungsdepression habe ich überwunden, die nächste klopft aber laut an die Tür. Kur hatte ich, die nächste kommt in Rekordzeit. Ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass ich eine weitere je… Read more »
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